Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1928 Nr. 22

Spalte:

516

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rendall, Gerald H.

Titel/Untertitel:

The Epistle of St. James and Judaic Christianity 1928

Rezensent:

Bauer, Walter

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

515

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 22.

516

rhythmische Prosa und eigentlichen Hymnenstil. Zu
jedem Abschnitt wird die Art des Rhythmus genau entwickelt
. Durch ein besonders fein reagierendes Stilgefühl
ist L. zu solchen Untersuchungen wundervoll befähigt
. Man wird auch in dieser Hinsicht viel von ihm
lernen können, wird freilich auch seine Bestimmungen
des rhythmischen Schema immer kritisch überprüfen
müssen. Ich bin jedenfalls der Meinung, daß man nicht
immer genau feststellen kann, welchem Rhythmus Pls.
gefolgt ist, oder daß man in manchen Fällen ein anderes
Schema wählen wird.

Als Beispiel gebe ich die Gliederung des Absclin. 2, 1—4. L.
gliedert ihn in 5 Dreizeiler. Da muß er aber die vierte et ti -Zeile
von den drei ersten abreißen, ebenso die erste Einheitsformel von den
drei anderen und kann er auch die zwei Antithesen nicht recht zur
Geltung bringen. Sachgemäß gliedernd, bekommen wir vielmehr das
Schema: Vierzeiler; Fünfzeiler (14-4) und doppelte Antithese (ab,
a b). Hier wie sonst faßt L. die Gliederung zu schematisch und
zu streng. Wir müssen mit größerer Elastizität des ryhthmischen
Gefühls bei Pls. rechnen. Dann ist aber auch unsicher, ob die aus
der Gliederung des großen Christushymnus 2, 5—11 gezogene Folgerung
, daß 2, 8 &avdzov de ozavpoi" paulinische Glosse zu dem
von ihm ühernommenen Texte sei, unumgänglich ist. Gewiß ist hier
die Dreigliedrigkeit das Maß, aber das kann einen Pls. nicht hindern,
wenn die Sache es fordert, einmal noch ein viertes Glied hinzuzufügen
, bzw. das dritte Glied auszudehnen, was um so wahrscheinlicher
ist, als das zweite Glied der Strophe (haneiveoosv ita rin) besonders
kurz ist (nur 2 Hebungen).

Das Christuslied und seine Erklärung durch L. gibt
mir den Anlaß, noch einiges über den theologischen
Gehalt des Werkes zu sagen. Daß der theologische
Wert groß ist, braucht nicht erst hervorgehoben
zu werden. L. kennt eigentlich kein anderes Bemühen
als das, den Apostel als theologischen Menschen
lebendig zu machen. Wie schon angedeutet, faßt er ihn
als den Apostel Jesu Christi und als den Märtyrer, der
als solcher unmittelbar vor den Toren der Ewigkeit
steht und durch sein Martyrium als Gnostiker und
Prophet fast zu übermenschlicher Größe gewachsen ist.

Die Eschatologie wird dementsprechend aufs
stärkste betont, und Alb. Schweitzer besonders wird
seine Freude daran haben, daß L. die Aussagen 3, 10 ff.
ganz und gar aus der eschatologischen Märtyrersituation
erklärt und jede Mystik ausbannt. L. sagt auch hier
wieder viel Treffendes und Schönes, aber ich frage mich
doch, ob hier wirklich die mystischen Gedanken von
II. Kor. 4, 7ff. so völlig auszuschalten sind.

Und nun zum Christuslied zurück. Da L. den
Text ausführlicher in seiner Heidelberger Akademieabhandlung
Kyrios Jesus (1928) behandelt hat, wird seine
sehr originelle Auffassung dieses Hymnus in ThLZ.
wohl noch speziell zur Besprechung kommen. Folgende
Bemerkungen möchte ich indes doch hier machen. Seine
Gesamtauffassung hat L. sehr annehmbar gemacht. Das
Lied feiert in 6 Stroryhen das Martyrium Jesu. Ein Angelpunkt
ist das ovx az>nay/iiov rjyijoaTO, das res rapta und
rapienda zusammenschließt und den Gedanken einer teuflischen
Versuchung zum Ausdruck bringt. Martyrium
und Erhöhung zielen nicht auf die Gemeinde, sondern
auf den Kosmos ab. Zwei sehr wesentliche und wohl
originelle Erklärungen von L. weise ich gleichwohl mit
Entschiedenheit ab: Der dovXog ist nicht der Ehrentitel
des 'Ebed Jahwe von Jes. 53, sondern (gnostische)
Bezeichnung für die Niedrigkeit des Menschgewordenen,
und tüc av&Qionog ist nun und nimmer — an sich eine
glänzende Vermutung — das Kebarnasch von Dan. 7,
nun und nimmer der messianische Ehrentitel, sondern
wieder — in Übereinstimmung mit dem ganzen Zusammenhang
— einfache Bezeichnung des bloßen
Menschseins (das tag kommt dagegen nicht auf).

Das neue Buch von Lohmeyer stellt einen eigenen
Typus des theologischen Kommentars dar. Die Voraussetzung
ist, daß jedes einzelne Wort bedeutsam ist und
daß von jedem Wort ein Schacht in die Tiefe gegraben
werden muß, will man verstehen, was Pls. meint.
Die Tiefenschau schafft der Auslegung ihren theologischen
Wert. Sie setzt aber zugleich auch die Problematik
dieser exegetischen Methode. Es muß immer
wieder gefragt werden, ob auch Paulus schon in diese
Tiefe geschaut hat und ob seine Worte wirklich in
diese Tiefen hinunterführen. Arn bedenklichsten ist
mir auch in diesem Kommentar (wie in dem zur Offb.)
der L.'sche Begriff der Eschatologie (das Zeitlose, das
; jenseits von Zeit liegt usw.), obschon seine Einlegung
in Pls. etwas weniger gefährlich ist als sein Gebrauch
bei der „Auslegung" der Apk.

Lohmeyer hat zweifellos ein besonderes, ihm eigenes
exegetisches Charisma, aber ebenso sicher ist mir,
daß sein Charisma vielfach aus andersartigen Sphären
stammt, als der des Judenchristen und Apostels Paulus.
Anders ausgedrückt, scharf pointiert ausgedrückt: man

I bekommt beim Lesen dieser Art von theologischen
Kommentaren den Eindruck: der Kommentar ist

! reicher und gehaltvoller als sein Text,
jedenfalls von etwas anderem Gehalt als der Text. Die
Hauptsache ist wohl: der Exeget hat vielfach

i einen anderen Gedankenstil und vor allem

: eine andere Metaphysik als der Apostel,

[ aber er zwingt den Apostel in seinem Stil
zu reden und nach seiner Metaphysik zu
denken. Dies Urteil gilt in vollem Maße von K.
Barth's Römerbrief, etwas aber auch von Lohmeyer's
Kommentaren. Es ist ein Lob für den Theologen, nur

| das eigentlich exegetische Verdienst erleidet dabei eine

j größere oder geringere Einschränkung. Im vorliegenden
Falle ist daher Dibelius' Auslegung zu Phil, als
ständiges Korrektiv zu Lohmeyer unentbehrlich (schade,
daß dessen 2. Auflage soeben schon herausgekommen

j ist). Noch einmal sei indes wiederholt, daß L.'s Kommentar
auch für das geschichtliche Verständnis des Phil,
wesentliche Förderung und Vertiefung bringt.

Kleinere Ausstellungen : was S. 129 über yevot gesagt
wird, erscheint mir baltlos; y&vos ist einfach: Volk, Nation. S.

: 187 f. ist die Verbindung von oa/xrjx evmMas xzX. mit nenXz)(>(Ofiai
4, 18 ganz unmöglich; die exegetischen Gründe, die zu dieser künst-

1 liehen Auslegung führen, sind willkürliche Postulate. S. 50 ist die
eschatologische Deutung des nävzozi 1, 20 (das „Allenthalben" des
eschatologischen Tages) eine von der eschatologischen Metaphysik L.'s
diktierte, besonders krasse Umdeutung, d. h. Falschdeutung des
schlichten, ganz uneschatologischen Wortes. S. 173, Z. 14 v. u. muß

': „Kombinatorik" Druckfehler oder ein neues „deutsches" Wort sein,
das bisher noch nicht über die Grenze gedrungen ist. Der Druck
ist im übrigen korrekt und gefällig.

Leiden. H. Windisch.

| Rendali, Gerald H., B. D., Litt. D., I L. D.: The Epistle of St.
James and Judaic Christianity. Cambridge: Univereity Press
1927. (VII, 147 S.) 8». 7 sh. 6 d.

Das Buch setzt sich für die traditionelle Auffassung ein, nach
j der Jakobus, der Herrnbruder, den kanonischen Jakobusbrief geschrieben
hat. Und zwar tat er es nach Rs Meinung um die Mitte
des ersten Jahrhunderts, vor der Entstehung des Römerbriefcs, bei
dessen Abfassung Paulus den Inhalt und die Worte jener Epistel frisch
im Gedächtnis hatte (p. 86). Die Gründe, auf die Verf. sich stützt,
sind wesentlich die altbekannten. Das ist weiter kein Vorwurf, da
sich in dieser Sache, wenn man sie wie R. ansieht, schwerlich noch
1 etwas Neues vorbringen läßt. Aber damit ist andererseits auch ge-
j geben, daß die Wissenschaft von derartigen Veröffentlichungen keine
I Förderung oder Anregung zu erwarten hat. Um so weniger, als die
I Versuche, dem Gegenstand neue Seiten abzugewinnen, wie sie etwa
: in der Erklärung des Jakobusbriefes durch M. Dibelius vorliegen,
einfach ignoriert werden. Ein Eingehen auf Einzelheiten lohnt
sich nicht.

Göttingen. Walter Bauer.

La Piana, Prof. George: Foreign Groups in Rome during
the first centuries of the empire. Repriuted from the Harvard
Theological Review, October 1927. London: Humphrey Milford 1927.
(III S. u. S. 183—403.) gr. 8.

Die Buchausgabe dieser in der Harvard Theological
i Review im Oktober 1927 erschienenen Artikel finde ich
zwar äußerlich recht mangelhaft, man hat es nicht ein-