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Ausgabe:

1928 Nr. 4

Spalte:

89-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aulén, Gustaf

Titel/Untertitel:

Den kristna gudsbilden genom seklerna och i nutiden 1928

Rezensent:

Bohlin, Torsten

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 4.

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stes in der gegenwärtigen Christenheit auf eine weitere
„Vertiefung" ihrer Gedanken.

Die römische Gennugtuung kann auch groß genug
sein; denn an einem entscheidenden Punkte haben die
Anglikaner dem päpstlichen Primat Unübersehbares zugestanden
. Sie haben im römischen Berichte, ohne Widerspruch
zu erheben, die Wendung zugelassen; es bestehe
ein Angebot der anglikanischen Bischöfe, wenn man
sonst über die Wiedervereinigung einig würde, in die
anglikanischen Weihen ein solches Element einzuführen,
welches nötig wäre, um die Zweifel der römischen
Kirche hinsichtlich ihrer Giftigkeit zu beheben. Man |
vergleiche damit die bisherige Stellung auch der Anglo-
katholiken, auch des Lord Halifax! Dies Zugeständnis
ist fast aus Versehn herausgekommen. Der Lambeth
Appeal spricht in seinem achten Abschnitt von der Bereitwilligkeit
, von den Autoritäten der „andern Kommu- j
nionen" eine formelle Beauftragung oder Anerkennung
hinsichtlich des anglikanischen Bischofsamts anzunehmen; er
hat dabei an die ein Bischofsamt mit apostolischer Sukzession !
nicht kennenden nonkonformistischen Gruppen gedacht,
denen er durch eine nichts bedeutende Gegengabe die anglikanische
Neuordination ihrer Geistlichen schmackhaft machen
wollte. Die römischen Unterhändler deuteten diesen Abschnitt, j
indem sie die römische Kirche als unter diesen „andern
Gemeinschaften" mitgemeint verstanden und — dies j
Angebot unter bewundernder Anerkennung der anglika- |
nischen Demut annahmen. Schon aus logischen Grün- I
den, und um nicht den ganzen Rückhalt im Lambeth j
Appeal zu verlieren, konnten die Anglikaner diese Deutung
nicht klar ablehnen; sie haben nur Wünsche über
die Form dieser Anerkennung und den Vorbehalt einer
Einigung in allem übrigen geltend gemacht. Jedenfalls
hat durch diesen außerordentlich geschickten Schachzug j
Mercier's der 8. Abschnitt des Lambeth Appeal eine
entscheidende Bedeutung für die weitere Entwicklung
der anglokatholischen Krise bekommen, in der sich die
anglikanische Kirche gegenwärtig befindet.

Alles in allem darf man wohl fragen, ob sich der j
Standpunkt, auf dem die Anglikaner bei diesen Verhandlungen
anlangten, von dem jener äußersten Romanisten, die man
in England Ultramarines genannt hat, noch sehr viel unterscheidet
. Natürlich darf man bei der kirchengeschicht- j
liehen Auswertung der Verhandlungen nicht vergessen, j
daß es sich lediglich um den Vorstoß einer einzelnen j
Gruppe in der anglikanischen Kirche handelt. Immerhin ver- j
gesse man auch nicht, daß die Sache angesichts des ganzen
Verhaltens des Erzbischofs von Canterbury einen offiziösen j
Charakter nicht ganz verleugnen kann. Der Erzbischof {
hat sich nicht mit jener Kenntnisnahme begnügt. Er hat
diese Unterredungen als innerhalb des Anglikanismus j
legal verteidigt. Er hat sich die Berichte einreichen
lassen und keinen Anlaß genommen, einen der beteiligten j
Geistlichen zu tadeln. Er hat zur jetzigen Veröffentlichung
und zur Beifügung jenes Stücks seiner Kon- |
vokationsansprache seine ausdrückliche Erlaubnis gegeben
. Auch wenn man sehr vorsichtig abwägt, ist das j
Urteil unvermeidlich: es ist jetzt eine in der anglika- j
nischen Kirche unter offizieller Kenntnis-!
nähme als kirchlich möglich anerkannte
Ansicht, daß es einen Primat des Papstes in der Kirche
Christi gibt und daß erst die Anerkennung dieses Pri- ;
mats eine Einheit der Kirche möglich macht. Das ist
(zumal wenn man bedenkt, was Präzedenzfälle für das eng- 1
lische Rechtsempfinden bedeuten) eine kirchengeschichtliche j
Tatsache von garnicht abzuschätzender Bedeutung.

Göttingen. E. Hirsch.

Aul6n, Gustaf: Den kristna gudsbilden genom seklerna och i
nutiden. En konturteckning. Stockholm: Svenska Kyrkans Diakoni-
styrelses Bokförlag 1927. (400 S.) gr. 8°. 9 kr. 50 ö.

Dieses Werk füllt eine wirkliche Lücke aus nicht
nur in der nordischen Theologie. Sonderbarerweise fehlt
nämlich überhaupt eine eingehende, alle Zeitalter umspannende
Monographie über die christliche Gottesvorstellung
— wenn auch A. E. Garvies The Christian
Doctrine of Godhead Tendenzen in dieser
Richtung aufweist.

Durch seine Untersuchung motiviert Aulen seine
Grundthese, daß so wie Gott der einzige „Gegenstand"
des christlichen Glaubens ist, so kann keine Glaubensvorstellung
mit Recht auf gleiche Stufe mit der Gottesvorstellung
gestellt werden. Diese ist etwas ganz anderes
und mehr als nur ein einzelner Punkt im System —
wie wichtig dieser auch sein mag. Sie ist auch nicht eine
neutrale Zone „über dem Kampfgetümmel" in der
christlichen Ideengeschichte. Die Gottesvorstellung normiert
am letzten Ende alle christlichen Glaubensvorstellungen
; die ganze Christentumsauffassung wird mit
einer Art innerer Notwendigkeit zu dem, was die Gottesvorstellung
ist.

Wenn Aulen von diesem bisher unverwerteten
methodologischen Gesichtspunkt aus in der Tat die
christliche Ideengeschichte aufrollt, so wird das Resultat
gewissermaßen eine ganze „Dogmengeschichte". Nur ist
zu bemerken, daß es eine „Dogmengeschichte" eigener
Art ist. Teils erhält sie ihre eigenartige Ausgestaltung
dadurch, daß der Verf. energisch und konsequent an dem
Gottesbild als seinem Orientierungspunkt festhält.
Bei einem Vergleich mit A. v. Harnacks von der
C hristo logie aus orientierten Dogmengeschichte
springt diese Eigenart deutlich in die Augen.
Teils hat der Verf. den dogmengeschichtlichen Stoff
streng gesiebt. Es handelt sich hier keineswegs um
einen mehr oder weniger vollständigen Katalog über die
dogmatischen Lehrstreitigkeiten; was der Verf. gibt,
sind Umrisse, die großen Linien in der dogmengeschichtlichen
Entwicklung.

Den historischen Vorgang des Christentums betrachtet
Aulen weder als eine allmählich sinkende noch
als eine unaufhörlich steigende Kurve; er ist ebenso fern
von jenem Pessimismus, der in der Geschichte des
Christentums nur eine Degeneration sieht, als auch von
jenem oberflächlichen Optimismus, der die 2000 Jahre
vom Gesichtspunkt der Evolution aus betrachtet. Typisch
für den Verf. ist seine Auffassung der Geschichte
des Christentums als einem fortlaufenden, spannungsvollen
Drama, in dem sich — nicht eine vollendete
„Lehre" sondern — ein in die Geschichte hineingesetztes
neues „Grundmotiv" unter schweren Streitigkeiten durchsetzt
.

Wenn es gilt, den Gehalt dieses „Grundmotives" zu
fixieren, zeigt es sich, wie wichtig es ist, zwischen
Gottes b e g r i f f und Gottes b i 1 d prinzipiell zu unterscheiden
. Der eigentliche „Gegenstand" des Glaubens
ist das von Leben und Aktivität überströmende Gottesbild
, das tatsächlich hinter oder unter den verschieden
ausgeprägten Gottesbegriffen liegt und für welches jene
nur mehr oder weniger adäquate Ausdrücke sind. Die
Aufgabe ist mit anderen Worten, das religiöse Motiv aufzuspüren
, das im Grunde die auf verschiedene Weisen
geprägten Gottesbegriffe hervorbringt und trägt, insofern
diese überhaupt christlichen Gehalt haben. Fragt
man nun, welches dieses „Grundmotiv" ist, in dem der
Wesensgehalt des christlichen Gottesbildes für alle Zeiten
eingeschlossen liegt, so kann die Antwort nach Aulen
darin zusammengefaßt werden, daß das Gottesbild des
Evangeliums „die spontan gebende, freie und souveräne
Liebe ist, die deswegen gibt, weil es ihre Natur ist zu
geben, und die in dieser Liebe die Initiative ergreift, die
das Verlorene sucht und sich selbst den Sündern gibt"
(S. 28), d. h. die souveräne Liebe wird, negativ gesehen,
dadurch gekennzeichnet, das sie sich weder binnen der
Grenzen der Rechtsordnung noch binnen der Grenzen
der Rationalität einschließen läßt.

In dem interessanten Einleitungskapitel von den
„Grenzlinien des Christentums" wird gezeigt, daß die entscheidende
Grenze — nicht zwischen Jesus und dem so-