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Ausgabe:

1928 Nr. 16

Spalte:

382

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Redeker, Martin

Titel/Untertitel:

Wilhelm Herrmann im Kampf gegen die positivistische Lebensanschauung 1928

Rezensent:

Winkler, Robert

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 16.

382

lernen der amerikanischen Soziologie, sondern vor allem
auch dem Studium des theoretischen und praktischen
Zusammenwirkens der verschiedenen sozialwissenschaftlichen
Disciplinen gewidmet war. Das 1. Kapitel gibt
eine kurze Übersicht über die Entwicklung der ameri- j
kanischen Soziologie; etwas größere Ausführlichkeit und ,
stärkere Beziehung auf die deutsche soziologische For-
schung, welche man hier für den deutschen Leser wünschen
möchte, war wohl durch den gegebenen Rahmen
ausgeschlossen. Nachdem im 2. Kapitel in ähnlicher
Weise über die amerikanische Sozialpsychologie berichtet
ist, wobei besonders der „Behaviorismus" zur
Sprache kommt (S. 29 ff.), geht das 3. Kapitel näher
auf dasjenige Gebiet ein, auf welchem vielleicht die
eigentümlichsten und wertvollsten amerikanischen Leistungen
zu verzeichnen sind, das „systematische Studium j
der gegenwärtigen Gesellschaft". Sehr eindrucksvoll tritt
hervor, wie stark hier der Wille zur Zusammenarbeit
der verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen
ist, wieweit die Organisation dieser Zusammenarbeit
schon gediehen ist und wie sehr sie durch die
„Fakultätsbarrieren" in unserem Sinne nicht kennende
amerikanische Universitätsform erleichtert wurde. Das |
4. Kapitel behandelt die „Sozialpolitik" und geht besonders
auf das Problem der Ausbildung sozialer Facharbeiter
ein. Für den Theologen ist von besonderem j
Interesse das 5. Kapitel über die „soziale Vorbildung j
der Theologen und der Pädagogen". Hier unterläuft
lern Verf. freilich nicht nur die bekannte, allzu einfache
Zurückführung des amerikanischen sozialen Activismus
auf den Calvinismus, sondern er ist offenbar auch dem
Einfluß der in Amerika zwar nicht alleinherrschenden,
aber doch vorwiegenden Auffassung des Christentums
als eines besonderen Systems sozialer Lebensgestaltung
so gut wie ganz erlegen, und das beeinträchtigt den
Wert der an sich beachtenswerten Winke, welche er für
die Ausbildung der deutschen Theologen gibt. Das Buch
schließt im 6. und 7. Kapitel mit einer Darstellung
des Betriebs der Bürgerkunde auf den Schulen und des
soziologischen Unterrichts auf College und Gelehrten-
( = Graduirten-)Schule.

Der Hauptwert des Buches liegt in der anschaulichen
und durch Mitteilung sehr vieler Einzelheiten
reichen Schilderung des sozialwissenschaftlichen Unterrichts
- und Forschungswesens an den amerikanischen
Universitäten. Der Verfasser ist sich bewußt, das Bild,
das er zeichnet, etwas idealisiert zu haben. Sofern sich
das aus dem Bemühen ergibt, das hervorzuheben, was
auch für uns wertvoll und fruchtbar sein kann, wird man
dagegen nichts einwenden. Freilich gewinnt man aus
-seiner Darstellung nicht den Eindruck, daß die amerikanische
Sozialwissenschaft mit den „Entwicklungskrankheiten
", welche die unsrige noch durchmacht, „schon
seit Jahrzehnten ziemlich fertig" geworden sei. Die
scharfe wissenschaftstheoretische und methodologische
Besinnung, welche in Deutschland im Vordergrund steht,
scheint auch heute noch nicht ihre besondere Stärke zu
sein. Anderseits war es zweifellos die Schwäche der
deutschen soziologischen Forschung, daß sie vielfach
glaubte, durch methodologische Untersuchungen eine
neue Wissenschaft hervorbringen zu können (also das,
was die Amerikaner als „armchair research" zu karikieren
lieben). Nun ist aber jede neue Wissenschaft
bisher dadurch entstanden, daß man einem neu sich
gebenden Stoff zunächst einmal empirisch zu Leibe ging,
Und sich wissenschaftstheoretische Klarheit und Methode
im lebendigen Kampf mit ihm errang. So wird die gewissenhafte
und sorgfältige, aber manchmal noch etwas
wirklichkeitsfremde deutsche Bemühung um begriffliche
und methodologische Klarheit gewiß die Fühlung gewinnen
müssen mit den frischen und wirklichkeitsgesättigten
Studien der amerikanischen „surveys". Für
diese Verbindung deutscher und amerikanischer Forschung
hat der Verf. eine dankenswerte Brücke geschlagen
.

Tübingen. _ Friedrich Karl S c Ii u m a n n.

Redeker, Martin: Wilhelm Herrmann im Kampf gegen die
positivistische Lebensanschauung. Gotha: L. Klotz. 1Q28
(VI, 78 S.) 80. RM 3-.

Der Verf. weist nach, daß Herrmann einerseits die Grundgedanken
seiner Theologie aus dem Gegensatz gegen die positivistische
Lebensauffassung erwachsen sind, und daß andererseits die ernste Auseinandersetzung
mit ihr in seinem Standpunkt positivistische Spuren
hinterlassen hat. Im Gegensatz zum positivistischen Intellektualismus,
der nur anerkennt, was vor dem theoretischen Forum bestehen
kann, reduziert er die Religion auf eine erlebbare Wirklichkeit
und macht gerade durch diesen Rückzug auf ein unmittelbar Gegebenes
dem positivistischen Geist eine Konzession. Entgegen der positivistischen
Tendenz, bei der Betrachtung der Religion die eigene Beteiligung
auszuschalten, soll nach Herrmann die Erkenntnis der Religion ein
Ausdruck unseres eigenen Glaubens sein. Wenn aber H. für diese
theologische Erkenntnis keinen wissenschaftlichen Charakter beansprucht
, erkennt er damit den positivistischen Wissenschaftsbegriff an.
Gegenüber dem ethischen Optimismus des Positivismus läßt H. das
Problem der Realisierbarkeit des Sittengesetzes erst in der Religion
seine Lösung finden, läßt aber doch, darin wieder dem Positivismus
nachgebend, die Sittlichkeit nicht dem inneren Leben der Religion angehören
, sondern sie als Selbstwert bestehen.

So zeigt der Verf., daß Herrinann seine theologische Position
dem positivistischen Zeitgeist gleichsam abgerungen hat, daß er dabei
zunächst ohne Zugeständnisse an ihn nicht zu Rande kam und daß
es daher eigentlichste Triebkraft seiner weiteren Entwicklung war, sich
der positivistischen Reste seines Denkens nach und nach weitgehendst
zu erwehren. Es ist das Bild, wie es sich von dem Standpunkt aus,
den sich der Verf. mit seiner Themastellung nun einmal gewählt hat,
ergibt und das er richtig gezeichnet hat. So wertvoll es ist, daß wieder
einmal eine Theologie aus dem Geist ihrer Zeit heraus zu verstehen
gesucht wird, so fraglich scheint es mir, ob der hier gewählte Gesichtspunkt
gerade der fruchtbarste ist. Die positivistischen Reste in
Herrmanns Denken lassen sich auch von Ritsehl her, vielleicht noch
natürlicher, erklären und das Bestreben Herrmanns, sie auszuscheiden
aus dem Einfluß, den der junge Schleiermacher auf ihn gewann. Ist
überdies nicht seine Hauptfrontrichtung gegen eine rationalisierende
Orthodoxie gerichtet, nicht gegen den Positivismus? Ist seine Wendung
gegen die Marburger überhaupt ein Kampf gegen den Positivismus?
Natorp und Cohen, die nach dem Verf. meistens als Opponenten
Herrmanns erscheinen, sind doch nicht ohne weiteres dem Positivismus
zuzurechnen. Das positivistische Moment in ihrer Philosophie, auf das
der Verf. den Ton legt, ist jedenfalls nicht ihr bezeichnendstes, da
sie ja gerade über den Positivismus hinauswollen. Erst im Blick auf
diese jenseits des Positivismus gelegene Position, den aber die Themastellung
verbaut, können die Intentionen Herrmanns in ihrer ganzen
Tiefe erkannt werden.

Heidelberg. Robert Winkler.

von Germar, Ernst. Raum und Zelt in der menschlichen Seele.

Stuttgart: Orient-Occident-Verlag 1Q28. (136 S.) 4°. RM 6—.

Damit es Dir, lieber Leser, nicht so wie mir gehe, der nach
dem Titel dieser Arbeit sich von ihr eine exakt-erkenntnispsychologische
Untersuchung erwartete und sich deshalb zu ihrer Besprechung
bereit erklärte, will ich Dir gleich verraten, daß es sich
bei diesem Raum und dieser Zeit handelt um zwei Geistwesen, die
in der Seele eine geheimnisvolle Ehe eingehen, von der das Buch
eine geheimnisvolle Geschichte erzählt. Denkbar stärkste Vergeistigung
eines erotischen Erlebnisses. Denkbar stärkstes Erleben der Einheit
mit dem „Anderen". „Bis in die Substanz meines Angesichtes hinein
vermag ich mit Deinem Ich Dir nachzufühlen, was es für Dein Erleben
bedeutet, in mein Angesicht zu sehen." Diese Einheit wendet
sich dann auch noch ins Kosmische. Der Held der Geschichte, er
nennt sich den „Wanderer" und ist mit dem Verf. identisch, will sich
zum Inneren des Berges machen, in dessen Umkreis die ganze mysteriöse
Geschichte spielt. Er möchte wissen, wie dem Stein zumute
wäre, wenn er ein Eigenleben hätte. Nach einer Stufenfolge von
visionären Erlebnissen, ausgelöst durch die lächerlichsten Zufälle des
Alltags, wie z. B. daß ihn jemand „junger Mann" nennt, oder daß
jemand eine gefüllte Waschschüssel über miauende Katzen ausleert,
oder daß er über eine Rechnung von M. 2.72 erschrickt, oder daß
Mäuse sein Brot verunreinigen, ist er im Besitz des höchsten Geheimnisses
: Die Erde ist der unsterbliche Wanderer.

Durch keinerlei Selbstkritik gebändigt schäumt der Strom seiner
Gedanken dahin. Die Worte sind die Segel, der Wind fährt hinein,
sagt er selbst. Manchmal kommt er zu der Einsicht: Es ist ja heller
Wahnsinn, was ich schreibe. So muß er sich trösten: Der Mensch der
Zukunft wird die geheimste Magie, die jede Zeile dieser Arbeit durchfließt
, erkennen (S. 83). Es bleibt vorläufig nichts anderes übrig, als
sie als Dokument des Geisteszustandes ihres Verf.'s, das dem Psychoanalytiker
mancherlei Aufschluß zu gewähren vermag, aufzufassen.
Ich kann mir nicht denken, daß auch nur Anthroposophie oder
Theosophie sich hinter dies Buch stellen.

Heidelberg. Robert Wink ler.