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Ausgabe:

1928 Nr. 14

Spalte:

333-334

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bayer, Karl Th.

Titel/Untertitel:

Die Grundprobleme der Astrologie 1928

Rezensent:

Strunz, Franz

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 14.

334

engere oder weitere Prägung ihres Axiomensystems,
d. h. des „Standpunktes", und die sich feiner dadurch
unterscheiden, daß sie die eine oder eine andere Seite
des Gefüges dieser Oesamtordnung in den Vordergrund
rücken (S. 143). Ein Überblick über die Geschichte der
Philosophie soll zeigen, daß ihre Entwicklung ein unentwegt
fortschreitendes Entwirren jenes einen und selben
Oefüges ist (S. 149). Er bringt über den ersten Teil
hinaus keinen Oedankenfortschritt.

Es ist natürlich Hegel, der bei dem vorliegenden
Versuch eines philosophischen Systems Pate gestanden
hat. Hegel will das Ganze der Welt aus einem Urbe-
griff ableiten mittels seiner dialektischen Methode, die
Strukturanalyse der Urform soll F. den gleichen Dienst
tun. Bei Hegel ist der Endbegriff der entfaltete, „zu
sich selbst gekommene" Ausgangsbegriff, in ähnlicher
Weise kann bei F. auf das Verhältnis seines „Ordnungs-
poles", das ist die Urform, und seiner Entfaltung im
Endpol, von ihm das „Vollwirkliche" genannt, sein
eigenes Schema angewandt werden, nach dem Urform
und Vollwirklichkeit nur die beiden Seiten eines Identischen
sind (Vergl. das obige Bild). Aber Hegel hatte
den Mut zur Wahrheit, und unser Verf. will „sich lieber
im engsten Kreise bewegen, als sich durch Überschreiten
der gesicherten Grenzen in Abenteuer begeben" (S. 348).
Er meint sein Ideal einer möglichst vollkommenen
Rationalisierung der Wirklichkeit nur aufrecht erhalten
zu können, wenn er von vornherein Kunst, Ethos, Religion
als mitbestimmend für das Zustandekommen einer
wissenschaftlichen Weltanschauung ausscheidet, also gerade
das, was der Persönlichkeit dem rein Objekthaften
gegenüber Bedeutung verleiht. Bei seiner philosophiegeschichtlichen
Skizze wird wohl Kants „Kritik der reinen
Vernunft" auf 35 Seiten behandelt, aber seine anderen
Kritiken werden mit keinem Wort erwähnt. Aus
dieser Haltung erklärt sich sein philosophisches Programm
, das Bild der Welt von den starken „perspektivischen
" Verzerrungen, die es durch die einseitige Beziehung
auf das Ich erhält, zu befreien (S. 108). Er bezeichnet
seine Betrachtungsweise selbst einmal als vorwiegend
physikalisch (S. 102) und setzt sie in Parallele
mit dem Weg der Naturwissenschaften, die das „Vollwirkliche
" durch Absehen von den Bedingungen, unter
denen es vom Ich-Standpunkt aus gesehen wird, in den
Blick bekommen wollen (S. 116): der Heim gerade entgegengesetzte
Standpunkt, für den das „Gesetz der Perspektive
" das Weltgesetz ist und dem sich daher das Vollwirkliche
nur bietet von einem möglichst individuellen
Standort aus. Was hier als Ideal vertreten wird, ist eine
Betrachtung der Welt ohne einen Punkt,
von dem aus betrachtet wird. Das Vollwirkliche
ist nach F. eine Fiktion, dann aber ist dies auch sein
Korrelat, die Haltung einer standpunktlosen Betrachtung
. Entpuppt sich damit nicht die innere Unmöglichkeit
des Ideals einer unperspektivischen Weltanschauung
, auch ganz abgesehen von der starken Beschneidung
unserer philosophischen Bedürfnisse, die es, wie oben
gezeigt, zur Voraussetzung hat?
Heidelberg. Robert W i n k 1 e r.

Bayer, Dr. Karl Th.: Die Grundprobleme der Astrologie.

Leipzig: F. Meiner 1927. (XII, 183 S.) 8°. — Wissen und Forschen.

Schriften zur Einführung in die Philosophie, Bd. 21. RM 5—; geb. 7-.
Dieses inhaltsreiche und instruktiv geschriebene
Buch aus der Feder eines überzeugten Astrologen, bietet
auch dem, der der Grundrichtung seines Glaubens fern
steht, methodologische und historische Belehrung. Der
Verf. kleidet das alte astrologische Problem in das neue
Gewand der modernen Geisteswissenschaften und ihrer
Grenzbegriffe. Seine Arbeit ist nicht unkritisches Pro-
pagandaschrifttum theosophischer Halbbildung oder okkulten
Dilettantismus: er bemüht sich immer kritisch zu
bleiben und grob abergläubischen Denkgewohnheiten
aus dem Wege zu gehen, immer erfüllt von dem ernsten
Streben, die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Astrologie
als Wissenschaft zu begründen, sie als die präde-

I

stinierte Führerin zu einer Neugeburt unserer Erkenntnis
, Weltanschauung und Lebensmetaphysik zu empfeh-

[ len. Immer wieder die Frage: Wie ist Astrologie als
Wissenschaft möglich? Nicht, daß der Verf. bei der

I Würde eines religiösen Glaubens stehen bleiben will,
die manche Historiker dieser schicksalsreichsten und
weitschichtigsten Lehre aus der Geschichte des menschlichen
Irrtums zubilligen, nein, er geht über gewisse
sterngläubige Traditionen und „verlorene Wahrheiten"
der Vergangenheit der Naturforschung noch hinaus und

| will sie der Organisation und Klassifikation der mo-

i dernen Wissenschaft — also auch der konkreten Logik

j — einverleiben.

Der Verfasser will auf den vermeintlichen Beziehungen zwischen
kosmischen Vorgängen und irdischem Geschehen eine systema-

I tische Lehre von den menschlichen und kulturellen Typen als Grund-

| gestalt und eine umfassende irrationale Metaphysik des Lebens als
einer „Philosophie des Schicksals" aufhauen. Es wird der rückhaltlose
Glaube an die irrationale Natur des Lebens vertreten. Die Astrologie
erscheint aus diesen Voraussetzungen heraus als eine geistige
Synthese schöpferischen Charakters. Sie ist Geisteswissenschaft. Sie
wird als eine erlebnishafte, intuitive, symbolhafte Wissenschaft gewertet
, weder zum naturalistischen Empirismus, noch zum logizistischen
Rationalismus hinneigend. Die Astrologie vereinigt begrifflich-rationale
und intuitiv-rationale Erkenntnis, mathematische Formel und
lebensnahes Symbol; sie ist als Intuition und Inspiration die „magische
Brücke" zwischen dem erkennenden Geist und dem geheimen wahren
Leben der Dinge. Sie fühlt in die „tiefste charakterologische Schicht
des Individuums" hinunter, bietet Typen als „ewige Urformen möglichen
Menschseins" und hat, da sie Wesens- und Lebenswissenschaft
zu sein sich bemüht, den Menschen in seiner Totalität zum Forschungsgegenstand
. Die hauptsächlichsten Arbeitsprobleme der Astrologie
sind historisches Quellenstudium, astronomisch-mathematische
Durchforschung der astrologischen und horoskopischen Systeme,

I Untersuchung kosmischer Einflüsse auf biologische, psychologische
und geschichtliche Erscheinungen, Untersuchung der geographischen
Phänomene (Wetter, Klima und Seelenleben; klimatische und seelische
Perioden; die astropsychischen Erscheinungen), eine vergleichende
Statistik, die Wissenschaft von einer allgemeinen Rhvthinologie und
umfassenden eharakterologischen und typologischen Gcstaltenkunde ...
In diesem üedankengerüst hängt der reiche Inhalt des Buches. Als
Apologie verkündet es das Bekenntnis, daß der Sinn aller alten und
neuen Astrologie immer ein tief religiöser sei und die astrale Erscheinung
des göttlichen Gesetzes der Welt und aller sittlichen
Schicksalsnötigungen darstelle. Als Lebensbildung und -Wissenschaft
umfasse sie die drei großen Komplexe: Geburtskonstellation, Veranlagung
und Schicksal.

Wien. Franz Strunz.

Warf leid, Benjamin Breckingbridge, D.D., LL. D.: Revelatiot!
and Inspiration. New York: Oxford University Press. (IX,
! 456 S.) 3$.
Rev. Warfield, von 1887—1921 Professor der Didaktik
und Polemik am theologischen Seminar der pres-
byterianisehen Kirche zu Princeton in New Jersey, hat
in seinem letzten Willen bestimmt, daß seine zahlreichen,
in Sammelwerken und theologischen Zeitschriften verstreuten
Artikel gesammelt und durch ein Komitee herausgegeben
werden sollen. Der vorliegende Band ist der
erste dieser Sammlung, dem die andern in möglichster
Beschleunigung folgen werden. Dem Komitee gehören
an Ethelbert D. Warfield, William Park Armstrong
und Caspar Wistar Hodge.

Aus den biographischen Notizen, die den Band er-
! öffnen, erfahren wir, daß Warfield der Abkömmling
I einer südenglischen Puritanerfamilie war. Er studierte
außer in Princeton noch in Edinburgh, Heidelberg und
Leipzig. Nach seiner Rückkehr wurde er Hilfsprediger
j an der Ersten presbyterianischen Kirche in Baltimore,
! folgte bald einem Ruf als Lehrer für neutestamentliches
j Griechisch und Literatur am theologischen Seminar in
Allegheny in Pennsylvanien und kam nach 9 Jahren an
das Seminar in Princeton auf den Lehrstuhl für historische
Theologie. Er entfaltete im Lauf der Jahre eine
umfangreiche literarische Tätigkeit und erntete eine
Reihe akademischer Grade, unter andern auch 1913 den
eines Doktors der Theologie von der Universität Utrecht
. Nach kurzer Krankheit starb er am 16. Februar
1921 zu Princeton.