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Ausgabe:

1928

Spalte:

619

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, Hugo

Titel/Untertitel:

Erlebnis und Methaphysik 1928

Rezensent:

Winkler, Robert

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61!»

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 26.

620

zurück. Wie an jenen beiden geschichtsphilosophischen j Schaeder, Prof. D. Erich: Theozentrische Theologie. Eine

Gesamtdarstellungen werden ja die „lösenden Histo- ' Untersuchung zur dogmatischen Priazipienlehre. 2., systematischer Teil,

riker" schon manche Behauptung und Auffassung auf- 2., vfllUg nengot Aufl. Leipzig: A. Deichen 1928. (IX, 265 S.) 8*.

lösen. Wichtiger als der von J. in den Mittelpunkt ge- | RM 11.50; geb. I4-.

rückte Wechsel - Rhythmus will mir der alte Hegeische I E. Schaeder ist mit seiner programmatischen For-

Dreiklang erscheinen, wie auch J. häufig, wohl ohne es derung einer theozentrischen Theologie zum Anfänger

zu bemerken, ein Jahrhundert als Verknüpf ung entgegen- j einer Bewegung geworden, die eine erstaunliche Durchgesetzter
Strebungen der vorangegangenen darstellt.
Aber er selbst faßt ja seine Arbeit als eine persönliche
Leistung, als einen Beitrag zur Bewältigung der Geschichte
auf, und als solcher ist sie um der sachlichen

schlagskraft bewiesen und das theologische Denken auf
der ganzen Linie mitgerissen hat. Was zunächst als die
von den herrschenden Richtungen teils wohlwollend begutachtete
, teils vornehm übersehene Privatansicht eines

und energischen Durchführung und um des ungeheuren [ Einzelnen erschien, ist zum allgemeinen Feldgeschrei
Stoffes willen von hervorragender Bedeutung. geworden. Die Theologie der Gegenwart steht ein-

Marburg. Eriedrich Nieberga 11.

Fischer, Prhr.-Doz. Hugo: Erlebnis und Metaphysik. Zur

Psychologie d. metaphys. Schaffens. München: C. H. Beck 1928.
(S. 219- 439.) gr. 8°. = Grenzfragen d. Philos., H. 3. = Neue psycho
!. Stud., Bd. 3, H. 3. RM 11 — .

deutig im Zeichen der Hinwendung zum „Objektiven",
zum „Unbedingten", zum „Ursprung", zu Gott. Daß
der vor nun fast zwanzig Jahren erschienene 1. Band
von Sch.'s Werk eine Hauptquelle des so mächtig gewordenen
Stromes bildet, dies kann man als eine
schlichte geschichtliche Tatsache feststellen, ohne damit
das Verdienst anderer großer Anreger, Richtungweiser,

Die sinnpsychologische Analyse der Struktur des „, u . 1 • " ^ JZu -1ÄUn*cr' ul V^vt

i l • l„ c u if ■ -La i t ,.f ,. ,1 1 Schulgrunder irgendwie schmälern zu wollen. Freilich

metaphysischen Schaffens wie sie der Verf. aufgrund , ^ pf . ^stiegen. Anstatt die in den Buchten der

einer eingehenden Beschäftigung vor allem mit Böhme, j Immane„z.phTlOSopme versandenden Schiffe der theo-

Leibmz Kant, Hegel Novahs, Nietzsche unter reichlich- , ischen Wissenschaft flott zu macheH) droht sie diese

ster Be ebung mit Belegstellen aus ^J^t^t^A^ ^ ft j h f reißen und auf einen

eröffnet einen Einblick in die Kompliziertheit des Pha- K. * d s

nomens Metaphysik.

Metaphysik ist die schöpferische Dreieinigkeit von

oft, ist auch hier auf die Reform der Radikalismus gefolgt
, und der Urheber der neuen Richtung muß sich

Persönlichkeit, Welt und Werk. Wenn eine Meta- ^be^ern '^S^ä^^^m *dihn
phvsik Ereignis wird, dann symbolisiert sich in ihr zu- t,6_,_ „■.__ .,„ „' h

1 , b n ■• i • i i • , ,-... ., , , normen zum alten Eisen zu weiten,

nächst unsere Persönlichkeit. Für den Metaphy- ... , ,

siker handelt es sich um das „An und für Mich" in | Aus dieser LaSe heraus 1S* die neue Auflage des 2.

systematischen Teils des Gesamtwerks zu verstehen. Galt
es früher, den Subjektivismus und Anthropozentrismus
der vielgestaltigen Erfahrungstheologie des 19. Jahrhunderts
zu überwinden, so hat sich mittlerweile eine

allen Dingen (Nietzsche). Das Seelentum steht hinter
dem Werk und bleibt auch durch die Jahrhunderte hindurch
hinter dem Werk stehen.

Aber stets schon lebt und webt die Individualität

in der Wirklichkeit der Gemeinschaft. Es besteht | neu,e Front aufgebaut, gegen die mit neuen Mitteln
keine atomal abgezirkelte Individualität, die sich mit , Stellung genommen werden muß. Durch die Abgren-
einer gegenüberliegenden Gemeinschaftssphäre ansein- I zur,ß gegenüber dein Barth'scheti Kreis und dessen
andersetzte. Unser Seelentum ist in einer auch den Haß j eigentümlich formalistischer Problemstellung bekommt
einbeziehenden Liebe mit dem Menschentum unserer j der .ieizt vorliegende 2. Band sein eigentliches Gesicht.
Zeit verbunden. Nur dann kann sich das Ewige in einer Man braucht, um die gänzlich veränderte Situation zu
Metaphysik ihm erschließen. Der Verf. spricht von der ! begraben, nur die Einführung in die 2. mit der in die
Gemeinschaftsbedingtheit der Metaphysik. Das atomale J- Auflage zu vergleichen. Schon im Vorwort wird die
Ich muß sich zu einer „synthetischen Person" ausweiten. ! Grenzlinie deutlich gezogen: „was uns scheidet, ist der
Unsere eigene innere Pluralität ist der Grund einer i sachnotwendige, geistbedingte Glaubenssubjektivismus,
metaphysischen Weltanschauung *ur den 'cn> und der rational-dialektische Subjektivismus,

Und schließlich muß dieses „Wir" in der Tat des 1 für den Barth eintritt" (XVII). Doch es handelt sich
Werkes sich äußern. Metaphysische Schöpferkraft nicht nur um die Abwehr eines nach Sch.'s Meinung fal-
zeigt sich erst, wenn die Fähigkeit erworben ist, Ewiges ^»en Theozentrismus. Naturgemäß hat in der neuen
symbolisierend auszusprechen. Das Schriftwerk ist Auflage auch die gesamte Entwicklung ihren Niedernach
Jean Paul gleichsam eine Versprachlichung des i schlag gefunden, die der Verf. seit 1914 durchgemacht
Ewigen in zweiter' Potenz ! hat, llnd die vor allem durch das Erscheinen des belli
dieser schöpferischen Dreieinigkeit von Person- ! deutungsvollen Buches „Das Geistprobtem der Theo-
lichkeit, Welt und Werk wird das Ewige durch ein un- ! logie" (1924) gekennzeichnet ist. Dazu sind wesent-
endlich in sich durchgebildetes Weltgefühl erfaßt. Und '»che Erkenntnisse der allgemeinen theologischen Arbeit
je vollkommener diese Dreieinigkeit beim Metaphysiker mitverwertet und zur Befestigung des eignen Standverwirklicht
ist, umso inniger wird ihn sein Weltgefühl Punktes benutzt.

einem kosmischen Gesamtrhythmus einfügen und ein Die neue Auflage wird, wie gesagt, stark bestimmt
umso vollwirklicheres Symbol des Ewigen wird seine durch die Grenzführung gegen Barth. Diese ergibt sich
Metaphysik sein. aus der Verschiedenheit der beiden Standpunkte ganz
Es ist ein Verdienst dieser Studie, durch das struk- von selbst. Schon äußerlich fallen Gegensätze ins
turpsychologische Verfahren die Eigenart der Meta- Auge. Barth hat einen leidenschaftlich ergriffenen, ein-
physik aller sonstigen Wissenschaft gegenüber herausge- seitigen Gedanken mit starkem Bekenner-Pathos radikal
stellt zu haben. Gar manche Feindschaft wird gegen- zu Ende getrieben. Sch. liegt die prophetische Geste
standslos, wenn gezeigt wird, daß die Metaphysik von ' fern. Er wirkt wesentlich akademischer, wissenschaft-
veunherein, ohne mit der Weise der Einzelwissenschaften , licher, ruhevoller, ohne daß diese Ruhe doch der inneren
in Konkurrenz treten oder wissenschaftliche Ergebnisse Bewegtheit entbehrte. Mit Hornstößen, Explosionen und
durch ihre Einsichten ergänzen oder herabsetzen zu Offensiven hat er es jedenfalls nicht zu tun, wobei man
wollen, die Welt unter einem anderen Aspekt ansieht sich des Nietzschewortes erinnern mag, daß Gedanken,
und begreifen will, aus der Perspektive eines Erlebens die mit Taubenfüßen kommen, die Welt lenken. Seine
letzter Lebenstiefen, die ihr durch die Schicksalsgemein- Stärke ist das aus konkreter Erfahrung gespeiste sachschaft
des Erkennens mit ihrer Zeit zugänglich werden liehe Denken, das den theologischen Stoff wesensgemäß
können. erfaßt und begrifflich klar darlegt. Er bewegt sich nicht
Heidelberg. Robert wi n kler. . vorwiegend in religiösen und logischen Formalismen,
_____' sondern sucht aus dem Gehalt der lebendigen Wirklich-