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Ausgabe:

1928 Nr. 22

Spalte:

518

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mingana, A.

Titel/Untertitel:

The Lament of the Virgin and the Martyrdom of Pilate 1928

Rezensent:

Strothmann, Rudolf

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517

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 22.

518

mal für nötig gehalten, ihr eine besondere Seitenzählung
zu geben, und S. 394 ff. sieht aus, wie ein Nachtrag oder
ein Schluß, ohne als solcher gekennzeichnet zu sein; es
fehlt auch ein Register, das bei dem bunten und mannigfaltigen
Inhalte sehr willkommen gewesen wäre. Aber
für solche Unvollkommenheiten entschädigt der Inhalt
und die packende und interessante Darstellung. Der Verfasser
will zeigen, was gerade die römische Kirche in
den Stand setzte, ihre universale Bedeutung zu erlangen,
er zeigt es an und im Gegensatze zu den fremden Religionen
, die in Rom Platz griffen und Rom zu der
großen religiösen Hauptstadt aller Nationen und Rassen
machten. Trotz aller Akkommodationsfähigkeit und allem
Bestreben, den synkretistischen Prozeß zu befördern,
blieben sie doch im Innersten ihrer nationalen Eigenart
treu und vermochten nicht zu universaler Bedeutung zu
gelangen. Der Verf. will nicht eine Geschichte der fremden
Einwanderung in Rom, der freiwilligen oder erzwungenen
geben, sondern nur bestimmte Gruppen von
Einwanderern in der letzten Zeit der Republik und den
ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit, speziell aus den
östlichen Provinzen des Reichs schildern und einige Gesichtspunkte
ihres Lebens hervorheben, Gesichtspunkte,
die auch für das Leben der römischen Christengemeinde
inbetracht kommen, ihre Angliederung an das römische
Leben und ihre Beeinflussung durch dasselbe zeigen. Er
hat nicht nur das religiöse Leben im Auge, sondern auch
das soziale und ökonomische. Er beruft sich besonders
auf die Werke von M. Rostovtzeff, The Social and
Economic History of the Roman Empire, Oxford, 1926
und Tenney Frank; An Economic History of Rome, 2.
Ausg., Baltimore, 1927. Aber was noch besser ist, er
verwendet vornehmlich das inschriftliche Material und
die Resultate der neueren Ausgrabungen und weiß diesem
, gewiß nicht besonders reichhaltigen und dazu noch
mehrdeutigen Material Leben abzugewinnen. Ich möchte
da besonders auf seine Ausführungen über das Vereinswesen
in Rom aufmerksam machen, die uns zeigen, wie
viel mehr doch darüber jetzt zu sagen ist als früher, und
wie namentlich Mommsens Anschauungen durch neuere
Erkenntnisse ergänzt worden sind; aufmerksam machen
möchte ich auch auf des Verf.s Ausführungen über die
religiösen Verhältnisse, über den Synkretismus, den
Kaiserkult, u. a., die mir in ihrer Einordnung in den
großen religiösen Prozeß der Kaiserzeit besonders gut
gelungen erscheinen. 2 der Abschnitte sind dem Judentum
gewidmet, und es ist wohl keine der Fragen, die das
römische Judentum betreffen, außer Acht gelassen worden
. Die römischen jüdischen Katakomben und ihre Inschriften
sind reichlich verwertet; den in Rom bestellenden
Synagogen ist Aufmerksamkeit geschenkt worden,
nicht ohne daß unsere Kenntnis durch den Verf. bereichert
wird. Alle Ausführungen des Verf.s sollen dazu
dienen, den historischen Untergrund erkennen zu
lassen, von dem aus der römischen Christenheit es möglich
war, die universale Bedeutung zu erlangen, die sie
erlangt hat, und die Romanisierung oder Latinisierung
des Christentums und der abendländischen Welt verständlich
zu machen. Und es ist gewiß eine richtige
Beobachtung, daß sich an der Entwicklung der römischen
Gemeinde noch die schöpferische Kraft der antiken
Welt zeigt, die fähig war trotz allen Verfalls eine
Institution wie die christliche Kirche mit ihrem theologischen
System, ihrer Literatur und ihrer Kunst hervorzubringen
, und daß die römische Kirche in ihrem Universalismus
den Geist des römischen Reichs aufgenommen hat,
und daß der Universalismus des Christentums begünstigt
wurde durch das Emporsteigen der unteren Schichten
und durch die Absorption der höheren Schichten durch die
unteren. Der Verf. stellt noch weitere Arbeiten über die
Entwicklung der christlichen Kirche in Aussicht; wir
haben nach dem vorliegenden Buche wohl ein Recht, auf
sie gespannt zu sein.

Kiel. dicker.

Mingana, A: The Lament of the Virgin and the Martyrdom
of Pilate. Wich Introductions by R. Harris. (In Bulletin of The
John Rylands Library XII, 411—580.) Manchester: The University
Press 1Q28. = Woodbrooke Studies II, fasc. 4.
Pontius Pilatus, durch altchristliche Apologeten verteidigt, von
mehreren abendländischen Völkern als verworfenster Landsmann in Anspruch
genommen, ist den Kopten ein Egypter und mit seiner Gattin
Procia hoher Nationalheiliger geworden. Koptische Bruchstücke der
Pilatuslegende waren bereits 1004 durch Rcvillout in Patrologia
Orientalis II 123—153 veröffentlicht und von Baumstark in Revue
, Bihlique 1900, S. 245, als zum Kreis eines Gamaliel-Apocryphon ge-
; hörig erkannt. Bischof Kyriakos von Behnesa (vgl. v. Dobschiitz in
REPThK' XV 401, 16), d. i. Oxyrynchos, hatte im 15. Jahrhundert
; in der nun arabischen Landessprache außer Erzählungen über die
, Flucht nach Egypten auch diese Pilatuslegende wiederholt. Nach
seinen selbstentdeckten Karschuni-Handschriften, für den zweiten Teil
auch nach einer schon vorhandenen Pariser, bringt Mingana hier
Text und Übersetzung unter Überwindung vieler sprachlichen Schwierigkeiten
der sorglosen Rezensionen. Inhaltlich ist dem legendären
Gelüst, auch niedrigem Haß, aller Spielraum gelassen. Schon in
der Klage der Jungfrau Maria, auf welche die Erkennungsszene mit
der Magdalena übertragen wird, tritt Pilatus stark hervor; in seinem
Martyrium ist er, zweimal gekreuzigt, das erste Mal in Jerusalem noch
! gerettet, dann in Rom, Führer der christlichen Gruppe mit Procia,
j Gamaliel, den man als eigentlichen Verfasser in erster Person berichten
läßt, ferner mit Joseph von Arimathia, Nicxidemus, Tiberius
1 und seinem gleich dem frommen Schacher in Jesu Grab auferweckten
, Sohn; die Häupter der Feinde sind außer den Hohenpriestern Hero-
; des, Judas Ischarioth und sein Schwager Barabbas.

Hamburg. R. Strothmann.

Eichengrün, Fritz: Qerbert (Silvester II.) als Persönlichkeit
. Leipzig: B. G. Teubuer 1028. (III, 76 S ) gr. 8". -= Beiträge
z. Kulturgesch. d. M.-A. u. d. Renaissance, Bd. 35. RM 4 -.

Der Verfasser geht von der Erwägung aus, daß der
I einheitliche Ursprung der verschiedenartigen Auswirkun-
j gen aus der Gedankenwelt Gerberts, wie er sich als
j Staatsmann, Kirchenfürst und Philosoph zeigt, und deren
Entstehung aus seinem persönlichen Wesen noch
nicht genügend dargelegt worden sei. Aber die Darstellung
des tiefsten persönlichen Wesens Gerberts wird
doch nur gestreift, da diese Arbeit nur im größeren Zusammenhang
einer umfassenden Biographie geleistet
werden kann. Wenn ich den Verf. recht verstehe, so
will er also gar nicht, wie der Titel verheißt, Gerbert
als Persönlichkeit schildern, sondern nur zeigen, daß
üerbert trotz der Verschiedenartigkeit seiner Betätigungen
als einheitliche Persönlichkeit aufgefaßt werden
kann. Er findet als einen Hauptzug in üerberts Wesen
seine unerschütterliche Aktivität, die eine Philosophie
zur Tat drängt, die ihm auch jeden Mißerfolg zur
Grundlage neuer, größerer Taten werden läßt. „Er erkannte
, daß im Erlebnis des schöpferischen Denkens
die Freiheit des Menschen und die Erfüllung seiner
irdischen Aufgabe gegeben ist. Diese Intuition, die
ihn rückwärts auf die antike, christliche, wie griechischrömische
verwies, machte ihn zum Bahnbrecher für
Männer wie Bernhard, Joachim von Fiore, Meister Eckhard
und Dante. Erst fünf Jahrhunderte später wurde
zugleich die Frage nach der Art des Denkens und die
nach der Form der Kirche gelöst. Dieses unentwegte
Stieben, was er als inneres Bild in sich trug, mit allen
Mitteln in der äußeren Welt zu verwirklichen, ist ein
Hauptzug in Gerberts Wesen; wir können es das Faustische
in ihm nennen! Ich glaube nicht, daß wir auf
solche Weise mit der Erkenntnis Gerberts und seiner
Eigenart sehr viel weiter kommen, halte es aber für
nützlich, daß wieder einmal auf diese interessante Persönlichkeit
aufmerksam gemacht worden ist, und kann
dem Verf. bezeugen, daß er sich fleißig in Literatur und
Quellen umgesehen hat; ein besonderes Verdienst des
Verf.s möchte ich darin sehen, daß er der mittelalterlichen
Gerbertsage nachgegangen ist und auch das Gerbertbild
der modernen Gesenichtschreibung gestreift hat. Aber
ich glaube, daß wir nur weiterkommen durch die strengste
Beobachtung der philologischen Methode in der
Behandlung der Quellen und durch die nüchternste Beurteilung
der Vergangenheit. Mancher anregende Ge-