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Ausgabe:

1928 Nr. 17

Spalte:

392-393

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delafosse, Henri

Titel/Untertitel:

Lettres d‘Ignace d‘Antioche 1928

Rezensent:

Dörries, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 17.

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Neh. 1,1; 2, 1; 5, 14 gesichert. Nur ist die Anordnung
einzelner Abschnitte dieser Bücher zu ändern. Am
besten orientiert über Bulmerincqs Auffassung die von
ihm (S. 192) aufgestellte Zeittafel. Anschließend daran
ist B. bemüht, im einzelnen den zeitgeschichtlichen Rahmen
für jede der sieben Prophetenreden zu zeichnen.
— Im VI. Kapitel (S. 225—326) wird die Theologie
des B. Maleachi behandelt. Es mag gekünstelt erscheinen
, ist aber nur ein Zeichen für Bulmerincqs peinliche
Gründlichkeit, wenn er auf über hundert Seiten
unter sechs großen Gesichtspunkten in einigen dreißig
Paragraphen über die theologischen Anschauungen dieses
halben Hunderts Bibelverse handelt. Den Ausgangspunkt
bilde die Eschatologie; das Zukunftsgemälde,
geschmückt mit den Emblemen der Mosezeit, liege noch
durchaus auf der Fläche prophetischer Diesseitigkeit,
eingerahmt durch Partikularismus und Nationalismus.
Als Grundelemente ergeben sich dem Verfasser: „apokalyptisch
angehauchter Adventismus, legalistischer Ritualismus
und nationalistischer Partikularismus" (S. 339).
Da Mal. „den Ezechieliker nimmer verleugnen kann",
wird die Theologie des Buches des weiteren in ihrem
Verhältnis zu Ezechiel, Deuterojes., Hag., Sach. und
Tritojes. behandelt und dann abschließend Mal.s religionsgeschichtliche
Bedeutung gewürdigt. — In Kap.
VII (S. 357—394) Die kritisch angefochtenen
Stücke im B. Maleachi beurteilt Bulmerincq
alle bisher je beanstandeten Verse bzw. Halbverse des
Buches und kommt zu dem Ergebnis, daß nur 2, 16 b
als unnötige Wiederholung von V. 15 b zu streichen sei
(S. 374). Gerade bei diesem Kapitel wird die Schwierigkeit
in der Anlage der ganzen Arbeit besonders deutlich.
Denn vielfach wird die Argumentation zerrissen durch
Verweise auf den noch ausstehenden II. Band; und des
öfteren wird Bezug genommen auf metrische Dinge, die
erst in VIII behandelt werden. Es wäre wohl praktischer
und zweckdienlicher gewesen, diesen ganzen Abschnitt
straffer zu fassen und die Echtheitsfrage der
kleineren Stücke hier ganz auszuschalten, um sie im
Kommentar an den entsprechenden Stellen in kürzerer
Form zu erörtern. — Kap. VIII (S. 395—443) untersucht
die schriftstellerische Eigenart, den Stil
und die Sprache des B. Maleachi. Die dem
Buche eigentümliche dialogische Redeform (These, Antithese
, Begründung der These) wird dargelegt und ihrem
Ursprung wird nachgegangen. Charakter und Aufbau
der einzelnen Reden wird behandelt, wobei man entsprechend
der sonstigen Ausführlichkeit und Breite eigentlich
auch ein näheres Eingehen auf die literarischen
Gattungen erwarten sollte. Es folgen Paragraphen über
Redefiguren, Bildersprache und Satzbau. In der strittigen
Frage „Poesie oder Prosa" erkennt Bulmerincq
zwar den Rhythmus an, entscheidet sich aber (gegen die
neueren Forscher) dahin, daß nur „gehobene Prosa"
vorliege (S. 422). Die einzelnen Reden habe der Prophet
öffentlich vor allem Volk gehalten und sie dann
später nachträglich in kurzer Zusammenfassung aufgezeichnet
und zu einem Buch gestaltet (S. 426). Die
Ausführungen über die Sprache, in denen durchgehend
auf den 2. Band verwiesen wird, verdienen insofern besondere
Beachtung, als das Verhältnis zum Sprachgebrauch
von D, P, Ez usw. untersucht wird. — Kap. IX
(S. 444—451) ist dem Text des Buches gewidmet,
wird aber auch erst nach Erscheinen des Kommentars
verständlich. Die alten Versionen und ihre Bedeutung
für die Textrekonstruktion finden eine kurze Charakterisierung
. — Ein X. Kapitel (S. 452—506) endlich, dem
noch sechs Seiten Berichtigungen und Nachträge angefügt
sind, bringt in Kleindruck unter systematischen
und chronologischen Gesichtspunkten möglichst vollständig
die gesamte Literatur zu Maleachi. Auch
hier hätte die Arbeit nur an Übersichtlichkeit gewinnen
können, wenn Bulmerincq auf die biographischen Angaben
bei den einzelnen Autoren (zum mindesten für
die Neuzeit!) verzichtet hätte.

Wenn wir versuchen, eine Beurteilung dieses Werks
| zu geben, so ist zu sagen, daß vielfach eine größere
, Straffheit in den Ausführungen erwünscht gewesen
wäre. Die oft recht langen Literaturangaben hätten wir
gern aus dem Text in Anmerkungen verbannt gesehen,
was der Übersichtlichkeit und dem Umfang des Ganzen
nur zum Gewinn sein könnte. Die Kapitel V (zeitgeschichtlicher
Rahmen) und VI (Abfassungszeit) wären
: wohl besser verschmolzen worden. Erörterungen über
das Geburtsjahr des Propheten anzustellen (so S. 45 f.)
- erscheint als ein müßiges Unterfangen. Aber diese Ausstellungen
sollen das große Verdienst Bulmerincqs keineswegs
verkleinern. Es gehört eine unendliche Selbstverleugnung
und viel Liebe dazu, ein solches Werk zu
schreiben. Und diese große Liebe des VerLs zum be-
1 handelten Gegenstand und die sorgfältige und umsichtige
Erörterung aller Probleme machen dieses Buch zu
etwas Besonderem, wofür die Wissenschaft dem Herrn
Verfasser zu tiefem Dank verpflichtet sein muß. Daß
sie durch diese subtile Kleinarbeit reiche Förderung da-
I vontragen wird, bedarf keiner Erwähnung. So kann ich
nur mit dem Wunsche schließen, daß es Bulmerincq vergönnt
sein möchte, auch deii zweiten Band seiner umfangreichen
Untersuchungen bald der Öffentlichkeit zu
übergeben.

Berlin-Frohnau. Curt Kühl.

| Delafosse, Henri: Lettres d'Ignace d'Antioche. Traductton
nouvelle avec une introdnction et des notes. Paris: F. Rieder 1927.
I (167 S.) 8°. = Les Textes du Christianisme, II. 18 Fr.

Ohne Zweifel ist die Ignatianen-Frage, deren Erörterung
seit Lightfoot und Zahn vielfach als abge-
j schlössen gilt, noch mit unbehobenen Schwierigkeiten
belastet. So kann man es nur begrüßen, wenn durch D.
das vorzeitig zur Ruhe gegangene Problem energisch ge-
i weckt wird. Seine eigene Lösung ist dann allerdings
1 überraschend: die Briefe marcionitischer Herkunft!

Als erstes räumt D. die äußeren Zeugnisse über
die Briefe hinweg, vor allem das Polykarps. Denn Ig-
! natius, Zosimus und Rufus (Polyc. c. 9.1), deren Vorbild
die Adressaten unmittelbar vor Augen haben, sind
I nach D. Märtyrer aus Philippi selbst. Die andere Stelle
aber, die über Ignatius handelt (c. 13), erscheint ihm
i interpoliert; wie könnte im Ernst der Bischof von
' Smyrna in der abgelegenen Gemeinde Erkundigungen
I über römische Ereignisse einholen wollen! Nicht ver-
| läßlicher sind nach D. die Angaben bei Origenes und
j Euseb. So sieht man sich danach allein auf das innere
I Zeugnis der Ignatiusbriefe angewiesen.

Bei ihnen findet nun D. eine widerspruchsvolle
| Polemik, unvereinbare theologische Aussagen und eine
unmögliche Situationsschilderung. D. versucht die Identifizierung
der bei Ignatius bekämpften Irrlehrer. Die
Doketen, die zugleich Gesetz und Propheten bekämpfen
und die Einheit Gottes aufheben, können nur Marcio-
niten sein; die Judaisten aber, mit ihrem Chiliasmus und
| ihren alten Fabeln sind Katholiken in marcionitischer
j Beleuchtung. Nur diese Polemik gegen die Großkirche
jedoch ist Urgestein, während der Kampf gegen Marcion
einer jüngeren katholischen Formation angehört.

Hat man aber einmal diese entscheidende Einsicht
gewonnen, so überblickt man leicht auch die theolo-
' gische Stellung der Briefe; hängt sie doch mit der Kri-
j tik der Irrlehrer eng zusammen. Verteilt man die Aussagen
auf den marcionitischen Autor und den katholischen
Redaktor, so entwirren sich die Unstimmigkeiten
und gleichen die widerspruchsvollen Gedanken sich aus.
Bestätigt sich D. schon damit die Richtigkeit seines
Prinzips, so erst recht durch die Untersuchung des Rahmens
der Briefe. Denn dieser erweist sich ihm als
brüchig. Der ganze langwierige Transport des verurteilten
Ignatius über Troas und Philippi nach Rom
scheint D. historisch unhaltbar. Nach ihm gehören die
langen Stationen, der unbehinderte Umgang des Gefangenen
mit Gesinnungsgenossen, vor allem aber der