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Ausgabe:

1928 Nr. 5

Spalte:

111-116

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Althaus, Paul

Titel/Untertitel:

Forschungen zur evangelischen Gebetsliteratur 1928

Rezensent:

Macholz, Waldemar

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 5.

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Althaus, Prof. D. Paul: Forschungen zur evangelischen
Qebetsliteratur. Gütersloh: C. Bertelsmann 1927. (XI, 279 S.)
gr. 8°. seb. RM 12-.

Es ist eine sehr wertvolle Gabe, die uns Paul Althaus
bescherte, indem er die Forschungen seines Vaters
zur Ev. Gebetsliteratur gesammelt herausgab. Der Band
umfaßt das nur in geringer Auflage gedruckte Leipziger
Universitätsprogramm von 1914 „Zur Charakteristik der
evangelischen Gebetsliteratur im Reformationsjahrhundert
", das der Herausgeber aus dem Schatze weiterer
Aufzeichnungen, an die Althaus d. Ä. am 20. Februar
1925 die letzte Mühe wandte, erweiterte und mit einem
Anhange: „Übersicht über die weitere Gebetsliteratur
bis ins 18. Jahrhundert" versah, ferner das Programm
desselben Verfassers über die kirchlichen Kollekten des
16. Jahrhunderts vom Jahre 1919, endlich den von Althaus
, dem Vater, in seinem letzten Lebensjahre „so gut
wie druckfertig" gemachten Quellennachweis der Gebete
in Löhes „Samenkörnern". Paul Graff hat das
Register beigegeben. Aus dem Entwurf eines Vorwortes
des Verfassers zu der Neubearbeitung des Programms
von 1914 sind kurze Ausführungen dem Inhaltsverzeichnis
vorangestellt. Der Sohn hat es nicht unternommen
, den Plan, der dem Vater zur Vervollständigung
der ersten Untersuchung vorschwebte, zu verwirklichen,
geschweige denn das weitere Ziel, das der Verstorbene
in der Herstellung einer vollständigen Bibliographie
der Gebetsliteratur des Reformationsjahrhunderts und in
der Darbietung der textkritisch bearbeiteten Gebetstexte
selbst vor sich sah — mehrere Tausende dieser
Texte liegen gesammelt und bearbeitet im Nachlaß vor
— zu erreichen. Die Ergänzungen der 1. Studie wurden
in der Form veröffentlicht, die der Verfasser nicht lange
vor seinem Tode für Hermannsburger Vorträge festgelegt
hatte.

Schon der anspruchsloseste Teil der Veröffentlichung
, der Quellennachweis zur 6. Ausg. der Löheschen
„Samenkörner", ist in seiner gediegenen Sorgfalt ein
Beweis für den Dienst, den der keinerlei zeitraubende
Vorarbeit scheuende Forscher der Sache geleistet hat.
In fünf Spalten bringt er die Quelle, aus der L. schöpfte,
die Angaben Löhes über den Fundort, den 'Namen des
Verfassers, die Quelle, in der das betr. Gebet „zum
ersten Male wesentlich in der von Löhe gebrachten Gestalt
" oder in ev. Bearbeitung nachweisbar ist, schließlich
die Sammelwerke, in denen das Stück abgedruckt ist
zur Darstellung. Wo Fragen bisher unbeantwortet bleiben
mußten, ist es sichtbar gemacht. Für weitere Untersuchungen
sind also solide Grundlagen geschaffen und
deutliche Ziele gewiesen. Schon diese saubere Arbeit
schließt es in ihrer Vorbildlichkeit fürderhin aus, daß
summarische Urteile über Gebetbücher früherer Jahrhunderte
, die die Tatsache vergessen machen, daß wir
hier Sträuße auf allerhand Wiesen gepflückt vor uns
haben, weiterhin die Forschung hemmen oder beschweren
. Solche „Allgemeinurteile", wie sie Irmischer 1852
formulierte und Herrn. Beck noch wiederholte, auszumerzen
, war ein Anliegen der Althausschen Arbeit.
Freilich entwurzelt sie erst die Darstellung der Ent-
wickelungsgeschichte der ev. Gebetsliteratur selbst völlig,
die in jenen zwei Abschnitten, deren letzter mehr den
Charakter des Überblicks hat, geboten wird. Was A.
hier vorschwebte war noch nicht die letzte Höhe theologischer
Geschichtsschreibung. Die quellenmäßigen Zusammenhänge
sollten mit Hilfe eines zuverlässigen bibliographischen
Apparates durchsichtig gemacht werden,
die charakteristischen Momente der Entwickelungsge-
schichte der Gebetbücher sollten hervortreten. Was
Beck über die Erbauungsliteratur der ev. Kirche Deutschlands
1883 schrieb, sollte so vor allem quellen kritisch
überboten werden. Die inhaltliche Charakteristik
der Gebete und Gebetbücher selbst sollte nur so weit
gegeben werden, als das in erster Linie literatur- und
nicht kirchengeschichtliche Ziel der Untersuchung es
erforderte. Man wird urteilen müssen, daß der Verfasser

dies Ziel erreichte, ja daß er darüber hinaus mannigfache
Anregungen austeilte. Wir erhalten ein höchst
lehrreiches Bild des geschichtlichen Verlaufs. A. zeigt,
wie Luther, der selbst nicht Gebetsformen schaffen,
sondern Gebetsunterricht erteilen wollte, zwar den Weg
zu biblischen Gebetbüchern (Brunfels, Schmaltzing,
Link) wies, aber nicht hinderte, daß Spalatin auf Ersatz
der „unchristl. Narrheit" der von Luth. verworfenen
! mittelalterlichen Gebete sann; wie ein Unbekannter schon
1523 überlieferte Gebete im Sinn der luth. Botschaft
umbildete, Joach. Slüter in dieser Richtung vorwärtsschritt
, wie aber dasselbe Jahrzehnt schon Sammlungen
n e u entstandener Gebete (Augsburger Sammlung, Bugenhagen
) und den in den evangelischen Gebetbüchern
I stark nachwirkenden Impuls der schlesischen Gemein-
I schatten Schwenkfelds brachte, bis erst das neue Jahr-
| zehnt von 1530 an die Vertreter der Reformation bereit
fand, das Feld nicht den Spiritualisten zu überlassen.
Bezeichnenderweise setzt die eigentlich lutherische Pro-
[ duktion bei der Fürsorge für Kranke und Sterbende ein
(Odenbach, Brunner, Anleitung usw. Straßb. 1531).
Kommt Schwenckfeldisches Gut auch immer wieder zum
Vorschein (Weinmar 1532, Feürzeüg usw., Nürnberg
1537), so erzählen doch jetzt die Namen Bullingers,
Culmanns, Zwicks, Otters von der Kraft evangelischen
Betens, dessen kernhafte gemeindemäßige und doch dem
einzelnen Beter dienende Art besonders Otter zum Ausdruck
bringt. Kantz' (1542) umbildende Kraft, Huberi-
nus' „kindliche Einfachheit", Spangenbergs (1543) und
| des Leipziger Betbüchleins (1543) Sammelfleiß, Veit
j Dietrichs mit Otters Gebeten vergleichbare, schlichte,
| klare, kirchlich kraftvolle Kollekten (1546), (denen Alt-
j haus als gleichwertig, aber nicht in gleichem Maße für
i ihren Zweck geeignet nur die „gemeinen Gebetlein" des
Mathesius an die Seite stellt), das Gülden Kleinot des
Cölius, das die Kategorie der Ständegebete in die Gebetssammlungen
aufnimmt und den Taferweis des Christentums
so ernst betreibt, kennzeichnen das Jahrzehnt
nach 1540. Mit der Mitte des Jahrhunderts tritt eine
Wende ein. Das Gebet der individuellen Situation gefährdet
die reformatorische Objektivität. Zugleich dringt
die Gefühlsfrömmigkeit anbetender Meditation, die Stimmung
der Christusmystik, die Versenkung in sakramentliche
Mysterien, das sehnsüchtige Langen nach jenseitigen
Wonnen, kurz der ganze Mystizismus, den Luther 1537
so entschieden zurückwies, den Alhr. Ritsehl und Koepp so
richtig auf vorreformatorische Einwirkungen zurückführten
, in die evang. Gebetsliteratur ein. Otter, Dietrich
, Cölius zeigen sich von dieser Krankheit frei. Mus-
kulus, Martin Moller, Nicolai kennen das Nebeneinander
von Luthertum und mittelalterlicher Mystik und Asketik
schon ähnlich wie Joh. Gerhard. In diesem Zusammenhange
tritt auch die weitgehende Abhängigkeit der evangelischen
Gebetssammlungen von Erasmus in eine besondere
Beleuchtung. Urbanus Regius ist ihm verfallen.
Ludwig Rabus führt den Erasmusschüler Vives in die
ev. Gebetsliteratur ein. In diesem Zusammenhange wird
aber auch eine Analyse und Charakteristik katholischer
Gebetbücher (Nausea, Timannus, Lansperger) nötig.
Der Katholik Fabri, der unwissend Schwenckfeldische
und Ottersche Gebete wiedergibt, Joh. Wild, der sein
„Catholisch Betbüchlein" mehr als zur Hälfte aus protestantischen
Quellen speist, der Konvertit Georg Witzel,
dessen schönste Gebete A. zu den Kleinoden der Gebetsliteratur
aller Zeiten rechnet, sie alle werden von Althaus
ins Licht gesetzt und beginnen ihre theologischen
Fragen an uns zu richten. Auch das Gebetbuch des
grimmigen Lutherfeindes Georg von Sachsen muß von
dem wunderlichen Austausch der betenden Konfessionen
in dieser Zeit des Übergangs berichten. Ja selbst die
Jesuiten bezeugen, daß man das Gute auch vom Gegner
nehmen kann. Nur Verrepäus meidet nichtkatholische
I Verfasser. Umgekehrt werden Petrus Canisius und Pe-
j trus Michaelis wichtige Quellen für gewichtige evange-
I lische Gebetbücher, Muskulus aber, den zwar nur ein