Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1928 Nr. 5

Spalte:

117-118

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Aloys

Titel/Untertitel:

Psychologie 1928

Rezensent:

Knittermeyer, Hinrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

117

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 5.

118

ihrer Bewußtmachung nur der „Entwerdung" und der
mystischen Inversion positiver Gottwerdung bedarf, wie
auf der andern Seite einen religiös-sittlichen Prozeß
menschlicher Vollendung. Es ist demnach keineswegs
so, daß es der deutschen Mystik wesentlich wäre, die
Unterscheidung Mensch-Gott völlig aufzuheben. Wesentlich
ist ihr vielmehr nur eine gewisse, teilweise bis
zur Identitätsgrenze geführte, Abschwächung dieses Gegensatzes
aus der Grundstellung eines religiösen Individualismus
heraus, welcher die Geschichte zur Analogie
des persönlichen Erlebens entleert und den durch
sie bedingten Glauben mehr oder minder ausschaltet,
beides ersetzend durch die immer neue Empfängnis unmittelbar
einströmenden Gottlebens.

Im Gegensatz hierzu zeichnet der Verfasser weiterhin
die Frömmigkeit des Glaubens als eine solche, in
welcher Glaube und geschichtliche Offenbarung sich in
lebendiger Gegenseitigkeit bedingen, Sünde und Gnade
die ständigen beiden Pole des Erlebens bedeuten, der
Fernpol genau so wenig eine Vernachlässigung erträgt
wie der Nahpol, Distanz und Symbiose in korrelativer
Beziehung zueinander stehen.

Dennoch hat Mystik ihren Platz innerhalb des
Glaubens. Nicht freilich die ichsüchtige Identitäts- und
reine Immanenzmystik, wie sie im romantischen Expressionismus
der Gegenwart wiederkehrt. Wohl aber
die Mystik als Unmittelbarkeit schlechthin. Der Heilsglaube
der Gemeinde als der Glaube an Gott in Christus
kann nicht Glaube werden, ohne daß ihm ein
Immanenzerlebnis voraufginge. Nur freilich, daß dies
Immanenzerlebnis ein leeres Gefäß bleibt, füllt es nicht
die Geschichte mit der Offenbarung des lebendigen
Gottes. Wiederum mündet der geschichtliche Heilsglaube
in persönliche Unmittelbarkeit aus; nur freilich,
daß sie ihm sich erst in der Ewigkeit zu ungebrochener
Wirklichkeit erfüllt. Demnach wird es auch eine Glaubensmystik
geben müssen, aber sie wird nur möglich
sein auf dem Grunde der Geschichte, aus welcher erst
die Befruchtung des eigenen Erlebens zur Empfängnis
der Gnade kommen kann, und es wird ihr Kennzeichen
sein, daß in ihr neben dem Verbundenheitsgefühl das der
Distanz immer als ein ungebrochenes weiter besteht.
Sie kann daher innerhalb des Christentums nie Selbstwert
sein wie etwa die Mystik im Buddhismus, aber sie
ist lebendige Ergänzung und Begleiterscheinung des
christlichen Heilsglaubens an den Gott der Gnade in der
Geschichte.

Das knappe, aber an feinsinniger Beobachtung und
lichtvollen Ausblicken reiche Büchlein dürfte jedem zum
Gewinn werden, der sich in die schwierige Frage der
richtig zu bewertenden Mvstik vertieft.

Kiel___W. Brunn.

Müller, lnvs: Psychologie. Versuch e. phänomenologischen
Theorie des Psychischen. Berlin: F. Dümmler 1927. (346 S.) 8°. =
Leitfäden d. Philos., Bd. 3/4. RM 7- ; geb. 8.90.

Das Buch ist nur deshalb in eine philosophische Sammlung geraten
, weil Psychologie auch im Staats- und Doktorexamen von dem
Kandidaten verlangt wird. Es will elementar, wissenschaftlich und
modern, und ferner metaphysikfrei, unphysiologisch, schlicht beobachtend
und doch dem Ziel nach theoretisch-systematisch sein. Auf die
Darstellung der allgemeinen Eigenschaften des Psychischen folgt das
Erfassen sinnlicher und unsinnlicher Oegenständc. Zu den letzten
gehören auch Sittlichkeit, Kunst und Religion. Daran schließt sich die
Behandlung der erlebten Vorgänge (Fühlen und Wollen) und der
zweifelhaften psychischen Elemente an (Verstehen, Meinen, Werten,
Stellungnehmen). Damit ist der Orund gelegt, um auch die Verknüpfungen
und Ordnungen psychischer Vorgänge (Reproduktion,
Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Ich, Person u. a.) zu verstehen und
schließlich zu einer Theorie des Psychischen auszuholen, die sich
*** vorangegangenen empdrisclien Psychologie wie theoretische zur
empirischen Physik verhält. Eine brauchbare Literaturübersicht ist
beiKegeben. Der I.eitfadencharaktcr solcher Darstellung ruft leicht
den Schein der dogmatischen Allwissenheit hervor; und gerade auf
philosophischem Gebiet dürfte der Gebrauch solcher Examensbücher
nur von sehr begrenztem Wert sein. Einige Sätze aus der Psychologie
Religion mögen das beleuchten. „Der Kern der Religion muß
<ias Erfassen religiöser Werte sein." Die Merkmale des Heiligen und
Gnhciligen werden im Anschluß an R. Otto aufgezählt. „Die Religion
bildet sich aus dem Erfassen religiöser Werte." Richtiger allerdings

j müßte es im Sinne der eigenen These des Verf.s heißen, daß Religion
| mit dem Sichunterstellen unter die erfaßten Werte gegeben ist. „Re-
! ligion liegt überall da vor, wo der Mensch zu etwas im Sinne der
religiösen Werte Übermenschlichem Du sagt." Religion und Denken
; über religiöse Dinge sind auseinanderzuhalten. Nicht das Denken, aber
auch nicht das Gefühl sind die Stützen des Gottesglaubens, sondern
, das „Schauen religiöser Werte". „Es ist mit dem Gottesglauben wie
mit den großen wissenschaftlichen Ergebnissen: die Beweise folgen
erst, wenn man die Ergebnisse schon hat." Religion und Sittlichkeit
sind gänzlich unabhängig voneinander; höchstens erlaubt das Emporsteigen
in die Gefilde der religiösen Werte eine günstigere Schau der
ethischen Werte. — Dieser ganze Abschnitt umfaßt 6 Seiten. Die
j kritische Anzeige steht solchen Büchern, die nur Resultate anein-
; anderreihen, deshalb so hilflos gegenüber, weil sie keinen Einblick
in die Motive gewinnt, die im Einzelnen zu den Resultaten ge-
| führt haben.

Bremen._H. Knittermeye r.

! Ruttenbeck, Priv.-Doz. Lic. Walter: Die apologetisch-theologische
Methode Karl Heims. Leipzig: A. Deichert 1925
(XI, 82 S.) gr. 8». rm 2.b0.

Man kann der R.schen Arbeit nachrühmen, daß sie tief in den
j Gegenstand eindringt. Da sie den Brennpunkt des Heim'schen Den-
| kens, das Problem Glaube — Wissen, Christentum — Weltanschau-
j ung zum Thema gewählt, kann sie die Grundlinien seiner theolo-
i gischen Entwicklung von seinen ersten Veröffentlichungen bis zur
3. Auflage seiner „alaubensgewißheit" zur Darstellung bringen. Grade
in ihrer nüchternen, scharfen, streng sachlichen Art gibt sie dem
Leser einen beinahe ergreifenden Eindruck davon, daß diese Entwicklung
ein unausgesetztes, nie zur Ruhe kommendes geistiges Ringen ist.
R. zeigt, daß H. in seinem kühnen Jugendwerk „Weltbild der
! Zukunft", 1904, als A|x>loget die „Harmonisierungsmethode" vertritt,
indem er in bewußt rationaler Beweisführung ein Weltbild propagiert,
j das der schöpferischen Entscheidung und damit der Religion freien
Raum läßt, vielmehr sie schon in sich trägt. Eine neue Stellung-
I nähme bereitet die theologiegeschichtliche Untersuchung „Das Oe-
M ißheitsproblem", 1912, vor, deren Ergebnis die Einsicht ist, daß die
nichtrationale höhere Einheit der einlinigen rationalen, Glauben und
! Wissen verschmelzenden und der zwcilinigen, Glauben und Wissen
entgegensetzenden Betrachtungsweise in der überlogischen Glaubcns-
| gewißheit, wie Luther sie vertrat, zu finden ist. Darauf folgt der
| wichtige Neuansatz in der 1, Auflage des „Leitfadens der Dogmatik",
1912. Hier steht der seiner selbst gewisse paradoxe Christusglaube
(Christus „das absolute Concretum") beherrschend im Vordergrunde,
so daß für die Apologetik, die jetzt zur „Kontrastapologetik" wird, nur
noch die Aufgabe bleibt, die opponierende Wissenschaft durch logische
Erörterung (Ziehung der letzten zerstörenden Konsequenzen) zu
zersetzen. Endlich schildert R., wie H. in verschiedenen Stufen (2.
Aufl. des Leitfadens 1916, 1. 2. und 3. Aufl. der „Glaubensgewißheit
" 1916, 1920 und 1923) langsam, vorsichtig, nicht mehr im
Sturmflug wie einst, die Kontrastmethode ab- und die harmonisierende
Methode von neuem aufbaut. Indem die Logik allmählich zu Gunsten
des Ethisch-Religiösen und des Wirklichkeitssinnes zurücktritt, die
Tatsächlichkeit des Ich, Hier und Jetzt sich geltend macht, die
Schicksalskategorie entdeckt und zuletzt die perspektivische Struktur
alles Erkennens und die Begründung aller Erfahrung im Nichtgegen-
I ständlichen betont wird, werden Grundlinien eines neuen Weltbildes
gezogen, das mit dem Glauben, dessen Souveränität und Unabhängigkeit
von allen theologischen und philosophischen Bemühungen gewahrt
bleibt, sich vereinigen läßt, so daß H.s Apologetik zuletzt die Kon-
j trast- und Harmonisierungsmethode zugleich anwendet.

H. selbst hat im Vorwort zu seinen gesammelten Aufsätzen, in
welchen er nebenbei bemerkt, daß er inzwischen auch über den von
R. an letzter Stelle genannten Standpunkt hinaus, nämlich von der
perspektivischen zur transperspektivischen Betrachtungsweise fortgeschritten
sei, erklärt, daß er sich von R. voll verstanden fühle. Er
hat darin sicherlich recht, und man kann sagen, daß sich Scharfsinn
und Liebe verbünden müßten, um solch kongeniales Verständnis teilweise
schwieriger Gedankengänge, die stets in letzte Tiefen dringen,
zu gewinnen. Besonders im Einzelnen ist die Arbeit gründlich und
genau. Im Hinblick auf die leitenden Gesichtspunkte aber sind, wie
mir scheint, einige Ausstellungen zu machen. Die Kennzeichnung der
I beiden Methoden als „harmonisierende" und „kontrastierende" halte
ich nicht für glücklich. Durch Harmonisierung sucht man die Unterschiede
mehrerer gegebener Größen zu verwischen, abzuschleifen; es
ist künstliche, kritische Kleinarbeit. Bei H. aber handelt sichs um
! weit mehr, nämlich um den großzügigen, konstruktiven Versuch,
j Glauben und Erkennen in eins zu setzen- Der Terminus Kontrast-
i methode aber würde besser auf die von H. auch in der 1. Aufl. des
Leitfadens abgelehnte „Scheidewand-Apologetik" zutreffen, die Glau-
j ben und Wilsen grundsätzlich trennt, während H. die übliche wissenschaftliche
, raumzeitliche, vom Kausalitätsprinzip beherrschte, auf die
j Subjekt-Objektbeziehung sich gründende Weltanschauung für unver-
! träglich mit dem Glauben hält und niemals darauf verzichtet den
1 Feind in seinem Lager anzugreifen, seine Stellung zu unterminieren,
i Es wäre demnach wohl richtiger, von einer Methode der „Ineins-