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Ausgabe:

1928 Nr. 16

Spalte:

370-371

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aschner, Bernhard (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Paracelsus‘ sämtliche Werke. Nach d. 10bänd. Huserschen Gesamtausg. (1589 - 1591) zum erstenmal in neuzeitl. Deutsch übers. I. Bd 1928

Rezensent:

Bornkamm, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 16.

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S(egueriana) und die A(theniensis) genannt hat. Die !
beiden letzten hat Sch. in seiner Akademieabhandlung
„Neue Aktenstücke zum ephesinischen Konzil von 431"
(1920) beschrieben. Sie sind, wie er zeigt, nicht ein- !
heitlichen Ursprungs, sondern haben je ihren zweiten
Tdl erst aus V zugefügt erhalten, und zwar bald nach
d. J. 811. Nun hat A seit Alters zwei durch einen
Zwischenraum getrennte Lücken, die nicht aus S ergänzt
wurden, also erst nachträglich und zufällig entstanden
sind. Der Zwischenraum, den ein Vergleich von
A mit S zeigt, verschwindet aber bei einem Vergleich
mit V und zugleich ergibt sich die Stelle des Ausgefallenen
in der Sammlung, zu der die S und A gemein-
same Ergänzung gehörte. Die Ergänzung enthielt also
das den ersten Teilen der Sammlungen S und A Gemeinsame
und aus ihr flössen in den Archetypen dieser
Sammlungen die Anhänge, und da dabei der letzte Teil
der Sammlung V nicht berücksichtigt ist, muß dieser
nach d. J. 811 hergestellt worden sein.

Der ganze Aktenstoff kann in 3 Teile zerlegt werden
: 1. die den Konzilsverhandlungen vorhergehenden 1
Schriftstücke, 2. die Konzilsverhandlungen selbst und
das damit Verbundene, bis zur Ordination Maximians
/um Bischof von Konstantinopel, 3. das zum Friedensschluß
zwischen Cyrill und Johann von Antiochien Ge- !
hörige. Der erste Teil wurde erstmals zu einer Zeit,
als man von der Hitze des Streites bereits einen Abstand
gewonnen hatte, vermutlich zu Alexandrien, zu dem
Zwecke zusammengestellt, um den Kampf Cyrills gegen
Nestorius als gerecht und nicht aus persönlicher Feindschaft
hervorgegangen erscheinen zu lassen. Doch ist
auch ein dem Cyrill sehr abträglicher Kaiserbrief aufgenommen
, jedoch mit dem Vermerk, daß Nestorius ihn ■
auf unrechtmäßige Weise erhalten habe. Dagegen fehlten
in der ursprünglichen Sammlung die Briefe Cyrills
an Papst Cölestin und an die Mönche von Konstantinopel
, aus denen hervorgeht, daß er zum Voraus alles
in Bewegung setzte, um eine Verurteilung des Nestorius
herbeizuführen. Diese Sammlung liegt uns nicht mehr
in der ursprünglichen Form vor. Doch kommt ihr
allem nach eine griechische Handschrift der alten lateinischen
Übersetzung (T) am nächsten. Auch S weicht
nicht sehr davon ab. Dagegen ist in V und A die ursprüngliche
Anlage bedeutend gestört, weil sie die
Schriftstücke mehr nach sachlichen Gesichtspunkten oder
Dach den Empfängern der Briefe als nach der Zeitfolge
aneinanderreihen. Ihre Lesarten aber sind keineswegs
zu verachten, da die Sammlungen von gelehrten Männern
stammen, die ohne Zweifel neue Handschriften
herangezogen haben, und in S das Streben nach Änderungen
oder Einschüben unverkennbar ist.

Bei der Benützung der eigentlichen Konzilsver-
handlungen (vitöuvii^uetit oder rt(}Ctx&&ta) hat man
sich, wie der Herausgeber mahnt, vor der Meinung zu
hüten, daß die Verhandlungen und deren Aufzeichnungen
in unseren Sammlungen vollständig vorliegen.
Daß vieles von dem, was vorgelesen, erörtert und beschlossen
wurde, fehlt, zeigt vielmehr ein Vergleich der
Sammlungen selber miteinander. Und manches ist auch
ganz untergegangen (darüber Schw. in ZNW. 1926,
S. 43 ff.). Was die Akten bezüglich des Priesters Cha-
risius von Philadelphia betrifft, so vermutet Schw. (p.
XVIII sq) mit gutem Grunde, daß an der Form, die
sie in A 73—79 und in den lat. Sammlungen haben, die
Hand Cyrills, „hominis astuti et vafri", beteiligt sei.
Da das Konzil sich von Anfang an in zwei Teile spaltete
, von denen jeder sich als das allgemeine Konzil betrachtete
, wurden auch doppelte Akten geführt, die nun |
eigentlich hätten zusammengearbeitet werden müssen,
um ein volles Bild der Verhandlungen zu ergeben. Das
geschah aber in der ersten Sammlung, der Quelle der
uns erhaltenen, nicht, vielmehr wählten die Sieger, Cyrill !
und sein Anhang, nur das aus, was sie benutzen konnten
, um die „Orientalen" beim Kaiser ins Unrecht zu
setzen. Erst später kamen in einzelnen Sammlungen

weitere Aktenstücke, und es ist manchmal schwer zu
entscheiden, ob ein Schriftstück der ursprünglichen
Sammlung angehört habe oder nicht (p. XXI sqq.).

Von den den Friedensschluß betreffenden Akten
gehörten zur ältesten Sammlung wohl nur das hiezu
auffordernde kaiserliche Schreiben, der Brief des Bischofs
Paul von Emesa an Cyrill, das Einigungsschreiben des
Bischofs Johann von Antiochien an Cyrill und dessen
Antwort. Daß hierbei viele Schriftstücke unterdrückt
wurden, zeigt die Sammlung A, wo deren eine stattliche
Anzahl aufgenommen ist, zu denen noch etliche in V
hinzukommen.

Die Texte der Collectio Vaticana, die diese 5 Teile
enthalten, bietet Schw. mit gewohnter philologischer
Sorgfalt und Umsicht, sodaß selbst bei peinlichster Prüfung
kaum irgend ein nennenswerter Mangel oder Fehler
wird gefunden werden können. Die Fundorte der
Schriftstücke bei Labbe und Cossart, bei Mansi und bei
Migne, sowie der Schriftworte und Anführungen aus
Schriftstellern sind am Rande angegeben. Außerdem
sind jene in einem „Editionum Conspectus" für das
Ganze, diese am Schluß jedes Heftes zusammengestellt.
Für seine mühevolle Arbeit verdient Schw. in zunehmendem
Maße den Dank der Historiker und der Theologen.
.München. Hugo Koch.

Paracelsus' sämtliche Werke. Nach d. löbänd. Huserschen
Gesamtausg. (1589—1591) zum erstenmal in neuzeitl. Deutsch
ühers. Mit Einleitg., Biographie, Literaturangaben und erklärenden
Anmerkungen versehen v. Dr. Bernhard A sehn er. [, Bd. Mit
e. Bildnis. Jena: G. Fischer 1926. (LX1V, 1012 S.) gr8°.

RM 35—; geb. 38—.
Es gehört schon eine sehr genaue Besinnung auf den besonderen
Zweck dieser Übersetzung hinzu, um sie nicht nach der Lektüre
weniger Seiten im ersten Arger mit einem „Dali diese Fülle der
Gesichte..." wieder wegzulegen. Dieser besondere Zweck liegt
darin, dem modernen Mediziner die Möglichkeit zu geben, sich ganz
mühelos über die Lehren des Paracelsus zu unterrichten und sie in
seine eigene Begriffswelt zu übertragen. Dali etwas geschehen muß,
um das z. T. wirklich sprachlich und sachlich recht schwierige Verständnis
des Paracelsus zu erleichtern, zumal wenn man die Bedeutung
seiner Anschauungen so hoch anschlägt wie der Herausgeber,
steht außer Zweifel. Ebenso wenig, daß die Beschäftigung damit jetzt
mühelos ist. Denn der Band liest sich nun, als habe ihn Paracelsus
selber in einem gut lesbaren, aber wenig eigenständigen Gelehrten-
deutsch 1926 bei G. Fischer in Jena erscheinen lassen. Ob damit
freilich dem sachlichen Verständnis gleicherweise gedient ist, wage
ich nicht zu bejahen. Es bleiben doch genug Schwierigkeiten, die
nicht bloß an Satzbau und Wortschatz hängen. Mir scheint, daß den
wirklichen Bedürfnissen besser durch eingehende sprachliche und
sachliche Kommentare der Hauptschriften und vor allem durch eine
systematische Darstellung der medizinischen Lehren des Paracelsus
entsprochen worden wäre. Denn im Grunde ist doch eine viel höhere
Art der Übertragung in die gegenwärtige Begriffswelt notwendig, als
sie eine solche Oliersetzung leisten kann. Ich kann also die heutige
Medizin um dieses Danaergeschenk nicht beneiden. Denn die Mühelosigkeit
des Lesens ist mit dem Verlust des kostbaren Sprachgutes,
das in Wahrheit dem ernsthaften Leser die Mühe in helle Freude verwandelt
, teuer erkauft. Überdies ist an dem schönen Besitz auch mehr
gesündigt, als selbst für eine solche Übersetzung erlaubt wäre. Wenn
Paracelsus klagt, die jungen Mediziner seien bisher „grob, rudisch
und tanzapfisch" erzogen , „das sie auch knochen im sichtbarn
sind", so wird daraus „grob roh und läppisch", und die kräftige
Schlußwendung fällt ganz. Aus „wandeln" wird „streben", aus
zwei „Wegen der Arznei" zwei „Gebiete der Medizin", aus „sanft"
„einfach". Wo Paracelsus „einen ganzen Arzt macht", läßt Aschner
„die Ausbildung des Arztes vollenden"; bei P. „streicht Gott herfür",
bei A. „zeichnet er aus"; wenn Moses und Abraham nach P. „wun-
derbarlich über menschliche Natur gehandelt" hahen, so haben sie
bei A. „wunderbare Taten vollbracht, wie sie aus der menschlichen
Natur allein nicht zu erklären sind". Wenn bei P. die Sonne über
den Mond, das Licht der Natur über die Kräfte der Augen „scheint",
so müssen sie sich bei A. alle zueinander „verhalten". Er erfindet
frei: im Lichte des Mondes „fließen alle Farben durcheinander",
wo P. malt: „aber so die sonn aufsteiget, so werden alle färben unterscheiden
zu sehen". Das ist nur eine Auslese aus den Änderungen
weniger Seiten (S. 221—228). In diesem Stile kann man das Zerstörungswerk
Seite für Seite nachweisen. Schlimmer ist, daß auch die
Übersetzung voll Fehler steckt. Wo das Verständnis des Originals
schwierig ist, ist es das der Übersetzung oft nicht minder, nur liegt
der Fall dann hoffnungsloser , weil P. im Unterschied zum