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Ausgabe:

1928 Nr. 6

Spalte:

128-130

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rawlinson, A. E. J.

Titel/Untertitel:

The New Testament doctrine of the Christ 1928

Rezensent:

Kittel, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 6.

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briefs) Paulinische Briefe. Aber die Annahme, der He- | wenn dieser Tod noch drohte. Dagegen bleibt es, man
bräerbrief habe die in der Lehrvertiefung und -verkündi- ; mag welche Auskunft auch immer wählen, m. E. un-
gung schlaffe römische Gemeinde zu ihren Lehrbriefen begreiflich, warum Lukas den Märtyrertod des Paulus
nach Corinth und in die kleinasiatischen Provinzen ver- nicht berichtet hat, wenn er schon stattgefunden hatte,
anlaßt, wird durch keine konkrete Beobachtung gestützt. Doch das ist im Zusammenhang der Ausführungen
Auch sieht I. Clem. gar nicht so aus, als sei die römische j des Verfassers ein Nebenpunkt; denn, selbst wenn er
Gemeinde eben erst aus einem schlaffen Zustand auf- in Bezug auf das Datum der Apostelgeschichte im Rechte
gerüttelt worden (Hebr. ist übrigens m. E. nicht an eine [ wäre, sind seine „Neuen Lösungen NT.licher Pro-
Gemeinde, sondern an einen Kreis innerhalb einer Ge- : bleme" schon deshalb keine Lösungen, weil die NT.licheri
meinde gerichtet). Ferner motiviert der Brief selbst seine „Probleme" in der Hauptsache selbstgeschaffenc
Entstehung hinreichend, und er bedarf hier keiner Er- Probleme sind.

gänzung. Was aber I. Pet. betrifft, so ist es mehr als Berlin._______Adolf v. Hamack.

gewagt, ihn als den Brief einer Gemeinde, der j Rawlinson, Rev. A.E.J., D. D.: The New Testament doctrine

römischen, gelten zu lassen; denn keine Gemeinde, son- 0f the Christ. The Bampton Lectures for 1926. New York:

dem eine konkrete persönliche Autorität steht hinter ihm, Longmans, Green and Co. 1926. (XVI, 288 S.) 8°. 12 sh 6 d.

die ihr Schwergewicht indirekt und direkt sehr deutlich Diese Vorlesungen wollen die Entwicklung der

macht, wer auch immer der Verfasser sein mag. Christologie im NT. von Jesus bis auf Johannes dar-

(6) Mit den geschichtlichen Erwägungen über die stellen. Sie haben eine doppelte Front: einmal — in

Entstehung der Sammlungen der Johannes- und Ignatius- Anlehnung an ein Wort Sir Edwyn Hoskyn's — gegen

briefe des Verfassers ist es vollends schlecht bestellt; j dje jahrzehntelange Einzelarbeit englischer Theologen,

dort hat er die Überlieferung nicht genügend erforscht, d'c zufrieden ist „with a criticism of the critics"; so-

hier sie nicht genügend gewürdigt. Die ältere Über-

und II. Joh. oder II. und III. Joh.; dagegen ist die

dann aber gegen die religionsgeschichtliche Schule —

lieferung der Johannesbriefe kennt I. Joh. allein oder I. vor allem die Namen Bousset und Kirsopp Lake werden

genannt —, deren Arbeit nicht an sich und grundsätz-

tum „the persistence, throughout all stages of develop-
ment, of the essential character of the original Gospel
as being first and foremost a message of 'good news
about God'" (p. XI). Christentum im Sinn des NT.s

UHU 1 1 . JOIIi VUV.» MM. M1IU J V I I . , fS M»W ( U J------ --- ------- -™ WM MM WM " —

Zusammenordnung L, IL, III. Joh. verhältnismäßig spät. »ch abgelehnt, aber in ihren bisherigen Ergebnissen

Also fallen alle Erwägungen dahin, die in diesem klei- auf die Worte gebracht wird: „... Dann hat er die Teile

nen Corpus die absichtliche Zusammenstellung eines ir> seiner Hand, Fehlt leider nur das geistige Band!"

eneyklischen Briefs, eines Briefs an eine Kirche und Dies „spiritual bond" ist bei dem nt.lichen Christen
eines solchen an eine Privatperson sehen zu dürfen
meinen und an das Vorbild der Paulinischen Briefsammlung
denken. Was aber die Ignatianische Briefsammlung
betrifft, so erinnert der Verfasser selbst beiläufig

daran, wie sie auf Bitten der Philipper durch Polykarp ist weder Kultus Christi als eines Heiligen oder Thau-
entstanden ist (ohne den Römerbrief, was der Verf. j maturgen im Sinn des hellenistischen vlbg ßeov oder
übergeht). In Folge dieser Entstehung ist es ganz aus- im Sinn des synkretistischen Mythus, noch auch ist
geschlossen, daß hier irgend ein konstruktives Element ; es mangelhafte Nachfolge seines Vorbildes. Für das
in Anlehnung an die Paulusbriefe gewaltet hat. Alles j NT. ist in Christus das AT. erfüllt (fulfilled). Jeg-
ist hier Gelegenheit und Zufall, und so auch der einzige licher nt.liche Messianismus jeder Art, d.h. jede Giesen-
Brief an eine Einzelperson. Übrigens überschätzt m. E. Setzung des Jesus von Nazareth mit dem Christus, auch
der Verfasser die Verbreitung und Wirksamkeit der ! in ihrer einfachsten Form, schließt mit Notwendigkeit
Paulinischen Briefe in den Gemeinden, wenn sie : in sich eine Lehre über die Person Jesu als des Er-
auch im 2. Jahrhundert ungleich bedeutender ge- füllers und Vollenders der Hoffnung Israels. Diese
wesen ist als die der im Dunkeln bleibenden Apostel- ! Hoffnung aber und damit auch der neue, ihre Er-
geschichte. Denn wie hätten sich die Marcionitischen füllung predigende Glaube, ist in jeder Beziehung an
Prologe in katholischen Gemeinden so verbreiten der Gottestatsache orientiert: ihre ganze Kraft ist der
können, wie es geschehen ist, wenn die Briefe eine Glaube des jüdischen Monotheismus an den lebendigen
so große Verbreitung schon vor ± 170 erlangt hätten, j Gott (living God), der Schöpfer und Gott der Natur
und wie erklärt sich ihr Einfluß auf den katholischen und der Geschiente, und der zugleich Gott der Er-
Bibeltext? Auf Marcion hätte der Verf. überhaupt bei j lösung und der Gnade ist. Das ist jüdischer Messianis-
seiner Geschichte der Paulinischen Briefsammlung ge- mus, und das ist der Sinn des „good news about God"
nauer eingehen müssen und auf das Problem ihrer ; im Urchristentum. Darum ist diese neue Religion
Kanonisierung, das er ganz bei Seite gelassen hat (es j schlechthin außerstande, sich, sei es mit einem Pan-
greift doch bis auf die Zeit ± 140 zurück). Beiläufig: theismus, sei es mit einem Polytheismus, sei es mit
die Annahme Tertullians und des Verf.'s, Marcion habe i einem Synkretismus zu vergleichen. Eine Betrachtung
willkürlich den Epheserbrief zu einem Laodicenerbrief aber, die von diesem Vergleich ausgeht, kann im Blick
gemacht, ist von großen Schwierigkeiten gedrückt. 1 auf das nt.liche Christentum nur feststellen, daß es
In einem eigenen Abschnitt hat der Verfasser das von seinem Anfang an gewesen sei: „the idolatrous
Datum der Apostelgeschichte in Bekämpfung des frü- | deification of a Jew." Die Kirche aber tat recht („was
hen Ansatzes (noch zu Lebzeiten des Paulus) aufs ; right in so doing") und zog nur eine notwendige Kon-
neue untersucht. Aber eben das Argument, welches I sequenz, wenn sie im Nicänum das Geheimnis des
er am ausführlichsten, ja fast allein behandelt — die J Wesens und der Sendung Jesu umschrieb als dessen,
Abschiedsszenen auf der letzten Reise nach Jerusalem der da war „in the ultimate roots of His Being co-essen-
und die Ankündigungen des Martyriums — leistet nicht, tially and eternally one with the Father" (p. XII).
was es leisten soll. Der Verfasser sagt mit Recht, daß j Diese Grundgedanken werden von dem zu den
solche Ankündigungen nicht mehr erzählt werden, wenn ; charakteristischsten Gestalten des jüngeren, der Anglo-
sie sich nachträglich als falsch herausgestellt haben; Catholic - Bewegung nahestehendeii englischen Theo-
aber das war ja in Bezug auf Paulus nicht der Fall, logenkreises gehörigen Verfasser in acht Vorlesungen,
wenn Lukas im 3. Jahre nach dem Beginn der römi- denen sechs exkursartige'Appended Notes'angefügt sind,
sehen Gefangenschaft des Apostels geschrieben hat. am NT. und an der Entwicklung seiner ChrLstologie
Denn damals war noch immer zu befürchten, daß der durchgeführt, in vielfach polemischer, aber stets vorProzeß
mit der Hinrichtung endigen werde. Deshalb nehmer und sachlicher Auseinandersetzung mit auf das
ist es zuviel behauptet, wenn Goodspeed mit zahl- Ganze wie auf Einzelnes sich beziehenden anderen
reichen anderen Gelehrten urteilt, jene Szenen seien so Meinungen. Die erste Vorlesung (p. 1—25) schildert
deutlich wie eine ausdrückliche Angabe des Todes, wäh- die Erwartung des Judentums, die zweite (p. 27—52)
rend sie doch auch dann vollkommen verständlich sind, | die Christologie der judenchristlichen Kirche. Diese