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Ausgabe:

1928 Nr. 26

Spalte:

615-617

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schrörs, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Kölner Wirren (1837) 1928

Rezensent:

Bauer, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 26.

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seitig individualistisch (im Sinne O. Spanns) und psycho-
logistisch eingestellten Religionssoziologie, die dem Berufsgedanken
und der Rationalisierung mehr aufbürdet
als sie zu tragen vermögen, als dankenswerte und berichtigende
Warnung.
Rostock. E. Wolf.

Alt haus, Paul: Altrussische Kirchenlieder. 1. u. 2. Tsd. Mit 8
Taf. Jena: E. Diederichs 1027. (III, 78 S.) 8°. RM 3.50; geb. 6- .
Der Titel ist irreführend. Denn nicht um Kirchenlieder
handelt es sich hier, sondern um (zum Teil sogar
ketzerische) Lieder geistlichen Inhalts, wie sie von Bettlern
und Pilgern im alten Rußland gesungen wurden.
In ihrer Gesamtheit bieten sie ein wunderschönes, ergreifendes
Zeugnis russischer Frömmigkeit, und ihre
dichterischen Vorzüge sind die aller echten Volkspoesie.
Der „gelehrte" Ursprung vieler Motive und Bilder soll
keineswegs geleugnet werden, sie sind aber durch die
lange mündliche Überlieferung völlig umgestaltet und
dem volkstümlichen Denken und Empfinden angepaßt
worden. Die Übersetzung von Althaus (natürlich nicht
der bekannte Theologe, sondern ein andrer!) wird der
Stimmung und dem Rhythmus der Originale im allgemeinen
durchaus gerecht; wunderlich berührt allerdings
auf S. 59 die Verszeile: „Der Butterberg in Freude
leuchtet". Weiß der Übersetzer wirklich nicht, daß das
russische Wort „maslo" nicht nur „Butter", sondern
auch (und zwar ursprünglich, denn der einfache Russe
kennt auch heute die Butter als tägliches Nahrungsmittel
nicht) „Öl" bedeutet, daß es sich also, wie ja
auch schon aus der folgenden Zeile („wenn Gott der
Herr zum Himmel steigt") hervorgeht, um den Ölberg
handelt? Auch das Nachwort, das lieber ganz weggeblieben
wäre, zeugt von einer sehr mangelhaften Kenntnis
der russischen Literaturgeschichte und Volkskunde.
Was hier über die Bylinen gesagt wird, ist barer Unsinn.
Ebenso der Satz: „Bis zu Iwan dem Grausamen (1547)
gab es außer einem Rechtsbuch und dem Igorlied
nichts Geschriebenes in Rußland"!! Schmerzlich
vermißt man auch einen Hinweis auf die russische
Ausgabe der Gesänge, die der Übersetzung zugrunde
liegt. Acht Wiedergaben russischer Ikonenmalereien dienen
dem Buch zur Zierde, dessen äußere Ausstattung
wie bei allen Publikationen des Diederichsschen Verlags
nichts zu wünschen übrig läßt.
Leipzig. Arthur Luther.

Schrörs, Prof. Dr. Heinrich: Die Kölner Wirren (1837). Studien
zu ihrer Geschichte. Berlin: P. Dünimlcr 1927. (XX, 634 S.) gr. 8".

RM 20-; geb. 24.50.

Der Streit, der 1837 zwischen dem Kölner Erz-
bischof Klemens August von Droste und der preußischen
Staatsregierung zum Ausbruch kam, ist trotz der
verschiedensten Darstellungen, die er gefunden hat, noch
nicht Gegenstand einer umfassenden wissenschaftlichen
Bearbeitung geworden. Auch Schrörs hat eine solche
nicht geliefert, da es ihm beim Beginn seiner Vorarbeiten
nicht möglich war, an die diplomatischen Archive,
namentlich die römischen, heranzukommen. Für die
diplomatische, auswärtige Seite der Sache, die es mit
den Bemühungen fremder Staatsmänner zu tun hat, dem
Streit eine andere Wendung zu geben, verweist er auf
die bevorstehende Aktenveröffentlichung von Professor
Dr. Bastgen in Rom und auf dessen Aktensammlungen
in der Römischen Quartalschrift (33,111 — 149: „Vatikanische
Akten aus den Jahren 1835/36 zum Beginne
des Konfliktes zwischen der katholischen Kirche und
Preußen" und 34, 199—237: „Ein Briefwechsel zwischen
Bischof Reisach und Kardinal Lambruschini").
Er selber beschränkt sich auf die einheimische, verwaltungspolitische
Seite des Streites, wofür er das Material
der Archive in Köln, Bonn, Koblenz und Berlin, sowie
eine Reihe von gleichzeitigen Parteischriften benützt.

Für den Aufbau seines Werkes schien Sehr, eine
historiographisch fortschreitende Darstellung nicht mög-

I lieh, da die Streitigkeiten in dem kurzen Zeitraum sich
ineinander verschlingen, und da er es zur Begründung
seines Urteils über Recht und Unrecht nötig fand, immer
wieder theologische und kanonistische Untersuchungen
einzuschalten. Er hat deshalb zehn Abschnitte aneinander
gereiht, die in ihrer Gesamtheit die innere Geschichte
vollständig geben.

1. Die bisherigen Darstellungen (1—22). 2. Erzbischof Fer-

I dinand August von Spiegel (23—108). 3. Spiegel und die gemischten
Ehen. Das geheime Abkommen von Berlin vom 10. Juni 1834

i (109—173). 4. Klemens August von Droste bis zu seiner Erbebung
auf den kölnischen Stuhl (174—212). 5. Drostes Berufung zum Erz-

I bisehof von Köln (213—246). 6. Klemens August in Köln (247—335).

I 7. Klemens August und der Hermesianismus: Kampf gegen die theologische
Fakultät und das Priesterseminar (336—434). 8. Klemens
August (435—474). 0. Dem Sturze entgegen (475—518). 10. Die

j nächsten Folgen des „Ereignisses" (510—608).

Da die Kölner Wirren aus den Zuständen hervorgegangen
sind, die der Erzbischof Ferdinand August
von Spiegel geschaffen hatte, so hat Sehr, bei diesem
eingesetzt. Die Konfrontierung des Vorgängers mit seinem
Nachfolger ist höchst interessant. Ferdinand August
läßt sich nicht mit den zwei Kategorien „Hofbischof
" und „staatsfromm" abtun. Ebensowenig steht
Klemens August auf der Höhe des reinen Heldentums,
auf die ihn eine idealisierende Betrachtung hat erheben
wollen. Zwischen den beiden Erzbischöfen besteht

| außer dem individuellen Gegensatz des persönlichen

j Charakters (vgl. hierüber S. 174) auch ein prinzipieller
Gegensatz in den Zielen und Mitteln ihres Wirkens. Da
ihre persönliche Geschichte noch nicht geschrieben ist,
sind wir Sehr, dankbar, daß er wenigstens „biographische
Versuche" über sie in sein Buch aufgenommen hat,
für die er nicht bloß die gedruckten, sondern auch einige

I ungedruckte Quellen verwertet hat.

Mit demselben löblichen Bestreben, den beteiligten
Persönlichkeiten gerecht zu werden, das diesen Teil des
Werkes kennzeichnet, ist Sehr, auch bei den übrigen
Männern, die an dem Streit beteiligt waren, zu Werk
gegangen. Infolgedessen beurteilt er das Kölner Domkapitel
und den Generalvikar Hüsgen wesentlich günstiger
, als es auf katholischer Seite sonst zu geschehen
pflegt, während Michelis in seiner Darstellung nicht

t erfreulich wirkt. Dabei kann man von einer Voreingenommenheit
für die Hermesianer oder die Männer der
Regierung bei Sehr, nicht reden.

Wällkrisch in seinen Ausdrücken ist Sehr, bei seinen Urteilen
1 nicht. Es kommt ihm nicht darauf an, von „Frechheit" (S. 425 Anm.

691), „Dreistigkeit" (S. 439), „Feigheit" (S. 465 Anm. 744) und
I „Lüge" (S. 510) zu reden. Er bevorzugt die scharfen vor den tempe-
Herten Formulierungen. Der Studiosus Montz, der sich schon bei der
Agitation im Konvikt (Anm. 616 S. 374f.) besonders hervorgetan
hatte, ist eine „katilinarisch anmutende Figur" (S. 405). Die Taktik
des Kurators Rehfues nach der Ernennung Meckels zum Repetenten
am Konvikt ist „perfid" (S. 398). Achterfeld befleißigte sich „eines
, unwürdigen Servilismus gegen die staatlichen Behörden" (S. 392 f.),
i und sein Gebahren, als ihm der Erzbischof die Beichtvollmacht entzog,
mußte „jeden anekeln" (S. 393). In dem Vorgehen der Parteigänger
Drostes in Bonn (dem Münsterpfarrer van Wahnem und dem Kaplan
Peters von St. Remigius) gegen die Studenten im Beichtstuhl findet
Schrörs einen „Mißbrauch" und „eine beklagenswerte Verunehrung des
Sakraments" (S. 370. 375). Daß Droste eine Vorlesung von Hilgens,
die er bei Vorlage des Lektionsverzeichnisses genehmigt hatte, im
Laufe des Semesters verbot und die Agitation dagegen wenigstens
duldete, „kann nur als ein Widerspruch und eine Illoyalität bezeichnet
1 werden" (S. 378). Besonders schroff sind die Urteile über Michelis,
z. B.: „Keck sprang er durch Verschweigen mit der Wahrheit um"
| (S. 375 Anm. 617); immer wieder heißt es, daß er den wahren Sachverhalt
tendenziös entstellt habe (vgl. S. 404. 440 Anm. 712).

Besonderen Wert legt Sehr, auf die Feststellung,
wie es eigentlich zum Konflikt gekommen sei. „Die
Dinge lagen nicht so einfach, wie der Parteigeist hüben
und drüben gelten ließ. Unter den beiden größeren
Gruppen von Vorgängen — den hermesianischen Händeln
und der Mischehensache — muß die richtige Abfolge
und Verknüpfung, die bisher meist verkannt worden
sind, genauer festgestellt werden. Nicht die Mischehenfrage
, sondern der Hermesianismus hat den ersten