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Ausgabe:

1928 Nr. 16

Spalte:

366-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Peck, W. G.

Titel/Untertitel:

The divine Revolution. Studies and Reflections upon the Passion of our Lord 1928

Rezensent:

Goetz, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 16.

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oder die Hasmonäer zu beweisen, und das gleiche gilt
von der Beziehung des Schlusses der 7. Fastenbitte auf
Alexander Jannai. Auch die Beziehung der verschiedenen
Beurteilung der Tat Judas Gen. 38 auf eine verschiedene
Stellung zu dem hasmonäischen Königtum,
weil die Hasmonäer mütterlicherseits von Juda abstammten
, ist in den Texten selbst — es handelt sich in
erster Linie um Test. XII Patriarch. — durch nichts gefordert
.

3. Die — nie klar formulierte — Zulässigkeit einer
Verwendung von talmudischen Stücken zur Rekonstruktion
von Verhältnissen des 2. vorchristl. Jahrhunderts,
auch dann, wenn es sich um namentlich tradierte Aussprüche
handelt; vgl. z. B. die Behandlung von Lev. r.
XXXIII, 4 auf S. 27f. Es steht für A. fest, daß solche
Diskussionen Politik der Hasmonäerzeit spiegeln müssen
, und er findet sie darin! Darunter leidet vor allem
das an sich bedeutungsvollste Kapitel VII, Die Messia-
nologie. Nicht nur etwa einzelne Züge derselben, sondern
das Gesamtbild mit allen wesentlichen Einzelausprägungen
ist aus dem Kampf um die Hasmonäer geboren
, mit ihm die Messianologie sowohl des Hebräerbriefes
als der Paulinen! Wie sehr diese Meinung für
A. feststehendes Dogma ist, zeigt vor allem wiederum
seine Behandlung der Test. XII Patriarch., in denen
dann die bekannten „christologischen" Stellen (vgl. zu
diesen jetzt James, Journ. Theol. Stud. 112, 337 ff.)
als Produkt eines jüdischen Jnterpolators gelten
müssen. Die Schwierigkeit, die A. in Test. Jos. 19 in
dem Nebeneinander der Erwähnung der nugiUvo^ aus
Juda und der Mahnung zur Ehrung von Juda und
Levi findet, bleibt aber bei einem jüdischen Interpo-
lator dieselbe wie bei einem christlichen Ergänzer des
Textes. Denn auch für ihn erhebt sich wenn das Lamm
aus der Jungfrau aus Juda hervorgehen soll, ja
die Frage: „Was bleibt für Levi übrig"? Vollends
unglücklich ist bei A. die Behandlung von Test. Sim.7.
Weil sich der Wortlaut beim besten Willen nicht in das
Schema Hasmonäer: Antihasmonäer pressen läßt, wird
er ohne jede überlieferungsgeschichtliche Grundlage geändert
, der heutige Text aber als christliche Umbiegung
des ursprünglichen verstanden, obwohl ein christliches
Motiv, Hohenpriester und König auf zwei Stämme ZU
verteilen, nicht gegeben ist; im Gegenteil zeigt ja das
in einigen Handschriften (auch den Venediger Fragm.)
gebotene doppelte tue vor rigzugHt und ßrtoMa die
Schwierigkeit für den christlichen Glauben, das
doppelte, alttestl. an zwei Stämme gebundene munus
Christi mit dem Glauben an die Jungfrauengeburt auszugleichen
.

Es soll nicht geleugnet werden, daß A. mit seiner
Problemstellung eine grundsätzlich wichtige Frage angeschnitten
hat; in der Tat ist der Einfluß der Kämpfe
der Hasmonäerzeit, in denen es um einen Ausgleich bestehender
Wirklichkeiten — Hohepriestertum und später
Königtum der Glieder dieser Familie — mit gesetzlichen
Forderungen geht, auf die Entwicklung der theokra-
tischen Gedanken und der Exegese zu wenig beachtet.
Und auch das soll nicht gering geschätzt werden, daß
einzelne recht gute Beobachtungen geboten werden. Ich
rechne dahin etwa den Aufweis von inneren Widersprüchen
im Jubiläenbuche (S. 66 ff.) oder die Ausführungen
über den Messias ben Joseph, in denen die
Hasmonäerkämpfe nur eine geringe Rolle spielen (S.
105 ff.), und über die Streitigkeiten um den Segen eines
unsittlich lebenden Priesters (S. 174 ff.), die ihren Wert
auch behalten, wenn man die Beziehung von Jerusch.
Gittin V, 3, 47 b. auf Alexander Jannai für nicht ausreichend
bewiesen hält. Sie geben einen lebendigen Eindruck
von dem Ringen des magischen Ritualismus und
der sittlich-religiösen Tendenzen in der spätjüdischen
Kultfrömmigkeit. Im Ganzen aber hat die zwangsweise
Durchführung einer Erklärung sehr komplexer Phänomene
zu einem unmöglichen Gesamtbild geführt.
Güttingen.___Joh. Hempel.

Peck, W. G.: The divine Revolution. Studies and Reflections
| upon the Passion of our Lord. London: Student Christian Movement
1927. (245 S.) 8°. 6 sh.

Nicht ohne wissenschaftliche Grundlegung, aber

j vielfach in erbaulicher und stark dogmatischer Sprache
veröffentlicht der Verfasser, der auch sonst als religiöser

I Schriftsteller schon einen Namen hat, in vorliegendem
Buch Studien und Erwägungen über das Leiden des

j Herrn. Unter Ablehnung der beiden Extreme, daß einerseits
der Tod Jesu keinen Platz in seiner Lehre be-

| anspruchen könne und in sein Berufsbewußtsein nicht
hineingehöre, daß andererseits sein Tod eine übernatürliche
Bedeutung besitze und wunderbare Resultate ergebe
, sieht der Verfasser in dem Weg zum Kreuz eine

! Offenbarung der göttlichen Aktivität in ihrer Wesen-
haftigkeit, abzielend auf die Gründung des Gottesreiches

j in dieser Welt und auf eine neue Grundlegung für den
Zusammenschluß der Menschheit. Denn wenn der sich
selbst vernichtende Lauf des menschlichen Tuns aufgehalten
werden soll, müssen wir teilnehmen an dem
Widerspruch Jesu gegen die Welt. Das christliche Leben
muß ein revolutionäres Leben sein, die Kirche eine
revolutionäre Gemeinschaft, so wie das Kreuz der re-

| volutionäre Gegensatz ist gegen die socialen menschlichen
Ordnungen, ja sogar gegen die meisten Revolutionen
gegen diese Ordnungen. Eine durchaus
christliche Gesellschaft ist die beabsichtigte

1 Wirkung seines Todesopfers, die im Gegensatz gegen
Methoden des heutigen Industrialismus und des modernen
bewaffneten Nationalismus. Die Kirche wird dadurch
hineingezwungen in einen heiligen Widerspruch zu diesen
Mächten und Interessen der modernen Welt.

In drei Teilen führt der Verfasser in seinem Buche seine Ideen
durch. Nach kurzer Polemik gegen Harnacks „Wesen des Christentums
" mit seiner Behauptung, der Sohn gehöre nicht ins Evangelium
hinein, und gegen die Aufstellung, daß der einzige Zweck des Todes
Jesu der sei, den Zorn Gottes zu überwinden oder zu lindern, wird
| Jesu eigne Auffassung von seinem Tode entwickelt. Danach hat Jesus
| von Anfang an eine klare Erwartung eines vorzeitigen und gewalt-
; samen Todes durch die Hand seiner Feinde gehegt, hat nur mit
I Rücksicht auf seine Jünger lange davon geschwiegen, da sie, die er
doch unterweisen wollte, ihn dann womöglich verlassen hätten. Seine
i Einstellung auf diesen Tod war seine freie Wahl, wodurch dieser
seine eigne freie Tat wurde. Er betrachtete ihn nicht nur als grundlegende
Notwendigkeit, um gewisse herrliche Wirkungen zu erzielen,
wie Auferstehung und Vollendung, sondern sah in ihm auch die Ver-
! anlassung zu einer revolutionären Umgestaltung des Lebens der Men-
I sehen, indem der, der groß werden will, den Weg des Dienens und
Opferns beschreiten muß. Die Begründung des Gottesreiches folgt
auf seinen Tod nicht als ein willkürliches Wunder, sondern nur in
| Verbindung mit einer ethischen und sozialen Revolution in Herz und
I Leben der Menschen.

Der zweite Teil beschäftigt sich ziemlich eingehend mit den
I Tatsachen der Passion: dem Verrat durch Judas mit den verschiedenen
Möglichkeiten seines Beweggrundes zu der Tat, wobei an
| einen begüterten Mann in England erinnert wird, der eine Erweckung
| für nötig hielt, weil die Armen, wenn sie an die Rettung ihrer Seelen
j dächten, nicht mehr so viel nachdenken würden über ihre Wohnungen
und ihr Einkommen. Judas symbolisiert den Verrat des selbstsüchtigen
I Menschen gegenüber der selbstlosen Liebe Gottes. Das Verhör
wird in Beziehung gesetzt zu Vorgängen und Handlungsweisen unserer
I Tage, die unter das gleiche Verdammungsurteil fallen. Die Kreuzigung
gilt ihren Vollstreckern als ein Werk im Dienste Gottes an
j dem Feind der Gesellschaft. In Wirklichkeit starb Jesus, um uns in
| eine Revolution hineinzuziehen, die nicht eher ein Ende findet, als
i bis sie uns erschüttert hat zur Reue und willig gemacht hat zum
i Opfer.

Als Ergebnis der Passion, wovon der dritte Teil handelt, gilt
vor allem die Eroberung der Welt. Die Kirche, als irdischer Abglanz

I des erhöhten Herrn, ist verpflichtet, die neue Gemeinschaft einer

I christlichen Gesellschaft zu gründen, als Revolution des Sozialen gegen
das Unsoziale, der Liebe gegen die Selbstsucht. Die Schwierigkeiten

] allerdings sind groß. Aber nur in einer durchaus christlichen Gesellschaft
kann die ganze Absicht des christlichen Glaubens in Erscheinung
treten. Es ist sehr zu wünschen, daß die Kirche klare
Richtlinien gibt in den schweren Fragen des Konflikts zwischen

: christlicher Ethik und weltlicher Praxis! Der Fromme ist der wahre
Revolutionär.

Der Verfasser erhebt nicht den Anspruch, ein
wissenschaftliches Werk geschrieben zu haben. Aber