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Ausgabe:

1928 Nr. 25

Spalte:

585-586

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grundmann, Herbert

Titel/Untertitel:

Studien über Joachim von Floris 1928

Rezensent:

Seeberg, Erich

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685

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 25.

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für seine Zwecke in Betracht kommenden Werke einen
kritischen Bericht zu liefern, eine mühevolle Vorarbeit,
die aber um so größeren Dank verdient, als sie voraussichtlich
für lange Zeit die unentbehrliche Grundlage
für alle deutschen Forscher bilden wird, die sich mit der
Kirchengeschichte Portugals beschäftigen werden. Ebenso
wird für jeden deutschen Forscher, den seine Arbeit
in die portugiesischen Archive führen sollte, die knappe
Darstellung der portugiesischen Archivgeschichte in den
letzten hundert Jahren von größtem Wert sein, denn
diese allein bildet den Schlüssel zu dem Chaos, das die
staatliche Zentralisierung der kirchlichen Archive geschaffen
hat. Eine Fülle von wertvollen Notizen, Literaturangaben
, kritischen Bemerkungen finden sich dann
neben den eigentlichen archivalischen Nachrichten in
den Berichten über die ehemaligen Archive der verschiedenen
Bistümer, Kirchen und Orden. Die eigentliche
Frucht dieser mühereichen Vorarbeiten bildet die 160
Nummern zählende Sammlung von Urkunden, Akten
und Regesten, ein reicher Ertrag für ein einziges Jahrhundert
, denn über zwei Drittel davon sind Inedita,
d. h. in diesem Fall: entweder überhaupt noch nirgends
veröffentlicht oder nur in portugiesischen Arbeiten gedruckt
, die der mitteleuropäischen Forschung so gut wie
unbekannt und unzulänglich sind. Von den Inedita wieder
ist, wenn ich recht gezählt habe, gut die Hälfte im
Original erhalten. In keinem Land hat bisher die systematische
Durchforschung der Archive eine verhältnismäßig
so große Menge unbekannten Materials zu Tage
gefördert. Dagegen muß Portugal hinter anderen Ländern
zurückstehen, was das Alter seiner Papsturkunden
betrifft; denn diese setzen hier erst mit dem Jahr 1101
ein. Die weite Entfernung des Landes von Rom hat
verursacht, daß hier päpstliche Legaten vielfach das
unmittelbare Eingreifen der Päpste ersetzten. Von ihrer
Tätigkeit werden wertvolle Zeugnisse mitgeteilt, darunter
die bisher unbekannten Akten zweier Konzile
(1121 und 1143). Hervorgehoben seien ferner no 122
von 1190, ein Zeugnis für das Eigenkirchcnwesen auch
in Portugal, no 154 von 1197, Erteilung eines Kreuzzugablasses
, no 159 Aufzeichnungen aus dem 12. Jahrh.
über Zahlungen des päpstlichen Schutzzinses, endlich
das in no 160 benützte Prozeßmaterial, das für den
Kanonisten vermutlich wertvoll sein dürfte (vgl. dazu
S. 106). Man sieht, nicht nur die Beziehungen der
Kurie zu Portugal im 12. Jahrhundert werden durch
diese inhaltsreiche Veröffentlichung aufgehellt, auch die
allgemeine kirchliche Rechtsgeschichte wird neue Aufschlüsse
durch sie erhalten. Mit besonderer Freude
wird man in Deutschland gerade heute lesen, mit welcher
Hilfsbereitschaft und Liebenswürdigkeit die portugiesischen
Archivare und Gelehrten die Forschungen
des Herausgebers unterstützt haben.
Tübingen. H- Dan neu bau er.

Grundmann, Herbert: Studien über Joachim von Floris.

Leipzig: B. G. Teubner 1927. (IV, 212 S.) gr. 8°. = Beiträge z.
Kulturgesch. d. Mittelalters ti. d. Renaissance, Bd. 32. RM 8 —.

Diese interessante Arbeit sucht die Geschichtstheorie
des Joachim von Fiore zu verstehen. Zweierlei kann dabei
als bedeutsam herausgehoben werden. Einmal der Versuch
, die Geschichtstvpologie Joachims in Verbindung
zu bringen nicht mit der Allegorese der Alexandriner,
sondern mit der antiochenischen Exegese, welche die Geschehnisse
des Alten Testaments als Typus für die Ereignisse
des Neuen Testaments wertet und so die Tatsachen
verschiedener Geschichtsstufen aufeinander bezieht
. Sodann die Auffassung des dreistufigen Ge-
schichts-Prozesses bei Joachim als einer Überwindung
des katholischen Wahrheitsbegriffs, indem Joachim die
Zeitlichkeit nicht im Jenseits sondern in der Zukunftskonstruktion
der geschichtlichen Welt überwindet. „Die
Wahrheit ist zum stufenweise entfalteten geschichtlichen
Phänomen geworden". ^ ,

Der Verf. gibt zur Begründung dieser Gedanken

eine eingehende Analyse der methodischen Prinzipien
der Joachimitischen Dreizeitenlehre, nach welcher die
Concordanz der drei Zeiten die Voraussetzung seines
Geschichtsbildes ist, weshalb auch Christus nicht als Zeitenwende
sondern lediglich als Entwicklungsfaktor in Betracht
kommt; das Neue ist nicht durch Christus sondern in
langer Entwicklung vor ihm entstanden, und auch die
intelligentia spiritualis der dritten Zeit ist nicht an einen bestimmten
Zeittermin geknüpft, wie bei den späteren Joachi-
miten, sondern sie umspannt einen historisch bewegten Zeitraum
oder eine Periode. Aus den verschiedenen Studien,
die hier in Betracht kommen, will ich hervorheben die Untersuchung
über die Entsprechung der Periode der initiatio und
derjenigen derfruetificatio, ferner die Prüfung der Beziehungen
i der Gedanken Joachims zu der Augustinischen Säku-
| larisation des Millenniums und zu den Ideen Ruperts
von Deutz und Anselms von Havelberg, schließlich die
Analyse des „idealistischen Geschichtsglaubens" Joachims
nach seiner inhaltlichen Seite, d. h. die Untersuchung
der entscheidenden Begriffe perfectio, contem-
platio, libertas und spiritus.

Dreierlei ist zum Ganzen zu bemerken. Einmal, es
'< wäre notwendig gewesen, die Beziehungen Joachims
nach rückwärts, vor allem zu der sizilianischen Apo-
kalyptik, energischer zu verfolgen; auch über das Ver-
i hältnis von Joachim zu Franz, wie es Burdach herausgearbeitet
hat, würde ich nicht so schnell zu urteilen
wagen, wie es der Verf. tut. Es wäre auch wohl möglich
, daß eine dritte, beiden gemeinsame Größe in die
1 Erscheinung träte, die ihre Beziehungen erklären würde.
J Sodann bin ich mir nicht sicher, ob die Isolierung Joachims
, die der Verf. vornimmt, wirklich in diesem
Maß probehaltig ist. Ich werde den Eindruck nicht los,
als ob auch Joachim im Schema der Verfallsidee, wie
j ich sie für das Geschichtsbewußtsein aller Akatholiken
: als konstitutiv herausgearbeitet habe, gedacht hat, und
j als ob auch die Periode des Geistes, die das realisiert,
I was literaliter et carnaliter in den beiden ersten Phasen
, da war, inhaltlich und faktisch durch den Wunsch nach
der Reform der nova Babylon in den gradus pristinus
der armen ecclesia primitiva bestimmt ist. Die Worte
j zu Beginn der Concordia: „Intentionis nostrae est regni
i temporalis, quod proprie dicitur Babylon, comprehendere
finem, et quod prope sit partus ecclesiae, qui tempore
eodem futurus est, verbis elucidissimis aperire" scheinen
mir in diese Richtung zu weisen. Daß Joachim den der
Urzeit entsprechenden Endzustand geschichtlich-konkret
zu dem Verfall hinzugedacht hat, würde zu der Gesamtanschauung
dieser Kreise nur passen. Schließlich ist bei
der Untersuchung des Geistbegriffs darauf zu achten,
daß auch Joachim, wie alle „Schwärmer", den Geist
abstrakt als Innerlichkeit und Bewußtheit zu fassen
scheint, und ihn nicht geschichtlich-konkret — Geist
ist in dieser Welt nie an sich, sondern stets in der Geschichte
und in ihren Institutionen — denkt. Das Wort
! „spiritus aufert velamen, ut appareat veritas" dürfte das
Urteil bestätigen.

Der Verfasser gibt zum Schluß eine umsichtige
Untersuchung des Fortlebens der Joachimitischen Ideen
im 13. und 14. Jahrhundert, also etwa bei den Amalri-
kanern, bei den Ortlibern, bei Mechtild, bei den großen
Franziskanerspiritualen und bei Cola di Rienzo, und er
kommt hier zu Beobachtungen, die auf diese z. T.
dunkeln Erscheinungen erhellendes Licht werfen. Überhaupt
hat er darin ganz Recht, daß Joachim der erste
Typus der großen Freigeisterbewegung ist, mögen nun
im Einzelnen literarische Zusammenhänge, wie mit den
Franziskanerspiritualen, bestehen oder nicht. So möchte
ich dem Verf. dieser anregenden geistesgeschichtlichen
Arbeit wünschen, daß ihm der Plan, die Concordia
herauszugeben, gelingen und daß dabei sich manches
aufhellen möge, was auch nach dieser verdienstvollen
Untersuchung noch dunkel bleibt.
Berlin. E. Seeberg.