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Ausgabe:

1928 Nr. 1

Spalte:

364-365

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aptowitzer, V.

Titel/Untertitel:

Parteipolitik der Hasmonäerzeit im rabbinischen und pseudoepigraphischen Schrifttum 1928

Rezensent:

Hempel, Johannes

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363

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 16.

Profeten, 5, 9—10 als von Jahve gesprochen mit einer
zugespitzten Neueinführung begegnet. Wir stehen also
vor der Erscheinung, daß Profeten- und Gottesspruch
in engster Verbindung miteinander, aber zugleich in
sicherer Abgrenzung gegeneinander auftreten. Eine analoge
Erscheinung haben wir nun in 1, 2ff. vor uns;
1, 2—3 mit besonders feierlicher Einleitung gegebener
Gottesspruch, 1, 4—9 in der Form des Weherufes einhergehender
Profetenspruch; vgl. Hin1 PN 13JV 1, 4,
P1NDS mrP 'fyh 1) °- Wir gewinnen dadurch ein
Kriterium für die Unterscheidung solcher Sprüche, bei
denen der Profet das Bewußtsein schöpferischer Tätigkeit
hat und solcher, bei denen er seinem Bewußtsein
nach eine „Raunung" weitergibt, und wir sehen zugleich
, wie die „schöpferischen" Sprüche Reaktionen
auf die „Raunung" darstellen. Von da aus wäre das

j37> in 5, 13 als Parallelausdruck zu miT

P1N3S 5, 9 zu verstehen, das Suffix in also auf

Jahve zu beziehen und sowohl die Zusammengehörigkeit
von 5, 13 mit 5, 14 (neues fiOn) als die Einheit
von 5,14 mit 15—17, die infolge ihrer literarischen Abhängigkeit
von 2,11 ff. in dem jetzigen Zusammenhang
schwerlich als ursprünglich zu betrachten sind, unhaltbar.
Vielmehr ist entweder 5,14 als Parallele zu 5,13 hinter
die Reihung dreier sinnhaft eng verbundener Wehesprüche
5, 18—21, denen der „Gottesspruch" fehlt, zu
stellen; der Grund der Umstellung wäre indem Stichwort

pön 5,13. 14 gegeben. Oder aber zwischen 5,13 u.

5,14 ist der Ausfall eines „Wehespruches" anzunehmen,
dessen Objekt ein Ortsname, wohl Jerusalem, gewesen
sein muß, analog dem Fehlen des Gottesspruches hinter
5, 18 f. 20. 21. Wieder also führt eine Stilbeobachtung
zur Erkenntnis sowohl innerer Bedingtheiten der pro-
fetischen Rede als auch von Kompositionsproblemen des
Textes, nicht zuletzt der Trümmerhaftigkeit unsrer Überlieferung
.

Mit einem Wort muß endlich noch auf Königs
Übersetzungstechnik hingewiesen werden. Es wäre leicht,
einzelne Stellen hierherzusetzen, die auf jeden, der den
hebräischen Wortlaut nicht im Kopf hat, humoristisch
wirken müßten. Ein billiger, aber sehr ungerechter
Scherz! Denn hinter der Übersetzungsart Königs
steht ein bestimmtes Ideal, der Wunsch, im Deutschen
auch die feinsten syntaktischen Nuancen des hebräischen
Textes nachzuahmen und so ein photographisch getreues
Abbild des Textes dem Leser darzubieten. Dabei muß
es angesichts der Kluft, die zwischen deutschem und
hebräischem Sprachgeist besteht, zu Übertragungen kommen
, die uns grotesk anmuten. Das ist ja sicher: der
Eindruck, den ein in dieser Weise übersetztes Stück
macht, ist ein von dem Eindruck des Originals grundverschiedener
. Eine Annäherung an den primären Eindruck
läßt sich nur so erzielen, daß aus dem eigenen
Sprachgeist des Übertragenden heraus die im Texte gegebene
geistige Größe die ihr kongeniale Form neu erzeugen
darf. Sonst kommt es mit Notwendigkeit zu
einer ästhetisch unerträglichen Spannung zwischen Gehalt
und Gestalt. Wo man aber nicht lebendige Wirkung
gehörten Wortes, sondern Belehrung über den
grammatisch-syntaktischen Aufbau des Textes begehrt,
wird man bei dem Verfasser des „Lehrgebäudes der
hebräischen Sprache" nicht vergeblich anklopfen, und
gutes philologisches Gewissen zu haben und sich zu bewahren
, ist eine gerade heute seltene Gabe.
Göttingen. _Joh. Hempel.

Miller, Prof. Athanasius, O. S. B.: Das Hohe Lied, übers, u. erkl.
1.—3. Tsd. Bonn: P. Hanstein 1927. (VIII, 70 S.) 4°. = Die
Heilige Schrift d. A. T., Bd. 6, Abt. 3. RM 2.70; geb. 4—.
Der Verf. sieht in dem H. L. das Werk eines schon unter prophetischen
Einflüssen stehenden Dichters, der in 6 Liedern (lyrische
Dialoge, durchsetzt mit dramatischer Bewegung und Chorpartien) das
idealste bräutlich-eheliche Verhältnis von der ersten Begegnung der

Liebenden an bis zur Heimholung der Braut besingt, doch so, daß er
i damit zugleich die durch alle Zeiten hindurchgehende Liebe Gottes
zu seinem Volk darstellt. Mit dem Literalsinn verbindet sich also
| ein höherer Sinn; in diesem ist die Braut die Gemeinde, wie sie in
der Synagoge noch unvollkommen, in der christlichen Kirche dagegen
vollkommen verwirklicht ist. Die Deutung kann jedoch logisch weitergeführt
werden, so daß die Braut die Einzelseele und schließlich
Maria als die gnadenvollste aller Seelen ist, in der der Liebesbund
Gottes mit der Menschheit zur vollen Wahrheit geworden ist.

Der Kommentar bietet eine Obersetzung nach dem hebräischen
Text mit darunter stehender Erklärung, und zwar getrennt 1. nach dem
Literalsinn mit mäßiger Textkritik, sehr spärlichen philologischen
Bemerkungen, reichlicherer Sacherklänmg, die in bescheidenem Maße
auch von Parallelen (besonders Wetzsteins Mitteilungen über die
syrische Dreschtafel und Dalmans Paläst. Diwan) Gebrauch macht,
im ganzen aber den Inhalt stark idealisiert, und 2. nach dem höheren
j Sinn, wobei sich der Verf. im allgemeinen auf die Grundzüge der
bildlichen Deutung beschränkt, so daß er die Klippen allegorischer
Künsteleien meist glücklich vermeidet. In beiden Teilen der Erklärung
wie auch in der Einleitung setzt sich der Verf. auch mit anderen
Auffassungen auseinander.

Breslau. C. Steuernagel.

I Aptowltzer, V.: Parteipolitik der Hasmonäerzeit im rab-
binischen und pseudoeplgraphischen Schrifttum. Wien:

I A. Holzhauseu i. Komm. 1927. (30, 326 S.) gr. 8". -— Veröffentlichungen
der Alexander Kohut Memorial Foundation, Bd. 5. 3 $.

Das Ziel des vorliegenden, sauber gedruckten Bandes
! ist der Nachweis, daß ein gut Teil der Diskussionen des
| Talmud ebenso wie viele Sonderbarkeiten des pseudepi-
I graphischen Schrifttums sich aus der Polemik zwischen

Pharisäern und Sadduzäern über das Recht und Unrecht
i des hasmonäischen Hohenpriestertums und des von der
l gleichen Familie seit Johannes Hyrkan (sie) usurpierten

Königtumes erklären. Grundlegend dafür ist:

1. Die Zurückführung der Sadduzäer auf die Familie
des Zadok und die genealogische Verknüpfung des

| Zadok mit Pinhaz. Wo im spätjüdischen Schrifttum von
Pinhaz die Rede ist, ist damit zu rechnen, daß zu den
von den Sadduzäern gestützten Hasmonäern Stellung genommen
wird. So erhalten z. B. die Debatten über den
„Kriegsgesalbten" eine ganz aktuelle Bedeutung. Es
geht in ihnen um die Frage, ob Jonathan und Simon
mit Recht oder Unrecht Hohepriester waren; die Verherrlichung
Judas und das Zurücktreten seiner Brüder in
Makk. I. II. wird daraus erklärt, daß er das Hohe-
priestertum nicht an sich genommen hatte. — Ist aber

J die von A. in ganz großen Zügen gezeichnete Vorgeschichte
der Sadduzäer wirklich so sicher, daß sie dies
ganze Gebäude zu tragen vermag?

2. Die Übernahme des Königtums bereits durch
Johannes Hyrkan. Behauptet wird diese Tatsache im

! arab. Makkabäerbuch und bei Hieronymus im Ezechielkommentar
zu 21, 30f. MSL. 25, 207; der Königstitel

| für Hyrkan begegnet ferner Kid. 66a und daß Josephus
eine entsprechende Nachricht gekannt, aber unterschla-

[ gen hat, ergibt sich aus Ant. XIII, 288 (Niese III, 204)

! 405 (Niese III, 227). Ob freilich das Zeugnis der
Münzen, die für Hyrkan nur in der Prägung pnirP

BPWPn "nni "man fron erhalten sind, nicht das
ausdrückliche Zeugnis Jos. Ant. XIII 301 (Niese III,
207) XX, 240 (Niese V, 316) Bei. I, 70 (Niese VI, 17) be-

I stätigt (im Gegensatz zu den aus den oben genannten
Stellen gezogenen exegetischen Schlüssen), wäre sehr

| zu fragen, vgl. Ed. Meyers Stellung zum Königtum
Aristobuls, Ursprung und Anfang d. Christent. II, 275
Anm. 6. Ist damit aber die Beziehung der gegen das
Königtum gerichteten Polemik auf Hyrkan überhaupt
zweifelhaft, so ist es vollends methodisch bedenklich
, Polemik gegen das Königtum eines Nicht-
davididen auch dann mit Sicherheit auf Hyrkan und
seine unmittelbaren Nachfolger zu beziehen, wenn
sie sich nicht zugleich gegen die Verbindung von Königtum
und Hohepriestertum richtet. Was A. gegen die
Beziehung der dritten Benediktion nach dem Verlesen
des Prophetenabschnittes auf Herodes anführt (S. 51),

■ reicht nicht entfernt aus, um die Beziehung auf Hyrkan