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Ausgabe:

1928 Nr. 17

Spalte:

394-396

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Levison, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Werden der Ursula-Legende 1928

Rezensent:

Völker, Walther

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 17.

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angegebene Weg der Eskorte nicht der Geschichte an.
Alles das stammt vom Überarbeiter und dient nur dazu,
Theophoros, den antiochenischen Marcionitenbischof,
nach Philippi zu bringen. Dort soll er mit dem Gemeindeheros
Ignatius identifiziert und damit der Anschluß
an den Polycarpbrief erreicht werden: So wird
denn der berühmte katholische Bischof der Gewährsmann
des Marcionitischen.

Das Unternehmen des Verfassers, den ursprünglichen
Bestand der Briefe von späteren Zusätzen zu reinigen,
steht auch seinerseits unter dem Zeichen Marcions: nach
der gleichen Methode, wie dieser seinen Kanon herstellte
, wird auch hier alles, was in den Ignatianen an den
Judengott erinnert und zur marcionitischen Christologie
nicht paßt, ausgeschieden. Bleibt dann trotzdem noch
einiges bei Marcion befremdliche übrig, so hilft sich der
Verfasser einmal durch Hinweis auf die „Schule" M.'s,
die nicht so konsequent dachte wie ihr Meister. Dann
wieder wird die Drohung mit dem künftigen Zorn, die
bei M. auffallen mußte, mit dem „weltlichen Arm" des
Schöpfergottes erklärt (S. 99), dem der gute Gott mit
der Milde eines mittelalterlichen Inquisitors den Verurteilten
überläßt. — Doch ganz abgesehen von den
Verlegenheiten, in die D.'s Versuch unausweichlich führt,
ist schon seine Methode verfehlt. D. will den Ursprung
der Briefe mit Hilfe ihrer Polemik bestimmen, deren
Deutung aber ist ihm an den Kreis der geschichtsnoto-
rischen Häresien gebunden. Da eine durchweg zureichende
sich nicht finden läßt, erklärt er die noch am
besten passende für die richtige und schaltet nun von
da aus frei mit dem Text: Was sich Marcion nicht fügt,
muß weichen. Aber was wissen wir denn eigentlich
von den älteren gnostischen Lehrern? Zu den spärlichen
Quellen dieser Zeit und Gegend gehören doch nicht in
letzter Linie die Ignatianen selbst! — An der Theologie
des Ignatius ist uns gewiß vieles dunkel und harrt
noch der Erklärung. Aber gerade besonders charakteristische
Züge stehen bei D. nun gleichmäßig in „Ur-
bestand" und „Zusätzen", als ein stummer Vorwurf über
ihre Getrenntheit. — Über die Art der römischen Gefangenentransporte
aber müßte man den Herrn Verfasser
um genauere Nachweise bitten. Wissen wir sonst doch
nur etwas von dem Vorrang der Hauptstadt vor den
Provinzen bei der Auswahl der Opfer für ihre blutigen
Schauspiele; ferner von den Personen, die für Rom besonders
in Betracht kamen (iuniores, Leute von robur
und artificium, also wohl durch Kraft und Geschicklichkeit
für den Tierkampf geeignete, nicht (Mommsen)
Personen von besonderer Bedeutung), aber nichts von
den Transportverhältnissen. So fällt auch dieses Argument
, und man kann nach alledem D.'s neue Lösung
einer alten Frage nur als eine zwar originelle und geistreich
durchgeführte aber doch verfehlte bezeichnen;
sie hat nur den Wert, in Erinnerung gebracht zu haben,
daß hier noch nicht alles erledigt ist.

Die Übersetzung ist im Allgemeinen gut und lesbar, bisweilen
glättend. Bibelzitate sind nicht bezeichnet, Ergänzungen nicht als
solche kenntlich gemacht. Korrekturen des üblichen Textes nach der
handschriftlichen Überlieferung sind bei Magn. VIII, 2 vielleicht berechtigt
(wenn auch nicht die daraus abgeleiteten Folgerungen), in
anderem Falle (Km. 11,1) schwerlich erlaubt. Einige Bedenken:
S. 95 Z. 9 itrtxpofrvitta mit serenit^ wiedergegeben, 2,13 uihä-
xquov — inseparable; s. 98 29 i'tvayiayeis — corde; S. 100,26
(tMUQiivfiti'iov (emporgehoben) — condamne; S. 151,25 ti'i avvio-
vov rfji uXriü-iias _ ]a profondeur de votre fidelite S. 150, 24
onXa - bouclier. — S. 106 A 2 wird die xctaxeQixrj tksv?
(Magnes. 3,1) als jüngst eingeführtes Amt erklärt, während doch
nur die konkreten Verhältnisse der magnesischen Gemeinde besprochen
werden.

Hailea.S. Hermann Dörries.

Gatzweiler, P. Dr. Odilo, o. F. M.: Die liturgischen Handschriften
des Aachener Münsterstifts. Mit 4 Taf. Münster i. W.:
Aschendorffsche Veiiagsbuchh. 1926. (IX, 222 S.) gr. 8°. = Liturgiegeschichtliche
Quellen, H. 10. RM. 10-.
Vorliegende, Beda Kiemschmidt gewidmete Untersuchung
erstrebt ein dreifaches: Förderung der mittelalterlichen
Handschriftenkunde, der Bibliotheksgeschichte
und der liturgischen Forschung. Sie ist entstanden
auf Grund einer zweijährigen „Durchforschung
der liturgischen Handschriftenschätze des Stiftsarchivs

| zu Aachen" (S. 1) und beschreibt mehr als 70, überwiegend
unbekannte Handschriften, die aus dem 12.—18.
Jahrh. stammen, mit Ausnahme des Sakramentars alle
liturgischen Typen umspannen und in ihrer Totalität
einen Einblick in das gottesdienstliche Leben des Spätmittelalters
gewähren. Somit ist ein wertvoller Katalog

j entstanden, der für den Benutzer des Aachener Stiftsarchivs
unentbehrlich sein dürfte und der auch die Aufmerksamkeit
der Forscher auf diese oder jene Hand-

i schritt lenken könnte.

Darüber hinaus kommt der Schrift eine nicht geringe
Bedeutung für die Kunst-, Kultur- und Frömmig-

i keitsgeschichte zu. Leider bedeutet die katalogförmige
Anlage des Buches für die wirkliche Ausbeutung der
zahlreichen, verstreuten Beobachtungen eine beträchtliche
Erschwerung, die auch das Register nicht gänzlich
beseitigen kann, und der bewußte Verzicht (S. 9) auf
das Einreihen der Ergebnisse in größere Zusammenhänge
bleibt zu bedauern, denn dies allein hätte für das
Buch in weiteren Kreisen Interesse erwecken können.

, Auf einiges aus dem reichen Inhalt will ich hinweisen.

] Klar tritt in fast allen Handschriften die liturgische
Selbständigkeit Aachens hervor, wie sie sich besonders
in der Geschichte der Karlsverehrung zeigt: die beiden
Karlsfeste, die Verlegung des Festes Translatio s. Karoli

; Magni vom 29. 12., dem Tag der Heiligsprechung des

i Thomas v. Canterbury, auf den 27. 7., den Tag der
Vollendung des Karlsschreines (1215; S. 46, A. 3; S.
73 f.; 194), die Sequenz auf Karl „Urbs Aquensis (älte-

! stes Zeugnis Handschr. 13 aus dem 13. Jahrh.), Ge-

j sänge bei der Heiligtumsfahrt (S. 171 ff., Handschr. 59).

j Die Ausführungen über die Chorbücher (S. 116) ermög-

j liehen einen Einblick in die liturgische Praxis des 14.

j Jhd.s, das Psalterium (Handschr. 34) zeigt uns, wie

man von anderen Kirchen liturgische Bücher übernahm
und mit lokalen Zutaten versah (Karlsoffizium, die 4
Kommemorationen der Maria), und die Meßbücher erlauben
eine Rekonstruktion der einzelnen Entwicklungsstufen
: Handschr. 18/19, Kölner Missale (S. 89 ff.) und
Aachens Missale (S. 102 ff.) aus dem 14./15. Jahrh.
und die Art der Feier im beginnenden 18. Jahrh. (S.
14, A. 1). Von besonderer Wichtigkeit sind die Ordi-
nationes Chori (Handschr. 1—4), denn sie weisen hin
„auf die interessanten Riten des Weihnachtsfestes, der

! Karwoche, des Oster- und Pfingstfestes, auf die eigentümliche
Feier von Pfingstoktav, Trinitas und Fron-

| leichnam, auf die vielen Prozessionen bei der ersten
Sonntagsvesper, vor dem Sonntagsamte, an Freitagen
zu Ehren des heiligen Kreuzes, an den Bittagen, sowie
an einer Reihe von Festen" (S. 15). Manches für
Aachens Baugeschichte wichtige Detail enthalten die
Prozessionalien (Handschr. 45—58).

Eine kritische Stellungnahme zum Einzelnen ist
ohne Einsicht in die Handschriften unmöglich. Für den
Kritiker gilt hier ein Wort A. von Harnacks: „solche
Arbeiten . . . kontrollieren, heißt sie selbst machen"
(Gesch. d. altchristl. Lit., I Vorrede S. VII). Ein Gefühl
der Sicherheit verleiht dem Leser indes die methodische
Vorsicht, mit der Verf. z. B. auf S. 113, A. 2 und
S. 132 vorgeht. Alles in allem, es wäre sehr zu begrüßen
, wenn Verf. das reiche Material dieses katalog-
förmigen Buches monographisch ausbeutete.

Halle/Saale.___Walther Völker.

L e v i s o n, Wilhelm : Das Werden der Ursula-Legende. Sonder-

ausg. aus H. 132 der Bonner Jahrbücher. Köln: A. Ahn 1928. (IV,
164 S. m. e. Abb.) 4°. RM 5-.

Der bekannte Bonner Historiker L. legt eine eindringende
Untersuchung über das allmähliche Entstehen
der Ursula-Legende vor und hofft, damit „wenigstens
einen Teil der Streitfragen der Lösung näher zu bringen
" (S. 2). Er beginnt mit der Erklärung der Cle-