Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1928 Nr. 18

Spalte:

432

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneider, Kurt

Titel/Untertitel:

Zur Einführung in die Religionspsychopathologie 1928

Rezensent:

Schian, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

431

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 18.

432

Durch Zusammenfassung des allen diesen Erschei- wir auch hier viel gute Einzelbeobachtung und zutreffen-

nungsformen Wesentlichen und Gemeinsamen gewinnt , de Urteile z. B. über den konventionellen Charakter der

auf dieser Grundlage der Verf. den psychologischen Körperscham, über den Unterschied zwischen sexueller

Typus der Eitelkeit und gibt von diesem eine eindring- und Körperscham, erotischer Scham und sexueller. Es

liehe und lebendige „Porträtskizze" in den „wichtigsten will mir aber scheinen, als habe sich der Verf. durch die

Umrissen": Zusammenkoppelung von Eitelkeit und Schamhaftigkeit

Seine Art zu gehen, seine Bewegungen sonst, seine Handschrift, | und die von da her sich ergebende Kennzeichnung des

Kleidung, Sprache; sein Reden von sich selbst; die Oberflächlichkeit : Schamgefühls als „Hemmung der Selbstdarstellung
seines Verkehrs mit den Menschen; seine Selbstüberschätzung, Leicht- 1 durch Furcht vor Herabminderung des Ichgefühls"
gläubigkeit und Mißtrauen und das Schwanken seines Selbstgefühls, ! (106) von vorne herein den Blick in einer bestimmten
seine Empfindlichkeit, das Nachtragende u. A. m. | Richtung eingeengt, sodaß er die Mannigfaltigkeit und
Nach einigen Ausführungen über „die Eitelkeit als weitgehende innere Verschiedenheit der mancherlei hier
Antriebs- und Leidensquelle" handelt ein Schlußteil von behandelten Hemmungszustände weder deutlich gesehen
„Ursprung und Überwindung der Eitelkeit" (90 bis 103). noch ihr ernstlich weiter nachzugehen versucht hat. Es
Eitelkeit ist nicht mitgehoren — die ganz nach außen gerichtete ist doch Z. B. — trotz gewisser Ähnlichkeit des Zuständ-
Lebenseinstellung des Kindes kenne keine Eitelkeit — „höchstens die 1 liehen, ohne die eine Verwendung der gleichen Wortbe-
Anlage dazu" (91). Worin aber besteht diese? Grade das wäre i Zeichnung ja garnicht stattfinden würde, — seelisch ein
interessant zu wissen. Etwa im kindlichen Konkurrenztrieb? Der tiefgreifender Unterschied zwischen dem Sichschämen
weist doch zunächst In der Richtung des Ehrgeizes. des Entblösten, dem Sichschämen wegen eines Unrechts,
Bedeutsam ist für Entstehen der Eitelkeit das Er- der auch Sichschämen genannten Scheu des Kindes vor
wachen des persönlichen Wertbewußtseins und Gel- öffentlichem Auftreten und dem damit zusammengehöri-
tungstriebs im Pubertätsalter; und hier wieder beson- gen Lampenfieber des Erwachsenen, und endlich der von
ders bedeutsam die beglückenden Pubertätsträume mit | dem Verf. auch in diesen Zusammenhang gestellten an-
ihrem Idealbild des Ich und das Nichbin-Erfüllunggehen gebornen Verschlossenheit. Was uns in diesem Teil der
jener Träume (die Nachpubertätskrisis). Die durch sol- j Studie geboten wird, ist darum mehr nur eine Reihe
che „vom Leben erzwungene Preisgabe hochgespannter phänomenologischer Beobachtungen. Und es ist wohl
Jugendideale" bewirkte „Störung des Eigenwertgefühls" am Ende auch das Geheimnis der Eitelkeit leichter ge-
ist „die Wurzel der Eitelkeit". Sie selbst stellt den | lüftet — eben weil es kein wirkliches Geheimnis ist, —
Versuch dar, die so entstandene Unsicherheit des Selbst- i als das — wie auch der Verf. gelegentlich anklingen
gefühls oder „Selbst-Wert-Krisis" „durch äußere Icher- läßt — in wirklichen Seelentiefen wurzelnde Geheimnis
folge zu überwinden" (98). Und der Verf. geht hierin j des Schamgefühls,
so weit, daß er den Satz wagt: „Gäbe es keine hochgespannten
Jugendideale, wären alle Menschen in der
Pubertät schon nüchtern realistisch, es gäbe auch später
im Lehen keine Fitelkeit" (981 Wirklich? Oder ver- Hermann Schwarz - Festschrift] Vom sitthch-rellgiosen Ericben.
im Lenen Keine CrteiKeit (V»,. WirKllcn UOer ver- philosophische Untersuchgn. Hermann Schwarz zum 60. Geburtsrat
dieser Satz nicht vielmehr, daß die Entstehung der - Ug dargchracht von Schülern. Hrsg.: Dr. Georg Schwarz.
Eitelkeit hier zu sehr auf e i n c Linie konstruiert ist ? Wie i oreifswaW: Ratsbuchh. l. Bamberg 1924. (89 s. m. e. Bildnis.)
aber jene Selbst-Wert-Krisis ihre Lösung findet, ob auf ; gr. 8°. RM 2.40.

Herrnhut. Th. Stein mann.

jenem Weg nach außen, der zugleich „der Weg der
Schwäche" ist (99), oder auf dem Weg nach innen, das
ist nicht Sache freier Wahl; es ist „zwangsläufig be
stimmt" durch die seelische Art des einzelnen, die „ur

Diese kleine mit dem Bild des Jubilars geschmückte Festschrift
enthält neben einem Verzeichnis der Schriften von und über den
Greifswalder Philosophen sechs kleinere Abhandlungen seiner Schüler,
von denen diejenigen zur Mystik Ekkeharts (Nr. 3) und über das

Interesse beanspruchen dürften.

Münster i. W. Fr. W. Schmidt.

sprünglich in ihn hineingelegten tiefsten und innersten 1 mystische Grunderlebnis bei Böhme (Nr. 4), vor allem aber die AusTriebkräfte
seines Wesens" (99). „Man ist eitel, weil ■ mnandersetzung mit E. Brunners „Erlebnis, Erkenntn.s und Glaube"
n 11 j i_ i l. ü< /nn »«-z vom Standpunkt der Erlebnis-Religion her (Nr. (>) hier besonderes

man so sein muß. Und ebenso umgekehrt" (99) Mit In1prpesp ^nriwhen mirften.
den Jahren aber nimmt die Eitelkeit „in der Regel von
selbst ab", einfach dadurch, daß sich das Alter „vom
Äußeren ab nach innen wendet" (98). „Dann aber muß

es auch möglich sein, durch Einsicht in ihr (der Eitel- *e*Z£l*2J&^- Zur E™,flnr".* ln*£

keit) Wesen diesen natürlichen Entwicklungsprozeß be- Psychopathologie. Tübingen: J. C. B. Mohr 1928. (V, 59 S.)

WUßt Und Willensgemäß ZU beschleunigen" (99), Sowie "Das' klcine „eft schildert die wichtigsten Formen der

durch Einsicht „in den ihr entgegengesetzten Weg" ! ,ischcn st6 „ und sucht bci jtder dic Beziehungen zur Rdl-

dessen „Hauptstuck" die „Arbeit um der Sache Willen" j gionspsychopathologie klarzulegen. In 8 Abschnitten kommen zur

ist Und dessen Ziel die „Selbstgenügsamkeit" des j Besprechung: 1. die angeborenen Schwachsinnszustände, 2. die psy-

„Stolz-Bescheidenen" (101). „Wer das Steuerrad seines J chopathischen Persönlichkeiten, 3. die abnormen seelischen Reak-

Lebens fest in den Händen ZU halten gewohnt ist, der tionen, 4. die seelischen Störungen infolge von unmittelbaren Ge-

weiß, daß Einsicht Und Wille unendlich viel vermögen, hirnkrankheiten, 5. die seelischen Störungen infolge von mittelbaren

Selbst noch Über die Ursprüngliche Natur" (103). Gchirnkrankhe.ten, 6. die seelischen Storungen bei den Epilepsien,

TinR wir durch Einsicht nnrt Willen rlizii oelanrren I 7' die Cyklothymieen, 8. dic Schizophrenieen (besonders auslühr-

Dali Wir tturen eins Cht Und Willen dazu gelangen ; , Spiele verdeutlichen. Der Verfasser, Oberarzt der Psychia-

konnen, unsere ursprungliche Natur von uns abzustrei- j trischpn Univtrsilijtskiinik in Köln> piante nichts weiter und gibt tat-

fen, das anzuerkennen Wird man ja gewiß dem Vert. , ,ächUch nichts Andres als eine Beschreibung der in abnormen

nicht zumuten. Wenn aber Einsicht U. Wille Überhaupt Seclenzuständen zu beobachtenden religiösen Erlebnisse. Nach Wert,

etwas vermögen, warum sollen sie mit ihrer Wirkung Wahrheitsgehalt usw. fragt er nicht; auch denkt er nicht daran,,

nicht gleich von VOrne herein der einfachen bloßen , einzelne bemerkenswerte Gestalten der Religionsgeschichte zu analy-

Zwangsläufigkeit des seelischen Geschehens entgegen- ! si«ren. Durch diese besonnene Selbstbeschränkung hat er der gerade

Stehen können, anstatt nur den mit dem Älterwerden I auch auf theologische Leser berechneten Schrift sehr genützt; jeder

„in der Regel von selbst" einsetzenden natürlichen Ent- I A",,toß " von vornherein ^^^1^1^

" . , , __° o , t-", h ... i i i • i Stellung kann ohne historische oder dogmatische Belastungen wirken.

Wicklungsprozeß von der Eitelkeit weg zu beschleuni- Sie -J dem Seelsorger lebhaft zu empfehlen. Mit Recht warnt Vf.

S€n? . freilich davor, vorschnell selbst psychiatrische Diagnostik oder gar

Um Vieles kürzer als die Eitelkeit behandelt der Therapie zu treiben. Aber zu vorsichtiger und einsichtiger Beurtei-

Verf. das Schamgefühl: auf reichlich 40 von den insge- lung von religionspsychopathologischen Fällen kann die Arbeit sehr

samt 148 Seiten seiner Studie. Hier gab es aber doch j wohl helfen.

eigentlich mehr seelische Rätsel zu lösen. Gewiß finden 1 Breslau. M. Schian.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 15. September 1928.

Beiliegend das II. Heft des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof.D.E. Hirsch in Göttingen, Hainholzweg 62.
Verlag der J. C. Hinri chs'schen Buchhandlung in Leipzig C 1, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.