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Ausgabe:

1928 Nr. 24

Spalte:

567-568

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Carr, W. E. W. (Ed.)

Titel/Untertitel:

Gregory Abu‘l Faraj‘ commonly called Bar-Hebraeus‘ commentary on the Gospels from the Horreum Mysteriorum 1928

Rezensent:

Windisch, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 24.

568

Trotz meiner großen Bedenken gegen die Ausführungen
des Verf.s muß ich ihren Wert betonen; nicht
nur, weil der Verf. Entscheidendes richtig gesehen hat,
sondern auch weil er — wie auch seine anderen Schriften
zeigen — von der Empfindung geleitet ist, daß die
traditionellen Begriffe, in denen wir das NT. zu interpretieren
pflegten, nicht ausreichen. Daß er auf dem richtigen
Wege ist, vermag ich freilich nicht zuzugeben, vor
allem deshalb nicht, weil er die Begriffe, in denen das
Verständnis des Daseins bezw. der Geschichte sich ausspricht
, aus erkenntnistheoretischen Reflexionen gewinnen
will.

Marburg. R. Bultinann.

[Bar-Hebraeus:] Gregory Abu'I Faraj' commonly called
Bar-Hebraeus' commentary on the Gospels from the
Horreum Mysteriorum, translated and edited by V. E. W. Carr.
London: S. P. C. K. 1925. (lbl S. u. 208 S. Text.) 21 sh.

Diese sehr verdienstliche Edition umfaßt eine Einleitung
, eine Übersetzung des Evangelienkommentars von
Bar-Hebraeus und den syrischen Text dazu. Es waren
bisher von diesem Kommentar nur die syrischen Texte
des Kommentars zu Matth., Luk. und Jon. ediert. Hier
wird also zum ersten Mal der vollständige Text und eine
Überlieferung geboten.

In seiner Einleitung behandelt der Herausgeber,
der die besten Syriologen in England zu Ratgebern gehabt
hat, das Leben, die Christologie, die Schriften,
speziell das große Kommentarwerk des B.-H., „die
Scheune der Geheimnisse", die Abweichungen im Evangelientext
von Peschittha, die Geschichte der Monophy-
siten, zu denen Bar-Hebraeus gehörte, die syrische
Sprache (mit einigen Beispielen, wo die syrische Übersetzung
ein im aramäischen Urlaut beabsichtigtes Wortspiel
erhalten haben könnte), die syrischen Bibelübersetzungen
, die Manuskripte des Werkes, die bisherigen
Editionen, endlich die von B.-H. zitierten Autoritäten
(nämlich: Africanus von Emmaus, Severus, Georg der
Araber, Jakob von Edessa, Cyrill, Mar Efraim, David
Sohn von Paul, Johannes von Dara, Epiphanius, Gregor
von Nyssa, Moses bar Cepha, Theodor, Jacob Bara-
daeus, Philoxenus, Dionysius Areopagites, endlich Hippolyt
von Rom — merkwürdigerweise fehlt bei B.-H.
Ishodad).

Zur Basis seiner Edition hat Mr. Carr das Manuskript Add.
21, 580 des britischen Museums gewählt. Am Rande hat er die
Varianten anderer Manuskripte vermerkt. Dies Manuskript war bisher
noch nicht benutzt.

Der Kommentar, der hiermit zum ersten Mal allgemein
zugänglich gemacht wird, fußt natürlich zum
großen Teil auf älteren Autoritäten und Traditionen.
Darauf beruht gerade sein Wert. Zu jedem Evangelium
gibt er eine Einleitung, die alte, meist bekannte Traditionen
zusammenfaßt. Der Kommentar ist sehr eklektisch
, am ausführlichsten zu Matth. Nur die Stellen, die
kommentiert sind, sind wörtlich angeführt. Meist besteht
die Auslegung aus kurzen Glossen. Diese erweitern
sich indes öfter zu kürzeren und längeren exegetischen
Ausführungen, die interessante Überlieferungen
befassen.

In der Einleitung zu Matth, heißt es, daß dies Evangelium für
Judenchristen geschrieben ist; weiter handelt sie vom Diatessaron und
von Euseb's canones. Sehr ausführlich werden die Traditionen über
die Genealogien mitgeteilt. Zu Mt. 2 liest man allerlei Legenden über
den Stern und die Magier; letztere danken ihr Wissen dem Bileam
oder ihrem Propheten Zarathustra. Zu Mt. 3 wird die einzige
Variante aus dem Diatessaron gegeben: „Milch und Honig", die
Speise des Täufers (hängt mit dem Vegetarianismus und mit dem
Taufritus zusammen). Zu Mt. 5, 39: ein Schlag mit der linken
Hand ist weniger hart als ein Schlag mit der rechten Hand; man soll
also bereit sein, noch ärgeres zu dulden. Zur 4. Bitte: „Brot, das
nötig ist für den Tag" und nicht Oberfluß. Zu 10, 2 erwähnt B.-H.
die Tradition, daß Maria mit Johannes in Patmos und in Ephesus
war. Der Täufer hat seine ungläubigen Jünger gesandt, damit s i e
glauben lernten. Der Schatz im Acker ist die Gottheit Jesu, die in
seiner Menschheit verborgen ist. Der Berg Mt. 17, 20 ist Satan!

| Das letzte Mahl war kein Passahmahl; Karfreitag war Passah (Har-
j monisierung zugunsten von Jon.). Interessant sind die Überlieferungen
I über die Teilnahme des Judas am Abendmahl. Golgatha ist Grab
von Adams Schädel und die Tenne des Jebusiters „Aran". Die 2
Schächer heißen Titus und Domkus.

Zu Marc, heißt es in der Einleitung, daß er lateinisch geschrieben
ist. Mc. 13, 32 ist, „mit Vorbehalt" gesagt, eine im Interesse der
Jünger gesprochene Unwahrheit. Der junge Mann 14, 52 war ein
Fremder, denn keiner der Jünger wäre so leichtbekleidet mitgegangen.

Zu Lucas: Symeon wird mit dem Vater Jesu Sirach identifiziert
, einem der 70 Übersetzer. Hier wird der Sinn dieser Tradition
verraten: weil er an der Jungfrauengeburt Jes. 7, 14 zweifelte, blieb er
280 Jahr an den Opferdienst gebunden, bis er den sähe, der geboren
war von einer Jungfrau! Zu Lc. 3, 23 heißt es, daß Jesu Gestalt verwandelt
war in die des „Alten" von Dan 7. Die Begegnung mit der
Sünderin war in Nain. Zu 10, 1 gibt B.-H. eine Liste der 70. Die
Parabel vom Samariter wird heilsgeschichtlich ausgelegt: der Mann
ist Adam, der Samariter Christus usw. Anlaß des Blutbades 13, 1 war,
daß Cäsar den Juden verboten hatte zu opfern.

Zu J o h. : Joh. schrieb (nach Euscb) auf Wunsch von Petrus
und Paulus. (Joseph) Kaiphas (11,49 ff.) wird wegen seiner prophetischen
Gabe mit J o s e p h u s identifiziert.

So bereichert der Kommentar unsere Kenntnis der
Geschichte der syrisch-griechischen Exegese und der
altkirchlichen exegetischen Traditionen. Mit der Edition
und Übersetzung dieses Kommentars hat sich Mr. Carr
ein großes Verdienst erworben. Was ich vermisse, ist
eine Einreihung des Bar-Hebraeus in die Geschichte der
syrischen Exegese; dies Thema hätte vor allem in der
j Einleitung behandelt werden müssen, die doch manches
enthält, was für das Verständnis des B.-H. überflüssig
ist. Und in Fußnoten zum Texte hätte die Herkunft
merkwürdiger exegetischer Traditionen angemerkt werden
müssen. Diese Arbeit ist also noch zu verrichten, zu
ihr möge das verdienstliche Buch die Anregung geben.
Leiden. H. Wi n d i sch.

Johannessohn, Martin: Das biblische iyiysto und seine

Geschichte. Abdr. aus Bd. 53, H. 3/4 d. Zeitschi-, f. vergleich.
Sprachforschg. Göttingen: Vaudenhoeck & Ruprecht 1926. (S. 161
! bis 212.) gr. 8". RM 2.60.

Die sorgfältige Monographie, für deren Bespre-
j chung ich mich der Beratung durch meinen Kollegen
I Baumgartner erfreute, ist im wesentlichen eine statisti-
I sehe Untersuchung. Literarhistorische Folgerungen aus
den Ergebnissen bleiben dem Leser überlassen. Der
J Verf. behandelt im l.Teil die Wiedergabe des „einführenden
" ^(T1 und seiner Konstruktionen durch
die LXX. Besprochen werden die auf TP1 folgenden
datierenden Bestimmungen und die Formulierung des
darauf folgenden „Anschluß-Satzes". Es fällt auf, daß
sich der Verf. bei der Erläuterung der hebräischen Wendungen
nicht auf die Grammatik von Gesenius-Kautzsch
bezieht. Die Wendung □TD Wik die er (S. 169)
so erklärt, daß die Zeitbestimmung durch den Nom. gegeben
sei, ist nach Ges.-K. § 118 c vielmehr so zu verstehen
, daß □'pn der Acc. der Zeitbestimmung ist.
Wenn die LXX den Nom. setzen, so haben sie eben
mißverstanden. Die Präpositionen D und 3 mit dem
Inf. zur Zeitbestimmung (S. 175,5) unterscheiden sich
nach Ges.-K. § 164 g so, daß D „als während", D
„als = sobald als" bedeutet. In der S. 184 zitierten
Stelle Gen. 27, 30 dürfte durch das zweite VV) nicht
der Nachsatz, sondern ein zweiter untergeordneter Satz.
(Zustandssatz) eingeführt sein, während der Nachsatz
mit V. 30 b (Ifryi) oder mit V. 31 (fcrjn) beginnt.

Die Übersetzung der LXX schließt sich im allgemeinen
eng an den hebräischen Wortlaut an; doch zeigen
sich — verschieden bei den einzelnen Übersetzern —
auch Gräzisierungsbestrebungen. Z. B. wird in Gen. und
noch in Ex. vielfach das hebr. ) durch statt durch
xat wiedergegeben, während von da ab mechanischer xat
gesetzt wird (S. 163). In Gen., Ex. und Jos. wird das
TPO) mehrfach fortgelassen und nur xal gesagt
(S. 164), und die gleichen Bücher unterdrücken auch oft
im Anschlußsatz das „und" vor dem folgenden Verbum