Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1928 Nr. 22

Spalte:

519-520

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Allen, H. E.

Titel/Untertitel:

Writings adscribed to Richard Rolle and Materials for his Biographie 1928

Rezensent:

Ficker, Gerhard

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

519

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 22.

520

danke des Verfassers verdient beachtet zu werden.

Von Einzelheiten erwähne ich, daß der zusammenfassende Artikel
über Silvester II. von Hauck in unserer Real-Encyklopädie nicht benutzt
ist. Der böse Druckfehler Origincs S. 53 sollte in einem wissenschaftlichen
Buche nicht vorkommen.

Kiel. Q. Ficker.

Allen, H. E.: Writings adscribed to Richard Rolle and
Materials for his Biographie. Oxford: University Press 1927. I
(XVI, 568 S.) gr. 8°.

Diese ausgezeichnet gelehrte, umsichtige, in viel- j
jähriger Arbeit an Druckschriften und Manuskripten erwachsene
und durch mannigfache Auskünfte von den [
verschiedensten Seiten, namentlich von katholischer Seite
unterstützte Schrift bringt so viel neues, mir völlig
unbekanntes Material, daß es mir unmöglich ist, eine
Rezension zu schreiben. Man sehe sich nur einmal die i
Liste der benutzten Handschriften an (S. 563—568); es
wäre gewiß die Aufgabe eines pflichtbewußten Rezensenten
, zu prüfen, ob die Benutzung überall richtig ist,
aber wie soll ich die Prüfung vornehmen, und welche
Zeit würde sie erfordern, auch wenn es mir möglich
wäre, sie vorzunehmen. Ich muß mich begnügen, das
Wichtige und das Fördernde an der Arbeit hervorzu- |
heben.

Es handelt sich um die Schriften des Einsiedlers
von Hampole, Richard Rolle (f 1349), des in England j
im späteren Mittelalter am meisten gelesenen Erbau- i
ungsschriftstellers, dessen Schriften nicht bloß in lateinischer
Sprache, sondern auch in der einheimischen eine
große Verbreitung gefunden haben, dessen englische
Schriften für die Ausbildung des modernen Englisch von
großer Bedeutung gewesen sind. Merkwürdigerweise
haben diese Erbauungsschriften noch in der Zeit der i
Gegenreformation, und zwar auf kontinentalem Boden
eine Rolle gespielt, und gesammelte Werke von Rolle
sind zuerst auf kontinentalem Boden im Interesse der |
Gegenreformation gedruckt worden. Es ist sehr interessant
, mit der Verf. den ältesten Drucken nachzugehen;
aber auch die späteren, selbst die neuesten und modernisierten
Drucke werden angeführt und zeigen, daß Rolles
Mystik auch in neuer Zeit noch Anklang findet. Noch
interessanter ist natürlich die Durchforschung des handschriftlichen
Materials; die Handschriften zeigen, wie
reich die Verbreitung von Rolles Schriften hm Mittelalter
in England gewesen ist, wie weit sie auch nach
andern Ländern gekommen sind, nach den Rheinlanden,
nach Böhmen, nach Schweden. Die Verf. geht überall
auf die Bedeutung dieser Tatsachen ein und weiß ein
eindrucksvolles Bild von den Wegen zu geben, auf denen
diese Verbreitung erfolgte. Wertvoll ist, was uns
die Handschriften über die Schichten der Bevölkerung
sagen, in denen Rolles Schriften gelesen wurden: trotz
seiner Angriffe auf den Klerus wurden sie auch von
Klerikern gelesen.

In der Untersuchung der einzelnen Schriften Rolles
sucht die Verf. soweit möglich die chronologische
Reihenfolge festzustellen, sie hebt heraus, was sich in
ihnen über Rolles Leben findet, und dadurch werden
uns große Partieen der Schriften mitgeteilt. So erhalten
wir auch einen guten Einblick in ihre Gedankenwelt^
auch ohne daß die Verfasserin uns diese systematisch
darzulegen versucht. Es ist natürlich, daß auf den Namen
eines vielgelesenen Erbauungsschriftstellers viel geschrieben
wird, was ihm nicht gehört. Und so nimmt
die Untersuchung solcher Schriften einen recht großen
Raum ein, und man kann sich gut unterrichten, wie verwickelt
die hier auftauchenden Probleme sind und wie
schwierig die Lösungen, die nicht einmal immer durch |
das eingehendste Studium der Handschriften gesichert I
werden. Mit Takt und mit reicher Kenntnis begrenzt die
Verf. den Anteil, den Rolle an den ihm zugeschriebenen
Stücken hat. Im Einzelnen mag hervorgehoben werden,
daß die Verf. Rolle die Abfassung des Prick of Consci-
ence (Stimulus Conscientiae) abspricht.

Sehr wertvoll ist das letzte Kapitel: Materials of
Rolle's Biography. Es geht davon aus, daß das einzig
durchaus sichere Datum sein Todesjahr ist, 1349, und bestimmt
die relative Chronologie der Personen, die die
größte Rolle in seinem Leben gespielt haben: Archidi-
akon Neville, John Dalton und Margaret Kirkeby. Besonders
eingehend wird die Frage nach seinem Aufenthalt
in Paris an der Sorbonne behandelt, wo er sich
wahrscheinlich die Anregung und die Quellen für seine
Psalmenerklärung holte. Die Lokalgeschichte von York
und Umgebung wird reichlich nutzbar gemacht, um über
die Heimat Rolle's, seine Familie, seine Jugend, sein
Einsiedlertum Erkundigungen einzuziehen. Es ist verständlich
, daß hier viel mit Hypothesen gearbeitet werden
mußte, da direkte Quellenaussagen mit Ausnahme
seines Officiums nicht vorliegen. Aber was die Verf.
aus den verschiedensten Quellen, den Testamenten usw.
beibringt, kann doch dazu dienen, den Hintergrund deutlich
zu machen, von dem sich die Persönlichkeit Rolle's
abhebt, und die Wirklichkeit zu kennzeichnen, auf die er
gewirkt hat, auch verständlich zu machen, in welcher
Weist Rolle die Lollardische Bewegung hat vorbereiten
helfen, die ja auch von seiner Tätigkeit Gebrauch gemacht
hat, ohne daß er selber in den Geruch der Häresie
gekommen ist.

In dem Anhang wird die Verteidigung gegen seine
Verleumder von dem Eremiten Thomas Basset mitgeteilt.

Sehr sorgfältige und inhaltreiche Register (u. a. ein
Register der Initien) beschließen den Band.

Ich hoffe, daß bald ein deutscher Theologe auf
Grund der vorliegenden Arbeit sich des dankbaren Stoffes
einer Biographie Rolle's bemächtigt. Die deutsche
Wissenschaft hat sich ja schon immer mit dem interessanten
Manne und seinen Schriften beschäftigt; aber
ich wüßte nicht, daß die Frage behandelt worden wäre,
ob etwa der „Mystizismus" Rolle's mit der deutschen
Mystik in Zusammenhang steht.

Kiel. OL Ficker.

Kraus, Dr. Johannes: Die Lehre des Johannes Duns Skotus,
O. F. M., von der Natura communis. Ein Beitrag zun Universalienproblem
in der Scholastik. Paderborn: Bonifacins-Druckerei
1927. (XIV, 143 S.) gr. S°. = Stndia Eriburgensia, hrsg. unter d.
Leitung d. Doniinikaner-Proff. an d. Univ. Freiburg i. d. Schweiz.

RM 4-.

Seit einer Reihe von Jahren läßt sich eine Neubelebung
des Interesses an Duns Scotus beobachten
. Das gilt nicht nur von den biographischen,
textkritischen und literargeschichtlichen Fragen, die
sich an den Namen des berühmten Schulhauptes
knüpfen, sondern grade ebenso auch von seiner Lehre.
Als ich vor 28 Jahren mein Buch über Duns Scotus
veröffentlichte, war eines meiner Leitmotive die
Hervorhebung des Augustinismus mit seinen volunta-
ristischen und intuitionistischen Tendenzen bei dem
großen Franziskaner im Gegensatz zu dem rationalen
Intellektualismus des Thomas. Dieser Gedanke hat sich
im Verlauf der Forschung durchweg bewährt. In engem
Zusammenhang zu ihm steht die Frage nach dem „Realismus
" des Duns. Im allgemeinen herrscht heute die
Auffassung, daß er nicht so übertrieben aufzufassen sei,
wie es vielfach früher geschehen ist. Die Arbeit von
P. Minges „Der angeblich exzessive Realismus des Duns
Scotus" (1908) versuchte den Realismus möglichst als
in dem Intellekt sich darstellend der allgemeinen, tho-
mistischen Anschauung anzunähern. Sie erlangte weithin
Anerkennung. Andererseits fand man aber auch, daß die
spezifisch scotistische Auffassung hier nicht in ihrer
ganzen Schärfe hervortrete. Auch der Verf. unserer
Schrift stellt sich mit seiner Erörterung der natura communis
oder der communitas in Gegensatz zu Minges. —
Um was handelt es sich hierbei? Die Natur ist eine
realitas, d. h. nicht bloß ein im Begriff Existierendes,
aber auch keine res, d. h. kein konkretes Ding. Indem
diese Natur zum Gegenstand des Denkens gemacht wird,
entstellt aus dem Zusammenwirken des aktiven Intellekts