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Ausgabe:

1928 Nr. 26

Spalte:

617-619

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Joël, Karl

Titel/Untertitel:

Wandlungen der Weltanschauung. Eine Philosophiegeschichte als Geschichtsphilosophie. Lfg. 1 1928

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 26.

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Konfliktstoff abgegeben und am tiefsten an die Prinzipien
und das Regierungsziel des Erzbischofs gegriffen.
An die Mischehenfrage hat Klemens August erst offen j
die Hand angelegt, als er schon auf dem Punkte stand,
in den hermesianisehen Verwicklungen einen halben
Rückzug anzutreten" (S. 21).

Die Vernichtung des Hermcsianismus beherrschte ebenso wie
der Kampf gegen die Übergriffe des Staates den Pontifikat Klemens j
Augusts von Anfang an (S. 257). Sie ist nach Sehr, höchst überflüssig
gewesen. „Ohne Verletzung des kirchlichen Gewissens hätte der |
Kampf vermieden werden können, so wie er in Münster und Breslau j
vermieden worden ist. Es wäre nur die Selbstüberwindung nötig ge- ]
wesen, die persönliche Gereiztheit soweit zu dämpfen, um die zu Tode I
getroffene Irrlehre (sc. das war der Hermesianismus für Sehr, durch i
die päpstliche Verurteilung) in Geduld sterben zu lassen" (S. 433f.).
Überdies verlieb der Erzbischof mit seinen Maßregeln den „festen )
Boden des päpstlichen Verdammungsbreve", und darum stimmt Sehr, j
dem Urteil Franz Werners von 1845 zu, sein Verfahren gegen die i
Hermcsianer bilde „eine Kette von Mißgriffen, zu welchen den
alten Herrn teils eine ticfgewurz.elte persönliche Abneigung gegen den
Urheber des Systems, teils ein blinder, leidenschaftlicher Haß gegen
moderne Bildung und Wissenschaft überhaupt verleitete" (S. 353 Anm.
5<J2). Daß dabei Klemens August den Hermesianismus gar nicht verstand
, belegt Sehr, mehrfach (S. 345).

In dem Streit um die Mischehen herichtigt Sehr. (S. 445 f.) den j
„schweren Irrtum" der heutigen Geschichtsschreihung, die die Sache
so darstellt, „als ob der Erzbischof rasch entschlossen über alles hin- i
weggeschritten wäre, um dem reinen Recht der Kirche zum Siege zu |
verhelfen". Tatsächlich ist er eine geraume Zeit hindurch Konflikten j
mit der Regierung ausgewichen und hat die Abmachungen seines
Vorgängers nicht angetastet. Erst als Reisach als Vertrauensmann
Gregors XVI. ihn darüber aufklärte, daß die Kurie den offenen
Kampf zwischen ihm und der Regierung in dieser Sache wünsche,
änderte er seine Haltung.

Daß übrigens Bodelschwingh, als er zur Verhaftung schritt, „in
Wahnvorstellungen befangen" gewesen sei, die ihm die Geheimpolizei
beigebracht habe (S. 50b), ist ein Urteil, dessen Richtigkeit sich nicht
erweisen läßt. Die amtlichen Berichte, die damals nach Berlin gingen,
lassen sich doch nicht mit dem summarischen Verdikt „polizeiliche
Einbildungen" einfach beiseite schieben.

Münster (Wcstf.). K. B'auer.

J o ö 1, Karl: Wandlungen der Weltanschauung. Eine Philo-
sophiegeschichtc als Geschichtsphilosophie. (Etwa lOI.fgn.) Tübingen:
J. C. B. Mohr 1028. Subskr.-Pr. d. lig. RM 7 -.

Dieses Werk wird mit einem großen Umfang
(8—10 Lieferungen zu je 10 Bogen) ein inhaltlich bedeutendes
Format verbinden. Sein Verfasser wagt es,
eine bis ins einzelne ausgeführte Weltgeschichte unter
bestimmten philosophischen Gesichtspunkten zu bieten.
Wir entnehmen der Einleitung (S. 1—61) die wichtigsten
Gedanken, um dann als Probe für die Durchführung
einen Überblick über die in der ersten Lieferung
behandelten Jahrhunderte folgen zu lassen.

Wo gibt es eine feste Orientierung im Wandel der
Zeiten und der Weltanschauungen? Nur in der geistig
und objektiv zu denkenden Wahrheit, die alles' Wirkliche
richtet. Sie liegt in der Übereinstimmung von Denken
und Sein, in dem Ineinander von Richtigkeil und
Wirklichkeit. Es ist ein tragisches Verhängnis, daß
nicht bloß die Welt als Vielheit der Einheit des Geistes
gegenübersteht, sondern daß der Geist sich auch als
einer von vielen, als individuelle Weltanschauung entpuppt
. Wie kann sich eine Individualität als Zentrum
einen Weltperspektive erfassen? Wenn sie mehr ist als
ein Spiegel den Welt, wenn sie die Welt als Geist überwindet
und sie zum Objekt machen kann. In der Weltanschauung
will sich eine Anschauung zur Welt erweitern
. In jeder Weltanschauung aber ringt sich ein
Weltverhältnis des Geistes heraus; im Drama der Philosophiegeschichte
hat der Geist der Welt gegenüber alle
Gesten entfaltet, deren er fähig ist. Darum ist die Weltanschauung
der wichtigste Gegenstand für das Denken,
das an Bedeutung das Erkennen überwiegt. Aus dem
Leben, das allem zugrunde liegt, ringen sich bestimmte
Denkhaltungen als im Bewußtsein ausgetragene Lebensfunktionen
hervor. Das ist kein Relativismus, sondern
in diesem Wechsel als einem lebendigen entfaltet
sich und atmet die nicht starre, sondern lebendige

Wahrheit; es sind Ausschwingungen des Lebens
zum Bewußtsein, und heroische Denkhaltungen streben
dem Weitgeist entgegen. Nur im immer neuen Individuellen
und Relativen lebt das Absolute. — Geschichts-
philosophie sucht nun Regeln des Ablaufes im Wechsel
der Weltanschauungen, die den Kern des Geschehens
bilden. Joel entscheidet sich, nachdem er alle bisher
aufgestellten abgewiesen hat, für den Rhythmus von
Bindung und Lösung als das Gesetz der Geschichte
, die selber Lebensteigerung als Fortsetzung der
Überwindung der Natur bedeutet, ein Rhythmus, der
vom Tier bis zu den Völkern hindurchgeht. Von vornherein
gibt er zu, daß sich die verschiedenen Arten,
durch geschichtsphilosophische Brillen zu sehen, ergänzen
müssen. Sein Gesetz, das der Formbildung und
Formsprengung in der Geschichte, die eine Funktion der
Kultur als ihrer Substanz darstellt, führt er präludierend
in einem kurzen Überblick über die Weltgeschichte
durch: der Orient bindet, Hellas befreit, Rom stellt das
Band wieder her und das Mittelalter vereinigt Freiheit
und Treue. So schafft der organisierende Weltgeist, und
der Atem der Geschichte füllt die Menschenbrust mit
immer reicherem Kulturbewußtsein. Es handelt sich
aber immer nur um Akzente, um die Seele einer Zeit;
denn stets ist auch das Gegenteil da. — Jener Rhythmus
aber fällt mit den Grenzen der Jahrhunderte zusammen,
wie schon aus der Verbindung von drei Generationen
in einem Jahrhundert hervorgeht. Dann aber müssen
sich immer je zwei Jahrhunderte, die durch ein anderes
getrennt sind, entsprechen: bisäkulare Wiederkehr. Das
ist keine Zahlenmystik, kein Mechanismus, sondern es
ist das Leben, das die Jahrhunderte als seine Ausschwingungen
bestimmt, die Persönlichkeiten sind Führer
des Zeitgeistes, und der Rhythmus liegt nicht vor
sondern in dem Leben, das Kräfte und Gegenkräfte in
den Jahrhunderten zusammenschlagen läßt.

Nun verfolgt J. den Wechsel der Bindung und Lösung
durch die Jahrhunderte vom 8. vor Chr. an bis
zum 6. nach Chr. durch die ganze Breite der Kultur
hindurch aus einer staunenswerten Kenntnis der Ge-
schichte heraus. Vor Chr. sind die „geraden" Jahrhun-
i derte solche der Bindung — Reichsgründungen, Phalanx
, Kalender, Homer, Disziplin, kosmisches Allgefühl
- die „ungeraden" solche der Lösung — Lyrik, Haus,
persönliches Bekenntnis, Skepsis, Biographie, Spezial-
wissenschaften. Nach Chr. ist das Verhältnis umgekehrt
; so folgt z. B. auf das „bindendste" Jahrh. der
Geschichte, das 1., wieder eines der Lösung, mit Helle-
nisierung des Christentums, Privatrecht, Gnosis als
Scheidung, Vielmeinerei und Vielwisserei. Immer wieder
> schlägt fast stets um die Jahrhundertwende die Sache
ins Gegenteil um, nachdem dieses sich schon im Stillen
vorbereitet hat. „Jede Mode führt zu Tode." —

Mit Chamberlains Grundlagen und Spenglers Untergang
des Abendlandes ist das der dritte Versuch einer
„bindenden" Geschichtsdarstellung seit dem Beginn dieses
der Reihenfolge nach freilich zur Lösung bestimmten
Jahrhunderts, nachdem im vorigen umgekehrt die Historiker
alles „gelöst" hatten. Joels Versuch ist gewaltig
und einseitig wie jene, zeichnet sich aber vor ihnen
durch das Fehlen jeder Tendenz aus. Ist Spengler mächtiger
und interessanter durch seine Kulturseelen und den
„gleichzeitigen" Ablauf seiner Zeiten, so gibt J. dafür
ein wirkliches Geschichtsbild. Freilich sieht man von
der Steigerung auf ein Ziel zu noch nichts; oft macht
das Buch den Eindruck eines gewaltigen Leerlaufes, in
dem sich das blinde „Leben" ausringt. Könnte man statt
dieses Wortes nicht „Gott" sagen? Ist nicht unser
höchstes christliches Ziel für eine Geschichtsphilosophie
eine „Überwindung der Geschichte durch den Geist", in
der die Geschichte auf ein Reich des Geistes hinausgeführt
wird, weil wir nicht anders können, als sie von
einem Wertgut aus rückwärts aufzurollen, das in ihr
geboren, aber nicht gezeugt, ihren Sinn zum Ausdruck
bringt? — Einzelkritik trete vor diesem Hauptargument