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Ausgabe:

1928 Nr. 3

Spalte:

62-63

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmeidler, Bernhard

Titel/Untertitel:

Kaiser Heinrich IV. und seine Helfer im Investiturstreit 1928

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 3.

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und Frieden; 10. Nüchternheit und Abstinenz; 11. Die spätere soziale
Gesetzgebung.

Die Kapp. 5—11 sind nur knappe Skizzen, die
auf frühere Arbeiten des Verf.s über ähnliche Themata
verweisen. Hauptsache des Buches ist die Darstellung
der sozialen Verhältnisse in Israel während der verschiedenen
Perioden der Geschichte des Volkes. Auch
diese ist mehr gemeinverständlich geschrieben und geht
nur gelegentlich auf detailliertere Einzeluntersuchungen
ein.

Des Verfassers Gesamtauffassung der Geschichte
Israels ist aus seinen früheren Werken, besonders aus
seiner „Israels historia" bekannt; sie darf als eine gemäßigt
kritische, etwa von dem Typus R. Kittels, bezeichnet
werden. Ich bin in mehreren Punkten anderer
Meinung; darauf näher einzugehen, ist hier nicht der
Platz. Nur möchte ich bemerken, daß ich seine Benutzung
sehr später Quellen als Stoff für die Darstellung
der Zustände weit älterer Zeiten wenigstens
methodisch ungerechtfertigt (sichergestellt) finde; aus
dem E-Bericht über Said und Samuel irgend etwas über
die Beurteilung des Königtums zu Sauls Zeiten zu entnehmen
, scheint m i r leichtgläubig. Ebenso die, freilich
moderne, Ausnutzung der Patriarchenerzählungen für die
vorgeschichtliche Zeit.

Verf. urteilt meistens besonnen und umsichtig und
ist mit dem schwierigen Stoff und der gewaltigen Literatur
auf dem Laufenden, wie bei einem Gelehrten von
dem Range Staves nur zu erwarten ist. Verdienstvoll ist,
daß er in diesem Werke auch über weniger bekannte,
anscheinend gründliche englische und amerikanische Arbeiten
über die sozialen Verhältnisse und Fragen in der
Bibel berichtet; z. T. läßt er sich auch von dort seine
Fragestellungen geben. — Verdienstvoll ist auch, daß
er regelmäßig versucht, aus den „biblischen" Verhältnissen
und Problemen Licht auf analoge und ähnliche
moderne Fragen zu werfen.

Das Bedeutungsvollste bei dem Buche ist der Versuch
einer Auseinandersetzung mit Johannes Pedersens
„Israel" betreffs Psychologie und Gesellschaftsleben der
alten Zeit. Stave hat hier viel von Pedersen gelernt und
gibt das bereitwillig zu. Andererseits kritisiert er, daß
Pedersen die Seele des alten Israels und dessen Ideale
zu „primitiv" auffaßt und sucht ihn in dieser Hinsicht
zu berichtigen. So richtet er sich besonders gegen
Pedersens Auffassung des „Segens" als eines „Könnens"
(Vermögens) der Seele des Mannes, und will einerseits
mehr betonen, daß auch der alten Zeit, etwa dem Jah-
wisten, der Segen als eine Gnadengabe Gottes galt,
andererseits, daß der Segen „nicht ein natürliches Können
ist, sondern eine von einem edlen Willen getragene Gesinnung
, die die Größe des Mannes bildet und ist" (S.
Q4). — Richtig an dieser Kritik ist, daß Pedersens Buch
das Hauptgewicht auf die Ausarbeitung der alten einheitlichen
(„primitiven") Konzeption des Lebens und
der Wirklichkeit legt, und daß das Beduinideal gewissermaßen
seinem Herzen am nächsten steht, während die
spätere Entwicklung oft (aber lange nicht immer) mehr
andeutungsweise, je an ihrem Orte, gegeben wird. Aber
sie wird doch gegeben. Und der Gesichtspunkt der göttlichen
Gabe wird bei Pedersen stark betont, er sucht
aber die Einheit dieser beiden Gesichtspunkte für
die alte Zeit aufzuweisen, während die spätere Zeit
durch das schrankenlose Überwiegen des letzteren gekennzeichnet
wird. Unzutreffend ist auch der Gegensatz,
den Stave im obigen Zitat feststellen will; hier"scheint
er mir nicht, Pedersen recht verstanden zu haben. Auch
hier liegt eine scheinbare „Doppelheit" in der Konzeption
der Primitiven vor, die wir nicht logisch ausgleichen
können; dem alten Israel selbst war aber die
scheinbare „Doppelheit" eine einheitliche Gesamt-An-
schauung der Wirklichkeit. Daß der „Segen" und die
„Gerechtigkeit" des Mannes, die dem alten Israel sehr
nahe verwandte Begriffe waren, auch das, was wir das
Moralische nennen, und ebenso die Vorstellung von der

Abhängigkeit von der Gottheit mit einschließen, hat
Pedersen so deutlich wie nur möglich betont, ja er hat
es eigentlich erst in seiner vollen Bedeutung entdeckt.
Stave gibt ein schiefes Bild von Pedersens Ansicht.
Vielleicht weil er der Ansicht zu sein scheint, als wäre
„primitiv" ein Schimpfwort und Primitivseiin etwas Unedles
? Lugt nicht schließlich hier alter Theologenrationalismus
hervor? — Im Zusammenhang mit dieser
Art steht es wohl auch, wenn Stave m. A. n. nicht
selten seine Quellen durch moderne und christlich-rationale
Brille liest und die alten „Begriffe" nach modernen
Kategorien und Begriffsbildungen deuten will. Dadurch
werden Gegensätze gesetzt, die nicht vorliegen, und
solche, die tatsächlich vorliegen, schief gedeutet. Letzteres
z. B. in der Beurteilung der Jesaja-Ahaz-Episode,
wo Stave die landläufige Beurteilung des Königs als
eines feigen und unklugen Heuchlers teilt; er will nicht
sehen, daß dort zwei Zeiten und zwei Lebensideale einander
plastisch gegenüberstehen.

Oslo. Sigmund Mowinckel.

Schmeidler, Prof. Bernharc}: Kaiser Heinrich IV. und seine
Helfer im Investiturstreit. Stilkritische und sachkrit l'ntersuclign.
Leipzig: Dyksche Buchh. 1027. (XVI, 422 S.) gr. 8°. RM 25-.
Von den ungewöhnlich zahlreichen Quellen, die wir
für die Regierungszeit Heinrichs IV. besitzen, sind uns
sehr wichtige Materialien im Codex Udalrici und nicht
minder wichtige, ergänzende Briefsammlungen in der
Hannoverschen Handschrift und in der St. Emmeraner
Sammlung bei Pez aufbewahrt, die Sch. in diesem Buch
für das Verständnis der Zeitgeschichte nutzbar zu
machen versucht. Mit Hilfe der von ihm weiter ausgebauten
stilkritischen Methode will er in viel höherem
Grade als bisher diese Quellen „redend" machen, persönlich
bestimmt und erkennbar werden lassen. In
den ersten 4 Kapiteln werden 4 wichtige und leitende
Persönlichkeiten in der Kanzlei Heinrichs IV. auf Grund
I einer genauen stilkritischen Unterscheidung ihrer Anteile
an den wichtigsten Aktenstücken von einander
unterschieden und charakterisiert. Der erste ist Gott-
I schalk von Aachen, ein zuverlässiger Beamter von be-
j sonderer persönlicher Prägung, aber kein selbständiger,
i Initiative gebender, politischer Charakter, ein derber,
natürlicher Sohn seiner rheinischen Heimat. Der zweite
ist der Dominus G. aus Bamberg, vielleicht der Abt
Gumpold von Michelsberg, scharf, ironisch, rücksichtslos
, beweglich bis zur Treulosigkeit, der zuletzt seinen
kaiserlichen Herrn verließ und zum aufsteigenden Gestirn
des Sohnes, zu Heinrich V. überging. Der dritte
ist ein Diktator aus Mainz, der nach Sch. auch der Verfasser
der Vita Heinrici IV. ist, der getreuste bedeutendste
unter den Helfern des Kaisers, der dem Herrscher
von Anfang an am nächsten gestanden hat und
| der Verfasser der wichtigsten, weltgeschichtlich bedeutenden
Aktenstücke gewesen ist. Er hat auch seine
weltanschauungsmäßigen Überzeugungen, die Gesinnung
einer freieren Weltlichkeit und die Ablehnung des römischen
Frömmigkeitsideals am mutigsten ausgesprochen
. Der vierte endlich ist ein italienischer Diktator
, der als Verfasser von Urkunden während der
Jahre von Heinrichs italienischem Aufenthalt 1090—95
i nachzuweisen ist. Er ist nach Sch. ein ausgesprochener
Staatstheoretiker, gegenüber den ersten 3 Realisten ein
begeisterter Idealist, der das Kaisertum schwärmerisch
verehrte und sich aufrichtig um Frieden mit dem Papsttum
bemühte. Im 5. und 6. Kapitel bringt dann Sch.
diplomatische Sonderuntersuchungen über die Bremer
Fälschungen unter Adalbert von Bremen und die Osnabrücker
Fälschungen des Bischofs Benno II. von Osnabrück
und historische Sachuntersuchungen über wichtige
Aktenstücke aus der Regierung Heinrichs IV. wie
seines Briefes an Gregor VII. vom Jahre 1013, der
großen Aktenstücke des Wormser Konzils vom Jahre
1076 und anderer. Im 7. Kapitel werden die vorangegangenen
Untersuchungen zu einem Gesamtbild der