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Ausgabe:

1928

Spalte:

19-21

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gogarten, Friedrich

Titel/Untertitel:

Theologische Tradition und theologische Arbeit. Geistesgeschichte oder Theologie? 1928

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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1!»

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 1.

20

Sonst sei noch hervorgehoben, daß nach Smith's Urteil (S. 75 f.)
die vollständigste Sammlung aller religiösen und theologischen Schriften
englischer Zunge des 17. Jahrhunderts die Mc Alpin Collection
in der Bibliothek des Union Seminary ist.

Oöttingen. E. Hirsch.

Gogarten, Friedrich: Theologische Tradition und theologische
Arbeit. Geistesgeschichte oder Theologie? Leipzig:
J. C. Hinrichs 1927. (III, 55 S.) 8°. Km. 2—.

In den letzten Sätzen dieser September 1927 erschienenen
Schrift wird ,,die Theologie und mit ihr die Kirche" aufgefordert
sich zu fragen, ob sich nicht in dem, was ich (laut Äußerungen meines
Buchs über „Die idealistische Philosophie und das Christentum"
Gütersloh 192b) dem Idealismus gegenüber tun will, „der Grundirrtum
, ja die Grundlage des Menschen als die Wahrheit setzt". Das
ist keine Zufallslremerkung. Die Geistesgeschichte, die G. mit dieser
Schrift aus der Theologie ausscheidet, hat nach ihm ihren wahren Ursprung
im Idealismus; die mit dem Idealismus paktierende Theologie
ist ihm die zu bekämpfende große Irrlehre der Zeit; und „Wortführer"
dieser Theologie bin ich ihm. So stellt er auch gleich am Anfang
seine Frage in Entgegensetzung gegen mich; und in der Mitte des
Buchs «erde ich mit einer für G.'s Verhältnisse umfangreichen seitenlangen
Polemik bedacht, nach der mich jeder Leser unter das kurz
vor ihrem Beginn von G. zitierte Lutherwort stellen muß, es sei die
schrecklichste Sünde, wenn ein Theologe gegen sein Amt sündige. Es
scheint mir das Sachlichste, die Schrift selbst zu besprechen. Einem
Mitarbeiter die Sache aufzuladen, wäre mir peinlich; und ein Be-
schweigciilassen würde mir wohl erst recht mißdeutet. Dieser
meiner Lage als Herausgeber verdankt es O., dal! er von mir eine
Antwort bekommt.

(i. sticht in der Schrift, die Aufgabe der theologischen
Arbeit überhaupt zu bestimmen; darin liegt für
die, denen die Frage, ob ich Irrlehrer sei, gleichgiltig
ist, das Lehrreiche der Schrift. Erst innerhalb der
Einigkeit darüber, daß die Theologie es mit der Bibel als
der Offenbarung Gottes zu tun hat, klafft nach ü. der
wirkliche große theologische Gegensatz; denn gegen
Irrlehrer, nicht gegen Heiden und Ungläubige richtet
sich nach ihm der eigentliche Kampf der Theologie.
Man kann die Bibel nämlich auf zweierlei Weise verstehen
. Entweder so, daß man sie als Selbstzeugnis des
religiösen Bew ußtseins des Menschen oder so, daß man
sie als Rede Gottes gegen das menschliche Bewußtsein
nimmt. Den ersten Fall bringt G. unter die Formel,
man sage das Wort sich selber; hier haben wir das
falsche geistesgeschichtliche Verständnis der Bibel. Den
zweiten Fall bringt er auf die Formel, man lasse sieh
das Wort von einem andern sagen; des näheren denkt
er dabei an die Predigt des rechtfertigenden Worts Jesu
Christi und das gehorsame Hören dieses gepredigten
Worts; damit ist ihm Lehre und Verkündigung der Kirche
als Bedingung rechten Verstehens der Bibel erwiesen.
Diese «xni/ raUfrfwq (das in der Kirche gesagte und gehörte
Wort Gottes) ist die Tradition, in der alle theologische
Arbeit .teilt. Als Aufgabe der Theologie bleibt
dann nur ein zwiefaches, nämlich einmal die Bibel in
ihrem einheitlichen Sinn als Offenbarungszeugnis zu
verstehen, zweitens Irrlehren zu bekämpfen. Das trägt
auch ein wissenschaftliches Element in sich, nämlich
das grammatische Hinhören auf die Bibel, Wort für
Wort, Buchstabe für Buchstabe, mit dem Ziele der
richtigen Übersetzung; aber damit ist auch die innerhalb
der Theologie zulässige wissenschaftliche Betätigung erschöpft
. Jene eigentlich theologische Doppelaufgabe
aber läuft G. letztlich auf die Abwehr der Wurzel aller
Irrlehre, der Verkehrung des Sichsagenlassens in ein
Sichselbersagen hinaus, auf den „permanenten Protest"
dagegen, daß das menschliche Geistesleben mit seinem
Drange zur Produktivität sich des Wortes Gottes bemächtige
; Theologie hat „in ständiger Hemmung und
Durchbrechung dieser Produktivität in der Hörigkeit
des Wortes Gottes" zu bleiben. G. weiß aber, daß das
bloß durch eine richtige Wiedergabe des Inhalts des
Worts Gottes noch nicht gemacht ist, daß die theologische
Arbeit des Menschen als Denken eben immer
in Gefahr steht, sich selbst statt Gott zum Subjekt des
Redens zu machen: es kommt darauf an, daß alles

Gesagte stets auch als die unsrer Wahrheit widersprechende
Wahrheit Gottes verstanden bleibt. Der
große Feind dieses Verständnisses der Theologie heute
aber ist die mit dem Idealismus sich einlassende
geistesgeschichtliche Theologie, welche nur ein Subjekt
alles Sagens, den Menschen, kennt.

Was mir als Kirchenhistoriker an diesem Entwurf zunächst
Sorge macht, sind die Schicksale meines Fachs, falls etwa dieser Entwurf
allgemeine Anerkennung finden sollte. Eine kleine Hoffnung nur
bleibt mir für es. Während G. das geistesgeschichtliche Verständnis

| der Bibel als Sünde ansieht, läßt er die geistesgeschichtliche Erforschung
des Christentums „in ihren Grenzen" gelten, sofern sie
nur nicht beanspruche Theologie zu sein. Ich würde G. doch

j empfehlen, seinen theologischen Entwurf noch auszubauen und als

j Disziplin der Kirchengeschichte die Geschichte der Ketzereien und
ihrer Abwehr durch die Konzilien und Kirchenlehrer hinzuzufügen; die

| Irrlchrebekiimpfer der Gegenwart könnten davon ja vielleicht Nutzen
haben.

Doch das nur vorläufig. Ernsthaft frage ich mich:
einmal, was ist das für ein Gott, der alle Produktivität
des menschlichen Geistes, welche nach G. selbst

i mit seiner Lebendigkeit gegeben ist, verderben muß, um
in uns zu dem Seinen zu kommen? Der, der eben diesem
Geist Leben und Odem gegeben hat? Ist denn was
er als Schöpfet gibt nur zum Totgeschlagenwerden da?
Oder tötet er nicht vielmehr, um uns freizumachen
zum Schaffen aus ihm? Sodann, was ist das für ein
Gott, der so geizig mit seinem Geiste ist, daß er sein
Wort nicht auch in unsre Lebendigkeit eingehn läßt,
nicht auch von uns wahrhaft angeeignet werden läßt?
Der (iott, von dem Paulus 1. Kor. 6, 17 geschrieben
hat: „Wer dein Herrn anhanget, der ist ein Geist

1 mit ihm"?

Es genügt aber nicht, den Gegensatz (i.s gegen die
biblische Gottesanschauung fühlbar zu inachen. Man
muß auch die Stelle zeigen, an der die dialektische Verknotimg
bei ihm liegt. Karl Holl hat am Verstehen
der Bibel durch Luther zwei Seiten aufgewiesen, von
denen G. (der ja das Schicksal vieler berufsmäßiger Irrlehrebekämpf
er teilt, die Meinung derer, die er bc-
, kämpft, immer nur entstellt wahrzunehmen und wieder-
i zugeben) in seiner Polemik S. 6f.' die eine unterdrückt.

Einmal, das Wort Gottes selbst muß in uns den
| Geist hervorbringen, in dem wir es verstehen, weil der
; natürliche Mensch nichts vom Geiste Gottes versteht.
Sodann, aber doch: nur, sofern wir Gottes Geist
haben, verstehen wir sein Wort. Das bedeutet auf den
eisten Zusammenstoß zwischen dem Worte und dem
Sünder bezogen zweierlei: Erstens, Gottes Wort ist
das uns Fremde, Neue, das uns umschaffen, aus der
Sünde herausnehmen und in eine uns bis dahin unbekannte
, unerhörte Gemeinschaft mit Gott stellen will;
zweitens aber, es ist irgendwie in uns doch auch
eine Anknüpfung für Gottes Offenbarung da, ein Gott-
almen und Gottverlangen, welches sich als im Worte
1 tief verstanden erkennt, und von dem aus wir in Gott
hinein von Gott überwunden werden. Der natürliche
Mensch steht also unter einem Widerspruch: er ist in
der Sünde gefangen und Gottes Feind, kennt und vernimmt
Gott nicht; und er ist doch an eben diesen Gott im
Tiefsten unrettbar gebunden. An diesem Widerspruche
entzündet sich die Verzweiflung, die den Sünder in den
ewigen Tod stürzt. Von diesem Widerspruche im Menschen
streicht G. die eine Seite, das Gottahnen und
Gottverlangen weg; so wird ihm Gott zu dem unserm
j Geiste schlechtweg Fremden, und unser Geist mit all
: seiner Lebendigkeit zu einer an und für sich — daß ich
nun das zutreffende Wort einsetze — dämonischen Erscheinung
. Gibt man ihm dies Grundverständnis des
Menschen einmal zu, so sind seine weiteren Sätze folgerichtig
; widerspruchsvoll ist allein, daß er den so gerade
in seiner Eigentümlichkeit als Geist gottfeindlichen
denkenden Geist überhaupt noch als Werkzeug gebraucht
, theologisch zu denken.

Man sieht, der Gegensatz ist groß, und ich finde es durchaus
richtig, daß G. solche Leute wie mich ßekäinpft. Nur halte ich es