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Ausgabe:

1928 Nr. 15

Spalte:

351-357

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Dogmatik. Bd. 1: Einleitung in die Dogmatik 1928

Rezensent:

Hermann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 15.

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Der Haupteindruck des Buches ist aber ein anderer,
noch mehr in die Tiefe führender: All den schweren
inneren und sehr vielen äußeren Problemen, die das
Verhältnis von Kirche und Krieg aufwarf, liegt ein
letztes Qeneralthema zu Grunde, das Ringen um das
eigentliche,das wirklich theologische Verständnis
der Kirche. Immer wieder wird das in der Schian-
schen Darstellung deutlich. Stets von neuem werden die
kirchlichen Behörden und die Einzelgemeinden in ihrer
freundschaftlichen und gegensätzlichen Auseinandersetzung
mit dem Staat daran erinnert, dem Kaiser zu
geben was des Kaisers und Gott was Gottes ist, d. h.
sich zu besinnen auf die Frage nach dem eigentlichen
Sein der Kirche, die als Herrn und Haupt Jesus Christus
preist; und stets von neuem findet, soweit ich sehe auf
allen Seiten, ein tief erschreckendes Abgleiten und Verirren
in soziologische oder ethische Einstellungen und Kategorien
statt (S. 304, 305, 134 u.ö.). Alle aufgewiesenen
schweren Einzelprobleme des Buches (Haltung zu Pazifismus
und Krieg überhaupt, „Kriegs"predigt, Abhängigkeit
von Verordnungen des Generalkommandos, das
Kriegslied und der Choral, die Wendung zum Sakrament
usw.) haben in der theologischen Kirchenfrage ihre gemeinsame
Wurzel. Das ganze Geschehen an der Kirche
im Kriege war wie nie zuvor dahin gerichtet, ihren Charakter
als „Leib Christi" deutlich zu machen. Das hat
evangelische Kirche und Pfarrerschaft aller Richtungen
nicht gesehen. In dieser letzten Aufgabe hat die Kirche,
haben wir alle, „versagt". Dies Urteil bildet sich beim
Lesen des Schianschen Buches, gerade weil es so vorsichtig
abwägend, so sachlich und gerecht richtend ist,
mit unvermeidlicher Konsequenz. Darum treibt dies
Buch mit großer Folgerichtigkeit in die prinzipielle
„Umsinnung" über die Wirklichkeit der Kirche.

Bonn-Rh. J. W. S c h m i d t - J a p i n g.

Stange, Prof. D. Carl: Dogmatlk. Bd. 1: Einleitung in die Dogmatil
Gütersloh: C.Bertelsmann 1927. (XXVII, 242 S.) gr. 8°.

RM 8-; geb. 10-.

Wenn ein Systematiker von der Eigenbedeutung
Stanges erklärt, daß die „systematischen Prinzipien" der
Dogmatik nur für die „Anordnung" Bedeutung haben,
nicht aber beanspruchen dürfen „den Inhalt der Dk.
(erst) abzuleiten" (240), wenn man also bei ihm auch
nicht nach einem bestimmten Grundgedanken fragen
darf, aus dessen innerer Dialektik sich das System ergäbe
, und man dennoch gerade von St. Gedanken zu
hören gewohnt ist, die den Stempel des Eigenen unverkennbar
tragen, so ist der Ref. in Verlegenheit, was er
im Rahmen einer Anzeige bringen oder gar mit kritischen
Fragen besprechen soll. Man ginge am liebsten
den an und für sich bekannten Stoff in St.'s eigener
Anordnung durch und begleitete des Verfassers überall
hervortretende eigene Position mit berichtenden und
kritisch fragenden Anmerkungen. Aber damit würde
der zur Verfügung stehende Raum weit überschritten,
zumal da bei der deduktiven Art des St.'schen
Denkens, will sagen, bei seinem streng methodischen
Ableiten der dogmatischen Thesen aus ihren kritisch
gewonnenen begrifflichen Voraussetzungen, auf den
scharf geschliffenen, nicht selten zu einer überraschenden
Schönheit der Präzision gediehenen, Wortlaut sehr
viel ankäme.

Ref. darf sich also an einige Hauptgesichtspunkte,
ja eigentlich nur an einen einzigen, halten, der die
Eigenart der dogmatischen Gedankenführung St.'s u. E.
am deutlichsten zum Ausdruck bringt, und der zugleich
wohl am wenigsten der Gefahr des bloßen Herausgreifens
unterliegt, nämlich an die Frage nach Sinn und
Bedeutung des Offenbarungsbegriffs.

Daß St. das Problem der Offenbarung in den
Mittelpunkt sowohl seiner Skizze vom Wesen des Christentums
(im dritten Kapitel) wie seiner theologischen
Auseinandersetzung mit Begriff und Methode der
Wissenschaft (in Kap. I u. II) stellt, ist ein Hauptverdienst
des Werkes. Wenn man sagen darf, daß der Anspruch
der Theologie auf den Titel einer Wissenschaft
zugleich das Problem der prinzipiellen Grenze alles
wissenschaftlichen Erkennens aufrollt — und das ist in
der Tat unsere Meinung —, und wenn das weiter daran
liegt, daß der christliche Glaube Offenbarungs-Erkenntnis
sein will, also gerade in seiner Selbstunterscheidung
von aller übrigen Erkenntnis sein Wort zur „Wissenschaftslehre
" zu sagen hat, — so ist St.'s Dogmatik
ein wichtiger Wegweiser zu diesem Ziel und sie übernimmt
die Führung in Gebiete des Problems „Glauben
und Wissen", die, wenn auch nicht unerschlossen, so
doch keineswegs durchgebahnt sind. Wer sich der
quellenkundigen und selbständigen Führung St.'s anver-
I traut, wird durch die Kenntnisnahme neuer wichtiger
Wege belohnt.

St.'s Theologie will Offenbarungstheologie
sein. Es wäre verlockend, auf die ausführlichen
Abgrenzungen seines entsprechenden Programms gegen
die Programme der „rationalen" und der „spekulativen
" Theologie einzugehen. Diese beiden unterscheiden
sich voneinander wiederum so, daß die „rationale"
Theologie aus dem Glauben ein vorläufiges oder auch
ein depotenziertes Wissen macht, während die „spekulative
" Theologie ein potenziertes Glauben als Wissen
ausgeben möchte. — Vor allem lockte St.'s Auffassung
von Struktur und Tendenz der „Erfahrungstheologie"
zur näheren Erörterung, schon deshalb weil die Wahr-
I heitstriebfeder und die gleichsam bessere Einsicht der
| Erfahrungstheologie dann die Offenbarungstheologie
sein soll. Aber wir können das um so eher hier zurückstellen
, als wir auf die Begründung dieser These —
daß nämlich erst die Glaubensüberzeugung enthülle,
was „Erfahrung" im vollen Sinne sei (79—83) — auch
dann stoßen, wenn wir — scheinbar etwas unvermittelt

— gleich fragen, welchen Tatbestand der Christ eigentlich
meint, wenn er von Offenbarung redet?

Da, nach St., die Aufgabe der systemat. Theologie
darin besteht, das Wesen des Christentums als „eine
bestimmte Form des geschichtlichen Lebens"

: herauszustellen (49), und St. von jeher — man denke an
seine Ethik vom Jahre 1901—den Begriff des persönlichen
Lebens aus dem Verhältnis von Ich und Du,

| dem „Willensverhältnis", also aus dem Begriff der

| Gemeinschaft, abgeleitet hat, so kann nicht zweifelhaft
sein, wo wir nach dem Tatbestande der Offenbarung
zu suchen haben. Nur da, wo von Geschichte

I und Person die Rede ist, kann auch von Offenbarung
die Rede sein. Und wo ist das Feld, auf dem geschichtliches
und persönliches Leben ihre tiefsten Wurzeln haben ?

— — Es ist St. hoch anzurechnen, daß er es in der
schlechthinnigen Abhängigkeit sucht und sich also dem
Ritschl'schen Dogma nicht anschließt, laut welchem
Schi, mit diesem Begriff den Unterschied von Natur
und Person verwischt haben soll. Gerade das „unmittelbare
Selbstbewußtsein", die Stätte des schlechthinnigen
Abhängigkeitsgefühls, stellt dem Gegensatz von Subjekt
und Objekt („gegenständliches Bewußtsein") oder [?]
dem von Ich und Nicht-Ich, den andersartigen, die

I Wirklichkeitserfahrung erst vollständig machenden, Ge-
1 gensatz von Ich und Du gegenüber (158).

Es entspricht gewiß nicht Schleiermachers direkter
Hinterlassenschaft, aber es ist ein fruchtbares Wuchern
mit seinem Erbe, wenn St. aus der Erörterung des Begriffs
„unmittelbares Selbstbewußtsein" die These gewinnt
, „Wesen und Ziel aller Religion bestehe
darin, „daß die beiden Größen Ich und
Du in ihrem unbedingten Gegensatz und
in ihrer unbedingten Verbundenheit offenbar
werden" (159). Es läßt aber auch in die
Schwierigkeiten der St.'schen Position hineinblicken,
wenn gleich darauf gesagt wird, es entscheide über
Wert und Wahrheit einer Religion, also auch über ihre
Offenbarungsbedeutung, „ob sie das Ich in dem Gegensatz
zum Nicht-Ich untergehen lasse" (d. h. in der
bloßen Kultur aufgehen lasse), „oder ob sie dazu
(führe), daß das Ich in dem Gegensatz zum Du des