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Ausgabe:

1928 Nr. 2

Spalte:

41-44

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabmann, Martin

Titel/Untertitel:

Neuaufgefundene Pariser Quaestionen Meister Eckharts und ihre Stellung in seinem geistigen Entwicklungsgange 1928

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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41 Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 2. 42

Stellung des Segovia Leider bezieht sich das bewunde- sex in sexta zu verbessern. — Die Wiedergabe des dritten Beweises

rungswürdig sorgfältige Register nur auf den Text und , ™ntra Gentil^ £rch Eckhartjjt in der Handschrift entstellt. Nun

■ £ f j"? p-6, .. s fe ° scheint mir auf Grund des dritten Arguments c. Gent. I 45 klar, daß

nicnt ain aie tinleitling. t j WrisW S. 10 (Z. 6 v. u.) In sibUntttts verbessert werden muß. Dann

Das ganze große, von dem Herausgeber unter den kann man abcr das Ursprüngiiche dem Sinne nach vollständig her-

Hemmungen von Krankheit vollendete Werk verdient : stellen: Tertio, quod nihil nobilius est primo. Sed *Anteiligere actus

den lebhaften Dank der Fachgenossen, secundus est sicut animae vigilia ad sominuin, erlt hoc nobilius quid

Göttingen. Karl Brandi. actu primo. Ergo sequitur, quod intelligere sit prius esse dei. Dabei

---____ 1 ist, wenn man sich die Sache mit den entsprechenden Kürzungen ge-

Grabmann, Martin- Neuaufgefundene Pariser Quaestionen schrieben denkt, nur die Einfügung von si inieliigere und slcui ohne

Meister EckhartS und ihre Stellung in seinem geistigen Anhalt in der Handschrift; aber auch Grabmann vermutet starke

Entwicklungsgange. Untersuchgn. U. Texte. Vorgetragen am Verkürzung. — S. 102 Z. 0 ff. v. u. ist ein wahres Kreuz. Sicher

4. Dez. 1026. München: R. Oldenbourg in Komm. 1027. (124 S.) scheint mir die Verbesserung von tegatur Z. 10 v. u. in uüclligalur.

4°. = Abhandlungen der Bayrischen Akademie d. Wissensch. 32. Bd., Im übrigen klingt das zu Job. 1,3 Gesagte so stark an Augustin

7 Abhdlg Rm 6 de trm- 'v> '• 3 an llnü ist die statt dessen genannte Stelle de tritt. VIII

1880' entdeckte Keller E.S lateinische Rechtferti- £,3 S° .aU"er..»"" BeziehunK zu Eckh.rt's Absicht daß man gern

_ iZ-rl . „ " , , n__j : . . ..... . entsprechend die Stellenangabe andern mochte. Das forderte dann noch

gungsschrift; 1923 erst gab Daniels eine (vorläufige) einen weitercn Eingriff (Z. n v. u. verbum st. ergo). - Der Satz

Ausgabe, und 1927 erst lieferte O. Karrer (Meister s 102 z. 8f. v.u. wird von Grabmann s. 51 so verstanden, als ob

Eckballs lateinische Rechtfertigungsschrift, Erfurt 1927) Z. 7 V. u. esse st. nun stünde; aber so zu verbessern hat er unter-
das Notwendigste von wissenschaftlichem Apparat dazu. lassen. Doch ich breche ab und verzichte tfuf Anführung der zahl-
1886 gab Denifle von zahlreich erhaltenen lateinischen reichen übrigen Verbesserungen, die mir notwendig scheinen.
Schriften E.s Kunde; außer seinen Proben und ein paar | Ein Schreibfehler findet sich s. 49 z. l v. u. in Grabmann's
andern Bruchstücken hin und her ist noch heute nichts eigner Darstellung; statt Oonsalvus lies dort Eckhart.
zugänglich. Wann endlich bekommen wir eine Oesamt- Es war von einem Manne wie Grabmann zu er-
ausgäbe von E.s lateinischen Schriften? Der gegen- warten daß er sich nicht auf Ausgabe und literarkn-
wärtige Zustand ist unerträglich. Jede Gesamterfassung, tische Untersuchung der neuen Texte beschranken wur-
jede Klärung der strittigen Urteile, ist jetzt unmöglich. de. Wenigstens zwei von E.s Quästionen (die in der
Ei„ Beispiel, o. Karrer, Meister ickh rt, München 1026 ! vc,n Avignon) werfen ein überraschendes
S. 278f. hat einen entscheidenden Beweis, den Denifle für seine Deu- i Llcht allf UeiFken Grabmann hat in einer en-
tung der Lehre E.s vom esst rerum aus der Erfurter Handschrift j geschichtlichen" Untersuchung (S. 30—101) verführte
, durch vollständigere Mitteilung der Stelle zerschlagen; Grab- j sucht, herauszuarbeiten, welche neuen Erkenntnisse wir
mann wieder in der mir vorliegenden Schrift s. so ff. verkehrt durch den neuen Texten entnehmen können, und wie sich E.s

umfassendere Wiedergabe der Stelle einen entscheidenden Beweis, den , Stellung innerhalb der mittelalterlichen Wissenschaft

O. Karrer aus der Kueser Handschrift für die Geschöpflichkeit des | nunmehr darstellt. Dabei hat die Frage des Verhältnisses

Seelengrunds führte, in sein Gegenteil, wie lange soll das Ballspiel zu Thomas eine Klärung gefunden. Das bleibt wahr,

noch dauern? — ■=><=...

Es ist Grabmann zu danken, daß er es mit von ihm
— gleichzeitig freilich auch von einem französischen Ge-

daß E. sich dem Thomas näher anschließt als irgend
einem andern der scholastischen Lehrer: auch wo er
Eigenes gibt, knüpft er gern an ihn an. Aber — und das

lehrten, dessen Ausgabe mir nicht zuganglich ist — sucnt Gr. bis in die Einzelheiten herauszuarbeiten
neu entdeckten E.-Texten anders als die bisherigen For- e. hat auch in einer nicht unbeträchtlichen Anzahl wichscher
gehalten hat und sie der Öffentlichkeit zugänglich tiger Punkte Eigenlehren vertreten, und diese Eigen-
macht. In einer Handschrift der Bibliothek von Avignon lehren sind zum guten Teile ohne Ent-
hat er zwei Quästionen E.s gefunden: utrum in Deo sit • sprechung in der ganzen Scholastik. Soviel
idein esse et intelligere? und utrum inieliigere angeli, ut darf als aus den neuen Texten wirklich beweisbar gelten.
dielt actionem, sit suum esse?, sowie eine gegen Eck- Darüber hinaus aber erheben sich zwei schwierige Fra-
hart gerichtete Quaestio des späteren Franciscanergene- | gen. Die eine liegt in der Sache selbst: die Aussagen
rals Gonsalvus de Vallebona utrum Ions Dei in putrid der Quästionen stimmen mit den späteren E.s nicht
sit nobiüor eins dilectione in via? In einer Handschrift ; überein. E.s Entwicklung wird also ein Problem. Die
der Vaticana ferner entdeckte er zwei weitere Quästi- | andre ist von Grabmann an den Stoff herangebracht:
onen utrum. aliquem motum esse sitie termino inplicat er glaubt an zwei Stellen eine Verbindung zwischen E.s

contradictionem? und utrum in corpore Christi morientis
in cruce perrrtanserint formae elementorum?, außerdem
vier andre Quästionen, deren Abfassung durch Eckhart
ihm nicht ganz unmöglich, wenn auch recht zweifelhaft

Eigenlehren und dem Pariser lateinischen Averroismus
des 13. Jahrh.s herstellen zu können.
w Ich beschränke mich bei der Wiedergabe auf die
beiden Hauptpunkte. Der eine betrifft die Gottes-

scheint. Dazu treten drei Eckhartzitate aus einer Hand- : lehre. Es ist vielen, z. B. Hauck, eine Selbstverständ
schritt der Stadtbibliothek von Brügge. Diese Texte . lichkeit gewesen, das Sein als den für E.s Gottesan-
stehen S. 101—123. Eine überaus genaue Lite rar- j schauung entscheidenden Begriff zu erklären; allein O

kritische Untersuchung (S. 3—30) begründet die
Urheberschaft Eckharts und stellt die Entstehungszeit
fest. Die beiden Quästionen aus der Handschrift von

Karrer in seinem Buche von 1926 hat einigermaßen
empfunden, daß bei Eckhart eine dialektische Stellung
zum Sein Gottes vorliegt (vgl. die Predigt Quasi

Avignon sowie die Quästio des Gonsalvus gehören in stella mattitina, Nr. 84 Pfeiffer). Die neuen Texte zei
die Jahre 1302/03; die aus der vatikanischen Handschrift gen, daß E. nichts weniger selbstverständlich gewesen
in die Jahre 1311 -14. Die Untersuchung ist so geführt, ist als das Sein Gottes. Er ordnet das intelligere in Gott
daß nebenher reiche Ergebnisse für die Geschichte der dem esse über: Deus est intellectus et intelligere, et est
Pariser Universität in jenen Jahren abfallen. Es scheint ipsum intelligere jundamentum ipsius esse (102, 15 f.
mir unmöglich an der Schlußkette Grabmann's irgend- Grabmann). Das steigert er zu dem Gedanken, daß das
ein brüchiges Glied zu finden. Schade ist nur, daß er esse das eigentlich den Kreaturen Zukommende ist, Gott
jene mehr als zweifelhaften Quästionen nicht noch ent- aber nur Prinzip und Grund des Seins sei(103f.
schlossener preisgegeben hat. Grabmann), also wesentlich altius ente (104, 25 Grab-
Bei der Herausgabe der Texte bedaure ich, daß Grabmann I mann), wenn man nicht diese puritas esSClldi als Sein
allzu vorsichtig aufnötige Konjekturen nicht bloß einmal verzichtet bezeichnen will (104, 3ff. Grabmann). Bei der Wiederhat
ich gebe Beispiele aus S. ioi f. S. 40 beanstandet er, daß „ab(, durcb den Gegner wird E.s Meinung dann ganz

^i^Äi f BewöL in'1?1' T S °f «"* dahin gestellt: ipse Dens est ipsum intelligere et

bringe Thomas tunf Beweise in der Summa contra Genti es, und sechs & , .„„„ /1 na ort x r-.- v.„ 'rv „ a - n 11

in der Prima; in der Prima steht nämlich nur ein Beweis. Nun «S<' O08. 20f Grabmann). Der a n d r C Punkt

will Eckhart aber die Beweise des Thomas wiedergeben, und er gibt betrifft E.S allgemeine Lehre vom intellectus Und lntelli-

im ganzen nicht elf, sondern sechs wieder, kennt also aus der Prima gere. Er hat dem intelligere als solchem genau die
auch nur einen Beweis, seinen sechsten. Also ist S. ioi z. 12 v. u. 1 gleiche Stellung über dem Sein gegeben wie Gotte, Er-