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Ausgabe:

1928 Nr. 4

Spalte:

93-94

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfennigsdorf, Emil

Titel/Untertitel:

Der religiöse Wille. 2., umgearb. Aufl 1928

Rezensent:

Wehrung, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 4.

94

Pfennigsdorf, Prof. D. E.: Der religiöse Wille. Ein Beitrag
zum psychologischen Verständnis d. Christentinns u. seiner praktischen
Aufgaben. 2., umgearb. Aufl. Leipzig: A. Deichert 1927. (XI,
321 S.) gr. 8°. RM 12-; geb. 14•-.

Religionspsychologische Programme- hat es in den
letzten Jahrzehnten bei uns in Deutschland mannig- I
fach gegeben. Umfänglichere religionspsychologische j
Untersuchungen sind trotzdem bei uns selten geblieben, j
Pfennigsdorf kann die seine die erste dieser Art nennen. I
Wozu auch Religionspsychologie, wenn der Glaube keine j
geistige Funktion mehr sein darf? Aber der Praktiker
weiß, daß sich der Glaube in wirklichen Menschen
vollziehen muß und daß ein Verständnis dieses Vorganges
für die Arbeit der Kirche unerläßlich ist. Wie
es denn hier ein (allerdings das Ganze der Theologie
umfassender) Praktiker ist, der sich an die wichtige
Aufgabe macht. Ist uns nun besser gedient durch die
vielen Grundrisse und Lehrbücher der Dogmatik, mit
denen wir neuerdings umso reichlicher beschert werden
? Oder sind solche religionspsychologische Einzeluntersuchungen
noch schwieriger" und entsagungsvoller
?

Dieses Buch reiht sich (vgl. S. 248) den Arbeiten
zur höheren Geistespsvchologie ein, an denen wir in
Deutschland überhaupt lange sehr arm waren. Die theologische
Absicht, von der psychologischen Seite her
das Leben des Glaubens aufzuhellen, ist dabei genau
festgehalten. Bei aller Anknüpfung etwa an die Forschungen
von Teichmüller und FL Schwarz geht es
selbständig seine Wege; in Methode und Ergebnis vermeidet
es den verkappten Naturalismus, den die Psychologie
erst seit kurzem zu durchbrechen sich anschickt.
Im methodischen Abschnitt ist jetzt die kritische Würdigung
des Frageverfahrens Girgensohns beachtenswert
; leider ist eine Aussprache mit Sprangers Strukturpsychologie
nicht geboten.

Die Grundthese Pfennigsdorfs ist die Notwendigkeit
der Unterscheidung kausalgesetzlicher und normgesetzlicher
Vorgänge des Seelenlebens, damit die Begründung
des wirklich lebendigen Glaubens auf Nötigungen
normativer Art, also die Einsicht in die ausschlaggebende
Stellung des Willens für das Glaubensleben
. Der Gedanke ist groß und richtig. Seine Bedeutung
tritt in helles Licht im letzten Abschnitt, der
seiner Verwertung in der praktischen Verkündigung gewidmet
ist. Vortrefflich ist dort gezeigt, daß die indirekten
Wege zum Willen den entscheidenden Dienst
nicht tun. Man horche in die jüngere, im Amt stehende
Pfarrerwelt hinein, man wird in der Tat hören: wir
können uns in diese Sachen nicht mehr hineinfinden.
Pfennigsdorf ist gerecht, er läßt sie in zweiter Linie
gelten, aber er stellt allerdings mit Nachdruck das Geltendmachen
der den Glauben aufrufenden Willensnormen
voran. Eine Predigt, sagt er fein, die objektiv
den Glauben beschreibt und zur rechten Bewertung
des religiösen Gutes anleiten will, bleibt gesetzlich,
weil sie den Glauben zwar als wertvolles Ziel zeigt,
aber den Menschen sich selbst überläßt, ohne ihn spüren
zu lassen, daß Gottes Wille auf ihn eindringt und
Kraft gibt zu folgen. Das entspricht dem heutigen
theologischen Verständnis des Glaubens als einer in I
der unmittelbaren Confrontation mit Christus und Gott j
entspringenden, aus der Kraft des Geistes erfolgenden I
Anerkennung des verwerfenden und rettenden Willens j
Gottes.

Eine Aufgabe wie die hier übernommene ist der i
Versuchung ausgesetzt, den Willen im religiösen Vor- !
gang so zu betonen, daß die religiöse Vorstellung und
das religiöse Gefühl in ihrer eigenen Funktion und Selbständigkeit
verschwinden. Pfennigsdorf ist dieser Versuchung
nicht erlegen; im Gegenteil bemüht er sich,
das komplizierte Wechselverhältnis dieser Seiten des
religiösen Lebens mit aller Unbefangenheit darzustellen.
Es gibt z. B. wirklich rein zuständliche religiöse Gefühle
, aber daneben gibt es nicht minder das relativ

unabhängige religiöse Streben, wobei einleuchtend gefühlbestimmtes
Verlangen oder Sehnen und normbestimmtes
Wollen unterschieden werden. Die Gegenüberstellung
von religiösem und sittlichem Wollen macht
man sich freilich, scheint mir, zu leicht, wenn man
das sittliche Wollen in der Kantischen Abstraktion
nimmt und vergißt, daß alles sittliche Wollen in der
Gemeinschaft entsteht und stets zugleich als Empfangen
lebendig ist. Aus dem Abschnitt über die Bedingungen
und Normen des Willens, worin eigentlich der Knoten
sich schürzt, unterstreiche ich die Bemerkungen über
das Verhältnis von veranlassendem Motiv und aufnehmendem
, dadurch das Motiv verstärkendem Willen im
religiösen Akt. Der Raum für das religiöse Sollen ist
frei. Zum Eigensten des Buches gehört die Ausführung
über die Normgesetze des anwendenden oder analytischen
und vor allem des aufbauenden, synthetischen
Vorziehens. Religiöser Zustandswert (z. B. Seligkeitsgefühl
), religiöser Personwert (Glaube, Treue, Liebe,
offenbar alles als Tatfunktion), (überpersönlicher) Sachoder
Fremdwert (Gott) werden abgestuft. Eine tiefe
Wahrheit enthüllt sich, die näheren Bestimmungen freilich
wecken noch Bedenken. Kann man die Personwerte
des Glaubens oder der Liebe mit selbstischen, den
überpersönlichen Fremdwert allein mit unselbstischen
Motiven verbinden? Müssen nicht Glaube, Liebe usf.
von vornherein als persönliche Bejahung des überpersönlichen
göttlichen Sachwerts, der nicht bloß „Fremde-
wert ist, gefaßt werden? Verheißt das Evangelium nicht
dem, der sein Leben verliert, daß er es finde? Verheißt
es nicht die fturj alüvcog? Mit der nachfolgenden Einschränkung
, daß beim Vorziehen die Personwerte bleiben
, was sie sind, ist der Einwand nicht erledigt. Es
wandelt sich doch das Verständnis der Personwerte.
Der Personwert, der im Glauben zum Ausdruck kommt,
sieht anders aus als der in der Erhöhung des eigenen
Selbst gesuchte, sofern diesem Selbst das Gericht erspart
ist. Nicht die tiefere Absicht dieser wichtigen
Erörterung kann in Zweifel gezogen werden, sondern
nur die ihr dienenden Einzelaussagen. So hat es gewiß
auch Sinn, diese Normgesetze des Vorziehens apriorisch
zu nennen: aber ist es richtig, sie einfach als „das
religiöse Apriori" an Stelle des Kantischen oder Otto-
schen Apriori zu setzen? Ein solches Apriori steht
doch nicht mehr einer „geschichtlichen Offenbarung"
gegenüber, wie Pfennigsdorf will, sondern es wirkt die
Geschichte selbst, in der es hervortritt.

Die folgenden psychologischen Erörterungen über
Bekehrung, Reue, Glaube oder über die Wirkungen des
religiösen Wollens auf Gefühl und Erkennen halten die
Höhe der Darstellung inne. Über „Freiheit und Unfreiheit
des christlich-religiösen Wollens" wird gesagt,
was psychologisch gesagt werden kann, theologisch ist
es vielleicht nicht das letzte Wort.

Über dem Lesen des Buches kam mir der Gedanke
, daß es nützlich wäre, von seinen psychologischen
Einsichten aus einmal die Rechtfertigungslehre der Reformationszeit
, zugleich in ihren Wandlungen, zu betrachten
. Ist ursprünglich nicht stärker der Wille mit
angespannt, wo man doch gerade begreiflich machenwill
, quomodo bona opera facere possimus, und tritt
später nicht der Wille hinter dem Gefühl (Trost) zurück
?

Pfarrern und Studenten wird die Beschäftigung
mit diesem wertvollen Werk Förderung bringen; zur
Besprechung in Seminaren ist es sehr geeignet.

Halle. Georg Wehrung.

Jahrbuch für„Liturgiewissenschaft. In Verbinde, m. A. Baumstark
u. A.JL. Mayer hrsg. v. Odo Ca sei. Bd. 6. Münster i. W.:
Aschendorff 1926. (III, 443 S.) 4°. = Verein z. Pflege d. Liturgiewissensch
. RM 16.80; geb. 18.80.

Die erhebliche Bedeutung dieses Jahrbuchs ist bereits
früher hier gewürdigt worden. Aus Anlaß des
neuen Jahrgangs muß es genügen, auszusprechen, daß