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Ausgabe:

1928 Nr. 23

Spalte:

532-535

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buchholz, Friedrich

Titel/Untertitel:

Protestantismus und Kunst im 16. Jahrhundert 1928

Rezensent:

Beyer, Hermann Wolfgang

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 23.

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beherberge, „die linke die subjektiven, adjektivischen,
das Phantasievolle, die Abstraktionen", und erklärt, er
verfahre „adjektivisch" (S. 2), so werden wir doch gut
tun, von beiden Hälften unseres Gehirns intensiven Gebrauch
zu machen, schon weil auf der einen Seite „das
Phantasievolle" eine gefährliche Rolle spielt. Sehr ernsthaft
gesprochen: Wenn der Glaube mit dem Objektiven
seines Zieles und den subjektiven Formen seines Suchens
und Findens Gegenstand der Kirchengeschichte ist, wird
schlechterdings alles, was aus Glauben gestaltet worden
ist, Quelle der Geschichtsforschung sein müssen. Das
gilt dann unbedingt auch von den Werken der religiösen
Kunst, die aus der Unmittelbarkeit schöpferischer Geistesbewegtheit
herausgeboren werden und bei denen es
viel schwerer ist, sich selbst oder andere zu betrügen,
als mit Worten, weil jede Unechtheit sofort als Mani-
riertheit augenfällig wird. Selbst wenn wir den monumentalen
Quellen der Kirchengeschichte keinen einzigen
Gedanken abgewinnen könnten — ich glaube freilich
nicht, daß dem so ist —, der nicht auch schriftlich bezeugt
wäre, so könnten wir jene Quellen nicht entbehren
, weil sie von der Lebensmächtigkeit der Gedanken
zeugen, auf die doch alles ankommt, wenn wir
nicht nur Geschichte einer religiösen Philosophie unter
Einrechnung von deren Hemmungen durch kirchenpoli-
tische Rücksichten schreiben wollen. Schon die Tatsache,
daß ein so großes Gebiet menschlichen Kulturlebens wie
das der bildenden Kunst bis in seine kleinsten Erscheinungen
hinein untrüglich davon redet, wie die Menschen
jeweils zu Gott gestanden haben, rückt alles geistige
Geschehen auf Erden in das Licht der „Kirchengeschichte
" und gibt dieser die Universalität. In ihrer
Lebensmächtigkeit und in der Lebenstiefe, in die sie
dringen muß, hat sie ihre Würde. Von da aus ist die
Absicht des vorliegenden Buches durchaus zu bejahen.

Dann erhebt sich freilich auch die andere Frage:
Wie steht es zur Kunstgeschichte? Auch hier wäre die
ab und an auftauchende Polemik besser unterblieben.
„Die Herrschaft der Kunstphilologie ist aus." Das ist
ein billiger Satz. Aber soll man von den Wurzeln der
eigenen Kraft so reden? Nur die unerbittliche Beobachtungsschärfe
in der Kunstwissenschaft gerade der letzten
Jahrzehnte hat es möglich gemacht, daß wir in ganz
feinen formalen Eigentümlichkeiten den Ausdruck ganz
bestimmter geistiger Vorgänge zu sehen vermögen. Wir
Theologen sind der strengsten Kunstphilologie zum
größten Dank verpflichtet und müssen immer wieder
selbst hinein, wenn wir mitreden wollen. Jener polemische
Satz des Verfassers wäre freilich nicht weiter
gefährlich, wenn er sich nicht im Buche selbst auswirkte.
Einmal darin, daß in den zahlreichen Quellenbelegen
der Ertrag der forschenden Kleinarbeit unserer Kunsthistoriker
zu stark zurücktritt hinter der Berufung auf
Männer wie Spengler, Worringer, Karl Scheffler. Gegen
diesen und gegen Hausenstein ist Preuß zwar nicht
ganz unkritisch. Aber daß sogar Oskar Beyer zu den
meistzitierten Autoren gehört, könnte doch über die
wissenschaftliche Zuverlässigkeit des Werkes leicht falsche
Vorstellungen aufkommen lassen. Zum zweiten:
An keinem Beispiel ist gezeigt, wie das, was Preuß
„Deutung" nennt, methodisch aus genauer Beobachtung
der Formenwelt eines einzelnen Kunstwerkes gewonnen
ist. Das macht zwar dem Laien das Lesen sehr leicht,
verwehrt aber dem Fachgenossen die Nachprüfung des
Zustandekommens der Ergebnisse.

Ähnliches gilt von dem Stil des Buches. Das Bemühen des Verfassers
„weder langweilig noch unverständlich zu sein", ist zwar in
der heutigen Zeit sehr dankenswert. Aber die Bildersprache, die er
wählt, ist doch etwas reichlich blumig. Ein Beispiel (S. 129): „Die
große Beruhigung der armen gotischen Seele seihst kam von außen
her, von zwei Seiten, von unten und von oben, und zwar war es ein
Fußfassen auf alten Grundlagen". Oder auf der nächsten Seite:
„Selbstverständlich setzt die Spätgotik ebensowenig wie ein anderer
Stil mit einem Glockenschlage ein. Das Alte steht noch lange unmittelbar
daneben wie altes Eichenlaub neben dem jungen. Die Verzwicktheit
der späten Gotik überspinnt gar oft die Spätgotik mit

ihrer Meistersingerei, ihrer Alterserscheinung des Virtuosentums. Wir
wenden uns aber jetzt dem neuen unter all dem welken Laube zu".
Und auch sachliche Abneigung sollte den Geschmack nicht beeinflussen
: (S. 162) „Der katholische Apostelfürst (auf Dürers Vier-

[ apostelbild) steht aber ... im Hintergrund wie ein griesgrämig
Opfer des Beamtenabbaus, dazu etwas subaltern. Seine Schlüssel
haben Verwandtschaft mit Verdienstmünze und Erinnerungsmedaille,

1 die sich ein kleiner Beamter umhängt." (S. 164): „Petrus hat seinen
kurzen, welligen Vollbart beibehalten dürfen, den er sich schon in der
alten Kirche stehen ließ." Gerade dem, was Preuß erstrebt, kann nur
sachliche Schlichtheit förderlich sein.

Was schließlich den Inhalt seines Entwurfes anlangt
, so wird man — soweit sich überhaupt schon
sicher urteilen läßt — auf weiten Strecken mit voller

! Zustimmung mitgehen können. Namentlich über die
Kunst des frühen Mittelalters finden sich sehr feine
Beobachtungen. Auch die der hohen Gotik ist im We-

' sentlkhen treffend gezeichnet. Bedenken setzen ein, wo

! es auf die Reformation zugeht. Hier wird das Bestreben,
die ganze Entwicklung in der leidvollen Unruhe des
späten Mittelalters wie in der Ahnung des Kommenden
auf Luther hin zu deuten, der Wirklichkeit nicht gerecht.
Selbstverständlich hat Luthers Tat auch auf die Kunst
tief gewirkt, und sicher zeugt manches Kunstwerk vom
großen Wandel der Frömmigkeit. Nichts charakterisiert
das 17. Jahrhundert so eindrücklich wie das
Nebeneinander von Rembrandt und Rubens. Aber der

i Fragenkreis der Reformationskunst ist schwerer zu beantworten
als es bei Preuß scheint. Und den Calvinis-

j mus sollte gerade auch der überzeugte Lutheraner dank
seiner Freiheit gerechter beurteilen. Man kann es doch
wirklich nicht als Verfall bezeichnen, daß an Rietschels

j Lutherdenkmal Zwingli und Calvin als Medaillon eingesetzt
sind „in derselben Größe wie Luthers echte
Schüler und Mitarbeiter Bugenhagen und Jonas" (S.

j 251). Gut sind die Schärfe, mit der (S. 257 und S. 262)
Geschmacklosigkeiten moderner, angeblich religiöser
Kunst gegeißelt werden, und das vorsichtige Urteil über
die jüngste Zeit. So bringt das Buch im Ganzen viel
Anregung. Es wird gewiß im Sinne des Verfassers sein,
wenn wir nach diesem großangelegten Versuch einer

; Synthese zur sorgfältigen Einzeluntersuchung zurück-

1 kehren.

Greifswald. Hermann Wolfgang Beyer.

Buchholz, Friedrich: Protestantismus und Kunst im

16. Jahrhundert. Mit 4 Bildtaf. Leipzig: Dieterich'sche Verlags-
buchh. 1928. (VIII, 88 S.) gr. 8°. = Studien über christliche Denkmäler
, H. 17. RM 4.50.

Es dürfte wohl einen ziemlich seltenen Fall in
der Geschichte der Wissenschaft darstellen, daß ich die

' unerfreuliche Pflicht habe, zusammen mit dem Buche
von Preuß über „Die deutsche Frömmigkeit im Spiegel
der bildenden Kunst" gleich ein ganz grobes Plagiat
an ihm anzuzeigen. Ein solches stellt in ihrem überwiegenden
Bestände die vorliegende Schrift dar, die laut
Vorwort von der Philosophischen Fakultät zu Halle auf

, das Votum von Paul Frankl hin als kunsthistorische
Dissertation angenommen worden ist.

Sie enthält einen ersten Abschnitt „Luther und die
Kunst", der dies schon wiederholt behandelte Thema zu-

j treffend, aber ohne wesentliche neue Erkenntnisse zu

i bringen, noch einmal kurz abhandelt.

Dann geht Buchholz zur Schilderung der Kunst im
16. Jahrhundert über. Schon im 1. Abschnitt, der auf

I 6 Seiten den Kirchenbau behandelt, finden sich Entleh-

i nungen aus Preuß. So in dem, was über die Torgauer
Schloßkapelle gesagt ist (S. 24). Vom nächsten Abschnitt,
der Dürer als Vorreformator bespricht, an ist die Abhängigkeit
von Preuß durchgehend. Sie tritt in den
Formulierungen sehr oft, im Gedankengang stets zutage
. Ich nehme gleich dieses Kapitel zum Beleg.

Der erste Absatz über Dürers Bedeutung im Allgemeinen
deckt sich sachlich mit den Ausführungen von