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Ausgabe:

1928 Nr. 20

Spalte:

476-477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heiler, Friedrich

Titel/Untertitel:

Katholischer und evangelischer Gottesdienst. 2., völlig neu bearb. Aufl 1928

Rezensent:

Fendt, Leonhard

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 20.

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hingen Tr.s vertraut; er kennt auch solche Aufsätze, die Baron bei der
Zusammenstellung des 4. Bandes der Werke nicht berücksichtigt hat.
So findet derjenige, der Tr. kennen lernen will oder einen raschen
Oberblick über seine Gedankenwelt sucht, hier eine gute Hilfe. Gerade
dadurch, daß S. mehr zitiert und exzerpiert als verarbeitet, dient er
dem, der von solchem Sprungbrett aus sich selbständig in den Strom
der Troeltsch'sehen Gedankenbewegung werfen möchte. Aber abgesehen
von der bequemen Stoffdarbietung ist an dem Buche auch die
Stellungnahme des Katholiken lehrreich. Sie tritt desto klarer hervor,
weil S. nicht nach der Weise Guardinis oder Przywaras Sprache und
Denken in hochmoderne Gewänder kleidet, sondern in gewohnt-katholischer
Weise von maßgebenden Autoritäten, am liebsten von Thomas
aus argumentiert. So kritisiert er Tr.s Immanentismus, Irrationalismus,
Relativismus, auch seine Betonung der Entscheidung und des Wagnisses
; im Nominalismus findet er eine Wurzel seines Irrens. Immerhin
hat er von der Unermüdlichkeit und Tiefe, mit der Tr. um seine
philosophisch-religiösen Ziele ringt, einen so starken Eindruck, daß er
das Scheitern dieses Ringens als schmerzlich und tragisch empfindet.
Er meint, daß ein richtigeres Verständnis des Katholizismus, und zwar
des aristotelisch-thomistischen Systems, ihn aus der Tragik hätte retten
können. Dem Protestanten beweist er freilich damit nur, daß er die
innere Notwendigkeit von Tr.s Problematik und den letzten Sinn
seines Schaffens trotz aller redlichen Bemühung nicht erfaßt.
Leipzig. Horst Stephan.

Beibitz, J.H., M.A.: Rationalism and Orthodoxy of To-day.

An essav in Christian Philosoph)'. London: Student Christian Movement
1927. (191 S.) 8». 5 sh.
Verf. konfrontiert die christliche Theologie dem
modernen Rationalismus, wie er in eindrucksvoller
Weise in Julian Huxleys Essays of a biologist zum
Ausdruck kommt. Dieser beurteilt den Gottesgedanken
als eine Projektion des menschlichen Geistes, also eine
rein subjektive Idee, in der die in der Welt wirksamen,
in geheimnisvoller Weise den Fortschritt hervortreibenden
Kräfte zur Einheit zusammengefaßt seien. Dem
gegenüber vertritt B. lichtvoll und mit Ueberzeugungs-
kraft die christliche Weltanschauung, die zwar nicht
durch wissenschaftliche Forschung und philosophische
Besinnung, sondern als Ausdruck religiöser, speziell an
der Person Jesu, der Auferstehungstatsache und dem
Geistempfang orientierter Erfahrung entstanden, dennoch
in weit vollkommenerer Weise nicht nur Herz und
Gemüt, sondern auch die Vernunft befriedigt als jener
sogenannte Rationalismus. Das Zentrum dieser Theologie
ist die Logoslehre. Das aus dem göttlichen Urgründe
hervorbrechende, gleichwohl stets mit ihm
(durch den Geist) geeinte Wort ist es, das das Universum
gestaltet und sich in seiner Entwicklung manifestiert
, die in der menschlichen Vernunft, dem irdischen
Abbild des ewigen Wortes, gipfelt. Die Projektionstheorie
, zu der schon der vermutliche geschichtliche Ursprung
der Religion, als welcher heute die von Ehrfurchtsgefühl
(awe) begleitete Ahnung des Geheimnisses
der Welt erscheint (also Reaktion, nicht Projektion!),
nicht stimmt, die den göttlichen Logos als bloße Abschattung
der Menschenvernunft verstehen will, erscheint
unbefriedigend, ja geradezu irrational. Denn
dann stammte die menschliche Vernunft aus unvernünftigem
Grunde, aber the source cannot be itself on
a lower level than the highest which it has so far pro-
duced. S. 127. Gott ist „persönlich", insofern der seiner
selbst bewußte, sich selbst bestimmende, Gerneinschaft
suchende Menschengeist die innere Struktur der göttlichen
Realität am treuesten reflektiert, aber besser nicht
„Person" zu nennen, ein Ausdruck, der es nahe legen
würde, an menschliche Beschränktheit zu denken. Er ist
einer, aber nicht einfach. A simple monad is not a true
coneeption of the God mirrored in so complex a uni-
verse. The temporal process of differentiation has an
eternal archetype in the nature of the realitv, S. 175. Erst
die Trinitätslehre mit ihrer Kombination des Transzendenz
- und Immanenzgesichtspunktes macht es modernen
Menschen möglich, an Gott zu glauben. Das ist die
„orthodoxe" Theologie, deren Ruhm es ist, sich nicht
exklusiv abseits zu stellen, sondern die Wahrheit aller
sonstigen Theorien und Theologieen zu „absorbieren",
und deren Überlegenheit über die Rivalen dadurch er-

i wiesen wird, daß sie allein dem „Standard of values",
nämlich den Ideen des Wahren, Schönen und Guten ent-

j spricht.

Das ist sicherlich eine großzügige Apologetik, die
von dem in der bei uns meist üblichen Apologetik herrschenden
Geist ängstlicher Defensive nichts merken läßt.
Auffällig ist besonders zweierlei. Einmal daß nach dem
Verf., der auch hierdurch sich als Anglikaner ausweist,
christliche Theologie sich auf die Trinitäts- und Inkarnationslehre
beschränkt, während von der Versöhnung
kaum die Rede ist — ob auch an diesem Punkte so
leicht die Vernünftigkeit hätte erwiesen werden können?
Sodann wird zwar nicht übersehen, daß im Christentum
nicht nur die Natur, nicht nur der Entwicklungsgedanke
im Allgemeinen, sondern vor allem eine bestimmte Geschichtstatsache
, nämlich Jesus Christus die entscheidende
Rolle spielt. Mit Nachdruck wird der Glaube der
orthodoxen Theologie alten Stils, daß in diesem einen
Menschen das Wort Fleisch geworden ist (freilich ohne
seine Weltwirksamkeit außerhalb desselben aufzugeben),
woraus sich die Zweinaturenlehre des Chalzedonense
ergibt, und der Zusammenhang dieses Glaubensartikels
mit der Auferstehungstatsache vertreten. Daß hier nun
eine Schwierigkeit für die Vernunft, a vulnerable point
(S. 20) liegt, wird nicht verhehlt, aber keineswegs so,
wie es sachgemäß geschehen müßte, dargetan, daß hiermit
der Vernunftcharakter der christlichen Theologie an
entscheidender Stelle durchbrochen (statt dessen heißt
es S. 181 f., auch die Fleischwerdung des Wortes sei
nichts Irrationales, no alien irruption from without!), ein
Faktum herausgestellt ist, das Historikern und Philosophen
ein Skandalon bleiben wird.
Iburg. W. Thimmt.

Heiler, Friedrich; Katholischer und evangelischer Gottesdienst
. 2., völlig neu bcarb. Aufl. München: E. Reinhardt 1925.
(69 S.) 8". RM 1.60.

Der Titel dieser Schrift bedeutet weder eine Polemik
noch ein Bekenntnis, sondern besagt einfach, daß
der Verfasser die bestehenden christlichen Gottesdienstarten
in zwei Typen, katholisch und evangelisch, zusammenlaufen
sieht. Das „und" im Titel entspricht aber
auch der im Texte dieser 2. Auflage entschieden herrschenden
Theorie Heilers, daß nicht im Gegeneinander,
sondern im Zusammen der beiden Typen die Größe
„christlicher Gottesdienst" erreicht werde (Anwendung
der „Evangelischen Katholizität", bezw. der Branch-
Theorie auf den Gottesdienstgedanken). Die Größe
„christlicher Gottesdienst" wird identifiziert mit dem ur-
| christlichen Kultgedanken, dessen Elemente einerseits
j die Realpräsenz des ewigen Christus in der Gemeindeversammlung
, Besitz zugleich und eschatologische Erwartung
, anderseits das Unagendarische, Enthusiastische
bilden. Dann werden die zwei gegenwärtigen Typen
und ihre Unterarten an dem Urchristlichen gemessen. Es
zeigt sich keine spätere Art dem Urchristentum kongenial
, vielmehr enthält jede mancherlei Weiterbil-
J düngen, Einseitigkeiten, Zutaten, Wiederbelebungsver-
i suche; doch besteht überall soviel vom urchristTichen
I Geiste, daß an keiner Form verzweifelt werden muß. So
wird die „liturgische Bewegung" in der West- und Ost-
Christenheit eine Hoffnung; wie einst die Heroen des A.
I und N. T.s aus dem Gemeindegottesdienst lebten, wie im
i Urchristentum Christusglaube und Christuskult sich for-
| derten, so lernt die Gegenwart wieder aus dem Kulte
! leben. Heiler zeichnet die gegenwärtige religiöse Lage
in zwei konzentrischen Kreisen: a) Abwendung vom
Subjektivismus (dieses Wort bezeichnet besser das Gemeinte
als H.s Wort „Subjektivität") des religiösen Erlebnisses
zum Objektivismus der göttlichen Offenbarung
, b) Abwendung vom Individualismus der pietistischen
Herzenserfahrung zur Kirche als der Schöpfung
Christi, als dem Leibe Christi. Also Hinwendung
zum Gemeindekultgedanken des Urchristentums.

Die 1. Auflage dieser Schrift (1921) diente bloß dem Zwecke,
die gottesdienstlichen Typen religionsgeschichtlich in Elemente zu zer-