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Ausgabe:

1928 Nr. 3

Spalte:

65-66

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scherer, Emil Clemens

Titel/Untertitel:

Geschichte und Kirchengeschichte an den deutschen Universitäten. Ihre Anfänge im Zeitalter des Humanismus und ihre Ausbildung zu selbständigen Disziplinen 1928

Rezensent:

Anrich, Gustav Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 3.

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Scherer, Emil Clemens: Geschichte und Kirchengeschichte
an den deutschen Universitäten. Ihre Anfänge im Zeitalter d. I
Humanismus u. ihre Ausbildung zu selbständ. Disziplinen. Frei- I
bürg i. Br.: Herder & Co. in Komm. 1927. (XXX, 522 S.) gr. 8°. |

RM 18—; geb. 20—.

Die Entwicklung, nicht der deutschen Oeschichts- i
Wissenschaft, sondern des Geschichtsunterrichts und Ge- i
Schichtsstudiums an den deutschen Universitäten des ;

16. -18. Jahrh.s ist das Thema des vorliegenden Buches,
das sich dem Verfasser erst im Laufe seiner Arbeit mit
einer gewissen inneren Notwendigkeit zu seinem jetzigen
Umfang ausgewachsen hat. Sein ursprüngliches Ziel
war die Darstellung des Studiums der Kirchengeschichte 1
an den katholischen Universitäten des alten deutschen
Reiches. Dabei stellte sich indes heraus, einmal daß die
Kirchengeschichte zunächst einen Teil der in der artistischen
Fakultät beheimateten Universalhistorie gebildet
hat, sodann daß beide erst im 18. Jahrh. in den katholischen
Anstalten als Lehrgegenstände wieder eingeführt
worden sind, und zwar in völliger Abhängigkeit von
dem, was sich an den protestantischen deutschen Universitäten
herausgebildet hatte. Sie allein hatten die
Antriebe und Anfänge des Humanismus weitergebildet,
während die Übernahme der katholischen Hochschulen
durch die Jesuiten für jeglichen Geschichtsunterricht
tötlich gewesen war. — Somit behandelt Verf. zunächst
das Geschichtsstudium an den protestantischen Universitäten
, seine humanistischen Anfänge, dann die vor
allem durch Melanchthon und seine Schule und die
Lehrbücher Melanchthons und Sleidans veranlaßte Ausbildung
der Universalhistorie, die auch die Kirchengeschichte
in sich begreift; endlich die von der Mitte des

17. Jahrh.s ab ständig fortschreitende Differenzierung,
die unter starker Einwirkung der juristischen Studien
aufkommenden Vorlesungen über deutsche Reichs- und
Ländergeschichte, europäische Staatsgeschichte u. s. w.,
womit auch die Verselbständigung der Kirchengeschichte
sich vollzieht. Mit der Zeit Mosheims, in der sich die
Kirchengeschichte überall als selbständige Disziplin
durchgesetzt hat, bricht der Überblick ab. Erst jetzt
kann gezeigt werden, wie im 18. Jahrh. unter Antrieb
des Aufklärungsgeistes das an den protestantischen Universitäten
Bestehende langsam auch in den katholischen
Hochschulen durchgeführt wird, bezeichnenderweise
durch die Regierungen und die vom Zeitgeiste berührten
Kirchenfürsten unter ständiger Renitenz der Jesuiten,
so daß es erst nach Aufhebung des Ordens zu einer
durchgreifenden Neuregelung kommt, die bis zur Aufhebung
der katholischen Hochschulen um 1800 verfolgt
wird.

Mit ungemeiner Sorgfalt hat Verf. ein reiches I
Material zusammengetragen und gemeistert. Neben den i
allgemeinen Darstellungen des deutschen Universitätswesens
und der deutschen Geschichtswissenschaft sind
die Monographien über die einzelnen Universitäten, die
Studienordnungen, die Vorlesungsverzeichnisse, soweit |
sie erhalten sind, endlich die biographischen Quellen ;
ausgeschöpft, in einzelnen Fällen sogar archivalisch.es
Material herangezogen. Insonderheit hat Verf. auch alles
aufgespürt, was im Zusammenhang mit dem Geschichtsunterricht
an Lehrbüchern, Programmen, Dissertationen
und sonstigen Darstellungen zu Lehrzwecken verfaßt
worden ist. Das als Anhang beigegebene 41 Seiten
füllende systematische Verzeichnis dieser großenteils der
Vergessenheit anheimgefallenen Literatur ist eine wertvolle
Zugabe. Verf. hat die größte Mühe aufgewandt, j
für die katholischen Universitäten ein möglichst vollständiges
Bild zu geben. Das hindert nicht, daß das
hier Dargestellte gegenüber dem Vorhergehenden an
Eindruck beträchtlich abfällt. So bedeutsam der allgemeine
Umschwung ist und so lebendig auf Grund des
großen Werkes von H. Zschokke die Theresianische und
Josephinische Studienreform dargestellt sein mögen, das
Erreichte hinterläßt doch den Eindruck starken Ab-
Standes; es wird nachgeahmt, nicht Eigenes geschaffen,

die literarische Produktion ist sehr dürftig, das wenige
Beachtenswerte nicht aus katholisch-kirchlichem Geist
geboren, manchmal ihm widersprechend. Wie anders
gehaltvoll mutet die im vorhergehenden Abschnitt gezeichnete
Entwicklung an. Hier sieht man die Dinge
wachsen und sich organisch entfalten, aus innerer Folgerichtigkeit
wie unter äußeren Antrieben, wobei je und je
bestimmten Universitäten führende Bedeutung zukommt.
Vielleicht wäre die Frage noch zu berühren gewesen,
inwieweit alles bodenständige Entwicklung ist und inwieweit
etwa auch Einflüsse von auswärts, z. B. von
den Niederlanden her, sich geltend gemacht haben.
Jedenfalls aber ist hier ein wichtiger Ausschnitt aus der
Geschichte des deutschen Universitätsunterrichts in einer
durch die Fülle des konkreten Stoffes wie durch die Art
seiner Bearbeitung ausgezeichneten Weise zur Darstellung
gebracht.

Tübingen. O. Anrieh.

Wotschke, Theodor: Johann Theobald Blasius. Ein Lissaer
Rektor des 16. Jahrhunderts. Sonderabdr. aus d. Deutschen Wissenschaft
!. Zcitschr. f. Polen, H. 0. (Pratau, Kr. Wittenberg: Selbstverlag
d. Verf.) (30 S.) gr. 8".

W. stellt fest, daß in Lissa bereits 1574 eine schola nobilium,
an der Blasius als Rektor gewirkt hat, bestanden habe. Über die
Schule selbst konnte er aus dem ihm zur Verfügung stehenden
Materia! nichts näheres erfahren; um so wichtiger sind deshalb die
Nachrichten über den aus Strafiburg stammenden Leiter derselben,
einen Schüler Johann Sturms, den der Graf Kafael von Lissa nach
Polen geholt hat. Für seine Übersiedlung nach Krakau im Jahre 1577
war seine wachsende Hinneigung zum Antitrinitarismus entscheidend.
Der von W. im Anhang veröffentlichte Briefwechsel zwischen Blasius
und dem Quacksalber Leonhard Thurneissen enthält U. a. Nachrichten
über den damaligen Stand der Alchemie.

Wien. Karl Völker.

Oetinger, Friedrich Christoph. — Friedrich Christoph
Oetingers Leben von ihm selbst beschrieben. (Genealogie
d. reellen Gedanken e. Gottesgelehrten [Neuausg.].) Hrsg. v.
Samuel Schaible. Mit e. Titelbild u. Verz. d. Schriften von
u. über Oetinger. Schwab. Gmünd: H. Aupperle 1927. (104S.)
8°. Lwd. RM 3.50; Bild allein RM -50.

Diese Ausgabe von Oetingers Selbstbiographie ist
| ein charakteristisches Zeichen für seine Behandlung in
der Gegenwart. Der Kreis seiner Liebhaber beginnt
langsam wieder zu wachsen, aber für eine wissenschaftliche
Bearbeitung seiner Schriften scheint die Zeit noch
nicht reif zu sein. So mußte das bekannte junge Antiquariat
, das aus eigener Initiative den begrüßenswerten
Plan dieser neuen Ausgabe faßte, auf Quellenarbeit verzichten
und sich damit begnügen, daß der Hrg. nur
den durch Hamberger 1845 besorgten Abdruck einer
Abschrift zugrunde legte — unter gelegentlicher Heranziehung
der Ehmannschen Ausgabe von 1859 — und
ihn in eine stilistisch glatte Form übertrug. Das Fehlen
der erwünschten Quellenbehandlung ist hier nicht so bedenklich
, wie es scheinen könnte; denn obgleich das
Originalmanuskript bereits von Hamberger nicht mehr
nachzuweisen war, so stimmen doch die vorhandenen
Abschriften, die wahrscheinlich in Oet.s Lebenszeit zurückreichen
, und alle Drucke, welche sich um einen richtigen
Text bemühen, sachlich miteinander überein und
weichen fast nur in äußerlichen Einzelheiten von einander
ab. Die stilistische Ausgleichung der Unebenheiten
ist zurückhaltend und ganz geschickt vorgenommen, sie
greift die Sache nirgends an. Wenn man auch — absehend
von der Frage der historischen Objektivität als
solcher — sagen muß, daß sie den Eindruck der Frische
der unmittelbaren vom Verf. vermutlich wenig redigierten
Niederschrift beeinträchtigt, so darf sie auf der anderen
Seite wohl die Erwägung für sich geltend machen,
daß Oet, der in diesem Falle sehr unwahrscheinlich
an eine Drucklegung gedacht hat, Manuskripte auch
selber durch Freunde druckfertig machen ließ. Bedauerlicher
ist die einzige Streichung, nämlich der für Oet.
charakteristischen Beschreibung der drei „Mittel", durch
die sich nach seiner gottesgeschichtlichen anstatt geistes-