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Ausgabe:

1928 Nr. 17

Spalte:

387-388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Carl

Titel/Untertitel:

Die Anwendung der Psychoanalyse auf Mythologie und Religionsgeschichte 1928

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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387

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 17.

388

Clemen, Prof. D. Dr. Carl: Die Anwendung der Psychoanalyse
auf Mythologie und Religionsgeschichte. Leipzig: Akademische
Verlagsgesellsch. 1928. (III, 128 S.) gr. 8°. RM 5.80. j

Genauer handelt es sich in dieser Arbeit um eine
Nachprüfung der besonderen Hypothesen zur Erklärung j
mythologischer und religionsgeschichtlicher Gebilde, j
wie wir sie bei den Psychoanalytikern Freudscher Rieh- !
tung finden. Auf solche von ihren Vertretern geforderte
und bis daher vermißte sachliche Nachprüfung von religionsgeschichtlich
fachmännischer Seite habe — so sagt
der Verf. in seinem Vorwort — die so einflußreiche i
Schule gewiß ein Recht. Cl. unterzieht sich darum dieser
Aufgabe, wohl mit Beschränkung auf die psychoanaly- i
tische Erklärung von Erscheinungen der Mythologie im
engeren Sinne des Wortes und der allgemeinen
d. h. außerbiblischen und zwar primitiveren Religionsgeschichte
— nur ganz gelegentlich werden auch psychoanalytische
Deutungen von Gedanken der christlichen j
Glaubensüberlieferung berührt —; dafür aber geht er
auf diesem enger umgrenzten Gebiet nun auch wirklich
allen irgendwie beachtlichen Gedankenwendungen der
betreffenden Veröffentlichungen nach, auch dort, wo
die Verfasser nicht ihre besonderen psychoanalytischen
Hypothesen entwickeln. Dieses sich gelegentliche Aus- j
weiten der Untersuchung hat gewiß für den auf das !
eigentliche Thema eingestellten Leser etwas Bemühendes I
— auch stilistisch hat man beim Lesen manche Mühsal
zu überwinden —; es beweist aber zugleich den vollen |
Ernst der Absicht, die „Unterlassungssünde der Religionshistoriker
" wieder gut zu machen. Und eben diese J
Gründlichkeit der Auseinandersetzung sichert dem negativen
Resultat auf dem enger umgrenzten Gebiet seine
darüber hinaus reichende volle Tragweite. Auf dieser
Grundlage genügt in der Tat die bloße Erwähnung so
gewagter Dinge, wie Wintersteins psychoanalytische
Deutung des Selbstopfers Christi (S. 65) es ist:

„ Wenn Christus die Menschen von dem Druck der Erbsünde !
erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt er (?) uns zu

dem Schluß, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im

* j

menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein |
Mord nur durch Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die j
Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück. Und wenn dieses
Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gott Vater herbeiführt
, so kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der
Mord am Vater gewesen sein", nämlich jener Vatermord, durch j
welchen in den allerersten Anfängen des menschlichen Hordendaseins
sich die erwachsen gewordenen Söhne in den Besitz der
bis daher lediglich dem menschlichen Vatertier zur Verfügung stehenden
weiblichen Herde gesetzt haben sollen.

Einleitend beschäftigt sich Cl. mit der Freudschen I
Traumtheorie und Freuds Theorie von den neurotischen
Zwangshandlungen; von hier aus erfolgte ja die Entdeckung
jener sexuellen Verborgenheiten, auf die dann |
auch zur Mythendeutung und zur Erklärung religions- I
geschichtlicher Phänomene zurückgegriffen wird. Schon
hier wird deutlich gemacht das Arbeiten mit unbewiesenen
Voraussetzungen (z. B. daß Träume immer einen
verborgenen Sinn haben), die zu rasche Verallgemeine- i
rang und die gekünstelte Geistreichigkeit der Deutung, j
die unter der Herrschaft eines bestimmten Leitgedankens
und des Geltenlassens nur einer Theorie an ande- j
ren viel wahrscheinlicheren, näherliegenden und natürlicheren
Erklärungen vorbeigeht (ein klassisches Beispiel
hierfür Freuds LTeutung des eigentümlichen Schlafzeremoniells
eines neunzehnjährigen Mädchens S. 8 ff.), sowie
der Mangel an wirklichem Beweis: einleuchtend ist
es nur dem, der von vorne herein diese bestimmten |
Dinge zu finden erwartet. Und wieviel von dem, was
die Psychoanalyse hervorzuholen meint, ist vielleicht in
Wirklichkeit lediglich ungewollte Suggestion.

Die eigentliche Auseinandersetzung behandelt an :

der Hand von Veröffentlichungen über die betreffenden i
Gegenstände der Reihe nach die Oedipussage, Sagen aus
der Kindheit von Helden, (das Aussetzungsmotiv u. A.)

Totem und Tabu (hier auch Exogamie), die Couvade, I

die Pubertätsriten, die Schätzung der Erde (als Mutter), I

die Trauer- und Bestattungsgebräuchc und bietet so
reichlich Gelegenheit, auf die charakteristischen Hauptgedanken
dieser psychoanalytischen Schule (den Oedi-
puskomplex, die These von jener „denkwürdigen, verbrecherischen
Tat" des Vatermordes (Freud), womit
Freud „nicht weniger als ,die soziale Organisation, die
sittlichen Einschränkungen und die Religion' ihren Anfang
nehmen läßt" (62), die Ambivalenz der Gefühlsregungen
) und ihre Anwendung in immer neuer kritischer
Auseinandersetzung einzugehen. Der Untersuchung
hier in alle Einzelheiten zu folgen, ist bei der
Fülle des behandelten Materials nicht wohl möglich.
Es genüge, daß sich dabei die schon in der Einleitung
gewonnenen Einwände gegen das ganze hier geübte
Verfahren immer aufs neue bestätigen. Wie ganz unbewiesen
ist doch z. B. die Voraussetzung von dem primitiven
Hordenzustand des Menschen, auf der die Vatermord
-Theorie ruht. Wie oft auch werden der Theorie
zu Liebe nur bestimmte Züge aus dem zu erklärenden
Komplex herausgegriffen, andere Züge übersehen, die
in das Schema nicht passen.

Cl.faßt das Resultat seiner Untersuchungen in dem
Urteil zusammen: „Wenn also die psychoanalytische
Literatur zur Mythologie und primitiven Religionsgeschichte
von deren eigentlichen Vertretern bisher ignoriert
wurde, so war das, soweit es sich in ihr um jene
Deutungen handelte — als Materialiensammlung, durch
die in ihr an anderen Erklärungen ausgeübte Kritik und
zahlreichen Einzelbemerkungen kann sie auch weiterhin
gute Dienste leisten —, tatsächlich begründet" (127).
Und er eignet sich zum Schluß die Frage Walzeis (in
seiner deutschen Dichtung der Gegenwart) an: „Ist die
Psychoanalyse mit ihrer Absicht, alles Fühlen und
Wollen des Mannes aus der Libido zu erklären, nicht
gleichfalls nur letzte Folgerung eines zu Ende gehenden
Zeitalters?"

Herrnhut. Th. Stein mann.

Dalman, Gustaf: Arbeit und Sitte in Palästina. Bd. 1:

Jalneslauf und Tageslauf. 1. Hälfte: Herbst und Winter. Mit 37
Abb. Gütersloh: C. Bertelsmann 1928. (XIV, 279 S.) gr. 8°. =
Beiträge z. Förderung christlicher Theologie. 2. Reihe, 14. Bd. =
Schriften d. Deutschen Palästina-Instituts, Bd. 3, 1. Hälfte.

RM 12.50; geb. 15-.

Der Obertitel dieses 2bändigen Werkes, von dem
der Verf. zunächst einmal die 1. Hälfte des I. Bandes
hat ausgehen lassen, verrät schon den veränderten methodischen
Ansatzpunkt. D. legt nicht eine at. Archäologie
im alten Stil der Rekonstruktion des Lebens aus
den verhältnismäßig dürftigen, z. T. zufälligen Nachrichten
, die Bibel u. nachbiblische jüdische Literatur bieten
, vor, sondern er geht folgerichtig den umgekehrten
und einzig richtigen Weg: er beginnt bei dem, was vor
Augen liegt und durch systematische Erforschung bis
ins Einzelne zur Anschauung gebracht werden kann, dem
Palästina von heute mit der Fülle seiner Lebensformen
und mit seiner immer gleichen Naturbestimmtheit. Von
da geht er rückwärts zum Palästina der Bibel und des
nachbiblischen Zeitalters. Er läßt also den Leser
gleichsam Land und Leute der Bibel transparent
hinter der Gegenwart des heiligen Landes sehen. Das
hat vor der alten theoretisch-literarischen Darstellung
des Gegenstandes den doppelten Vorzug der unmittelbaren
Anschaulichkeit und der größeren Lebensfülle.
Und wenn ein Meister der Palästinakunde, wie es Dalman
in Deutschland unbestritten ist, mit dieser Methode
der Verlebendigung der Vergangenheit durch die
Gegenwart an die Arbeit geht, so darf die Wissenschaft
von der Bibel eines vollen Erfolges sicher sein. Was
D. in diesem Werke vorlegt, ist der Ertrag einer
30jährigen Forschungsarbeit in allen Teilen des heiligen
Landes und seiner Umgegend. Und es ist das Bewundernswerte
an dieser Darstellung, daß sie an keinem
Lebensgebiet nur referierend vorbeigeht. D. hat in diesen
3 Jahrzehnten seiner Liebe zum Lande der Bibel