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Ausgabe:

1928 Nr. 21

Spalte:

501-503

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wehrung, Georg

Titel/Untertitel:

Schleiermacher in der Zeit seines Werdens 1928

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 21.

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achtet, sondern die bei den Reformierten beliebte tendentiöse Bezeichnung
aller orthodoxen Lutheraner als Ubiquisten, ohne sie zu
kritisieren, wiederholt reproduziert. Ebenso ignoriert L. die in
meinem 3. Bande unter dogmenhistorischen Gesichtspunkten begründete
engere Fassung des Begriffs Calvinismus, indem er von Anfang
an das gesamte Reformiertentum als Calvinismus hinstellt. Ist dieses
Verfahren auch theologisch ungenau, so scheint es sich dem Verf. doch
unter dem allgemein kirchenhistorischen Gesichtspunkt empfohlen zu
haben, daß allerdings die Reformierten seit Calvin und Laski, trotz
der zwischen ihnen obwaltenden dogmatischen Verschiedenheiten, nach
außen hin, besonders gegenüber den Lutheranern, stets solidarisch aufgetreten
sind.

Auf einig« andere Differenzen, die im einzelnen zwischen L.
und mir bestellen bleiben, wie z. B. darüber, ob Nikolaus Hunnius
schon von Anfang an oder erst später seine anticalvinistische Polemik
ins Auge gefaßt und ob Georg Calixt schon durch Casaubonus oder
erst durch Dominis die Richtung auf seinen katholisierenden Traditionalismus
empfangen habe, lege ich kein allzu großes Gewicht.
Nur bemerke ich, daß Calixt seine Schrift de immcctalitate animae
nicht, wie S. 286 zu lesen ist, erst 1627, als er sie veröffentlichte,
sondern in ihrem ersten Entwurf schon 1616 geschrieben hat (vgl.
Henke, Georg Calixtus Bd. 1, S. 278ff.). Endlich stelle ich zu
dem S. 267 f. vorliegenden chronologischen Irrtum fest, daß die
Helvetica posterior 1562 verfaßt ist, während Rivetus 1572 und More-
sius 1596 geboren sind.

Bonn. __O- Ritschi.

Wehrung, Prof. Dr. Georg: Schleiermacher In der Zelt

seines Werdens. Gütersloh : C. Bertelsmann 1Q27. (VIII, 330 S.)
gr. 8°. geb. RM n~■

Die Zeit von Schl.s Werden rechnet W. bis 1806;
die letzte Schrift, die er bespricht, ist die 2. Auflage der
Reden über die Religion. Der Titel kann Anlaß geben,
daß man in dem Buche eine Lebensgeschichte Schi.'s
(bis zu diesem Zeitpunkt) suche. Die gibt W. aber
nicht. D. h. er hat zwar Schi.'s Oedanken bis zu Schi.'s
erstem Berliner Aufenthalt (1796—1802) in engem Zusammenhang
mit seinen Lebensschicksalen dargestellt
und er gibt einen geschickten Abriß wenigstens der
Jugendgeschichte Schl.'s. Dagegen wird Schi.'s äußerer
Lebensgang in seiner Stolpischen und Hallischen Zeit
(1802—6) von W. überhaupt kaum erwähnt. Was W.
bietet, ist eine Darstellung von Schl.'s Weltanschauung
und Lebensanschauung, seiner „Lehre" (wenn das Wort
nicht zu schulmäßig klingt) bis zu dieser Zeit. Dilthey
wollte in einem dritten Band seines Werkes Schl.'s
System darbieten; Bruchstücke dieses Bandes warten
auf Veröffentlichung, soweit solche noch angebracht erscheint
. Schl.'s Denken hat starke Wandlungen durchgemacht
, ist also nur genetisch darzustellen. W. verfährt
so, und er hat in derselben sorgfältigen und
scharfsinnigen Art, die sein Werk über Schl.'s Dialektik
zeigt und die an diesem Buche auch Troeltsch anerkannte
, das verwickelte Gewebe der Oedanken Schl.'s
aufgelöst, nicht ohne dann wieder Synthesen zu geben.
Sein Buch ist gründlich, lebendig und klar geschrieben,
darum wertvoll.

Bedenken erwecken wird die Darstellung der Jahre
1802—6. Man hat den Eindruck, daß W. hier zu starken
Kürzungen genötigt war. Es mag sich rechtfertigen
lassen, daß er von der „Kritik der Sittenlehre" nur diejenigen
Oedanken würdigt, die für Schl.'s Wissenschaftstheorie
wichtig sind. Aber W. hat der Urgestalt der
Reden über die Religion und den Monologen die fast
gleichzeitig (1801) erschienenen Predigten gegenübergestellt
und der Leser sieht, wie verschieden die geistige
Haltung hier und dort ist. Hätten nicht ebenso der 2.
Auflage der Reden (1806) die gleichzeitig gehaltenen
(wenn auch erst 1808 gesammelt erschienenen) Predigten
gegenüber gestellt werden müssen? Und warum fehlt
die (1805 erschienene) Weihnachtsfeier hier? Aus den
Predigten von 1805/6 hätte sich ergeben, daß der erheblichen
(und nach Wehrungs wie meiner Ansicht
nicht glücklichen) Umbildung der Religionstheorie der
Reden eine von solcher Theorie wieder überraschend
wenig berührte kräftige Fortbildung der unmittelbaren
religiösen Wirksamkeit Schl.'s zur Seite gegangen ist.
Wenn er bereits in den früheren Predigten die sittlichen
Grundsätze seines Christentums auf verschiedene Le-

| bensgebiete anwendete, so hat sich seitdem sein Blick

: erweitert. Er spricht aus reicherer Erfahrung heraus.

i Aus dem Berliner Krankenhausprediger ist der Mann
geworden, der in Halle der Wortführer eines neuen

j Geistes in der akademischen Welt war und in Zeiten
gewaltiger politischer Schicksale in ungeahnter Weise

| die Kräfte protestantischen Christentums zum Wieder-

j aufbau des preußischen Staates lebendig machte. Die
Weihnachtsfeier aber läßt uns in Schl.'s theologische
Werkstatt hineinblicken, in die Weiterentwicklung seiner

! Gedanken über Jesus Christus. Wie denn überhaupt die
Bedeutung der Hallischen Jahre für Schi, zum nicht

| geringen Teil darin besteht, daß ihn hier sein Beruf zu
zusammenhängender wissenschaftlicher Beschäftigung

I mit den Urkunden der Entstehung des Christentums ver-

; anlaßte. Wir wissen leider wenig davon, welchen Inhalt
im einzelnen die theologischen Vorlesungen hatten, die

, er hier hielt; immerhin entsteht ein einseitiges Bild,
wenn aus dieser Zeit nur die Wandlung seines Wissen-

j Schaftsbegriffs, seine tastende Arbeit am Religionsbegriff
sowie seine erkenntnistheoretische Stellung gezeigt
weiden, aber nicht die Breite seiner sonstigen wissenschaftlichen
Interessen und seiner praktischen Tätigkeit
und die Tiefe, mit der er des Vaterlands Schicksal und
seine persönlichen Schicksale erlebte.

Es gibt Denker, deren Systeme und Theorieen man
ohne Kenntnis des Lebens dieser Männer verstehen, darstellen
, gerecht würdigen kann; die Denkweise anderer
läßt sich nur im Zusammenhang mit ihrer Lebensgeschichte
und ihrer praktischen Tätigkeit recht würdigen.
Schi, gehört zu letzteren. Und so gewiß W. recht hat,
wenn er betont, wie sehr der Religionsbegriff der 2.
Auflage der Reden von dem der ersten abweicht, ich

I folgere daraus, daß Schl.'s Arbeit am Religionsbe-

i griff (und am Gottes b e g r i f f) ähnlich zu beurteilen

i ist wie seine Metaphysik, die er mit der Erkenntnislehre
zusammen unter dem Titel Dialektik dargeboten hat.

- Er hat auf diesem Gebiet getastet, Versuche gemacht,
unstreitig wertvolle Versuche, aber was ihm zunächst

I feststand, waren bestimmte religiöse und ethische Em-
pfindungen und Gedanken. Seine theoretische Philo-

| sophie ist ein (nach einigen frühen Skizzen und Projekten
) spät in Angriff genommener Dachbau, keineswegs
ein von vorn herein vorhandenes Fundament ge-

I wesen. Wer letzteres annähme und seine Theologie von
seiner theoretischen Philosophie hier auslegen wollte,
wie es einst F. Chr. Baur und Bender getan haben und
wie es bisweilen in unseren Tagen wieder geschieht der
mißversteht ihn. W. geht nicht so vor; dazu kennt'und
versteht er Schi, viel zu gut. Aber bei denen, die Schi,
noch nicht genauer kennen, entsteht leicht ein falsches
Bild, wenn im Wesentlichen nur die religionsphilosophische
, ethische und (wenn man so sagen darf)

I metaphysische Gedankenarbeit Schl.'s dargestellt wird
(und von der Ethik wiederum nicht der systematische
Aufbau, der doch in die Hallische Zeit fällt). Innerhalb
dieser Grenzen aber, die W. seiner Arbeit gezogen
hat, ist sie vortrefflich auch sofern seine Würdigung
von Schl.'s Gedanken sich gleich fern hält von kritiklosem
Lob wie von Verketzerung und übelwollender
Konsequenzenmacherei. Wie stark auseinanderstrebende
Elemente im Denken des um seiner systembauenden
Kunst willen gerühmten Schl.s sich namentlich in der
2. Auflage der Reden finden, hat W. klar herausgearbeitet
.

Daß ich im Urteil über Schi, mit W. oft übereinstimme, mag
auf Tendenzen beruhen, die uns gemeinsam sind, so, um es einmal
| schlicht auszudrücken, auf dem Willen, Geist und Gewissen aufs
Engste zusammenzurücken. Aber der Wert einer Menge von einzel-
I nen Beobachtungen und Formulierungen W.'s steht für sich fest. Gut
j ist z. B. der Hinweis auf die Herkunft mancher Oedanken Schl.'s
| aus der Herrnhutischen Frömmigkeit, der Vergleich der Reden über
i die Religion mit Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung (S
157 f.) und der Hinweis auf den Wert von Schl.'s Versuch, jede
Religion von einem Prinzip her zu verstehen (nur kenne ich die
( schon in der früheren Geschichtsphilosophie hierzu vorhandenen An-
I sätze nicht hinlänglich, um Schl.'s eigene Leistung an diesem Punkte