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Ausgabe:

1928

Spalte:

509-510

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fascher, Erich

Titel/Untertitel:

Prophetes. Eine sprach- u. religionsgeschichtl. Untersuchung 1928

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 22.

BIO

F a s c h e r, Priv.-Doz. Lic. theol. Erich : Uq o (p <j r tj c. Eine sprach-
u. religionsgcschichtl. Untersuchung. OielSen : A. Töpelmann 1927.
(IV, 228 S.) gr. 8°. RM 10 - ; geb. 12 .

Die vorliegende Untersuchung bietet eine reichhaltige
Materialsammlung zum Thema von den Inschriften
und den griechischen Autoren an über LXX,
Philo und Josephus bis zum Neuen Testament, zu den
Apostolischen Vätern und Apologeten. Sie bietet weiter
in der Deutung des Stoffes gute Beobachtungen, besonnene
Interpretationen, klare Zusammenfassungen,
klar auch da, wo die Ergebnisse nicht mit voller Sicherheit
bewiesen werden können. Die Mängel des Buches
liegen in zwei Umständen begründet: in Ermangelung
geeigneter Vorarbeiten muß der Verf. sehr oft von
sprachgeschichtlichen Ausführungen zu religionsgeschichtlichen
übergehen, ohne daß die Verbindung beider
üebiete dargetan wird; und der so notwendig gewordene
Umfang des Aufgabenkreises zwingt ihn, gewisse
wichtige Probleme nur eben anzurühren, über die
wir gern gerade von ihm Näheres gehört hätten.

Die Prolegomena des ersten Kapitels handeln von
der Bedeutung des Wortes; es wird darauf hingewiesen,
daß iiQf> dieser Zusammensetzung ,,heraus" und nicht
„vorher" bedeute; der Prophet ist die lautgewordene
Stimme des sonst nicht offenbaren Gottes, er ist der
Verkünder, unter Umständen der Vertreter und Anwalt,
auch der Ausleger. Er ist, wie sich dann weiter im
1. Kap. ergibt, bei den Griechen aber nicht der Weissager
; nur eine Stelle der Theokritscholien macht darin
eine Ausnahme (Scholien zu Theokrit 22, 116). Die
Platostellen geben dann Anlaß, 7cqo(pi'jrrjg gegen ftdvftg
abzugrenzen: Charmides 173c erscheint 7tgo(pi;it]g als
der weitere Begriff; das Wort wird erst mit rirlvzig
identisch, wenn ein Genetiv zu ttQO(pzjTik tritt; im Ti-
rhaios 72 a. b ist die [zavzixrj als die niedere Kunst dargestellt
, die den Unvernünftigen geschenkt wird, der
Künder und Deuter aber des vom itdvzig Erlebten ist
der JtQotprpzris. In ähnlicher Weise wichtig ist unter den
zahlreichen Belegen des ersten Kapitels aus Schriftstellern
und unliterarischen Texten die Abgrenzung von
yönc, wie sie sich aus der Apollon-Aretalogie des Berliner
Papyrus 11 517 ergibt: rtQOqnjtrfi und tidvzig identisch
, ydrjg dagegen Bezeichnung des für Lohn weissagenden
falschen Propheten.

Diese sprachgeschichtlichen Untersuchungen werden
im zweiten Kapitel mit der Erörterung eines Sonderfalls
fortgesetzt; es handelt sich um die Bezeichnung
ägyptischer Priester als 7CQOcprlzt]g. Auch F.s Untersuchung
hat keine vollständige und sichere Lösung des
Problems gezeitigt; wohl aber trägt er eine beachtliche
Hypothesis vor: die Bezeichnung nqozprpj'ng bei den
Schriftstellern, die Ägyptisches schildern, habe zunächst
Orakelpriestern gegolten und erst dann weiteren Umfang
erlangt. Das dritte Kapitel behandelt die LXX und
das Spätjudentum. Im allgemeinen ist 7cqo(prlz,ig in der
LXX o nabi. Aber das eigentlich Problematische liegt
nun in der mechanischen Art, wie 7cgo(pt)zrlg für alle die
Möglichkeiten in Anspruch genommen wird, die das
Wort nabi besitzt; das Verb ftgofprjzeveiv heißt in der
LXX also nicht nur „als Prophet wirken", sondern auch
„rasen" und „weissagen"! Demgegenüber ist bei Philo
alles viel klarer: an das AT. wird nur im Stofflichen,
nicht im Sprachlichen angeknüpft; beim Begriff des
Propheten kann an rationale Weisheit wie an Ekstase
gedacht werden; Mantik wie Mvsterien werden als falsche
Anmaßungen abgelehnt (das hindert natürlich nicht, daß
sich Philo der Vorstellungen der Mysterien-Frömmigkeit
in weitestem Maße bedient).

Bereits in den ersten beiden Kapiteln seines Buches
sieht sich F. genötigt, den sprachgeschichtlichen Untersuchungen
jeweils „religionsgeschichtliche Ergänzungen
" folgen zu lassen, in denen er die geschichtlichen
Erscheinungen untersucht, die in den vorhergehenden

Abschnitten berührt wurden. So liefert er zu Kapitel 1
eine kritische Untersuchung des griechischen Propheten-
tums mit dem Ergebnis: „von den historischen Propheten
wissen wir wenig, wir haben von ihnen keine
eigenen Werke, sondern nur apokryphe Sammlungen.
Die klar gezeichneten Sehergestalten sind das Werk der
Dichter. Was die griechischen Propheten von den israelitischen
unterscheidet, ist ihre Unpersönlichkeit und ihre
Ungeschicklichkeit". Mit der Behandlung des Juden-
i tums und — im vierten Kapitel — des Neuen Testa-
j ments werden diese religionsgeschichtlichen Untersuchungen
zur Hauptsache; nicht mehr die Wortbedeutung
von jtgoyipirg steht hier im Vordergrund, sondern
die mancherlei Abwandlungen, denen die Sache
unterworfen ist, die 7CQO(prlzt]g bezeichnet. Diese Verschiebung
beeinträchtigt mit Notwendigkeit die Straff-
i heit der Durchführung. Und scheint andrerseits den
religionsgeschichtlichen Abschnitten insofern Eintrag zu
tun, als der Verf. manches nicht mit der nötigen Ausführlichkeit
behandeln kann, weil sein Rahmen eben
doch eigentlich ein anderer ist. So scheinen mir die
wichtigen Philo-Steilen de spec. leg. 1 65 und IV 49
viel zu kurz behandelt zu sein, jene Stellen, an denen
der hellenistische Inspirationsbegriff an den biblischen
Stoff herangebracht und so die christliche mechanistische
Inspirationslehre vorbereitet wird. Ferner darf die
Frage der Messianität in Jesu Leben nicht so beiseite
gesetzt werden, wie es F. tut, in einer Untersuchung, die
| gerade die Anwendung des Prophetentitels auf Jesus
1 zum Gegenstande hat. Weiter vermisse ich bei der Be-
I handlung von Apg. 13, 1 ff. die Untersuchung der Stellung
christlicher Propheten im Kultus der Gemeinde,
die dort gerade von besonderer Wichtigkeit ist. Endlich
sind die außerchristlichen Prophetentypen, die F. im
Anschluß an das NT. und die Apostolischen Väter behandelt
, zu wenig in ihren religionsgeschichtlichen Beziehungen
gewürdigt und einseitig literarisch betrachtet.

Aber wenn der Mischcharakter des vorliegenden
Buches hier betont wird, so kann das nicht geschehen,
! ohne daß zugleich anerkannt wird, daß die wissenschaftliche
Lage den Verf. dazu genötigt hat, sprachliche, Ute*
! rarische und geschichtliche Untersuchungen in buntem
Wechsel seinen Lesern vorzusetzen. Und gerade die
I geschichtlichen Darstellungen sind in ihrer Kürze oft
sehr gut gelungen. Dahin gehören z. B. die Ausführungen
, die zeigen wollen, was die großen Propheten
Israels aus dem Nabitum gemacht haben. Manche Frage
I bleibt freilich noch offen, wie z. B. die, ob die unbe-
j zweifelbare Weissage-Tätigkeit der Essener nicht den
Josephus überhaupt erst veranlaßt hat, ihnen eine defer-
I ministisehe Weltanschauung zuzuschreiben. Andere Pro-
| bleme werden wenigstens in großen Zügen aufgezeigt, so
i im 5. Kapitel, das die Apologeten und die Kirchenväter
| behandelt, der Zusammenhang von Pneuma-Theorie, Montanismus
und tatsächlichem Aufhören der Prophetie. Und
man gewinnt aus jenem raschen Wechsel von Interpretation
und Geschichtsdarstellung den Eindruck, daß hier
ein mit allen philologischen Methoden ausgerüsteter Gelehrter
redet, den an seinem schönen Thema gerade die
Beziehungen nach allen Seiten hin gereizt haben dürften.
! Uns aber hat diese Arbeit auf nicht wenigen Gebieten
i wirklich bereichert.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Herford, R. Travers, B. Ä.i Die Pharisäer. Antons. Uebers. aus
d. Engl. v. Walter Fischöl. Leipzig: O. Engel 1928. (V, 296 S.)
8°- RM9-.
Der christliche Forscher H. befaßt sich nun seit vier
Jahrzehnten untersuchend und darstellend mit der talmudischen
Literatur und Religion. In seinem neuesten,
auch ins Deutsche übersetzten, Buch legt er zusammenfassend
sine Meinung über Entstehung und Art des
Pharisäertums vor. Dieses erscheint ihm als eine einheitliche
Größe mit einer mehr als zweitausendjährigen
Geschichte. Leider ist sie von den christlichen Gelehrten