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Ausgabe:

1928 Nr. 14

Spalte:

319

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beer, Karl

Titel/Untertitel:

Zur Überlieferung und Entstehung der Reformatio Sigismundi 1928

Rezensent:

Clemen, Otto

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319

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 14.

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Lichte schreibt sie einen gewaltigen Einfluß auf die
pflanzliche und tierische Welt zu (S. 36, 41). Sie meint,
die Flüsse entstünden durch den Ansturm des Meeres
(S. 18) und dergleichen mehr.

Als Arztin vertritt Hildegard das Prinzip: „similia simili-
b u s". Die Ähnlichkeit einer Pflanze mit irgend einem menschlichen
Organ empfiehlt dieselbe eo ipso als Heilmittel für dieses Organ (S.
34). Demgemäß gelten auch ekelerregende Stoffe ohne weiteres
als Arzneien gegen ekelerregende Krankheiten (S. 34). — Hildegard
steht weithin unter dem Einfluß antiken und mittelalterlichen Kräuteraberglaubens
. Fischer weist (S. 42 ff.) die Übereinstimmung ihrer
Rezepte mit der frühmittelalterlichen Rezeptliteratur nach. Ebenso
deckt er auch die antiken Quellen ihres Wissens auf. Hildegard
wurzelt auch in ihrer ärztlichen Erkenntnis durchaus im Geistesleben
ihrer Zeit, teilweise ist sie aber mit ihren hygienischen Forderungen
(der Zahnpflege u.s. w.) ihrer Zeit weit vorausgeeilt.

Im letzten Teil seines Buches gibt der Verf. noch einen kritischen
Vergleich der beiden ältesten Handschriften der Physica Hildegards
.

Die Arbeit Fischers ist dazu geeignet, das Interesse
für diese achtunggebietende Frauengestalt des Mittelalters
neu zu beleben.

Rinderfeld bei Mergentheim, Württ. Walter Betzendörfer.

B e e r, Dr. Karl: Zur Ueberlleferung und Entstehung der Reformatio
Sigismund). Mit bes. Berücksichtigung d. neugefund. Salzburger
Handschrift. Vorgelegt in der Sitzung am 10. März 1027.
Wien: Hölder-Pichler-Tempsky i. Komm. 1027. (43 S.) 8°. — Akademie
d. Wissenschaften in Wien. Philos.-histor. Klasse, Sitzungsberichte
, 206. Bd., 3. Abhdlg. RM 1.75.
Auf die Wichtigkeit der Reformatio Sigismundi als „Durchschnittszeugnis
für die Stimmung in dem Jahrhundert vor der Reformation
" hat jüngst wieder H. v. Schubert in seinem gehaltvollen,
neue Gesichtspunkte eröffnenden Vortrag „Revolution und Reformation
im 16. Jahrhundert" (Sammlung gemeinverständlicher Vorträge
128, Tübingen, Mohr, 1027) hingewiesen. Er beklagt das Fehlen
einer „wirklich kritischen Ausgabe". Aus der Abhandlung von Beer
erfahren wir, daß eine solche im Auftrag der Historischen Kommission
in München in Vorbereitung ist. Beer hat nun in einem Satn-
melbande, der in den 60er Jahren des 15. Jahrhunderts im Au-
gustinerchorherrnstift Mülln (einer Vorstadt von Salzburg) geschrieben
worden ist und in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts mit
den anderen Beständen der Klosterbibliothek in die Studienbibliotbek
in Salzburg übergegangen ist,eine neue Hs. der R. S. gefunden, die in
Fortführung der von Karl Koehne (Die sog. Reformation Kaiser Sigmunds
, Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde
23, 602ff.; 27, 251 ff.) gebrauchten Bezeichnungen L
genannt werden soll. Sie stellt diejenige Version der Reformschrift
dar, für die durch P. Joachimsen (Die Reformation des Kaisers
Sigismund, Histor. Jahrb. der Görres-Gesellschaft 41, 364) und Joh.
Haller (Überlieferung und Entstehung der sog. Reformation Kaiser
Sigmunds. Festgabe für Karl Müller 1022 passim) die Bezeichnung
Vulgata üblich geworden ist. U. zwar erweist sie sich als der zwar
nicht älteste, auch nicht fehlerfreie, aber doch beste aller bisher
bekannt gewordenen Vulgatatexte und wird daher der Neuausgabe
zu Grunde gelegt werden müssen. B. untersucht die gesamte handschriftliche
Überlieferung der R. S. und wirft auf ihre Entstehungsgeschichte
neues Licht. Er nimmt zwei Autoren an, einen Geistlichen
und einen Laien, die in der Kanzlei des Protektors des Konzils
von Basel, des Herzogs Wilhelm von Bayern tätig waren. Die
Meinung, daß die Reformschrift im Kreise der Humanisten oder der
Pfarrgeistlichen Augsburgs entstanden sei, sei aufzugeben.

Zwickau i. S. O. Giemen.

Hirsch, Emanuel: Luthers deutsche Bibel. Ein Beitrag zur
Frage ihrer Durchsicht. München: Chr. Kaiser 102S. (VIII, 100 S.)
gr. 8». — Veröffentlichung der Luther-Gesellschaft. RM 3.20.

Den Auftakt zu dieser Veröffentlichung bilden zwei Aufsätze
des Verls in der Zeitschrift f. d. neutestamentl. Wissenschaft (1027, S.
26 und S. 152) „über eine bisher unbekannt gebliebene Bibelrevision".
Es fiel H. auf, daß seit etwa 1013 von den deutschen Bibelgesellschaften
Lutherbibeln gedruckt und verbreitet werden, die an Stelle
des im Auftrage der Deutschen Evangelischen Kirchenkonferenz
durchgesehenen Textes von 1802 einen abweichenden Text bieten, der
bezeichnet wird als „neu durchgesehen nach dem vom Deutschen
Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text". An der Hand
zahlreicher Proben kennzeichnete H. die Art dieses neuen Textes,
dessen Änderungen er für die ganze Bibel auf etwa 30 000 schätzt.
Er bezeichnet die Revision von 1013 als die tiefgreifendste, die die
Lutherbibel bisher überhaupt erlebt hat; „denn sie bedeutet die
Umschreibung der Lutherbibel in die abgeschliffene Schulsprache des
XX. Jhs." (S. 35). Hirsch behauptet, daß damit geschichtliche

| und lebendige Gegenwartswerte zerstört werden. Nach Veröffentlichung
des ersten Aufsatzes stellte sich heraus, daß nicht, wie H.
zuerst angenommen hatte, die Kirchenbehörde bei der neuen Revision
umgangen war, vielmehr die Bit>elgesel!schaften korrekt vorgegangen
sind.

Die beiden Aufsätze erregten in den beteiligten
Kreisen berechtigtes Aufsehen und sind im Begriff, bei

i dem zur Zeit im Gange befindlichen Werk einer neuen
Bibeldurchsicht sich auszuwirken. Ihre erste sichtbare
Frucht ist die Vertiefung des Verf.s in die aufgerührten
Fragen, deren Ergebnisse hier vorliegen. Das Werk ist

| FL unter den Händen gewachsen und hat so eine Bedeutung
gewonnen, die über den ursprünglichen Anlaß weit
hinausgreift. Es enthält zunächst reichliche Beiträge zur
Frage der Bibeldurchsicht unter allgemein-kirchlichen,
erzieherischen, seelsorgerlichen, philologischen, ästhetischen
Gesichtspunkten. Hierbei wird die Linie weitergeführt
, die etwa durch die der Probebibel von 1883
vorangestellten Berichte der v. Cansteinschen Bibelanstalt
und der Revisionskommission und durch die Arbeiten
von Adolf Risch bezeichnet wird. Weiter bedeutet
die Schrift einen historischen Beitrag zur Frage der
Übersetzungsarbeit Luthers. Karl Holl's Untersuchungen
über Luthers Bedeutung für den Fortschritt der Auslegungskunst
werden nicht nur als zutreffend erhärtet,
sondern wesentlich ausgebaut. Endlich bedeutet die
Schrift, indem sie das Übersetzen als die Krone und den
Abschluß des Auslegens untersucht, einen wichtigen
grundsätzlichen Beitrag zu der neuerdings viel verhandelten
Frage der Bibelauslegung überhaupt. Das Ganze
ist ein methodisch glänzend durchgeführtes Beispiel für
die Behandlung einer praktischen Einzelfrage im weiten
wissenschaftlichen Rahmen geschichtlicher und syste-

| matischer Zusammenhänge.

Grundsätzlich kann die Frage einer Durchsicht der
Lutherbibel nie zur Ruhe kommen, so wird einleitend
ausgeführt, weil die wissenschaftliche Arbeit am Grundtext
einerseits und die Entwicklung der lebendigen, gesprochenen
Sprache andrerseits fortschreiten und damit
die beiden Fragen immer neu stellen, vor
die auch Luther bei seinem grundlegenden Übersetzungswerk
sich gestellt sah: die Frage der Wahrhaftigkeit, die
das Verhältnis der Übersetzung zu dem ursprünglichen
Sinn des Bibelwortes angeht, und die Frage der Verständlichkeit
, die aus der Spannung zwischen dem
Deutsch der Bibel und der heutigen Sprachgestalt erwächst
. Um diese Fragen allein kann es sich auch bei
der gegenwärtig vorzunehmenden Bibeldurchsicht handeln
, die unaufschiebbar geworden ist, weil wir die
Bibel tatsächlich nicht mehr in der Form der gründlichen
Durchsicht von 1892 haben, und weil die Bibelgesellschaften
tatsächlich seit 1921 die Arbeit an einer
neuen Probebibel begonnen haben (S. 1—6).

Tritt man von unserer heutigen wissenschaftlichen
Einsicht aus an Luthers Übersetzung heran, so ist schon
von ganz allgemeinen Erwägungen aus Zurückhaltung
und Entsagung geboten: wo Auslegung gegen Auslegung
steht, wo die Lesart schwankt, dürfen nur zwingende
Gründe zu einer Änderung führen. Zu solcher
Entsagung wird der moderne Revisor sich um so leichter
entschließen, wenn er die Hilfen des Verständnisses erneuert
, mit denen Luther arbeitete: fortlaufender Druck
mit sinngemäßer Zerlegung der Abschnitte, Druck poetischer
Stücke nach Art von Gedichten, Beigabe von
Vorreden und Noten. Viele Wünsche an eine neue Form
der Lutherbibel können schon durch Ausnutzung dieser
Hilfen erfüllt werden, ehe an eine Änderung des Textes
selbst gedacht zu werden braucht (S. 6—12).

Den rechten Standort für die Durchsicht gewinnt
man aber erst dann, wenn man die durch das Ganze
hindurchgehende Eigenart der Lutherbibel erkennt. Dieser
Aufgabe widmet H. eine eindringende Untersuchung
(S. 12—62). An der Hand zahlreicher bis in Einzelheiten
durchgeführter Textbeispiele stellt er einander
scharf gegenüber eine Übersetzung zu wissenschaftlichen,