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Ausgabe:

1928 Nr. 13

Spalte:

307-308

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Quick, Oliver Chase

Titel/Untertitel:

The Christian Sacraments 1928

Rezensent:

Goetz, Hermann

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Seite 1

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307

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 13.

308

Quick, Oliver Chase, M.A.: The Christian Sacraments. London:
Nisbet & Co. 1927. (XV, 264 S.) 8°. 10 sh. 6 d.

In der „Bücherei für aufbauende Theologie", die
von den theologischen Doktoren W. R. Matthews und
H. Wheeler Robinson herausgegeben wird, veröffentlicht
Canon Quick von der Kathedrale in Carlisle seine
religionsphilosophischen Betrachtungen über die christlichen
Sakramente. Das Bewußtsein einer Krisis ist
auch in der englischen Kirche erwacht, und ebenso die
Überzeugung, daß „Apologetik" dagegen nicht mehr hilft.
Es bedarf vielmehr vom Boden moderner Erkenntnis
aus eines erneuten klaren und mutigen Durchdenkens
der Grundlagen unsres landläufigen Christentums. Der
Verfasser glaubt die Beobachtung gemacht zu haben,
daß die zur Zeit in seiner Kirche geltende Theologie von
den Sakramenten sich mit wenigen Ausnahmen in
durchaus veralteten Geleisen bewegt, deshalb will er
diesem Gegenstand sein wissenschaftliches Nachdenken
widmen, indem er sich selbst dabei auf den Standpunkt
sowohl der Philosophie wie auch der allgemeinen Erfahrung
stellt.

Ich versuche, in gedrängtester Kürze seine Ausführungen, die
sich auf mehrere hundert Seiten erstrecken, wiederzugeben. Inneres
und Äußeres sind die beiden großen Seiten der Wirklichkeit, I n -
strument und Symbol die beiden Arten ihrer Vermittelung. Wie
die Welt ein Werkzeug Gottes und zugleich auch ein Symbol seiner
Macht ist, so auch das Sakrament: Gott wirkt durch dieses und
in ihm, oder seine Gegenwart und Wirksamkeit wird darin erfaßt
und kundgemacht. Die Ideale des absoluten Gutseins, Wahrheit,
Schönheit und moralische Güte, können durch die Außendinge der
Welt vermittelt werden, oder diese letzteren sind Symbole, die jene
versinnbildlichen. Der ästhetische S a k r a m e n t a 1 i s m u s betrachtet
die Welt als Ausdruck der göttlichen Natur; die Unvollkom-
menheiten dieser Welt gehören mit zur Vollkommenheit des Ganzen,
und die teilweisen Verkörperungen des Guten tragen bei zu dieser
allgemeinen Vollendung. Alle Dinge gehören mit zum Ganzen. Die
letzte Lösung des Problems liegt in der Annahme eines tragischen
Universums.

Sofern die guten Handlungen und Ereignisse nicht so sehr Symbole
von Gottes ewiger Natur sind, als vielmehr Werkzeuge zum Bau
seines Reiches, folgt daraus eine besondere Wertung der Sakramente:
sie drücken Gottes Gutsein aus nur dazu, daß wir um so eifriger im
Sinne der göttlichen Absichten wirken. Während der ästhetische Sakramentalismus
sich auf eine Welt von Werten bezieht, die in äußerlichen
Symbolen verkörpert sind, bewegt sich der ethische Sakramental
ismus in einer Welt der Handlungen. Der offenbare Konflikt
zwischen beiden ist nur eine Seite des alten Problems der Beziehungen
der Ewigkeit zur Zeit: vom ethischen Standpunkt aus sehen wir das
Universum an unter dem Gesichtspunkt der Zeit, vom ästhetischen
Standpunkt aus unter dem der Ewigkeit. Für Christen ist das Leben
Jesu das oberste Sakrament, ohne das kein anderes Sakrament Sinn
oder Geltung hat. Und kein philosophisches Argument kann soviel
zum Verständnis unsres Problems beitragen wie das Leben Jesu, das
als Selbstdarstellung der Gottheit in der kreatürlichen Welt und zugleich
als Instrument zu werten ist, wodurch die Welt ihr ewiges
Ziel erreicht. In der Lehre von der Menschwerdung ist die Selbstoffenbarung
der göttlichen Gutheit zum Ausdruck gebracht, in der
Lehre von der Erlösung das Schaffen und Wirken derselben zur Erreichung
des Zieles, alles Leben und alle Welt mit ihr zu erfüllen.
Jesu Leben ist zugleich ein wirksamer Akt, ein Werkzeug der Macht
Gottes; das wirksame Sakrament dieser Macht ist das Kreuz, das notwendig
geworden ist durch den Widerstand der Welt. Das Prinzip
der Versöhnung schließt in sich die Auferstehung; sie sowohl wie die
Himmelfahrt sind im tiefsten Grunde sakramental, indem beide die
Wirksamkeit jenes göttlichen Gesetzes repräsentieren.

Oberall, wo die zeiträumliche Welt in Beziehung steht zu der
Vollkommenheit Gottes, haben wir ein Sakrament von irgendwelcher
Art, nämlich eine zeiträumliche Wirklichkeit, die bei ihrer Besitzergreifung
von Raum und Zeit uns Gottes Willen ausdrückt und uns
zu besserer Mitwirkung befähigt. So ist auch die Kirche als organisierte
Gesellschaft sakramental; sie repräsentiert einerseits, ideell gefaßt
, die Person Christi, andererseits ist sie zugleich ein Werkzeug
zur Gewinnung der Welt. Grundlegende Bedeutung hat für sie das
Sakrament der Ordination, weil erst durch sie die Autoritäten
geschaffen werden, die die Einheit der Kirche als äußere Organisation
gewährleisten, und weil an ihr überhaupt die wirksame Verwaltung
der Sakramente hängt. Sowohl gegenüber Rom und den orthodoxen
Kirchen wie gegenüber den Freikirchen wird dieser anglikanische
Standpunkt weiter erörtert; der Protestantismus des Festlandes wird
nicht erwähnt.

Was die Kirche als sakramentale Anstalt für die Welt bedeutet,
bedeutet für den einzelnen Menschen die Taufe. Sie ist das Sakrament der

Vaterschaft Gottes und der Kindschaft des Menschen. Der Übergang
von der Erwachsenentaufe zur Kindertaufe hat eine nachdrückliche Veränderung
in der Auffassung der Taufe mit sich gebracht, nämlich von

; der instrumentalen zur symbolischen Seite hin. Die Erfahrung bestätigt
es nicht, daß die Taufe von sich aus eine Veränderung hinsichtlich
der Sünde im Kinde hervorruft; sie symbolisiert mehr, als
sie bewirkt. Auch ist die geistige und moralische Gesundheit vieler
Ungetauften offensichtlich derjenigen vieler Getauften überlegen. Die
Rechtfertigung der Taufe ruht nicht auf einem ausdrücklichen Befehle
Jesu, sondern vielmehr auf dem Plane Gottes zur Rettung der
Menschheit, den Gott durch Jesus offenbart hat. Zusammenfassend
muß gesagt werden, daß eine gesunde Theorie von der Taufe uns
nötigt, mehr ihren symbolischen als ihren instrumentalen Charakter
als Sakrament zu betonen.

Im tiefsten Sinne symbolisch ist ebenso das Sakrament des
Abendmahls, dessen Wesen die Akte der Darbringung und der

I Kommunion ausmachen. Gleichwohl darf der instrumentale Charakter
dieses Sakraments nicht überselien werden, indem es den Kontakt mit
göttlichem Leben und Kraft bewirkt. Das Abendmahl ist eine Gedächtnisfeier
an den Tod Jesu, aber in der Absicht, in uns vermittels
seines Lebens den Geist und die Kraft zu erneuern, in der er starb.
Das Opfer seines Lebens war ein darstellendes, nicht ein stellvertretendes
. Die verschiedenen Theorien von der Gegenwart des Herrn sei
es in den geweihten Elementen, sei es in den Herzen der Gläubigen,
werden besprochen. Die Konsekration wird gewertet als Akt der
Aussonderung zu dem bestimmten Gehrauch, die aber keine physische
Veränderung hervorbringt. Die Aufbewahrung der geweihten Elemente
kann gerechtfertigt werden nur im Interesse derjenigen, die an
der Teilnahme an der kirchlichen Feier verhindert waren. Anbetende
Verehrung sei es der Elemente, sei es des Ortes ihrer
Aufbewahrung, entbehrt jeglichen Grundes.

Insofern als die Darstellung des Alltäglichen im Heiligen das
erste Prinzip der sakramentalen Theorie ist, nimmt auch alles Gebet
teil an der sakramentalen Natur; sind doch im Christentum die
heiligsten Dinge die getreuesten Vertreter des Alltäglichen. Von hier
aus fällt auch das rechte Licht auf die Beziehungen, die zwischen
Gottesdienst und Leben, zwischen Religion und ethischem Verhalten
bestehen.

Sieht man ab von dem anglikanischen Standpunkt,
der das Buch durchzieht, natürlich aber bei einem
Geistlichen der Kirche von England sich nicht ausschalten
läßt, so überrascht der Freimut und die Unbefangenheit
, mit der nicht nur rein wissenschaftliche, sondern
auch ausgesprochen kirchliche Probleme behandelt
und in einem teils sehr fortschrittlichen Sinne beantwortet
werden. Das Buch wird dadurch zu einem religionsgeschichtlich
interessanten Dokument, das sehr zu
denken gibt.

Dortmund. IL 0 oetz.

Grundfragen des evangelischen Kultus. Unter Mitwirkg. v. a.

hrsg. von Gurt Horn. Berlin: Furche-Kunstverlag 1928. (107 S.)
gr. 8°. = Kultus und Kunst, N. F. RM 4.50; geb. 6—.

In Berlin wurde Mai 1927 der 3. Kursus für Kultus
und Kunst gehalten. Die Vorträge dieses Kursus sind
hier zusammengefaßt. Infofern ist das Buch die Fortsetzung
der von demselben Herausgeber veranstalteten
gleichfalls Kursusvorträge bietenden Sammlung „Kultus
und Kunst" (1925). Infolge dieser Entstehung ist das
Buch nicht von einer inhaltlich geschlossenen Gesamtauffassung
getragen; Verschiedenheiten, ja Gegensätze
treten in die Erscheinung. Der Herausgeber freut sich
dieser Tatsache als eines Zeichens des lebendigen Ringens
. Nun wird dem die liturgische Literatur unserer
Jahre Überschauenden die Lebendigkeit dieses Ringens
auf alle Fälle klar; die Gegensätze brauchen sich, um
sie zu erweisen, wirklich nicht bis in das einzelne Buch
hinein zu erstrecken. Es wäre sogar recht wünschenswert
, daß einmal von einheitlicher Grundauffassung aus
alle Grundfragen des evangelischen Gottesdienstes (für
den ich die Bezeichnung Kultus aus guten Gründen
nach wie vor ablehne) beleuchtet würden. Aber nehmen
wir dieses Buch als das, was es ist: als eine Sammlung
einzelner wertvoller Beiträge zu den Fragen des Gottesdienstes
! —

Wertvoll ist Lietzmanns Skizze des altchristlichen
Gottesdienstes. L. faßt seine Aufgabe leider nicht
als die historischer Belehrung, die wir sehr von ihm begehren
; aber er gibt zu unserer Freude doch die wich-