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Ausgabe:

1928 Nr. 7

Spalte:

149-151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kahle, Paul

Titel/Untertitel:

Masoreten des Westens. Bd. I 1928

Rezensent:

Eissfeldt, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 7.

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nächst einmal lobend anerkannt werden. Man könnte
ihnen höchstens vorhalten, daß sie des Guten zu viel getan
haben, in der sprachlichen und inhaltlichen Erklärung
. Wenn man sich den Kreis der Benutzer dieser
Ausgabe vorstellt, so darf doch gefragt werden, warum
der Kommentar mit einer Menge von lexikalischen Erörterungen
belastet worden ist. Wozu wird bei dem
Term. techn. sibbur ausdrücklich auf das arab. subbra
verwiesen; warum wird betont, daß hana'a aus dem
Aram. entlehnt ist mit dem besonderen lexikalischen
Vermerk: vgl. Aram. hani, hana; Syr. hena; Arab. nana
und hanaj? Wen von den Lesern, die nicht Semitisten
sind, — und das wird wohl für die Meisten zutreffen —
interessiert das? Und den Semitisten braucht man dergleichen
nicht zu sagen. Andrerseits ist auch die Sacherklärung
oft überfüllt. Muß denn ein Bild wie bor sid
wirklich erst noch erklärt werden? Muß zu dem Zahlenspruch
über die Lebensalter (5, 21) wirklich auf die
humoristischen Wandmalereien in der Wartburg und auf
Shakespeares „Was Ihr wollt" 2, 7 verwiesen werden?
Statt solcher und vieler anderer Bemerkungen würde der
Benutzer dieser Ausgabe von Abhoth eine ausführliche
religiöse und theologische Würdigung der Gnomologie
dankbar begrüßt haben, denn was § 5 der Einleitung
darüber sagt, genügt nicht in Hinsicht auf die Bedeutung
dieser Sammlung von Zeugnissen der jüdischen Frömmigkeit
, die in den Kreisen der führenden Theologen der
Synagoge im Neutestamentlichen Zeitalter lebendig war.
Es ist zu fürchten, daß der übermäßig hohe Preis von
18 Mk., der natürlich durch die angedeutete Überbe-
lastumg des Kommentars mit bedingt ist, dem Absatz
dieser Ausgabe im Wege stehen wird, zumal es mehrere
brauchbare Übersetzungen gibt, die viel billiger sind.
Jena. W. St Serie.

Kahle, Paul: Masoreten des Westens.LMitlBeitr. v. Israel Rabin
u. 30 Lichtdrucktaf. Stuttgart: W. Kohlhammer 1927. (XII, 89, 66',
27 S.) gr. 8°. = Texte u. Untersuchgn. zur vormasoretischen Grammatik
d. Hebräischen, l. = Beiträge zur Wissensch, v. A. T., N. F.
H. 8. Der ganzen Sammig. H. 33.)'i"< - o RM 16-.

Der Titel der Reihe, die das Buch eröffnet „Texte und
Untersuchungen zur vormasoretischen Grammatik" birgt
ein umfassendes Programm in sich, und das Buch nimmt
seine Verwirklichung kräftig in Angriff: Da die masore-
tische Punktation nur zum Teil auf guter Tradition über
die Aussprache des Hebräischen beruht, zum andern
Teil aber sich aus systematisierender Konstruktion ihrer
Urheber erklärt, gilt es, wenn man dem wirklich gesprochenen
Hebräisch näher kommen will, „vormasoretischen
" Quellen nachzuspüren, d. h. solchen Dokumenten
, die nicht von der masoretischen Überarbeitung
betroffen worden sind. Als solche bieten sich an: 1)
Transskriptionen des vokalisierten Hebräisch, wie sie uns
von 300 vor bis 400 nach Christus (LXX, Hexapla,
Hieronymus) vorliegen, und wie 9ie F. X. Wutz in
Heft 2 dieser „Texte und Untersuchungen" behandelt
hat. 2) Alte hebräische Handschriften mit primitiver
Punktation, die größtenteils der Altkairoer Geniza entstammen
. 3) Die Aussprache des Hebräischen bei den
Samaritanem, die an der Hand alter vokalisierter sama-
ritanischer Handschriften bis in die vormasoretische Zeit
zurückverfolgt werden kann. 4) Hebräische Handschriften
, die einen Einblick in das Werden der Masora gewähren
und zeigen, daß sie in allmählicher Entwicklung
gewachsen ist, also nicht die sich immer gleich
bleibende Überlieferung des wirklich gesprochenen Hebräisch
darstellt. Die fünf Teile des vorliegenden
Buches nehmen eine der eben gekennzeichneten Aufgaben
oder mehrere in Angriff. Dabei haben sie so gut
wie ausschließlich die Geschichte der Punktation im
Westen im Auge. Daher der Buchtitel „Masoreten des
Westens" in Nachbildung der „Masoreten des Ostens"
vom selben Verfasser (1913).

Der erste Aufsatz „Der masoretische Textus re-
ceptus des Alten Testaments und der Text der Ben

, Aser" weist Mose Ben Äser als Schreiber des heute
in der Karäer-Synagoge zu Kairo aufbewahrten Prophetenkodex
nach (895 n. Chr. vollendet) und dessen
: Sohn Ahron als Punktator und Masoreten des jetzt in
der Sephardim-Synagoge zu Aleppo befindlichen be-
| rühmten Kodex des A. T.s (1. Viertel des 10. Jahrh.s)
' und zeigt, daß der Text der beiden Ben Aser, den die
Handschriften aus dem 10.—12. Jahrh. wiedergeben, in
manchen Einzelheiten (Meteg-Setzung) von unserem ma-
| soretischen textus reeeptus, dem die Handschriften aus
dem 13. und den späteren Jahrhunderten entsprechen,
I abweicht. Dieser Aufsatz ist darum besonders wichtig,
weil er die Rechtfertigung für die Neugestaltung des
! Textes in der 3. Ausgabe der Biblia Hebraica von Kittel-
Kahle enthält. Der 2. Aufsatz „Die Anfänge der Punk-
■ tation im Westen" behandelt auf Grund der Geniza-
Fragmente von Oxford und Cambridge (die z. T. in
Stück 5 veröffentlicht werden) und anderer Texte die
„palästinische" Punktation, zeigt von ihr, daß sie der
tiberischen vorangegangen und mit der samaritanischen
; verwandt sei, gibt der Vermutung Ausdruck, daß das
i babylonische Punktationssystem durch das palästinische
i angeregt sei, und deutet an, daß die Ersetzung des ein-
i fachen palästinischen Systems durch das komplizierte
tiberische veranlaßt ist durch das erhöhte Interesse am
Studium des A.T.s, wie es das Auftreten der Karäer mit
sich brachte. Der 3. Aufsatz „Die Masoreten von Ti-
I berias und ihr Werk" führt diese Andeutung weiter aus,
1 zeigt, inwiefern die von den tiberischen Masoreten fest-
i gestellte Aussprache von der durch die Texte in Trans-
j skription und mit palästinischer Punktation bezeugten
abweicht, und weist auf die Abhängigkeit der hebrä-
: ischen Punktation von der syrischen hin. Die 4. Abhandlung
„Alte hebräische Bibelhandschriften aus der
j Russischen Öffentlichen Bibliothek zu Leningrad" be-
i schreibt 14 Handschriften aus den Jahren 930 bis 1121,
; indem sie vor allem die für die Datierung wichtigen
j Epigraphe mitteilt. Die beigegebenen Faksimiles je ei-
i ner Seite dieser Codices wollen und können bei der Datierung
anderer hebräischer Handschriften gute Dienste
tun, wie K. selbst sie im 1. Aufsatz in diesem Sinne ver-
j wertet hat. Als 5. Stück werden „Liturgische Texte mit
j palästinischer Punktation" veröffentlicht, und zwar 10
Blätter „Kerobas zum 9. Ab über die 24 Priesterordnungen
" und „Kerobas aus dem Mahzor des Jannai".
Von beiden Kerobas wird der hebräische Text und die
deutsche Übersetzung mitgeteilt, von den ersten auch,
soweit sie in Oxford liegen (8 Blätter) gute Faksimiles.
Während die Punktation dieser Texte im 2. Aufsatz erörtert
ist, fördert Stück 5 ihr sachliches Verständnis
durch Ergänzung der Handschriften-Lücken, Nachweis
der Zitate aus dem A.T., kommentierende Bemerkungen,
vor allem aber durch Kenntlichmachung ihrer Gliederung
.

Eine zureichende Würdigung und Kritik des Buches
vermöchte nur einer zu geben, der in der Geschichte der
hebräischen Punktation und auf dem Gebiete der älteren
jüdischen Liturgie wenigstens annähernd so gut Be-
| scheid weiß wie K. und seine ständigen oder gelegentlichen
Mitarbeiter. Aber auch der diesen Dingen Fer-
j nerstehende erhält beim Studium des Buches den begründeten
Eindruck, daß hier ein für beide Bereiche sehr
bedeutsames Material dargeboten, und daß dieser zunächst
tot und geistlos anmutende Stoff geistesgeschichtlich
durchdrungen und so zu neuem Leben erweckt ist.
I So seien neben dem Ausdruck des Dankes für das Ge-
! botene und der Hoffnung auf guten Fortgang der hier
| begonnenen Arbeit nur ein paar Fragen und Bemerkungen
erlaubt. Die S. 34 ausgesprochene Vermutung,
daß die babylonische Punktation eine Umgestaltung der
palästinischen sei, indem an die Stelle der Punkte des
palästinischen Systems im babylonischen Buchstaben des
| hebräischen Alphabets getreten seien, die dann ihrerseits
wieder vereinfacht, d. h. zu Punkten geworden seien, ist