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Ausgabe:

1928

Spalte:

105-107

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wach, Joachim

Titel/Untertitel:

Das Verstehen. Grundzüge einer Geschichte der hermeneutischen Theorie im 19. Jahrhundert. 1. Tl.: Die großen Systeme 1928

Rezensent:

Heckel, Theodor

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Wach, Privatdoz. Joachim: Das Verstehen. Grundzüge einer Ge- Individualisierung des Ganzen. Für die Hermeneutik ergibt sich da-

schichte der hermeneutischen Theorie im 19. Jahrhundert. I: Die raus die analytische Aufgabe, das Was und Wie, Gehalt und Form

großen Systeme. Tübingen: J.C.B. Mohr 1926. (VIII, 266 S.) für sich selbst zu untersuchen, sodann die synthetische Aufgabe,

gt. 8°. RM 10.50; geb. 13—. I die ursprüngliche Einheit beider in ihrem Zusammhang mit der gan-

Die Theorie des VerStehens war ein Lieblingsthema ' f »«8«" Schöpfung aufzufinden. Die Brücke beider Operationen

rvnu„ '"c,Jric ucs ycisicnc. . /„rK;„H..noCo-li<»rl blldet das °ran natürlicher Genialität des Auslegers. Der hermeneu-

D.ltheys. Er nannte sie ein wichtiges Verbindungsglied ^ ^ an Jer Aslhetik orjen4iertK Er w dje um

zwischen der Philosophie und den geschichtlichen Wis- kehr(e Wiederholtmg des Schaffimgsprozesses selbst. Der Abbild-
Seilschaften, einen Hauptbestandteil zur Grundlegung der theorie entspricht die Nachbildungstheorie. Axiomatisch fest steht
Geisteswissenschaft. Die von Dilthey angeregte For- bei Ast noch die Objektivität des Verstehens. — Anders geartet ist die
schling spürt auf den verschiedensten Gebieten der Frage Hermeneutik Fr. A. Wolfs. Er hat kein Interesse am Erkenntnis-
weiter nach. Es genügt für die Sprachphilosophie den problem. Seine Sätze sind lehrhaft praktisch. Von seinen Forderungen,
Namen Unger für das Bildungsproblem den Sprangers I die auf psychologische Deutung großes Gewicht legen, sind zwei
zu nennen. Sonderbarerweise steht die Theologie hinter , besonders wirkungskräftig geworden: nicht das Werk als solches,
den anderen Wissenschaften zurück, obschon die durch ,, son(i"n. da* vom Schöpfer Gtwollte rat zu erfassen; sodann d.e
ucii .uiutivii w ssuisuia , 'T, „Uono/x „w mundliche Rede ist in die Auslegungskunst emzubeziehen.
ihre reformatorische Herkunft dem Thema ebenso ver- I 6 »

pflichtet ist wie durch die in Exegese und Verkündigung Den Gesamtertrag, den die beiden Vorlaufer
heimlich geübte Praxis der Theorie. Karl Holl hat in Schleiermacher zubringen, sieht der Verf in der Pflege
seinem bekannten Aufsatz über die Auslegungskunst der df"teeren Sprache und in der Auflockerung der
Luthers auf diesen Mangel hingewiesen. Erst die Bc- , Tradition. Für die histonsch-psychologische und philo-
wegung der jüngeren Theologie, welche die alte Front- : sophische Hermeneutik ist der Weg bereitet.
Stellung orthodox-liberal, positiv-kritisch verschoben hat, j Die ausfuhrliche Darstellung der hermeneutischen
hat auch die Verhandlung über die Exegese theologisch Lehre Schleiermacher's füllt das.nächste Kapitel. Das ist
erfüllter und die Theorie des Verstehens gegensatz- rem geschichtlich ein Verdienst, denn eine zureichende
reicher gestaltet. Nicht immer ist aber das Urteil von Wiedergabe existierte bis jetzt nicht. Theologisch angegewissenhafter
geschichtlicher Sachkenntnis getragen, da- sehen ist sie ein wertvoller Beitrag zu der Auseinander-
von abzusehen, daß die Theologie weithin selbstsicher ! setzung mi Sch 's Theologie

die erkenntniskritische Seite des Problems dahinten laßt. Sch ist der Universalerbe der; hem. Doppelbewegung
Das erste Verdienst des Wachschen Buches, das Theologie und Philologie. Die Vereinigung bedeutet
von reicher Belesenheit zeugt, bestünde schon darin, daß ;'lier. gleichzeitig einen Neuansatz. Schi, fuhrt die Syste-
es uns eine Dogmengeschichte der Verstchenstheorie matisierung der Herrn durch. Drei Grundgedanken beliefert
. Sie ist für sich allein wertvoll, wenn sie auch i stimmen entscheidend die spatere Entwicklung. Erstens:
erst durch den zu erwartenden zweiten systematischen Schi, mißt den Ort der Herrn weder theologisch noch

Teil volle Würdigung erfahren kann. Wir halten darum
mit dem eigenen Urteil noch zurück und folgen im
wesentlichen darstellend dem Gang des Buches.

Die Einleitung zeichnet in knappen Strichen die
innere Bewegung der hermeneutischen Theorie bis zum ,

Ende des 18. Jahrhunderts. Die Reformation bildet den Verbindung im Gesamtbereich der Wissenschaft. Wie
epochalen Anfang. Die nachreformatorische Entwick- sie, ,mit Rhetorik und Grammatik einerseits zusammenphilologisch
, sondern philosophisch ein. Sie soll damit
Allgemeingiltigkeit gewinnen. Begründet wird sie des
näheren in dem Zusammenhang von Reden und Denken.
Reden ist Vermittlung für die Gemeinschaft des Denkens
. Die Folge dieses Einsatzes sichert der Herrn, die

epochalen Anfang
hing gliedert sich in 3 Perioden.

Die erste reicht bis hin zu Orotius; in ihr gilt die strikte Unterordnung
des erhobenen Literalsinncs unter das Dogma. Die zweite
geht von Orotius bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, sie umschließt

gehört, so andererseits mit der Wissenschaft von der Einheit
alles Wissens, der Dialektik, sowie deren beiden
Gliedern, der Ethik und Physik. Die wissenschaftstheoretische
Einordnung der Herrn, erweitert — das ist das

3 Artungen. Orotius durchbricht die Schranken sakraler und pro- j zweite wirklingsreiche Moment — von selbst ihren Gel
faner Auslegung. Der Pietismus, praktisch und theoretisch mit dem I tungsbereich. Was immer Ausdruck eines LebenszUSam-
Problem viel beschäftigt, gibt abgesehen von der psychologisch- menhanges ist, gehört vor ihren Richterstuhl. Der dritte
moralisch-erbaulichen Seite seiner Schriftdeutung der analogia fidei , Grundsatz wird künftig Allgemeingut, nämlich die psy-
die Wendung zum lumen internum und baut besonders die Emphasen- j chologisch-kritische Deutung. Hier entfaltet Sehl die
lehre aus. Die dritte Gruppe der Philosophen Spinoza, Leibniz und ■ geläufigen Gedanken: Auslegung hat nicht nur Kunst-
des Wolfianers Meier kündigt zwar neue Grundsätze an, uberlaßt aber ?„_.„,_ %,,t7„sMP„ andern kt V, n 4 n; ■ l i
weiterhin der Theologie die Führung. Die 3. Periode ist durch die ! ^1" aufzustellen, sondern ist Kunst DlVlnatlon und
bekannten Auslegungsgedanken der Aufklärungstheologie bestimmt. Menschenkenntnis Sprachtalent und AbwertungSvermö-
"erder bildet Abgang der vorauslaufenden und Uebergang zur neuen gen, objektive und subjektive Nachkonstruktion der Rede
Bewegung zugleich. Die historisch-ästhetisch-humane Würdigung der sind Bedingungen der Auslegungskunst. Reich strömen
^böpferischen Produktion weist hinüber zu Romantik und Idea- ; die feinsinnigen Beobachtungen, die er für das gramma-
talr«w. tische und phychologische Verstehen in den ergänzenden

Gemeinsam ist diesen 3 Perioden bis in die Mitte , Kanones aufstellt. — Schi, schreibt der Herrn, die höchste
, ,8- Jahrhunderts die Führerstellung der Theologie, Würde zu. Sie hat den Beruf zwischen dem Spekulativen
und wir möchten hinzufügen mit und seit der Orthodoxie und dem empirisch Geschichtlichen zu vermitteln; ja
eine Verkümmerung und Verschiebung der reformato- , sie steht in engster Wechselbeziehung zur Religion selbst,
Tischen Auslegungskunst In ein neues Stadium tritt die denn sie richtet ihre Aufmerksamkeit auf den Schnitt-
Hermeneutik ein durch die Entwicklung der Philologie punkt, in dem sich die ewige Idee des Menschen und
und Philosophie zu eigener Selbständigkeit. Dieser Tat- die Erscheinung der Idee im Ausdruck schneiden. „Je
bestand ist am Ende des 18 Jahrhunderts gegeben. Die i mehr das religiöse Bewußtsein erwacht, umsomehr ist
Frage ist nun, werden sich die Ströme vereinigen oder der Mensch selbst erwacht. Und weil die Sprache das
für immer getrennt fließen ■ in welcher Weise wird eine Mittel der Verständigung ist, das Vehikel des Ausdrucks,

so muß auch alles, was Ausdruck des Religiösen ist,
wieder den Menschen zum Bewußtsein seiner religiösen
Bestimmung bringen helfen." So viel aus der Fülle, die
bei Schi, ausgebreitet ist.

Vereinigung oder stete Trennung die Verstehenslehre
selbst wandeln? Mit dieser Frage erreicht der Verfasser
sein eigentliches Thema die Darstellung der klassischen
verstehenstheorien bei Schleiermacher, Boeckh und W.

v°n Humboldt. Es ist zweifellos verdienstlich, daß der Verfasser

Das erste Kapitel behandelt die Lehre der bei- die Gestaltwerdung des Systems und das System selbst

den Vorläufer Schl.'s des Platonikers Fr. Ast und Fr. unparteiisch darstellt. Der zweite zu erwartende Teil der

A.Wolfs. Verstehenslehre wird ja mit dem Urteil nicht zurück-

Uh £fl geht spekulativ-^rkenntnis theoretisch vor. Die Allgeist- halten. Trotzdem seien einige Bemerkungen gestattet.
,,hre b,ld*t die Grundlage seines Denkens „Alles ist aus einem Geist Die Darstellung wurde an systematischer Einheit ge-

nervorgegangen, Alles strebt in einen Geist zurück." Das Einzelne ist Winnen, wenn der Verfasser den Endpunkt der Dar-