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Ausgabe:

1928 Nr. 19

Spalte:

448

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geffcken, Johannes

Titel/Untertitel:

Der Brief an Diognetos 1928

Rezensent:

Koch, Hugo

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447

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 19.

448

also eine Art der Kritik, die bei uns nicht gerade modern
ist, die es aber verdient, immer wieder einmal durchgeprüft
zu werden. P. ist nun nicht gerade ein Vertreter
dieser Kritik, der diejenigen bekehren könnte, die ihr
mißtrauisch gegenüber stehen. Denn diese Skepsis
stammt ja nicht aus Ängstlichkeit vor subjektiven Einfällen
, oder aus dogmatischer Befangenheit, sondern
aus grundsätzlichen Erwägungen hermeneutischer Art,
die heut auch in der klassischen Philologie weithin
Geltung erlangt haben, und aus einer Berücksichtigung
der besonderen Überlieferungsverhältnisse wenigstens eines
Teils der neutestamentlichen Schriften. Ich glaube
an Jakobus und Hermas gezeigt zu haben, daß ich nicht
zu den Überängstlichen gehöre, muß aber bekennen,
daß mir die Kritik von P. weder nach Grundsatz noch
nach Ergebnis eingeleuchtet hat. Der Grundsatz ist ein
freimütig bekannter Rationalismus: wenn die Texte nicht
„vernünftig" sind, müssen sie eben geändert werden. Die
Bemerkung zu 10,7 (wo P. xuQiog statt &v(ju vorschlägt
) ist bezeichnend: „which is utterly absurd and
could not have been written by an even moderately
rational author". Dabei wird auf Handschriften oder
Übersetzungen nur wenig Bezug genommen, und wenn
es geschieht, so geschieht es ohne erkennbare Methode
in der Bewertung der Zeugen und bei den Handschriften
oft ohne Nennung derselben. Das Ergebnis dieser Kritik
aber scheint mir in einer ganzen Anzahl von Fällen
ein schweres Mißverständnis der johanneischen Besonderheit
zu sein, die freilich durchaus nicht immer rational
im Sinne von P. ist.

Oder ist es nicht ein Mißverständnis, wenn zu 3,5 bemerkt
wird, von der Frage nach der Wiedergehurt eines ytgutv könne nicht
die Rede sein, es müsse darum apio&sv gelesen werden? Oder
wenn in 10,3 die Worte tu ngoßara gestrichen werden, so daß es
der (für das Gleichnis doch gänzlich unwesentliche) Türhüter ist,
der die Stimme Jesu hört? Oder wenn in 15,26 nicht die Jünger
als Zeugen neben dem Geist genannt werden, sondern der Geist von
Jesus zeugt und für die Jünger Zeugnis ablegt (viitv de iiugTvgrjati)?
Methodisch interessant ist es, wenn P. die von dem Londoner Codex
G gebotene Lesart zu 18, 6 unrf/.&tv, tntaev statt anrj'AS-iix, eneoav
aufnimmt; durch sie wird Judas zum Subjekt der Verben; damit ist
eine Uberlieferung vom Tod des Judas ins Johannesevangelium aufgenommen
und die Bemerkung von dem Dabeistehen des Judas ihrer
scheinbaren Zwecklosigkeit entkleidet. Aber jene Bemerkung erklärt
sich aus der Aufnahme der Judastradition in eine Darstellung, die
des Verräters kaum noch bedurfte, und der Urheber der G-Lesart hat,
wenn es sich nicht etwa um einen Schreibfehler handelt, genau so
korrekt und genau so — unjohanneisch gedacht wie unser Verfasser!
Gelegentlich greift P. auch auf schon bekannte Textänderungen
neuerer Interpreten zurück; er liest 1, 13 den Singular (wunderbare
Geburt Jesu), tilgt das Wasser beim Spruch von der Wiedergeburt
und läßt 3, 25 den Streit der Johannesjünger mit den Jüngern Jesu
vor sich gehen. Auch setzt er die Überführung zu Kaiphas nach
18, 13 und will in IQ, 35 eine Interpolation sehen. Die meisten seiner
Vorschläge aber sind originell; doch auch die sachlich erwägenswerten
scheinen mir des notwendigen Anhalts im Text meist zu entbehren
(7, 3 werden die Worte xai oi /xaftrjaai oov gestrichen;
12, 28 bittet Jesus um Verherrlichung des Sohnes statt des Namens.).

An besonders bemerkenswerten tieferen Eingriffen in den Text
erwähne ich noch: in der Bethzata-Geschichte soll es sich nicht um
xtvrjoig, sondern um xevroatg des Wassers handeln und dementsprechend
wird -nctgayvft-r} statt ragay&rj gelesen; aus der Verderbnis
des Textes soll dann die Legende von dem Engel, der das Wasser
bewegt, entstanden sein. Die Verse 6, 53—58 werden wegen der Erwähnung
des Blutes gestrichen. Die Geschichte von der Ehebrecherin
dagegen steht im Johannesevangelium zu Recht, und ist nur von
„hypoerites and sticklers for propriety" aus den Handschriften entfernt
worden!! Die Lazarusgeschichte ist zu Gunsten der Martha überarbeitet
; in 11,5 muß dementsprechend Maria vorangestellt werden;
Maria ist es auch, die mit Jesus das entscheidende Gespräch hat.

Während die wenigen Bemerkungen zur Apokalypse keine Wiedergabe
verdienen, möchte ich doch noch anmerken, wie P. mit dem
ungenannten Jünger verfährt: er liest 18, 15 statt aAAog t*«c>r;rjjc:
a veog (= eii veog) fia&rjxrji und sieht in ihm Markus; ebenso
ist 20, 2 veov zu lesen und IQ, 26 ist, wenn die Worte überhaupt
echt sein sollten, ebenfalls wahrscheinlich Markus gemeint. So zeigt
sich auch hier, so diskutabel die Markushypothese erscheinen mag,
doch die textkritische Willkür, von der die ganze Arbeit ein Zeugnis
ist.

Heidelberg. Martin D i b e I i u s.

Robinson, David Moore: Qreek and Latin Inscriptions from
Asia Minor. Extracted from the American Philological Association,
Vol. LVII. (S. 1Q5—237 u.76 Fig. auf 43 Taf.) 1Q26.

Der Leiter der Expedition der Universität Michigan nach Kleinasien
im Sommer 1Q24, David Moore Robinson von der Johns Hopkins
Universität, hat eine Reihe von Plätzen in Inner-Kleinasien (Lykaonien,
Phrygien) besucht, die nicht unmittelbar mit dem Ausgrabungsgebiet
in Verbindung standen, und hat mehr als 400 griechische und lateinische
Inschriften in Photographien und Papierabdrücken atrfgenommen.
Die bisher unveröffentlichten und die schon veröffentlichten, zu denen
er Ergänzungen und Verbesserungen geben kann, veröffentlicht er hier
in Photographien und Abklatschen und gibt zu den Abbildungen einen
sehr sorgfältigen lehrreichen Kommentar. Uns interessieren natürlich
am meisten die christlichen Inschriften. In der Nähe von Laodicea
catacccaumene fand er Inschriften aus dem 4. Jahrhundert, die von
Enkratiten herstammen, von einer enkratitischen Diakonissin, und einem
enkratitischen Presbyter berichten, also bezeugen, daß die Enkratiten
kirchlich organisiert waren. Das Bild, das wir von dem alten Ketzerboden
in Inner-Kleinasien haben, und das W. m.Calder bisher schon
in mehreren Publikationen, aber auch V. Schultze in seinem „Kleinasien
" 2, 1Q26, S. 387 ff. so trefflich gezeichnet haben, findet dadurch
eine erwünschte Bereicherung. In der Basilika des pisidischen Antiochien
fand er Mosaikinschriften, in denen der verdiente Bischof
Optimus, ein Führer der Orthodoxie im 4. Jahrhundert, erwähnt wird.
Aus dem 3. oder 4. Jahrhundert stammt eine griechische Inschrift
(Nr. 14) aus der Nähe von Laodicea, in der Luc. 23, 42 benutzt ist.
Andere Inschriften sind bezeichnend für Verwendung christlicher Formeln
. Man freut sich der Beiträge, die die Kenntnis der griechischen
Inschriften Kleinasiens erweitern; man freut sich der Exaktheit der
Aufnahmen und Erklärungen, die nicht bloß das rein Philologische
berücksichtigen, sondern mit einer außerordentlichen Kenntnis der
einschlägigen Literatur, auch der deutschen, die Möglichkeit zum geschichtlichen
Verständnis der neuen Funde bieten; man kann konstatieren
, daß das Interesse auch für die späteren christlichen Inschriften,
das anerkanntermaßen so lange im Argen lag, erwacht ist, und man
kann nur wünschen, daß auch die deutsche Gelehrsamkeit an der
Bearbeitung der Schätze, die uns der Boden Kleinasiens beschert, ihren
Anteil behält.

Kiel.__O. Ficker.

Geffcken, Johannes: Der Brief an Diognetos. Heidelberg: Carl
Winter 1Q28. (VIII, 27 S.) 8<>. = Kommentierte griechische u. lateinische
Texte, 4. rm 1.50.

Der durch seine Arbeiten über die Beziehungen des
jungen Christentums zur antiken Welt rühmlichst bekannte
Rostocker Philologe teilt in der Einleitung dieser
neuen Ausgabe des Diognetbriefes das Wissenswerteste
über die zu Grunde gegangene Handschrift, das Alter
und die schriftstellerische Bedeutung des Briefes, sowie
dessen Gliederung mit. Mit Recht nimmt er seine Abfassung
im 3. Jahrhundert an. Der Text ist mit Bedacht
und Sorgfalt und unter möglichster Schonung der Überlieferung
zurechtgelegt. An der verdorbenen Stelle in
c. 2 (S. 2, 7 f.) macht G. einen neuen beachtenswerten
Vorschlag. Der Kommentar gibt nützliche Winke zum
Verständnis des Briefes aus der Fülle der Kenntnisse,
j die G. zu Gebote stehen.

S. IV A. 1 hätte noch die Ausgabe von Bihlmeyer (in der
Krüger'schen Sammlung, Apostolische Väter I. T. 1924) Erwähnung
verdient. Ob der Verf. in c. 3 den jüdischen Opferbrauch als noch be-
I stehend darstellen wollte (S. VI u. 14f.), erscheint mir doch zweifel-
i haft: vielleicht ist es nur eine rhetorische Stellungnahme zum alttesta-
• mentlichen Opferbrauch. Er lehnt ihn ja auch grundsätzlich ab, nicht
| etwa weil er durch den Neuen Bund aufgehohen sei. Zu S. 4, 6 bezw.
S. 16: die Beschneidung als fiiiuiatg r-fjg aagxög erscheint auch im
lateinischen Schrifttum, z. B. in den ps.-origenistischen Tract. de libr.
ss. Script. IV (34, 13 Batiffol-Wilmart): iacturam carnis, 3Q, 1: dam-
rum corpori infert, beim Ambrosiaster Quaest, 12 (S. 37 Souter).
Mit Recht versteht G. S. 7, 6 bezw. S. 22 taCto tr)t nagovaiag
' avtov dtLyfxma nicht von der Wiederkunft Jesu, sondern von der
i göttlichen Hilfe: es ist der in der Märtyrerliteratur geläufige Gedanke
, daß Christus im Märtyrer gegenwärtig ist, in und mit ihm
kämpft und siegt. Zur Unsichtharkeit Gottes und seiner Selbstoffenbarung
(S. 7, 15 f. bzw. S. 23) vgl. I. Joh. 4, 12 u. 14. Zum tönog
vom aufrechten Gang des Menschen (S. Q, 8 f. bezw. S. 26) darf ich
vielleicht auf meine „Cyprianische Untersuchungen" 1Q26, S. 62 f.
verweisen.

München._ Hugo Koch.

Hü n ermann, Dr. Friedrich: Buße und BußdiszipTin fin
christlichen Altertum. Düsseldorf: L. Schwann (1927.) (52 S.)
kl. 8°. = Religiöse Quellenschriften, H. 44. rm —60.

Welche Küchlein Fr. Hünermann hier mit bußgeschichtlichem
i Lesestoff versehen will, weiß ich nicht. Katholische Theologie-