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Ausgabe:

1928 Nr. 14

Spalte:

326-327

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kutter, Hermann

Titel/Untertitel:

Plato und wir 1928

Rezensent:

Winkler, Robert

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 14.

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Dürftig sind leider Kapitel 1 und 2: Ursachen und
Entwicklung der süddeutschen Rettungshausbewegung
und: das Ziel neupietistischer Erziehung, und am dürftigsten
ist das Schlußkapitel 8 über die Stellung der
süddeutschen Rettungshäuser zur Inneren Mission. Abgesehen
davon, daß R. hier einseitig auf den Auffassungen
von Weber und Troeltsch fußt, geht ihm der
Blick dafür völlig ab, was bei Zeller gut lutherisch und
was spezifisch pietistisch ist. Daher denn auch der „Neupietismus
" ganz schief beurteilt wird. Am deutlichsten
zeigen sich diese Mängel in der „kritischen Würdigung"
(S. 68 ff.). Dafür, daß eine bewußt evangelische Pädagogik
notwendig „Anspruch auf Allgemeingültigkeit"
erheben muß (S. 71), hat R. kein Verständnis. Wenn
die „akademische Betrachtung", wie R. am Schluß feststellt
(S. 71), an der Bedeutung der Rettungshausbewegung
vielfach achtlos vorübergegangen ist, so spricht
das eben nur gegen diese sogenannte „akademische"
Betrachtungsweise, aber nicht gegen die Bewegung als
solche. Hier liegen auch sachliche Fehler vor. S. 68:
Der Zögling, den Wichern aus Beuggen erhielt, hieß
Joseph Baumgartner und war nicht Wicherns erster
Mitarbeiter. Wichern hat ebensoviel Anregungen von
Zeller empfangen wie von Falk und hat auch über Zeller
im Bergedorfer Boten berichtet. Mit der „Zentralleitung"
meint R. wohl den Centraiausschuß für Innere Mission,
der übrigens von Anfang an auch in Württemberg einflußreiche
Freunde hatte. S. 70: Die Pädagogik der
Rettungshäuser fußt nach R. auf „stark eingeengter Anschauung
vom Wesen des Menschen und des Lebens
überhaupt"! Oerade bei Wichern ist Schleiermachers
Individualismus in einzigartiger Weise mit der Gemeinschaftserziehung
verbunden worden. R. scheint aber
nichts davon zu wissen, daß auch Schleiermacher beides
miteinander verbunden wissen wollte und keineswegs
bloßer Individualist war.

Hamburg. Martin Oerhardt.

Biermann, P. Dr. BennoM., O.P.: Die Anfänge der neueren
Dominikanermlssion in China. Münster i. VC.: Aschendorff
1927. (XXIII, 237 S. u. 2 Pläne.) gr. 8". - Veröffentlichungen d.
Internat. Instituts f. missionswissensch. Forschgn. = Missionswissen-
schaftliehe Abhdlgn. u. Texte, 10. RM 9.90; geb. 11.75.

Die Arbeit behandelt die Dominikanermission in
China von ihrem Anfang bis zur Ankunft der Apostolischen
Vikare, umfaßt daher im ganzen das 17. Jahrhundert
, in einem Anhang ist sie noch kurz bis zur
Gegenwart verfolgt. — Als die Dominikaner vom spanischen
Manila aus nach verschiedenen Fehlschlägen
und großen Schwierigkeiten endlich nach China eindrangen
, kamen sie in scharfen Gegensatz zu den Jesuiten
, die von dem portugiesischen Makao aus schon seit
50 Jahren eine erfolgreiche Mission in China begonnen
hatten und ein Monopol für die Mission in diesem Land
beanspruchten. Ihre Erfolge verdankten die Jesuiten
der weitgehenden Anpassung an die chinesische Lebensart
und Duldung chinesischer Gebräuche, dem Zurückstellen
spezifisch christlicher Gedanken (z. B. der
Kreuzespredigt), ihren Leistungen auf dem Gebiete der
Kultur und dem dadurch bewirkten Eindringen in die
politische Machtstellung. Im Mittelalter hatte die katholische
Mission dauernde Erfolge nicht sowohl durch
Einzelbekehrung, sondern durch gewaltsame Unterwerfung
und Taufe heidnischer Völker (in Deutschland
und den östlichen Ländern) erreicht, über die dann ein
Netz von Pfarreien und Klöstern geworfen wurde, durch
das im Lauf der Jahrhunderte erst allmählich ein wirkliches
Christentum unter den zunächst nur oberflächlich
christianisierten Völkern gepflanzt wurde. An eine gewaltsame
Unterwerfung Chinas konnte nicht gedacht
werden, aber nun mögen die Jesuiten gedacht haben,
auf ihre Weise durch vorläufige Akkomodation zum
gleichen Ziel gelangen zu können. Die Dominikaner
aber, die von Anfang an von den Jesuiten als Eindringlinge
unfreundlich behandelt worden waren, entdeckten
zu ihrem Entsetzen (S. 46 ff.), daß die chinesischen

„Christen" offenbar heidnische Gebräuche unter Be-
| rufung auf die Praxis der Jesuiten mitmachten, und das
{ gab den Anlaß zu dem verhängnisvollen Streit der Do-
I minikaner und Jesuiten über die Riten, der fast das
j ganze Jahrhundert ausfüllte, und dessen genaue Darstellung
den Hauptinhalt des Buches, namentlich seines
zweiten, besonders wertvollen systematischen Teils ausmacht
. Daß es ein Dominikaner ist, der die Darstellung
gibt, in vielfach gegensätzlicher Auseinandersetzung mit
| der neueren Darstellung des Jesuiten Huonder, ist wohl
( spürbar, obgleich sich der Verfasser alle Mühe gibt unparteiisch
zu urteilen. Er glaubt den Gegensatz der
beiden Missionen auf die Verschiedenheit des M i s s i -
onsziels zurückführen zu können und sagt: die Je-
I suiten „gingen bewußt darauf hinaus, ganz China
| unter christlichen Einfluß zu bringen: Volks-Chisti-
a n i s i e r u n g. Deshalb ihr Werben um die Mandarine
, ihre Tätigkeit am Kaiserhofe, ihre ganze großartige
Organisation, bei der aber die einzelnen Christen oft zu
I kurz kamen. Die Dominikaner waren . . . auf
die Einzelbekehrung hingewiesen und suchten die
i Chinesen, die sie bekehrten, zu ganzen Christen zu
machen" (S. 155). Sie sahen in der Praxis der Jesuiten
eine Preisgabe christlicher Grundsätze, eine Verleugnung
des Kreuzes Christi. Als aber endlich durch Bene-
. dikt XIV. in der Ritenfrage gegen die Jesuiten entschieden
wurde, da war der chinesischen Mission der Todesstoß
versetzt. Die Verfolgungen, die vorher hauptsächlich
die Dominikaner getroffen hatten, fielen nun auch
auf die Jesuiten; ihre Christen fielen in Masse ab (S.
222), und während die Jesuiten schon in der Mitte des
17. Jahrhunderts die von ihnen gewonnenen Chinesen
! nach Hunderttausenden zählten (S. 113), zählte man im
Jahr 1794 noch 18000 Christen in China (S. 222). —
Die mit großer Sorgfalt aus schwer zugänglichen
Quellen geschöpfte Arbeit ist für jeden, der sich für die
Geschichte der Mission interessiert, von großem Wert.
Stuttgart. Ed. I.empp.

Kutter, Hermann: Plato und wir. München: Chr. Kaiser 1927.
(III, 311 S.) gr. 8°. RM 6.50; geb. 8.20.

Ein Platobuch nicht für den Fachgelehrten, wie
schon das Fehlen jeglicher Anmerkung und Quellenangabe
andeutet. Plato hat meistens selber das Wort.
Partieen aus seinen wichtigsten Dialogen werden in ansprechender
Übersetzung teilweise stark zusammengestrichen
wiedergegeben. Vorausgeschickt ist ihnen meist
die Schilderung einer Schartenseite des Geistes unserer
Zeit, auf deren Hintergrund die Worte Piatos lebendig
werden als Mahnworte an uns. Und wenn sie uns doch
nicht ganz erreichen, versteht es K. den Übergang von
ihnen zu dem, was er von sich aus in platonisierender
Manier der Gegenwart sagen will, kaum merklich zu
vollziehen.

Die Gedankenwelt Piatos wird um den Begriff des
Unbedingten, des seiend Seienden gruppiert. Es wird
gezeigt, wie sich dieser Gedanke in den Frühdialogen
allmählich aus dem Problem der Ethik herausgestaltet:
der Mensch weiß, wie er zu handeln hat, um sittlich zu
sein, und doch kann der bedeutendste Ethiker nicht definieren
, was Sittlichkeit ist (S. 51). Denn das Gute ist
kein Wissens gege n s t a n d , weil es Wissensgrund
ist (S. 107). Als solcher ist es das Unbedingte, das in
unserem eigenen Geist als Grundbedingung seines Schaffens
vorhanden ist (S. 151). Mensch sein, vernünftig
sein heißt im Unbedingten sein (S. 153). Deshalb ist es
nicht nur eine Idee der Vernunft, die erkennend erfaßt
werden könnte. Du denkst Die h , aber Du denkst nicht:
Du! (das Du, das im Unbedingten verwurzelt ist S. 156).
Die platonischen Ideen sind als die Einzelfälle des Unbedingten
Denkmethoden, Funktionen (S. 162ff.). Ihre
Tätigkeit kann auf das Gebiet der Einbildungskraft
projiziert werden. Wer die Idee deshalb für eine ideale
Wesenheit, ein Gedankending hält, verwechselt Bild und
Original (S. 251). Zur Erkenntnis der Dinge sind uns