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Ausgabe:

1928 Nr. 15

Spalte:

349-351

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schian, Martin

Titel/Untertitel:

Die Arbeit der evangelischen Kirche in der Heimat 1928

Rezensent:

Schmidt-Japing, Johann Wilhelm

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349

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 15.

350

S c h i a n, Oen.-Sup. D. Dr. Martin: Die Arbeit der evangelischen

Kirche in der Heimat. Berlin: E. S. Mittler & Sohn 1925. (XI,
384 S.) gr. 8°. = Die deutsche evangel. Kirche im Weltkriege, Bd. 2.

RM 11 ; geb. RM 13.50.

Der 2. Teil des Schianschen Werkes führt in äußerst
umfassender und sachlich eingehender Schilderung in
jenen Teil der Kriegsarbeit deutsch-evangelischer Kirchen
ein, der den heimatlichen Aufgaben zugewandt
war. Eine Fülle von Quellenschriften amtlicher und
privater Art (S. 355—366 führt 354 Schriften und
Drucksachen an) ist diesem Bericht zu Grunde gelegt
und bildet das Material zu einem sehr plastischen und
eindrucksvollen Bild; die sorgsam schildernde und vorsichtig
urteilende Darstellung des Verfassers erstrebt und
erreicht einen so hohen Grad von Objektivität, daß die
Kenntnis dieses Werkes unumgängliche Voraussetzung
für jedes Urteil über die in ihm verhandelte Sache ist
und es auch für die Zukunft sein wird.

Nach 2 einleitenden Abschnitten über die Voraussetzungen
der kirchl. Arbeit (S. 1—37;
Stellung des Volkes zur Kirche: von der „relig. Bewegung
" 1914 — Mitte 15 bis zur kirchl. Verhetzung Ende
1918—19, Stellung der Kirche zum Volk: Vertiefung der
„volkskirchlichen" Einstellung, d. h. im wesentlichen
Überzeugung von der Notwendigkeit und damit sittlichen
Berechtigung des Krieges, Wahrung des oft nur taktischen
innerkirchlichen und interkonfessionellen Burgfriedens
) und über die kirchlichen Arbeitsorgane
, deren Umstellung umso deutlicher wird, je größer
ihre Lebensnähe zum Volke war (S. 38—80), wird in
einem 3. Teil die große Umgestaltung des gottesdienstlichen
Lebens geschildert (S. 84 bis
202): die starke Behinderung durch äußere Kriegsnot
wird sehr anschaulich (Fehlen von Pfarrer und Organist,
Heizung und Beleuchtung, Kirchenglocken und Orgel-

Jifeifen), ebenso die schwer empfundene, kirchenbehörd-
ich nicht gehinderte, ja indirekt empfohlene Beeinträchtigung
der Feiertagsruhe durch Feld- und Munitionsarbeit
; es wird eingehend berichtet von der Einrichtung
neuer Kriegsfeiertage (interessant ist das Übergreifen
der Totensonntagfeier auf einzelne süddeutsche Landeskirchen
), Bettage, eines Trauertags unter dem Eindruck
der Friedensbedingungen, von Abschiedsgottesdiensten
für scheidende Krieger, Siegesfeiern, Begrüßungsgottesdienste
für Heimkehrende u. a. m. Besonders sorgfältig
geht Verf. den Wandlungen nach, die der Verlauf des
Gottesdienstes durch die Zeitumstände erfuhr: Liturgische
Feiern und musikalische Andachten, oft außerhalb
der gottesdienstlichen Zeiten und häufig improvisiert,
nahmen einen hervorragenden Platz ein, die agendarische
Bindung wurde, noch über die behördliche Anweisung
hinausgehend, weithin gelockert (Gebete und Respon-
sorien wollten „aus der Seele eines Volkes, das große
Lebenserschütterungen in allen Schichten durchlitt, heraus
gebetet und gesungen sein" (S. 116); neben die
Bibelworte der Liturgie traten auch „vaterländische
Worte", neben das Kirchenlied das „geistliche Lied"
und das „Kriegslied"; Inhalt der Predigt wurde das
Grundthema Krieg, in den letzten Kriegsjahren allerdings
in anderer Weise als in den ersten; überhaupt
meint Sch., daß „die deutsche evangelische Kriegspredigt
alles andere gewesen sei, nur kein einheitliches Gebilde",
wobei aber doch weithin außer der Lockerung der Peri-
kopenbindung als allgemein anzusehen sein wird eine
starke, wenn auch nicht ausschließliche Wendung zu alt-
testamentlichen Texten, ferner die Tendenz, „den staunenswerten
nationalen Aufschwung durch christlichen
Sinn und Geist zu weihen" (S. 134), also eine Wendung
zur Zeitpredigt und eine Abwendung von der bibli-
zistischen Predigt. An dieser zentralen Stelle des kirchlichen
Handelns, der Wortverkündigung, kommt Sch.
zu dem in der Form sehr vorsichtigen, jede Verallgemeinerung
ablehnenden, aber in der Sache doch sehr ernsten
und eindeutigen Urteil: „Aufs ganze gesehen hat die
Predigt während des Krieges, wenigstens durch längere
Zeiträume, sich die Gegenstände der Rede etwas mehr

i von der Zeit geben lassen als richtig war; gewichtige
Evangeliumsgedanken, die mit dem Zeiterleben nicht
oder nur schwer in unmittelbaren Zusammenhang zu
bringen waren, kamen dabei nicht zu ihrem Recht" (S.
139) .. . und „Es ist nun einmal Tatsache, daß dabei
das nationale Moment über das religiöse gesiegt hat"
(S. 146).

Ein weiterer (4.) Abschnitt zeigt, wie auch im
| außergottesdienstlichen Gemeindeleben
der Kriegszeit neue Aufgaben sich stellten (S. 203—246):
ein unerwartet entstandenes Gemeindegefühl will ge-
j pflegt sein, Einzelseelsorge an den zurückgebliebenen
i Frauen und den fernen Männern verlangt ihr Recht, die
kirchliche Jugendpflege muß die Fühlung mit der staat-
| liehen Jugendwehr aufnehmen (leider ist von Beziehungen
der Kirche zur Jugendbewegung überhaupt keine
! Rede); an äußeren Umstellungen wird das (wenig bewährte
) Offenhalten der Kirchen, die Einrichtung von
Kurrenden und Chorblasen, das Läuten der Betglocke
erwähnt.

Auch die sehr erschwerte soziale Arbeit (S.
247—264), die sich fast völlig eingliederte in die staatliche
Fürsorge, verlangte vollen Einsatz der wenigen
i kirchlichen Kräfte auf den Gebieten der Erwachsenen-
! Unterstützung, Kinderfürsorge, Arbeitsbeschaffung und
des Siedlungswesens.

Einen tiefen Einblick in die durch die Zeitlage geschaffene
ernste Problematik der Kirche gewährt die
Schilderung der umfangreichen „vaterländischen
Arbeit" (S. 265—306); ihr Ziel war die Stützung
j der sittlichen Widerstandskraft des Volkes, die Pflege
der vaterländischen Gesinnung, die Mitsorge für die
Volksernährung, das Eintreten für die Kriegsanleihe,
Empfehlung der Arbeit in der Kriegsindustrie von den
Kanzeln, kirchlichen Propaganda für Laubheugewinnung,
j für die Verdrängung englischer Stahlfedern vom deut-
i chen Markt u. a. m. Mit großer Treue ist diese Arbeit
oft unter inneren Widerständen von den evangelischen
I Kirchen getan worden. Dazu kommen dann die großen
| materiellen Opfer der Gemeinden für vaterländische
[ Zwecke (Ablieferung von Glocken, Bedachungen, Goldsachen
usw.).

Ein neuer ausgedehnter Zweig seelsorgerlicher
Tätigkeit entstand in der Sorge für die Gemeindeglieder
im Felde (S. 307—331), denen helfende
Liebe gewidmet wurde, vom Abschiedsgottesdienst an
i über die ganze Zeit des Felddienstes hin bis zur Errich-
! tung des Ehrenfriedhofs für die Gefallenen.

In all diesen Stücken, besonders aber auch in
geldlicher Hilfsleistung (S. 332—336), haben
evgl. Gemeinden in fast übermenschlichen, opferwilligen
j Anstrengungen dem Vaterlande ihr Letztes zur Verfügung
gestellt.

Ein letzter Berichtsabschnitt (S. 337—346) weist
nach, wie auch im Kampfgebiet Ostpreußens und
Elsaß-Lothringens die Kirche fest im Bewußtsein ihrer
Pflicht gestanden hat.

Schians Buch ist gerade in seiner sachlichen, fast
I nüchternen, immer auf die Quellen sich stützenden Art
ein menschlich tief erschütterndes Denkmal der schwer-
I sten und größten Zeit unseres Volkes, die manche gern
in Vergessenheit hinabstoßen möchten. Das Buch ist
auch, gerade weil es nicht apologetisch, sondern (wenn
auch vorsichtig) kritisch verfährt, ein Beweis für die
selbstlose Treue, die die deutschen evangelischen Kirchen
dem Vaterland gehalten haben. Wer meint, daß die
Kirche während des Krieges in ihrer Aufgabe als Volkserzieherin
und Schärferin des Gewissens „völlig versagt
" habe, versteht seinen eigenen Tadel nicht. Am
ehesten könnte man nach dem Schianschen Bericht noch
den höheren Kirchenbehörden den Vorwurf machen, daß
sie die eigentlich schweren Entscheidungen häufig dem
Gewissen und Ermessen der einzelnen Pfarrer zuschoben
und sich in vorsichtigen Formulierungen der eigenen
Stellungnahme enthielten.