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Ausgabe:

1928 Nr. 15

Spalte:

347-348

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Doerne , Martin

Titel/Untertitel:

Die Religion in Herders Geschichtsphilosophie 1928

Rezensent:

Stephan, Horst

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Seite 1

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347

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 15.

348

D o e r n e, Pfarrer Dr. Martin: Die Religion in Herders Geschichtsphilosophie
. Leipzig: F. Meiner 1927. (V, 166 S.) gr. 8». RM 6~.
Die religiöse Bewegung der Gegenwart knüpft
auch an Herder mannigfach an. Die „Blätter für deutsche
Philosophie" z. B. beginnen ihren 1. Jahrgang
(1927) mit einem Aufsatz von Franz Koch über
„Herder und die Mystik". Koch sieht in der treibenden
Kraft der religiösen Erlebnisse die eigentliche
Dominante in Herders widerspruchsvollem Wesen
und versteht jene Erlebnisse aus dem Geiste
der Mystik. Ganz anders das vorliegende Buch
von D. Es setzt in einem andern Sinn, als auch Koch
es tun muß, bei der Bückeburger Periode ein, nämlich
gerade bei ihrem positiv-christlichen Charakter. Dabei
nimmt er mit feinem Verständnis vieles von dem auf,
was Referent in seinem Buche „Herder in Bückeburg"
(1905) dargelegt hat. Doch greift er aus dem Reichtum
Herders nur eine, die geschichtsphilosophische Entwicklungslinie
heraus. Dafür betrachtet er diese nicht nur
bis in ihre Einzelheiten, sondern auch in ihrer gesamten
Ausdehnung von der Rigaer bis in die Weimarer Zeit.
Außerdem gibt er seiner geistesgeschichtlichen Untersuchung
eine Zuspitzung auf die theologischen Kämpfe
der Gegenwart (wesentlich im Sinne der dialektischen
Diastase von Kultur und Christentum) und damit ein
stark systematisches Gepräge. Gerade deshalb darf sein
Buch von vornherein eines lebhaften Interesses gewiß sein.

D. untersucht zunächst „die Religion in Herders
kulturgeschichtlicher Arbeit" (S. 9—47). Er zeigt, wie
Herder in Riga die Religionsgeschichte als einen Teil
der geschichtlichen Gesamtwert durch die Mittel „der
neuzeitlichen autonomen Geschichtswissenschaft" zu
verstehen sucht; wie dann in Bückeburg das Erlebnis
des „unbedingten Gehalts", d. h. das Verständnis der
Offenbarung den Anspruch dieser Geschichtswissenschaft
durchkreuzt und eine kritische, an der Offenbarung normierte
Geschichte der Religionen anzubahnen beginnt;
wie endlich die Weimarer Periode diesen Gegensatz der
beiden früheren vergeblich zu überwinden versucht, indem
sie den Kanon der Offenbarung durch den der
„Humanität" ersetzt und dabei sowohl den Nerv der
Religion wie den der lebendigen Geschichte verletzt.
Dieses vorläufige Ergebnis wird dann in eine umfassende
Untersuchung des Ganzen der Herderschen Ge-
schichts-Anschauung, vor allem ihrer religiösen Motive,
eingestellt (S. 48—155) und findet hier ihre Bestätigung
. Darnach ist das überall Gleiche in Herders Geschichtsbetrachtung
die scharfe Abgrenzung einerseits
gegenüber Theorien, die mit äußerlich supranaturalen
Eingriffen rechnen, anderseits gegenüber den rein rationalen
der Aufklärung. Im übrigen bestehen scharfe
Unterschiede. In der Rigaer Zeit denkt Herder streng
autonomistisch und immanentistisch; daß „Gott" auch
hier hinter der Geschichte steht, gewinnt weder für ihr
historisch-psychologisches Verständnis noch für das aktive
Kulturethos H.s wirkliche Bedeutung. Bückeburg
erschüttert die autonomistische Betrachtung und hält
sie nur (in dem geschichtsphilosophischen Aufsatz von
1774) in einer Art exoterischer Stellung aufrecht; H.s
eigentliche Geschichtsanschauung wird jetzt „theologisch
", sie tritt unter die Herrschaft des Offenbarungsgedankens
. Dem Pathos der Autonomie, das eine ewige
Fortsetzung des Sturmes der Titanen auf den Olymp ist,
„stellt sich nun das religiöse Gehaltserlebnis scharf entgegen
" (S. 86); Gott wird der Handelnde in der Geschichte
, der Sinn der Geschichte wird transzendent (S.
93). Das führt in den theologischen Werken dieser Zeit
zu der Behauptung eines „geschichtlich Absoluten", das
für die ursprüngliche autonomistische Betrachtung ein
Unding ist, einer „Geschichte in der Geschichte", die ihr
Gesetz und ihr Gericht in dem Gedanken des „Reiches
Gottes" hat (S. 98). Vor allem die Wertung des Sündenfalls
und der radikalen Kulturkritik in der „Ältesten
Urkunde" gibt den Rückhalt dafür. In diesem Zusammenhang
gewinnt die Geschichtsmetaphysik H.s, die
den Kosmos als „Reich der Kräfte" verstehen möchte,

zum ersten Mal, und zwar als „kosmischer Panchristis-
mus", festere Umrisse (S. HO). Der Sinn der Geschichte
wird, daß die Menschheit in das auf Christus
, gegründete und durch ihn bewirkte Reich Gottes emporgeläutert
werden soll; und so wird die Universalgeschichte
zur Geschichte der Offenbarung, die allein von
der Bibel, vor allem auch eschatologisch von der Apokalypse
her verstanden werden kann (S. 112).

Freilich das Verhältnis dieser Offenbarungsgeschichte
zur Universalgeschichte bleibt überaus unklar.
Deshalb droht ein spannungsloser metaphysisch-religi-
j öser Optimismus immer wieder die Dramatik des geschichtlichen
Kampfes in eine voreilige Harmonie aufzulösen
. Auf die Darstellung dieses Übergangs von der
„theologischen" Geschichtsbetrachtung zur kontemplativen
, auf einen idealistischen Pantheismus hin gerichteten
Metaphysik verwendet D. besondere Mühe. Sie führt
bruchlos zu den Weimarer Werken. Wir sehen, wie
ein idealistischer Naturbegriff übermächtig wird, und
wie die mit dieser Naturmetaphysik eigenartig verbundene
Humanitätsidee entsteht, die „der latente Todeskeim
der Geschichtsphilosophie Herders ist" (S. 132).
So sehr der makrokosmische Klang in Herders Welt-
I schau uns stets zur Ehrfurcht stimmt, und so unverwüstlich
auch immer wieder der Reiz der konkret-historischen
Darstellung Herders ist, seine grundsätzlichen Aussagen
werden immer hilfloser gegenüber dem wirklichen We-
I sen der Geschichte. Die Tragik seiner Theologie wirkt
sich in der Tragik seiner Geschichtsphilosophie unheilbar aus.
Diese Bemerkungen genügen, um den Reichtum des
| Buches anzudeuten. Es zeigt aufs neue die hohe Bedeu-
! tung der Bückeburger Jahre nicht nur für Herder selbst,
j sondern für die idealistische Gesamtentwicklung, lehrt
vieles in der Geschichtsphilosophie Herders klarer sehen
und führt in die tiefste Problematik hinein. Obwohl
Erstlingsschrift, darf es auf ernste Beachtung Anspruch
erheben. Ein letztes Wort wird es selbst nicht sein
, wollen. Und zwar scheint mir der Zweifel gerade da
einsetzen zu müssen, wo D.s besonderes Interesse liegt,
in der Verbindung der geschichtlichen Untersuchung
mit der Gegenwartsproblematik: heuristisch wertvoll,
trägt sie die Gefahr der Verzerrung des Tatbestands in
sich. Ist jener Titanensturm, d. h. nach der üblichen
Redeweise der Diastatiker die Selbstverherrlichung des
Menschen, wirklich das Pathos der Geschichte? und da-
j her der Dualismus geschichtlicher und „theologischer"
[ Betrachtung in sich notwendig? Kann nicht sogar der
| Humanitätsgedanke noch andere Tiefen haben, als D.
sie von den Lieblingsstichworten der Gegenwart her aufzuweisen
vermag? Ist — falls der geschichtliche Jesus
und der Christus des Glaubens wirklich so wenig miteinander
zu tun haben sollten, wie es in manchen modernen
Erörterungen scheint — dieser Gegensatz gerade
bei dem Bückeburger H. vorhanden? Da D. auf Inhalt
und Bedeutung der Herderschen Jesusbilder nicht ein-
| geht, so überzeugt auch seine Losreißung des Christus
I von dem historischen Jesus nicht. Herder wollte m. E.
I in seinen Bückeburger Höhezeiten zuletzt doch keine
! dialektische Diastase von autonomer Geschichtsbetrachtung
und christlichem Glauben, von exoterischer und
| esoterischer Geschichtsanschauung, sondern ein positives
Verständnis der gesamten Geschichte vom Glauben aus.
j Daß er es nicht erreichte, ist kein Beweis für die Falschheit
des Zieles, sondern in der tatsächlichen Schwierigkeit
der Aufgabe, die ganz anderer Zurüstung bedurfte,
I in dem Charakter jener Zeit und in der Person Herders
I begründet. Wir sollten uns die von Herder gesehene
| Aufgabe mit verdoppeltem Eifer stellen, statt unsere
dualistischen Neigungen auf Herder zurückzudatieren. —
I Möchten auch diese Fragezeichen andeuten, wie ernst
D.s Buch genommen werden muß, innerhalb der Herder
-Literatur wie innerhalb der Versuche, die diastatische
Fragestellung der Gegenwart geistesgeschichtlich zu
unterbauen.

Leipzig. H. Stephan.