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Ausgabe:

1928 Nr. 17

Spalte:

399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wehrung, G.

Titel/Untertitel:

Protestantischer Geist. Fünf Vorträge 1928

Rezensent:

Schian, Martin

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399

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 17.

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stimmen, läßt schon vermuten, welche Oberflächlichkeit
zu Tage tritt, wenn er nun noch anfängt ethisch und theologisch
zu reflektieren. Rein willkürlich reißt er Jesus
von Paulus los, völlig seicht redet er über den Anthro-
pomorphismus von Gottes Zorn, von des Menschen
Güte und der Relativität des Bösen. Selbst dort, wo die
beobachtete Wirklichkeit des Geschlechtlichen die Frage
zur Erkenntnis vertiefen sollte, bleibt er banal. Die
Geschlechtlichkeit ist ihm eine biologische Tatsache.
Die Ehe mehr oder minder ein mit Sentimentalität um-
rankter Kontrakt. Soziologisch, pädagogisch, sexualethisch
, theologisch — nichts als Aufklärung. Dennoch
gebe ich zu, daß der Mann in seinem Handeln besser
ist als in seinem Wort; daß die Wirklichkeit, von der
er redet, ernst ist und Forderungen an Haus, Schule
und Kirche enthält — aber ich behaupte auch, daß das
Buch in keinem Punkte ein Wort zur Überwindung der
Revolution der modernen Jugend zu sagen hat. Dazu
ist es zu sehr revolutionsbefangen und zu wenig reformatorisch
.

Berlin. Lic. Hcckel.

Wehrung, Prof. D. Dr. O.: Protestantischer Geist. Pünf Vorträge
. Gütersloh: C. Bertelsmann 1928. (149 S.) 8°. kart. RM 2.80.
4 Vorträge aus den Jahren 1921/22, in Münster vor der evangelischen
Gemeinde gehalten; sie behandeln die sittlich-religiöse
Wahrhaftigkeit, Autorität und Freiheit, Gottesfreude und Gotteskraft
, den sozialen Gedanken — alle diese Fragen mit Bezug auf
den Protestantismus. Ein 5. Vortrag über protestantische Lebensanschauung
ist schon im Apologetischen Jahrbuch der westfälischen
Weltanschauungswochen 1925 gedruckt. Was an diesem Heft erfreut,
ist Zweierlei: erstens, daß es die großen und schweren Fragen so
schlicht als möglich und daher wirklich für jeden Gebildeten verständlich
bespricht. Das forderte vom Verf. große Selbstverleugnung;
er mußte sich selbst jeder gelehrten Sprache enthalten und — er
muß auf den Beifall der anscheinend nicht Wenigen verzichten, die
nur das für „tief" halten, was sie nicht verstehen. Um so mehr
verdient W. den Dank aller derer, denen es um wirkliche Förderung
unserer denkfähigen Gemeindegliedcr zu tun ist. Zweitens: W. spricht
ungescheut vom Protestantismus. Das ist ja nicht mehr modern; die
Herausarbeitung des eigentümlich evangelischen Guts tritt in unserer
Generation zurück. Um so mehr danken ihm alle, die klare Linien
lieben und der Meinung sind, daß auch in Zukunft die evangelische
Kirche protestantisch (natürlich nicht etwa bloß im negativen Sinn!)
sein muß, oder daß sie gar nicht sein wird. Bemerkenswert ist insbesondere
, wie W. für die Notwendigkeit autoritativer organisatorischer
Gestaltung eintritt; freilich nur für eine sichtbare Autorität,
die der inneren Selbständigkeit nicht im Wege ist. Sehr gut ist auch,
was über den sozialen Gedanken gesagt wird: die Eigengesetzlichkeit
wird nicht angetastet, aber dem Ganzen wird ein neues Vorzeichen
gegeben, das „Dienst" heißt. — Das Heft ist zu weiter Verbreitung
unter den Gebildeten sehr zu empfehlen.

Breslau. M. S c h i a n.

Gruehn, Priv.-Doz. D. Werner: Die Theologie K. Girgensohns.

Umrisse einer christlichen Weltanschauung. Gütersloh: C. Bertelsmann
1927. (132 S.) gr. 8°. RM 4.20; geb. 6-.

Zu den evangelischen Theologen, die sich in dem
ersten Viertel dieses Jahrhunderts vor anderen hervor-
getan haben, gehört ohne Frage Karl Girgensohn. Daher
ist es mit Freude und Dank zu begrüßen, daß ihm
schon wenige Jahre nach seinem vorzeitigen erschütternden
Ende der ihm wohl am nächsten stehende seiner
Schüler und Mitarbeiter in der vorliegenden Schrift ein
seine reiche Lebensarbeit pietät- und verständnisvoll
würdigendes literarisches Denkmal errichtet hat. Es
zeugt von genauer und sicherer Vertrautheit seines Verls
mit sämtlichen, auch den entlegensten Veröffentlichungen
G.'s, deren Titel am Schluß des Buchs zusammengestellt
sind. Auf Grund dieser umfassenden
Kenntnisse gibt der Verf. ein ansprechendes Bild von
G.'s Theologie und persönlicher Eigenart. Die Grenzen
seiner Leistung deutet er selbst an, indem er zu dem
Titel seiner Schrift den sogar noch durch größern Druck
hervorgehobenen Zusatz macht: „Umrisse einer christlichen
Weltanschauung". In der Tat sind es wesentlich
nur Umrisse, in denen er das theologische Lebenswerk
G.'s seinen Lesern nahe zu bringen sucht. Gerade aber
bei der diesem immer wieder, stellenweise freilich etwas

j zu panegyrisch gezollten Bewunderung drängt sich die
Frage auf, ob der Verf. nicht besser getan hätte, es

j nicht nur mit „Umrissen" bewenden zu lassen, sondern
eine eigentliche Biographie G.s in Verbindung mit einer

j gründlichen und vollständigen Darstellung seiner Gedankenwelt
und deren Entwicklung verfaßt hätte, auch
wenn die Herstellung eines solchen Werks eine sehr
viel längere Zeit erfordert hätte. So aber erregen seine
nunmehrigen Darbietungen teils den Wunsch, vor allem
auf dem Gebiet der exakten Religionspsychologie, auf
dem G. wirklich bahnbrechend gearbeitet hat, noch sehr
viel mehr und Eingehenderes zu erfahren; teils sind sie,
wie namentlich im 4. Kapitel über „die Inhalte der
christlichen Weltanschauung", zu sehr im Stil eines
trocknen und nicht einmal vollständigen Berichts gehalten
; teils sind sie mehr oder weniger durch subjektive
Anschauungen getragen, für die eine allgemeine Anerkennung
doch nicht in Anspruch genommen werden
kann. Daß der Verf. hin und wieder, wie besonders auf
S. 56, auf andere seiner Arbeiten über G. verweist, kann
jedenfalls dem Leser der vorliegenden zusammenfassenden
Schrift nicht genügen. Um ihn zu befriedigen, hätte
der Verf. sich auch vor Wiederholungen von früher Gesagtem
nicht scheuen sollen. In seinen nicht unmittelbar
die empirische Religionspsychologie betreffenden, wenn
auch noch so vielseitigen, selbständigen, charaktervollen
und ergiebigen theologischen Leistungen aber scheint
mir G. doch nicht so originell gewesen zu sein, wie der
Verf. meint. Dieser selbst weist ja auch wiederholt auf
G.'s Abhängigkeit von Seeberg und auf seinen Anschluß
an dessen Programm einer modern positiven Theologie
des alten Glaubens hin. So aber fällt überhaupt G.'s
Gedankenbildung, die der Verf. als eine Theologie sowohl
der Spannungen wie auch wieder der Synthese
kennen lehrt, unter den weiten dogmenhistorischen Begriff
einer Vermittlungstheologie, die bei ihrer im letzten
Grunde apologetischen Einstellung seit einem Jahrhundert
so oder so dahin strebt, die Hauptpositionen des
„alten Glaubens" mit den unwiderleglichen Ergebnissen
der modernen Wissenschaft irgendwie in Einklang zu
bringen. Auch alle diese Unternehmungen aber, einschließlich
der von G. befürworteten theologischen
Synthesen, beruhen, ob man dies nun zugeben mag oder
nicht, in entscheidender Weise auf dem persönlichen und
individuellen Glauben ihrer Vertreter. Und wenn auch
viele dieser Theologen in ihren Anschauungen im ganzen
und wesentlichen mit einander übereinstimmen mögen
, so bleibt es doch immer ein Sprung zu meinen,
man könne auch auf dem Gebiet des gläubigen Denkens
zu einer Objektivität gelangen, die der der strengen
Wissenschaft gleichartig oder ebenbürtig wäre. Daß es
sich hierin bei G. im Unterschiede von seinen zahlreichen
Vorgängern und Gesinnungsgenossen wesentlich anders
verhalte, davon habe ich mich auch aus dem vorliegenden
Buche nicht zu überzeugen vermocht.
Bonn. O. Ritschi.

Planck, Max: Kausalgesetz und Willensfreiheit. Öffentl. Vortrag
, geh. in der Preuß. Akademie d. Wissensch. am 17. Febr. 1923.
Berlin : Julius Springer 1923. (52 S.) 8».

Wenn ein Naturwissenschaftler von dem Range
und der philosophischen Bildung P.s über vorliegendes
Thema spricht, so darf er der Beachtung aller gewiß
sein. Vor allem der Theologe, der allzu leicht der Rede
vom Zusammenbruch der modernen Wissenschaft verfällt
, sollte ihm ernstlich lauschen (an der Verspätung
der Anzeige ist ein leidiges Versehen schuld, für das ich
die Verantwortung auf mich nehmen muß). Mit aller
Kraft vertritt P. den Kausalgedanken. Und zwar nicht
nur in der positivistischen Gestalt als „erfahrungsgemäß
festgestellte Regelmäßigkeit in der Aufeinanderfolge
von Empfindungen" (S. 15), sondern in dem
strengen Sinn einer Allgesetzlichkeit des Weltgeschehens
. Wie für Kant, so gehört für ihn in aller wirklichen
Wissenschaft der Kausalgedanke zu den grundlegenden
Kategorien des Erkennens, zu den unentbehr-