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Ausgabe:

1928 Nr. 23

Spalte:

544-546

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Klostermann, Erich

Titel/Untertitel:

Das Matthäusevangelium. 2., völlig neubearb. Aufl 1928

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 23.

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Untersuchung eingebaut. Der Gang der Beweisführung
tritt infolgedessen nicht so deutlich hervor, wie man es
im Interesse der Sache wünschen möchte. Und das Auftragen
aller Beobachtungen auf derselben Fläche läßt
Wesentliches und Unwesentliches, Bewiesenes und Vermutetes
, Notwendiges und Gelegentliches ununterschie-
den nebeneinander treten — sicher kein Gewinn für die
Oberzeugungskraft der Hauptthese!

Diese These wird auf dem Wege entwickelt, daß
zunächst an den epigraphischen Zeugnissen die apotro-
päische Bedeutung der Formel beobachtet wird. Wenn
die Dämonen an Haus oder Grab die Worte elg &eög erblicken
, so schrecken sie ebenso zurück, wie die Dämonen
der Luft, die, in solcher Weise vertrieben, der
Seele den Weg zum Himmel frei geben müssen. Dabei
fällt mancherlei an Nebenbemerkungen ab, was von
Interesse für den Leser ist und von den ausgebreiteten
Kenntnissen des Verfassers zeugt, aber auch von seiner
Vorsicht schnellen Folgerungen gegenüber. Ich erwähne
die leider etwas kurzen Ausführungen über XMV (S.
16), über ol Cwvreg als christliche Selbstbezeichnung (S.

18, sehr vorsichtig), über xalöv als Segensformel (S. 31;
m. E. nicht überzeugend, elg d-ebg xabbg ist auch ohne
Konjektur durchaus verständlich), über die Flügelfiguren
in dem Hypogäum von Koloniyeh (bei Jerusalem
; S. 37 ff.), vor allem aber die umfangreiche
Untersuchung über die Salomo-Sisinnius-Amulette (S.
91—129), die in unserem Zusammenhang den exorzistischen
Charakter der elg #eoc-Formel feststellen hilft,
in die hinein aber Beobachtungen anderer Art verflochten
sind, über den Lirsprung des Reiterheiligen wie über
den Zusammenhang der Salomo-Amulette mit der Legende
von dem heiligen Sisinnius, der seine dämonische
Schwester ersticht.

Von großem Wert sind im Hauptteil die Untersuchungen
über Akklamationen überhaupt, die von Apg.

19, 28. 34 ihren Ausgang nehmen, und die umfangreichen
Materialsammlungen von allerhand Akklamationsarten
. Die Besprechung der Akklamationen in der
Aretalogie führt dann zu formgeschichtlichen Untersuchungen
, die an dem bekannten Sarapis-Wunder P.
Oxy. XI 1382 den Zusammenhang von christlicher, jüdischer
und hellenistischer Wundererzählung dartun.
Man wird hier allerdings besondere Vorsicht walten
lassen müssen. Als feststehend ist es zu betrachten, daß
ein akklamatorischer Ruf der Zeugen am Ende einer
Wundergeschichte typisch für die Aretalogie ist, und daß
dieser Ruf eben „akklamatorische" und nicht etwa dogmatische
Bedeutung hat. Aber freilich muß man nun
zwischen wirklich akklamatorischem Gebrauch und anderem
unterscheiden. So gehört z. B. die Erwähnung
des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht neben
die akklamatorischen Nennungen des &ebg tov delva;
denn diese hat sozusagen werbende Bedeutung und soll
sich auf das eben geschehene Wunder beziehen, jene
Formel aber hat ihre bekannte Beziehung zur israelitischen
Heilsgeschichte und will vor allem die Gläubigen
im Gedenken der Erzväter um den Gott Abrahams
scharen. Aus dem bereits erwähnten Papyrustext ergibt
sich ein weiteres stilistisches Mittel der Aretalogie und
von ihr beeinflußter Texte: die Erwähnung der Archive,
in denen sich Berichte über den erzählten Fall befinden
sollen. In diesem Zusammenhang erinnert P. — nur
leider etwas sehr kurz, so daß die Problematik der
Stelle nicht deutlich wird — an Ignatius ad Philad. 8, 2
mit der Berufung auf die Archive im Munde der Zweifler
; auch an Justins Erwähnung der Pilatusakten und
an die Entstehung der Pilatusliteratur könnte man in
diesem Zusammenhang denken. Es zeigt sich also, daß
gewisse Stilmittel dieser Erzählungen sehr viel weiter
gewirkt haben als man zunächst annehmen möchte. Um
so auffallender ist es aber dann, daß in den Evangelien
diese stilistischen Mittel nur in geringem Umfang zutage
treten. Man merkt auch daran, daß ein großer Teil

der evangelischen Erzählungen einer anderen Kultur
I entstammt und daß die hellenistischen Stilmittel bei den
| Christen zunächst nur in geringem Umfang verwendet

werden.

Die formgeschichtliche Untersuchung der Akklamationen
gipfelt in dem Nachweis, daß aus der liturgischen
Akklamation sich die Exorzismusformel entwickelt
habe, deren apotropäischer Sinn an den inschrift-
j liehen Zeugnissen bereits festgestellt war. Eine ähnliche
Entwicklung wird dann an der slg 'Qsbg Zdga7Cig- Formel
aufgezeigt, und deren Erwähnung führt wieder auf ein
wichtiges religionsgeschichtliches Problem: die synkre-
! tistische Einheitsformel. Daran schließt sich eine weitere
Untersuchung religionsgeschichtlicher Art, die Beantwortung
der Frage, welche Bedeutung dem elg d-eög auf
I heidnischen und jüdischen Inschriften zukomme. Der
solare Monotheismus und der Aionkult spielen hier eine
Rolle, auch im Judentum. Denn innerhalb eines syn-
I kretistischen Judentums ist der jüdische Gott mit Ein-
| heitsgottheiten der „Welt" eine Verbindung einge-
1 gangen, die als ein Typus von Theokrasie angesprochen
werden darf.

Freilich werden auch bei dieser Untersuchung die
großen Linien nicht immer sichtbar. Immer wieder
unterbricht die Exegese der Belege die Darstellung der
Entwicklung. Andrerseits wird die Einzelinterpretation
wieder von der Verpflichtung des Interpreten beengt, die
Gesamtentwicklung darzustellen; und so kommen manche
Fragen nicht zu ihrem Recht, die der Leser gern
ausführlicher beantwortet haben möchte. Dieses Durcheinander
von Speziellem und Allgemeinem scheint mir
der größte Fehler des Buches, und es stellt sich dem
nachdenklichen Leser doch die Frage, ob sich dieses
Durcheinander nicht in ein Nebeneinander hätte verwan-
i dein lassen, vielleicht durch völlige Trennung der
Entwicklungsskizze von der Textbetrachtung. Diese Aus-
I Stellung darf natürlich nicht den Dank für das Gebotene
| verringern; und zwar ebenso für das Spezielle, die
| scharfsinnige Deutung der Belege, wie für das Allgemeine
, den Versuch, eine geschichtliche Entwicklung der
Akklamationen zu zeichnen. Daß auch trotz jenes Mangels
ein Buch, das uns mit so umfangreichen Sammlungen
und mit so anregenden Kombinationen beschenkt
, eine Leistung von Rang darstellt, brauche ich
nach meinem Bericht kaum mehr ausdrücklich zu betonen
.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Klostermann, Prof. D. Dr. Erich: Das Matthäusevangelium.

2., völlig neubearb. Aufl. Tübingen: J. C. B. Mohr 1927. (VIII,
235 S.) 4°. = Handbuch z. N.T., 4. RM 6.60; geb. 8.10.

Die 2. Auflage dieses Kommentars darf sich mit
Recht als eine völlig neubearbeitete bezeichnen. Von
manchen stilistischen Besserungen abgesehen hat sie
durchweg sachliche Änderungen und Verbesserungen er-
j fahren und ist, wie das Wachsen des Umfangs um 25
Seiten zeigt, auch bereichert. Der dem Handbuch entsprechende
Charakter der Kommentierung, die mehr
Fragen aufwirft und Materialien bietet als selbständig
erklärt, ist natürlich gewahrt worden. Wie früher sind
j (neben Zitaten aus der Exegese der Alten in cha-
| rakteristischen Fällen) die Meinungen der neuen und
I neusten Forscher reichlich angeführt, doch so, daß das
eigene Urteil des Verf.s jetzt oft stärker hervortritt als
in der 1. Auflage. In der literarkritischen Beurteilung
ist der Standpunkt mit Recht der alte geblieben (Zwei-
! quellen-Hypothese). In den sachkritischen Fragen ist
im allgemeinen auch das frühere Urteil festgehalten,
doch in manchen Fällen hat sich die Skepsis verschärft,
m. E. mit Recht. Vor allem ist die in der Zwischenzeit
I geleistete formgeschichtliche Arbeit in erfreulicher Weise
zur Geltung gebracht und in manchen Fällen weiter-
j geführt. Ebenso macht sich die fortschreitende Er-
l Schließung der rabbinischen Quellen, vor allem durch
I Strack-Billerbecks Kommentar, geltend. Mir scheint, daß