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Ausgabe:

1928 Nr. 14

Spalte:

323-324

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strasser, Otto Erich

Titel/Untertitel:

Capitos Beziehungen zu Bern 1928

Rezensent:

Muralt, Leonhard

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 14.

324

näher als die Schulgrammatik es vermuten läßt. Ja
ihr hat die Lutherbibel als Jungbrunnen, als die größte
Lehrmeisterin unersetzliche Dienste zu leisten, um ihre
Kraft zu verneuen. Noch weniger unüberwindlich sind
die Hindernisse von der Sache aus gesehen. Was den
modernen Menschen an der Bibel befremdet, ist im
Grunde die Sache, der Anspruch ihrer Botschaft — und
diesen Anstoß wird keine Durchsicht aus der Welt
schaffen. Ja kommt es darauf an, vor dem Zeugnis der
Bibel stille zu stehen, dann wird man die altertümliche
Sprache als eine Erschwerung nicht nur in Kauf nehmen,
sie wird vielmehr zu einem neuen Aufmerken auf die
Sache leichter führen als ein allzu glatt lesbares Alltagsdeutsch
. So ist das, was Viele von einer Revision der
Lutherbibel erwarten, vielmehr zu leisten durch Erziehung
zum rechten Lesen.

H. schließt mit der Forderung, daß bei dem notwendigen
Erneuerungswerk alle geänderten oder neu
übersetzten Stellen nach Wortwahl, Sprachgestalt, Satzfügung
, Rhythmus und Sprechmelodie der Art Luthers
sich ganz und gar einfügen (S. 98—101). Ein Anhang
bietet zwei ausführlich begründete Übersetzungsproben
zu Eph. 3,9 und Luc. 2,14 sowie Bemerkungen zum
Voranstellen des Verbs und zur Zeichensetzung.

Eine kritische Auseinandersetzung mit H. wird für
den Exegeten einzusetzen haben bei den vorgetragenen
Einzelauslegungen, für den Systematiker bei der zu
Grunde liegenden Geschichtsauffassung, für den Historiker
bei dem von Luthers Auslegungsarbeit gezeichneten
Bilde, für den an der Arbeit der Durchsicht Beteiligten
vor Allem bei dem Urteil über die dem Gegenwartsmenschen
an der Lutherbibel erwachsenden Schwierigkeiten
und ihre Überwindung. Ich hielt es im Blick auf
den Reichtum des Buches an Gedanken und um seiner
Geschlossenheit willen für nötig und erlaubt, im Wesentlichen
einen dankbar zustimmenden Bericht über das
Buch zu geben, das geeignet ist, in gleicher Weise das
Verständnis Luthers, die Freude an seiner Übersetzung
und die Erfassung der Aufgaben des Auslegers und des
Übersetzers zu vertiefen.

Kiel. Heinrich Rendtorff.

Strasser, Pfr. Lic. Otto brich: Capitos Beziehungen zu Bern.

Leipzig: M. Heinsius Nachf. 1928. (XII, 178 S.) gr. 8». -- Quellen
u. Abhdlgn. z. Schweizer. Reformationsgesch., 2. Serie, 4. RM 7.20.

Die vorliegende von Prof. W. Hadorn in Bern angeregte
Arbeit bietet mehr, als der Titel sagt, nämlich
in ihren Hauptteilen eine Darstellung der Theologie
Capitos. Zunächst werden dessen Berührungen mit
Bern und der Schweiz vor der Berner Disputation dargelegt
, dann sein Erscheinen auf dieser untersucht.
Capito kann nicht als der Verfasser des Jacobus-Mo-
nasteriensis Briefes angesehen werden. Er tritt in Bern
auch sonst nicht hervor. Den Hauptgrund sieht Verf. in
den damaligen theologischen Anschauungen Capitos, die
nun eingehend geschildert werden. Mit Recht spricht
Verf. vom „Täufertum" Capitos in Anführungszeichen.
In seiner mystisch-spiritualistischen Religiosität, in seiner
Betonung der wahren Kirche der Auserwählten, ja
der Gemeinde der Heiligen, wobei der reformatorische
Gegensatz von sichtbarer und unsichtbarer Kirche zurücktritt
, in seiner Bejahung des Bannes und der Erwachsenentaufe
, kommt Capito den Täufern sehr nahe,
unterscheidet sich aber von ihnen durch sein Festhalten
am reformatorischen Gnadenprinzip sowie durch seine
Betonung des Verdienstes Christi. Für Bern wird er
durch die Teilnahme an der Synode von 1532 bedeutungsvoll
. Verf. sagt mit Recht, daß der „Synodus"
Programm, nicht Resultat der Synode ist, von Capito
schon in der Woche vor der Synode niedergeschrieben.
Der Synodus ist nicht nur eine praktische Schrift zur
Klärung des in Bern umstrittenen Verhältnisses von
Staat und Kirche, sondern auch eine dogmatische Leistung
. Wenn auch jetzt bei Capito die Grundsätze
durchaus reformatorisch sind, so leuchtet seine persön-

' liehe Einstellung immer noch durch, „. . . . es ist stets
dieselbe Theologie des Geistes". Hier wird — was ich
oben vermißte — die Scheidung Capitos von den Täufern
in praktischen Fragen deutlich, indem er Obrigkeit,
1 Zehnten, Zinse und Eid anerkennt. In der Abendmahlsfrage
bedeutet der Synodus eine Vorbereitung für die
Annäherung Berns an das Luthertum. Diese vollzieht
sich in der Herbstsynode 1537, wo Capito zum dritten
Male, jetzt wieder mit Bucer zusammen, in Bern erscheint
. Verf. weist vor Allem das Zusammentreffen
1 mit Calvin als für die Union bedeutungsvoll nach.
Zum Schluß bemüht sich Verf. die allem Wechsel in
der theologischen Gedankenwelt Capitos zu Grunde
liegende Einheit zu finden. Er nennt diese Realismus
und denkt dabei „an die Soteriologie, an Capitos Perfektionismus
im Sinne einer tatsächlich schon erfolgten
Erlösung, an welcher der Erlöste in einer irgendwie
historisch hier und jetzt erfahrbaren Weise Anteil hat".
Als Korrektiv steht diesem aber immer das evangelische
Prinzip der freien Gnade und Wahl Gottes zur Seite.
Strasser vermißt bei Capito Folgerichtigkeit und klare
Unzweideutigkeit, anerkennt aber doch, daß es nie „an
Menschen gefehlt hat, ... die ... im Geiste der Liebe
! die Einigung der Kirche Jesu Christi erbitten und be-
I treiben". Diesen Satz möchte ich unterstreichen. So
wertvoll die von Strasser gebotene dogmengeschichtliche
Betrachtungsweise ist, so sehr er damit einen wesentlichen
Beitrag zum Problem Täufertum und Reformation
bietet, so möchte ich doch die Ansicht vertreten,
; daß dieser Gesichtspunkt seinem Gegenstande nicht
i ganz adaequat ist. Das zeigen ja gerade die Schwierig-
| keiten, Capito dogmatisch zu fixieren. Vielmehr müßte
j er in letzter Instanz von praktischen Gesichtspunkten
aus beurteilt werden. Sein Interesse ist nicht so sehr
das, eine klare Dogmatik zu gewinnen, als vielmehr
das, praktisch christliche Liebe zu üben und damit die
Einigung aller Christen zu erzielen. Ich verweise hier
nur auf den Brief an Horb bei Baum, Capito und Butzer
S. 373 ff. Meiner Ansicht nach kann sogar dieses praktische
Prinzip den Primat gegenüber dem dogmatischen
beanspruchen, „hängt doch daran das ganze Gesetz und
die Propheten".
Zürich. Leo v. M u rat t.

Ruth, Dr. Karl: Die Pädagogik der süddeutschen Rettungshausbewegung
. Chr. H. Zeller u. d. schwab. Pietismus. Berlin :
C. Heyinann 1927. (VII, 87 S.) gr. 8°. = Arbeiten ans d. Forschungsinstitut
f. Fürsorgewesen in Frankfurt a. M., H. 2. RM 5 — .

Der wertvolle Teil dieser Untersuchung liegt in den
j Kapiteln 3—7, in denen die innere Organisation der
Rettungshäuser, der Unterricht im Rettungshaus, die
Handarbeit als Erziehungsmittel, die Anstaltsfeste, der
Erfolg der Rettungshausarbeit und die Sorge für die entlassenen
Kinder behandelt werden. R. fußt hier auf
' fleißigen Quellenstudien und hat auch handschriftliches
[ Material aus Beuggen, Lichtenstern, Kornthal und Basel
zu Rate gezogen. Bei den Proben, die er davon im Anhang
abdruckt (S. 72 ff.) trägt er kein Bedenken, auch
; bei sehr intimen Zöglingsbriefen die vollen Namen der
! Briefschreiber zu nennen. Was sagen die betreffenden
Anstaltsleitungen dazu? Neben Zeller hätte Gustav Wer-
I ner als originale Erscheinung des schwäbischen Pietis-
j mus stärker herangezogen werden müssen, besonders in
dem Kapitel über die Handarbeit als Erziehungsmittel.
Ebenso hätte stärker betont werden müssen, daß die
! Anwendung des Familienprinzips (S. 15 ff.) bei Zeller
I und den von ihm beeinflußten Anstalten doch über Anfänge
nicht hinauskam und daß erst Wichern wirklich
! ganz Ernst damit machte (vergl. S. 22')• Dankenswert
wäre es auch gewesen, wenn R. eine Zusammenstellung
I der außerschwäbischen Anstalten gegeben hätte (z. B. im
! Baltikum), in die Beuggener Seminaristen als Leiter ge-
i kommen sind. Das wäre notwendig gewesen, um den
Aktionsradius der süddeutschen Rettungshausbewegung
I schärfer zu erfassen.