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Ausgabe:

1928 Nr. 6

Spalte:

124-128

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goodspeed, Edgar J.

Titel/Untertitel:

New Solutions of New Testament Problems 1928

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 6.

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Zeit hat er seine Anschauungen nochmals in einem
1924 erschienenen und 1928 in deutscher Übersetzung |
herausgekommenen Werke „The Pharisees" niedergelegt
. Überall erweist er sich als genauer Kenner und
freundlicher, ja begeisterter Beurteiler der jüdischen I
Überlieferung der talmudischen Zeit; man wird schwer- !
lieh Unrecht tun, wenn man sogar feststellt, daß die j
historische Gerechtigkeit dem Pharisäismus gegenüber
fast zur Ungerechtigkeit gegen das neutestamentliche j
Urchristentum, besonders gegen Paulus, wird. Den Trak- j
tat „Sprüche der Väter" hat Herford schon in der
Charles'schen Oxforder Ausgabe der „Apocrypha and i
Pseudepigrapha" bearbeitet. Er legt ihn jetzt nochmals
vor mit einer neuen Bearbeitung des Textes und der
Übersetzung, sowie mit ausführlichen Anmerkungen. Der
Stoff ist fast durchweg Satz für Satz nach den einzelnen j
Mischnasätzen gegliedert. Zum hebräischen Text sind
die wichtigeren Varianten verzeichnet. Die Übersetzung
ist sorgfältig. Ihr folgt zunächst eine Paraphrase des
Sinnes der Stelle; dann gibt die ausführliche Erklärung j
das zur Sache Notwendige und zum Verständnis für den |
Nichtf achmann Erforderliche; sodaß der Jude ebenso j
wie der Christ Belehrung finden kann. Mehrfach wer- i
den auch neue Möglichkeiten der Erklärung versucht, j
Zu III 15 ist die von Jellinek, Guttmann und mir gestellte
Frage der Beziehung auf Paulus nicht erwogen.
Tübingen. Gerhard Kittel.

Scholem, Dozent Gerhard: Bibltographia Kabbalistlca. Ver- .
zeichnis d. gedruckten, die jüd. Mystik (Gnosis, Kabbala, Sabba- I
tianismus, r'rankismus, Chassidismus) behandelnden Bücher h. Aufsätze
von Reuchlin bis zur Gegenwart. Mit c. Anhang: Bibliographie des
Zohar u. seiner Kommentare. Leipzig: W. Drugulin 1927. (XVIII,
230 S. m. e. Abb.) 4°. = Kabbala. Quellen u. Forschungen z.
Gesch. d. jüd. Mystik, Bd. 2. RM 19—; geb. 21—.

Eine Bibliographie nicht der kabbalistischen und
chassidistischen Quellen — eine solche hätte, in Westeuropa
gemacht, nach des Verfassers Urteil keinerlei
Aussicht auf Erfolg, da der Großteil derselben im
Osten steckt — sondern der gesamten Literatur ü b e r
die Kabbala mit Einschluß ihrer Vorgeschichte und
ihrer Verzweigungen, und ist hier nicht weniger notwendig
, da es sich um eine ungemein weit verstreute
und schwer übersehbare Literatur handelt. Die Bibliographie
, für die nur wenige und bloß kleine Sondei-
gebiete betreffende Vorarbeiten existierten, wurde 1919
mit den Hilfsmitteln der deutschen Bibliotheken begonnen
und 1925 in Jerusalem, hauptsächlich nach den
reichen Beständen der dortigen jüdischen National- und
Universitätsbibliothek, abgeschlossen. Sie umfaßt zu- ,
nächst 1219, in den Nachträgen und Berichtigungen 83 j
weitere Nummern. Ein Anhang enthält eine Bibliographie
des Zohar, seiner Ausgaben, Kommentare und
Erklärungsschriften, von nochmals 100 Nummern. Endlich
4 Seiten Sachregister. — Die verzeichneten Bücher
und Aufsätze umspannen 14 verschiedene Sprachen,
darunter das Hebräische, Ungarische und die slawischen.
Oft sind Angaben über den Inhalt, gelegentlich auch
über Wert oder Unwert der betreffenden Arbeit beigefügt
. Über die Vollständigkeit habe ich kein Urteil — )
eine absolute ist in einem solchen Fall ja überhaupt j
unmöglich — doch sind jedenfalls auch ziemlich abgelegene
Arbeiten verzeichnet und macht das Ganze
einen recht sorgfältigen und soliden Eindruck, so daß
diese Bibliographie die Ansprüche, die man billiger- |
weise stellen darf und muß, vollauf befriedigen und den j
auf diesem Gebiet Arbeitenden sehr gute Dienste leisten
dürfte. Fragen möchte ich nur, warum eine ganze Reihe
Arbeiten (Nr. 97—99. 101. 120. 274. 278. 327. 329.
354. 364. 898—900. 1028. 1066 u. a.), die nach ihrem
Titel den Zohar betreffen, der Hauptbibliographie und j
nicht dem Anhang einverleibt sind.

Marburg. W. Baumgartner.

Goodspeed, Professor Edgar J.: New Solutions of New
Testament Problems. Chicago: University of Chicago Press 1927.
(XI, 127 S.) S°.

Die zehn Kapitel dieser Studien bieten — abgesehen
von der 8. und 10. — eine einzige Untersuchung in
breiter Ausführung und mit vielen Wiederholungen. Die
8. Untersuchung beschäftigt sich mit der Wörterstatistik
in Luk. und Act. und sucht zu zeigen, daß die Einheit
der beiden Werke auch durch dieses Mittel bekräftigt
werden kann; doch ergibt sich hier kein neuer Beweis
von durchschlagender Kraft. Zum Glück hat man ihn
auch nicht nötig. Die 10. Untersuchung sucht zu zeigen,
daß der durch Zufall verlorene Schluß des Markus aus
Matth. 28, 9. 10. 16—20 mit hinreichender Wahrscheinlichkeit
und nahezu wörtlich wieder gewonnen werden
kann (mit A y 1 e s), daß aber in dem später hinzugefügter
. Schluß sich keine Elemente des verlorenen erhalten
haben (gegen A y 1 e s). Die Möglichkeit, daß es
sich so verhält, ist zuzugestehen, und die Untersuchung
des Verfassers hat sie verstärkt. Aber da der Verfasseineues
Material zur Lösung des Problems nicht hat
finden können, da er ferner die Frage bei Seite gelassen
hat, ob nicht vielmehr im Petrusevangelium der vermißte
Schluß zu suchen ist, und da er endlich die noch
nicht erledigte Frage, ob hier überhaupt etwas verloren
ist, nicht aufs neue erörtert hat, so bleibt das ganze
Problem noch in der Schwebe.

Doch diese beiden Zugaben sind Beilagen, die mit
der Aufgabe nichts zu tun haben, die sich der Verf. in
den Kapiteln 1—7 u. 9 gestellt hat. Die Ergebnisse der
Untersuchungen hier, sind folgende:

In Bezug auf die altchristliche Literatur muß man
die Erkenntnis an die Spitze stellen, daß die Paulus-
briefe ein Menschenalter hindurch unbekannt geblieben
sind (bis gegen das J. 90) und daher keinen Einfluß
ausgeübt haben (nicht nur Mark, und Matth, zeigen keinen
Einfluß, sondern auch Luk. und Act.), daß sie aber
dann plötzlich und mit einem Schlag eine so große Bedeutung
erlangten, daß sie in schnellster Folge in wenigen
Jahrzehnten eine Fülle von Schriften hervorgerufen
, ihren Inhalt sowie ihre Zahl [ !] und Form kräftig
bestimmt und die vergessene Person des Paulus in den
Vordergrund gerückt haben. Ein (nach dem Verfasser)
paradoxes Problem, das man bisher nicht gewürdigt hat!
Seine Lösung kann befriedigend gegeben werden. Kurz
vor dem J. 90 erschien die Apostelgeschichte. Ihr Paulusbild
machte einen ungeheuren Eindruck. Gleichsam zum
zweiten Mal, und nun erst bleibend, wurde Paulus der
Kirche geschenkt. Die wichtigste Folge aber war die
Sammlung von Paulusbriefen; sie ist dem Erscheinen
der Apostelgeschichte, von ihr hervorgerufen, auf dem
Fuße gefolgt (denn nun wollte man diesen Paulus so
genau wie möglich kennen), und zwar in Ephesus. Die
älteste Sammlung umfaßte neun Schreiben an sieben
Gemeinden (der Philemonbrief ist der Koloss. 4 bezeichnete
Laodicenerbrief), und ihr stellte der Sammler
als eneyklisches Schreiben (nach der ursprünglichen
Adresse) und als Einleitung den von ihm selbst verfaßten
Brief voran, der nachmals als „Epheserbrief" bezeichnet
worden ist. In dieser Gestalt wirkte sie sofort
aufs stärkste auf den Verfasser der Apokalypse, Johannes
. Seine ganz paradoxe Zusammenstellung von
sieben Briefen mit einer „Offenbarung" ist nur verständlich
, wenn man jene als Nachbildung der Paulinischen
Briefsammlung enthüllt. Und zwar hat Johannes den
Redaktor dieser Sammlung richtig verstanden, wenn er
ebenfalls an sieben Gemeinden, deren Zahl die Gesamtkirche
repräsentieren sollte, geschrieben hat und wenn er
nach dem Vorbild des enzyklischen Eingangsbriefs
(unseres „Epheserbriefs") die sieben Briefe als Teile
eines Gesamtbriefs erscheinen ließ, den Epheserbrief
dabei an die Spitze stellend.

Die zweite literarische Folgeerscheinung der Paulinischen
Briefsammlung, die ihr ebenfalls auf dem Fuß
gefolgt ist, war der Hebräerbrief; denn die alexandri-