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Ausgabe:

1928 Nr. 24

Spalte:

563-567

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmitz, Otto

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung des Wortes bei Paulus 1928

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 24.

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such (59f.; 36) zeigt, den Iblis-Teufel und die Satane
von den Dschinn reinlich zu scheiden trotz Sure 18,48.
Dort wird Iblis ausdrücklich ein Dschinn genannt. Gewiß
versuchen manche muhammedanische Exegeten hier
die Legende vom Teufel als gefallenem Engel unterzuschieben
, aber daneben bekennen schon älteste Autoritäten
, eben in moslemischer Achtung vor dem Wortlaut
: „Iblis war niemals auch nur einen Augenblick ein
Engel; tatsächlich ist er der Ahn der Dschinn wie Adam
jener der Menschen" (Tabari, Kommentar zur Stelle,
in der Ausgabe Bulaq 1323 Bd. 15, S. 170,3), und
Naisaburi (ebenda am Rande S. 169, 9 ff.) faßt das folgende
ja, nicht wa, so streng grammatisch, daß er übersetzt
: „Iblis war ein Dschinn, sodaß er sich gegen
Gottes Gebot empörte." Dem entsprechend wird bei
der Dschinnpredigt in Sure 72, 4 der ungläubige lästernde
Tor unter den Dschinn allgemein als der Iblis bezeichnet
(a.a.O. Bd. 29, S. 67ff.). Wird man auch dieses
mitzumachen durch den Wortlaut dort nicht gezwungen
, so führt doch um Sure 18,48 kein Umweg
herum; das bequeme Mittel der Ausscheidung als
„Glosse" (S. 60) steht uns angesichts der Überlieferung
des Koran schwerlich zur Verfügung. Wie aber der
spätere Islam denkt, und inwieweit er wirkliche Erklärungen
zu Muhammeds Aussagen mit sich führt —
denn es gibt auch echte, zum mindesten uralte Traditionen
— das wäre Gegenstand einer schwierigen Untersuchung
, für welche die vom Verfasser herangezogenen
Hilfsmittel nicht ausreichen; es sind hauptsächlich
die englische Übersetzung zum Tierbuch des 1405 gestorbenen
Damiri, die englische Kompilation Wherry's
aus z. T. späten islamischen Kommentaren und das
Lexikon von Lane. Ausgeschlossen wäre nicht, daß die
Ansicht vom Iblis als Dschinn nur vorübergehend (S.
59) gewesen sei; Muhammed hat sich aber sonst doch
ganz offen korrigiert, selbst in der Abänderung der
ihm so wichtigen kultischen Vorschriften, wie denn
auch die uneingeschränkte Behauptung von der Prädestination
(43 ff.) und dem Fatalismus (9) die Schwierigkeiten
nicht ahnen läßt, welche das Willensproblem
im Koran der Islamforschung und erst recht der islamischen
Dogmengeschichte bereitet hat. Für den Sündenfall
des Iblis, wegen seiner Weigerung vor Adam
niederzufallen, ist der Hinweis auf den vollkommenen
Urmenschen sehr dankenswert; dieser sollte jedoch nach
den neueren Forschungen besonders von H.H. Schaeder
nicht mehr mit Bousset „bis jetzt ein religionsgeschichtliches
Rätsel" (47) genannt werden.

Im ganzen gebührt dem Verfasser das Verdienst,
zwar öfter behandelte, aber dunkel gebliebene Koranverse
selbständig überdacht und in sorgfältiger Zergliederung
ihre Klärung gefördert zu haben.

Hamburg. R. Stroth m a n n.

Schmitz, Prof. D. Otto: Die Bedeutung] des Wortes! bei

Paulus. Gütersloh: C. Bertelsmann 1927. (46 S.) 8°. = Netitesta-
mentliche Forschgn. Reihe 1: Paulusstudien, H. 4. RM 1.40.

Daß der Verf. seiner Untersuchung über den Sinn
des „Wortes" bei Paulus eine Besinnung über die Möglichkeiten
des Verständnisses von „Wort" überhaupt vorausschickt
, ist zu begrüßen und könnte zur Klärung
führen. Indessen scheint mir das Ziel nicht erreicht
worden zu sein. Der Verf. unterscheidet zunächst drei
„Linien" der Auffassung des Wortes in der Religionsgeschichte
: 1. Die magisch-mythologische: das Wort ist
Kraftträger (z. B. als Zauberformel); es gibt die Sache
selbst, von der es doch unterschieden ist, weiter. 2. Die
mystisch-symbolische: die Sache ist nur in symbolischer
Hindeutung im Wort gegeben. 3. Die prophetisch-heilsgeschichtliche
, die im AT. vorliegt: das Wort ist als
forderndes und verheißendes Wort Gottes der „Träger
des göttlichen Willens im realen Geschehen der Volksgeschichte
Israels".

Zu dieser Unterscheidung, die zweifellos Richtiges
gesehen hat, wären viele Fragen zu stellen, um die

j Sache wirklich zu klären. Hier nur eine! In der Mystik
ist doch eigentlich nicht das Wort als solches Symbol,

I sondern die im Wort gemeinte Sache (also z. B. das
Kreuz, die „Jagd auf den grünen Leuen" u. dgl.). Das
Wort als Wort „meint" und „bedeutet" in der Mystik

genau so wie überall in der Welt etwas, nämlich eine

! „Sache" oder einen „Sachverhalt". So übrigens auch in
der primitiven Sphäre der Magie und des Mythos, für

! welche nur dies charakteristisch ist, daß sich die abstrahierende
Trennung von gesprochenem Wort und

; Wort als Begriff noch nicht vollzogen hat, und weiter
, daß hier dem Sprechen des Wortes nicht notwendig
ein Verstehen korrespondiert, sondern etwa
auch eine Wirkung auf die Dingwelt (Zauber). Ebenso
ist aber auch in der „prophetisch-heilsgeschichtlichen
Linie" mit dem Worte immer etwas ge rn eint, hat das
Wort eine Bedeutung ; und auch hier ist das Wort
primär hinsichtlich seines Gesprochenwerdens
ins Auge gefaßt; nun aber nicht so, daß dabei von der

i Möglichkeit des Verstandenwerdens abgesehen werden
kann (umgekehrt werden auch Naturereignisse, die
man als Gottes Wirkung verstehen kann, als sein

i Wort bezeichnet! vgl. z B. Ps. 147, 15ff.), sondern

J so, daß diese Möglichkeit vorausgesetzt, aber nicht isoliert
ins Auge gefaßt ist; das Wort ist primär als An-

1 rede verstanden. Es fällt auf, daß sich der Verf. nicht

i auch an der griechischen Auffassung orientiert, obwohl
doch unsere heutige Auffassung primär durch sie be-

I stimmt ist. Im Griechentum (wenn ich mir diese abgekürzte
Redeweise hier erlauben darf) ist das Wort primär
so aufgefaßt, daß von seinem Gesprochen werden,

! seinem Anredecharakter, abgesehen wird und nur die
Möglichkeit ins Auge gefaßt wird, daß das Wort zu
verstehen gibt und verstanden wird; es wird zum B e -

i griff, wird also hinsichtlich seines (zeitlosen) „Ge-

I Kaltes" genommen. Hört man die Rede des Philo-

, sophen, so soll man nicht i h m zustimmen, sondern dem
Xt'yog (vgl. Heraklit Fr. 50 Diels etc.). Der Unterschied
der alttest. und der griechischen Auffassung kommt fer-

i ner darin zu Tage, daß sich die Auffassung des Ver-
stehens modifiziert. Ohne den korrespondierenden

j Begriff des Verstehens zu analysieren, kann man (was
der Verf. übersehen hat) auch den Begriff des Wortes

i nicht wirklich klären. Kurz andeutend kann gesagt werden
, daß der griechische Idyog je etwas sehen läßt

! (k/jyog = a/cörpavoigl), während das alttestamentliche
Wort primär gehört werden will, indem es den Menschen
anredet und beansprucht. Beim Verf. ist leider der

! Charakter des alttestamentlichen Wortes ganz ungeklärt;
denn eine begriffliche Erklärung ist docK der Satz S. 8
nicht: „das Wort erhält auf dem Boden Israels seine
Kraft von dem einen lebendigen Gott, d. h. von seinem
Geist, trägt sie also nicht wie eine Zauberformel in sich
selber".

Leider verwirrt der Verf. die Sache völlig, wenn er
nun jener dreifachen Unterscheidung eine andere, ebenfalls
dreifache parallel gehen läßt, nämlich eine „sprachphilosophische
", speziell erkenntnistheoretische
. Er unterscheidet 1. die realistische Auffassung,
wonach das Wort die gegenständliche Außenwelt adae-
quat erfaßt, 2. die idealistische, nach der das Wort nur
ein Gedachtes ausdrückt und zum bloßen „Zeichen"
wird, 3. die pneumatisch-realistische, deren Charakter
mir unverständlich geblieben ist. In einer mir undurchsichtigen
Weise ist hier das „Gegenständliche" und das
„Nichtgegenständliche" aneinander gebunden, und, wenn
ich den Verf. recht verstehe, ist solcher Wortgebrauch
nur in Christus möglich. Wie Christus für eine Erkenntnistheorie
in Anspruch genommen werden kann, würde
ich jedenfalls nicht verstehen. Aber davon abgesehen:
daß diese drei möglichen Auffassungen jenen drei „Linien
" entsprechen, dürfte eine Täuschung sein. Dort
ging es um die Frage nach dem Verständnis des „Wortes
" hinsichtlich seiner Stellung im menschlichen Dasein,
also um ein — wie ich wohl sagen darf — anthropolo-