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Ausgabe:

1928

Spalte:

23

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luther, Martin

Titel/Untertitel:

Predigten, auf Grund von Nachschriften Georg Rörers und Anton Lauterbachs bearb. Georg Buchwald. Bd. 2: Vom 16. Oktober 1530 bis zum 14. April 1532 1928

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 1.

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unbedingten üottesliebe, dem letzten Ergebnis seines
religiösen Prozesses, mußte eine ebenso unbedingte

Nächstenliebe als Anfang und Grundlage alles sittlichen | WtbtlN UND WAHRHEIT DES

Denkens und sittlichen Tuns entsprechen", vermag ich
für den Herzpunkt der Ethik Luthers nicht als ausreichend
anzuerkennen. Dennoch liest man die eigent- VON

CHRISTENTUMS

lieh sozialethischen Partien der Arbeit mit freudiger
Zustimmung. Geschlossener als das Lutherbild und besonders
gelungen ist der Abschnitt über Mclanchthon.
Mel. hat durch die Ausbildung eines christlichen Humanismus
die Individualethik, durch den Ausbau der
Vorstellung von der christlichen Obrigkeit die Sozial-

Dr. GEORG WOBBERMIN

Professor an der Universität Qöttingen.
Preis RM 16.20; geb. RM 18.-
weitere urteile:
(Vgl. Tli LZ. 1925, Nr. 23, 1926. Nr. 9 und 1927, Nr. 4.)

ethik des späteren Luthertums bestimmt. Die Sozialethik „Wobbermins großangelegtes Werk erweist sich als ein Einsatz von
des Luthertums „erfährt eine quietistische Umbildung ' bedeutendem Werte nicht bloß für das fachtheologische Gebiet,

durch Melanchthon und die ihm folgende Orthodoxie sondern auch für das Gebiet des praktisch-kirchlichen Lebens —

und entbehrt damit eines positiv gerichteten und fest um- fin .neuesJ beredtes Zeugnis für die wachsende Neigung in der

grenzten sozialen Reformwillens" (Leitsatz 5). Trotz heutigeni deutschen ™e°l°g"f> Fühlung zu suchen mit dem leben-
Hieser ki-itie ontvohi Her Verfasser Her iihhVhen Oef-ihr l dlgen reI,g'osen Persönlichkeits- und Gemeinschaftsleben und seinen
dieser Kntik entgeht der Verfasser der üblichen «Jetahr | innerkirchlichen und zwischenkirchlichen Fragen."
einer Verherrlichung des Calvimsmus und vollends des Prof. Dr. Torsten Bohlin (Schwedisch-theologische Quartalsschrift)
Angelsachsentums. Das deutsche non possumus gegen- ; >Dankbar man den Rejchtum des ^ m ^

über dem angelsächsischen Geiste kommt klar heraus: njcht nur den Theoiogen (das versteht sich von selbst), sondern

der amerikanischen Wirtschaftsgesinnung wird das Be- aucn unseren Laien ein innerliches Eindringen in die scheinbar so

kenntnis zum Ethos des Staates, zur Persönlichkeit, ent- schwierigen, in Wirklichkeit nicht undurchdringlichen Fragen nach

gegengesetzt und weiter der „Schicksalsgedanke" sowie dem Wesen des Christentums. Das Buch rechtfertigt die Hoffnung,

das „tragische Lebensgefühl" als bezeichnend für den daß die vielfach zerrissene Christenheit bei gutem Willen hier ein

deutschen Menschen der Gegenwart und sein Ethos be- gründliches, umfassendes, berechtigte Ansprüche zur Erfüllung

zeichnet bringendes Instrument haben kann."

_ ' .. . . , . , . , ... , ,., ' '. . , ,. , D. Schneemelcher (Das Evangelische Deutschland).

Damit hat der geschichtliche Uberblick schon tief Mcjnes Wjssens der ejnz deutsche The()I der es , unseren

in die grundsätzlichen Fragen hineingeführt. Ihnen Tagen unternommen hat, dem gemeinsamen Glauben der Christengelter
: die letzten Seiten. Das Zeitgebundene in Luthers j,eit Ausdruck zu leihen, ist Wobbermin. Es ist bemerkenswert,
Sozialethik ist für uns vergangen: vor allem seine An- daß er dabei ebenso an die alten ökumenischen Symbole, insbe-
schauung von der politischen und sozialen Welt, in der sondere das sogenannte Apostolikum und das Nicaenum anknüpft,
er lebte — „unsere Welt ist kein patriarchalisch-feudales wie es in der Arbeit des Themen-Ausschusses geschieht."
Gemeinwesen mehr" . . .; der Staatsgedanke hat sich P">L D. Lang (Die Weltkonferenz in Lausanne),
uns vertieft u. s. w. „Ewig", bleibend in Luthers Sozial- .Eine Lebensarbeit von erstaunlicher Weite und zugleich ent-
ethik ist ein Doppeltes: er gibt uns ein Prinzip der so- schlossener Zielsetzung liegt hier abgeschlossen vor. Man wird
zialen Weltanschauung und eine Maxime für das soziale sie nicht für den Abschluß des Ringens um die letzten Fragen
„ j , ">"^>- « t, w/„n halten; viel eher für einen guten Anfang; denn W. schi eßt w rk-
Hände n jenes hegt in der Gewißheit, daß die Welt ||ch m'jt vjelem ;)b was ^ waf ™j »*■*

ein Schlachtfeld zwischen Gott und Teufel, der ewige großen u/ahrheitsfrage neue Wege bereitet." Zeitwende
Kampfplatz zwischen Gutem und Bösem bleibt" - >Wenn map sieht wje jn der „lodernen philosophk. trotz aller
damit wird die evangelische Ethik gegen allen Utopis- ricntjgen strukturpsychologischen und phänomenologischen Ansätze
mus und Sozialeudämonismus scharf abgegrenzt — ihr <jas religiöse Objekt verblaßt (Spranger) oder scholastisiert wird
einziges Prinzip ist der „Begriff der sozialen Verpflich- (Scheler), und wenn man andererseits sieht, wie in der modernen
tung". Die praktische Maxime aber heißt: „die Anwalt- 1 Theologie die Irrationalität der theologischen Methode bis zum
schaft am Nächsten". Ich zweifle nicht daran, daß J. Zungenreden überspannt wird (Barth, Gogarten), dann wird man
mit diesen Gedanken wirklich das Bleibende an Luthers Wobbermins religionspsychologische Methode und ihre Ergebnisse
Sozialethik getroffen hat, und glaube mit ihm, daß es f^™™ ^"i' e" p,,doso>,mschen und theologischen Fortmöglich
und heute geboten ist, hiermit „eine evange- sc n egM en' . an fu len-
lische Sozialethik von klar unterschiedenem Charakter "Dle außerordentliche Bedeutung des Werkes hegt vor allem in
, fr u der rehgionspsychologischen Methode Wobbermins, die als grund-
zu ScnaiTcn . sätzliche Fragestellung nach der spezifisch religiösen bezw. christ-
Eilangen. P. Althaus. liehen Erfahrung oder ihrem letzten Sinngehalt die methodischen

Fehlwege in Religionswissenschaft und Theologie zu überwinden

Luther, Martin: Predigten, auf Orund von Nachschriften Georg sich bemüht: jeden die Vorstellungsformen der Religion verab-

Rörers und Anton Lauterbachs bearb. von Georg Buch- sortierenden Dogmatismus wie andererseits jeden die Religion

w.-, Id. Bd. 2: Vom 16. Okt. 1530 bis zum 14. April 1532. Gutes- relativierenden Empirismus der bloßen Religionsgeschichte und

loh: C. Bertelsmann 1926. (VIII, 667 S.) gr. 8». Psychologie. So gebort dieses Werk zu den grundlegenden unserer

Rm 15 geb. IS Wissenschaft, das alle Lager zu einer methodischen Selbstbesinnung

-i« '''-IC' ( . , , . , ,. * u u ü ■ u "nd die Gegenwart zu einer religiösen Vertiefung zu führen be-

Die Einrichtung und Art dieser Ausgabe habe ich rufen jst. b Deutsche Zeitung

anläßlich des Erscheinens des ersten Bandes geschildert, >Q fl"berden b)oßcn Ausbesserern am Alten auf der einen Seite
vgl. lh.L.Z. 1925 bp. jybt. (Nr. 1/). L>er zweite und radikalen Umstürzlern auf der anderen Seite, nimmt Wobbermin
Band tragt ganz das Gepräge des ersten, auch darin, daß eine verantWortungsfreudige Position ein, die ein neues Gesamter
sich überwiegend an Rörer's Nachschriften hält, auch Verständnis der christlichen Wahrheit bedeutet."
da, wo andre Nachschreiber deutsche Fragmente bewahrt Heidelberger Tageblatt,
haben, die Rörer nicht hat. Gewissenhaft und verläßlich
ist die Arbeit aber innerhalb dieser Begrenzung; und sie
gibt ein besseres Bild von Luthers Predigtweise als die
von andern ausgeweiteten und umgegossenen Predigten.

Sorgfältige Tabellen und ein genaues Register ermöglichen
jede gewünschte Rechenschaft. Geboten sind VERLAG DER J. C. HINRICHS'SCHEN
98 Predigten aus der Zeit 16. Oktober 1530 bis 14. BUCHHANDLUNG IN LEIPZIG
April 1532.

Göttingen. E. Hirse Ii. ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■

Beiliegend ein Prospekt des Verlags Leopold Klotz in Gotha. — Titel, Inhaltsübersicht, Register u. Verzeichnis der Zeitschriften

des VI. Jahrg. des Bibliograph. Beiblattes werden Nr. 2 beigelegt.
Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 21. Januar 1928.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Bauratgerberstr. 19.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig C 1, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.