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Ausgabe:

1928 Nr. 5

Spalte:

100-101

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gulkowitsch, Lazar

Titel/Untertitel:

Der Hasidismus religionswissenschaftlich untersucht 1928

Rezensent:

Beer, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 5.

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verstanden werden müsse mit besonderer Berücksichtigung
seines Ziels und seiner Absicht" (S. 33). Aber
dann bleibt um so mehr zu bedauern, daß Wiese selber
mehrfach gegen diese Forderung verstößt, wie denn
überhaupt nicht immer dem Aufbau und der Form der j
Einzelerzählung die genügende und notwendige Beach- j
tung gewidmet ist.

So kann z. B. die Ehudgeschichte nicht, wie Wiese meint, mit
v. 25 schließen. Ihre Pointe liegt nur für eine oherflächliche Betrachtung
in Eglons Ermordung. Man hat weiter zu gehen und nach
dem Motiv zu fragen. Dieses ist deutlich zu erkennen in Benjamins
Abhängigkeit von Eglon und wird, wie es zum Wesen volkstümlicher
Erzählungskunst nun einmal gehört, durch öfteres Wiederholen (w. 1
12. 15. 18) genugsam als die Hauptsache gekennzeichnet. Dann j
aber hat die Geschichte ihre Spitze erst in der aus Eglons Ermordung
folgenden Befreiung Benjamins von den Tributzahlungen und findet
erst darin ihren gegebenen und natürlichen Abschluß, der allerdings

— wie ich gern zugebe — in 3, 26ff. nur in überarbeiteter Form I
uns erhalten sein mag. Läßt doch auch Wiese die analoge „Jael-
Sisera Geschichte" nicht mit Siseras Tötung (4, 21) enden, sondern
bezieht Baraks Begegnung mit der Leiche (v. 22) mit ein; auch diese i
Sage hat anscheinend, wie aus 5, 31a ersichtlich ist, ihre letzten,
ausklingenden Sätze einer Redaktorentätigkeit opfern müssen. Für I
6, 11—24 vermag ich nicht ganz klar zu sehen, worauf W. hinauswill
. Wir haben uns doch diesen Komplex aus zwei ursprünglich ganz
selbständigen Erzählungen erwachsen zu denken: das zeigt schon die
Verschiedenheit der behandelten Motive (Beruf ungsgeschichte und
ätiologische Sage). Dieselbe Erscheinung treffen wir auch in cap.
11 an, wo „Jephthas Gelübde" mit der Erklärung einer Sitte zusammengeschmolzen
ist. Wenn Verf. 7, 2 f. von v. 4 ff. loslöst mit I
der Begründung, daß eine „zweimalige Heldenprobe schemaartig
wirkt", so ist dem entgegenzuhalten, daß mit dieser Wiederholung
wie üblich eine Steigerung (10000:300; Gideon: Jahwe) beabsichtigt
ist, und daß sich darin (vgl. auch z. B. 3, 10:20) die Primitivität
volkstümlicher Erzählungen spiegelt. Ihre Eigenart wird alter vollends
verkannt, wenn Wiese 11, 13—26 ausscheidet, da man über der Länge
und der ausführlichen Breite beim Lesen (sie!) den Zusammenhang
vergäße! Die Ähnlichkeit mit Num. 21 beweist an sich noch nichts.
Für 11, 30ff. hätte der Verf., wenn ihm schon die Arbeiten von !
Zapletal (1003) und Weiß (1007) nicht gegenwärtig waren, doch i
wenigstens auf W. Baumgartners Aufsatz „Jephthas Gelübde" (Archiv

f. Rlg. Wiss. XVIII S. 240ff.) eingehen müssen, wie denn auch für

die Simsonsagen die Untersuchungen von Stahn (Simsonsage 1908)

und vor allem H. Gunkels Aufsatz (Reden und Aufsätze S. 38 ff.) [
nicht ignoriert werden durften.

Wenn Wiese mit seiner Arbeit lediglich beabsichtigt j
hat, „die Schwächen der Argumente, auf die die herkömmliche
Annahme aufgebaut ist, und die Schwierig- I
keiten, mit denen sie belastet ist" (S. 61), darzutun, so |
ist zu sagen, daß der Verf. dieses bescheidene Ziel —
auch wenn man vielfach wohl anders vorgehen würde :

— im allgemeinen erreicht hat.

Suhl (Thür.). Gurt Kühl.

Rost, Lic. Dr. Leonhard: Die Ueberlieferung von der Thronnachfolge
Davids. Stuttgart: W. Kohlhammer 1026. (IV, 142 S.)
gr. 8°. =- Beiträge z. Wissensch, vom A. und N. T., 3. Folge. H. 6.

RM 7 .

Die vorliegende literaturgeschichtliche Untersuchung
wendet sich gegen die von Cornill und Budde aufgestellte
und nahezu Allgemeingut gewordene These, nach
welcher für die Samuelisbücher zwei Hauptquellen-
stränge der hexateuchischen Überlieferung (J und E) angenommen
, Unterquellen aber weniger oder mehr apodiktisch
(so besonders von Budde) abgelehnt werden.
Der Herr Verfasser bemüht sich, den Nachweis zu erbringen
, daß für die Thronfolgegeschichte Davids in
II. Sam 6, 16 und 20ff. . . .; 7, IIb u. 16 . . .; 9,
1—10, 5 (10, 6—11, 1); 11,2—12, 7a. 12. 13—25 (26
bis 31); 13, 1—20, 22 (außer 14, 25—27; 18, 18);
I. Kge 1—2, 46 (außer 2, 2—4. 11. 27b) eine selbständige
Darstellung vorliege, die sich „durch stilistische
und formale Eigentümlichkeiten als einheitlich und durch
den Aufbau als in sich geschlossen" erweise. Wie im
Mittelpunkt von I. Kge 1 die „bohrende Frage" stehe:
„Wer wird auf Davids Thron sitzen?", so kreise auch
die gesamte vorliegende — oben näher bezeichnete —
Überlieferung der Thronfolgegeschichte um diese beunruhigenden
Worte, indem nämlich II. Sam 9 und 13

die Vorgeschichte der Thronfolge, II. 10—12 die des
Thronfolgers und I. Kge 1 dann abschließend die
Thronbesteigung Salomos berichte. Während von II.
Sam 13 ab die Einsträngigkeit der Überlieferung deutlich
zu Tage trete, scheinen für die vorhergehenden Kapitel
Unterquellen benutzt worden zu sein. Der Verf.
sucht sie zu eruieren in der Ladeerzählung (I. Sam
4—6; II. 6), der Nathansweissagung (IL 7) und in dem
Bericht über den Ammoniterkrieg (IL 10—12). Eine
Weiterführung der ganzen Überlieferungsquelle sei weder
nach vorn noch nach rückwärts aufzuspüren; auch
nicht in I. Sam 9; 10, 1 — 16; 11, 1 — 11; 15, 25, deren
Stil und Darstellung erheblich von der Thronfolgegeschichte
abweiche.

Rost gewinnt diese Ergebnisse durch eine sehr umsichtig
und feinsinnig geführte Untersuchung über Stil,
Aufbau und Gedankenwelt der vorliegenden Einzelgeschichten
, die mit sehr viel (bisweilen zu viel!) Scharfsinn
in eine oft recht komplizierte (besonders II. 7)
Schichtung zergliedert werden. Wird des Verfassers
These für die Kapitel von II. 13 (15?) an sicherlich
Zustimmung finden, so erheben sich doch Bedenken
gegen seine Anschauung von der Verarbeitung der
Unterquellen.

Sie alle stehen zu dein I lauptthema der Thronnachfolge doch
nur in sehr loser Beziehung. II. 7, 11h u. 16 lassen kaum weittragende
Schlüsse zu; da sie außerdem ganz allgemein gehalten sind,
wird die hesondere Beziehung auf Salomo nicht ersichtlich. Man
könnte zwar verweisen auf I. Kge 2, 24, wo die Verheißung „Ich
will dir ein Haus bauen" nachklingt; aber wahrscheinlich sind dort
ebenso wie in I. Kge 2, 2—4 diese Worte eine spätere Zutat. Auch
die Geschichte von Michals Kinderlosigkeit (IL 6, 16. 20 ff.) gehört
nicht zur Thronfolgegeschichte; in Stil und Anschauungen ist sie
ganz gehalten in der Art der frommen Sage und hat die gleiche
Tendenz wie die übrige Lade-Erzählung. Daß Vergehungen an der
Gottheit schwer geahndet werden, soll durch sie illustriert werden.
Auch Davids Ehehruchgeschichte (II. 11 f.) kann man nicht gut als
eine „Vorgeschichte des Thronfolgers" ansprechen. Vielmehr erweist
sich II. 11, 2—12, 23 als eine selbständige, in sich geschlossene Geschichte
, an welche nicht ungeschickt zur Verzahnung die Notiz von
Salomos Geburt und Erziehung angefügt ist. Auffallend bleibt die
Tatsache, daß diese Erzählung in den Kriegsbericht hineingestellt
worden ist. Fraglich wird auch sein, ob die Thamar-Novelle zur
Thronüberlieferuiig gehört, auch wenn sie stilistisch und ihren Anschauungen
nach dem Hauptstrang sehr nahe steht; man heachte die
Anfänge 13, 1 und 15, 1.

Aber ganz abgesehen davon, wieweit man der
Hauptthese des Verf.s wird zustimmen können, ist die
Untersuchung durchaus beachtenswert und verdienstlich.
Wird doch hier endlich einmal damit Ernst gemacht, die
einzelnen Erzählungen nicht lediglich vom literarkriti-
schen Standpunkt zu beurteilen, sondern sie unter literaturgeschichtlichen
Gesichtspunkten möglichst erschöpfend
zu bewerten. Und Rost besitzt die Gabe, sich in die
Geistesstruktur des einzelnen Erzählers einzufühlen, die
Gedankenwelt und religiösen Anschauungen herauszuarbeiten
, in feiner Weise den künstlerischen Aufbau der
Einzelgeschichte aufzudecken und sie in ihrer Eigenart
und charakteristischen Sonderheit zu erfassen. Gerade
auf diesem Gebiet ist Rost's Arbeit reich an vielen trefflichen
Beobachtungen und wohl geeignet, manche neue
Erkenntnis zu vermitteln.

Suhl (Thür.). Gurt Kühl.

Gulkowitsch, Dr. phil. Lazar: Der Hasidismus religionswissenschaftlich
untersucht. Leipzig: E. Pfeiffer 1927. (81 S.)
gr. 8°. = Veröffentlichungen d. Forschgs.-Inst.s f. vergleichende Rel.-
Gesch. an d. Univ. Leipzig. Reihe 2, H. 6. RM 3.50.

Eine anziehende feine Studie und zur Zeit wohl die gründlichste
über den gewählten Gegenstand. Bekanntlich gilt als der
Begründer des Hasidismus Israel ben Eli'czer mit dem Beinamen Ba'al

schem tob (abgekürzt t0"t#,~J Beseht) t U59. S. 69 wird der
Hasidismus gewiss mit Recht als „der letzte große Durchbruch des
gefühlsmäßigen Widerspruchs gegen die talmudische Formalreligion"
gewertet. Nur möchte ich hinter die Behauptung, daß der Hasidismus
„eine durchaus originale Erscheinung" sei (ebenda), ein Fragezeichen
setzen. Sollte nicht bei der Entstehung die große Zeitwelle