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Ausgabe:

1928 Nr. 13

Spalte:

298

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Taylor, Vincent

Titel/Untertitel:

The first draft of St. Luke‘s Gospel 1928

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 13.

298

im letzten Abschnitt das Johannesevangelium in ähnlicher
Weise untersucht wird; danach „zeugen alle inneren
Indizien des Ev.s für die Autorschaft des Johannes,
des Sohnes des Zebedäus". Und der Mann, der Joh.
1,14; 19,35 und 1. Joh. 1,1 geschrieben hat, war ein
„wirklicher Augen- und Ohrenzeuge oder — ein abgefeimter
Schwindler". Ich hatte allerdings geglaubt, wir
besäßen genug Kenntnisse der antiken Literaturgeschichte
, um diese Alternative nicht wieder auftauchen zu
lassen. Die Hypothese L.s, die das Problem der doppelten
Johannes-Erwähnung im Papiaszeugnis lösen soll, ist
aus seiner früheren Schrift „Die beiden Johannes von
Ephesus" bekannt. Im übrigen ist ihm das Johannes-
Evangelium zur Ergänzung der Synoptiker bestimmt;
es ist in vielem, namentlich in der Chronologie, ihnen
vorzuziehen, enthält aber auch Unstimmigkeiten und
Ungenauigkeiten, und vollends die Reden Jesu sind
freie Reproduktionen einer sich in den Geist des Meisters
versenkenden Jüngerseele. Auch hat das Buch vor
der Herausgabe eine Redaktion erfahren, die die beiden
parallelen Entwürfe des Verfassers für die Abschiedsreden
in 13,31 — 14,31 und 15—17 nacheinander stellte
und zu dem vom Apostel verfaßten Nachtrag, 21,1—23
die beiden Schlußverse hinzufügte.

Alle diese Ausführungen scheinen bei dem gegenwärtigen
Stande der Forschung nicht sonderlich eigenartig
zu sein. Der Wert des Buches liegt auch nicht
in den bisher charakterisierten Teilen, sondern in dem
dritten Abschnitt, der über ein Drittel des ganzen Werkes
einnimmt und „Darstellungsart, Stil und Sprache der
Svnoptiker" überschrieben ist. Hier werden aber nicht in
erster Linie Untersuchungen zur Gewinnung bestimmter
Thesen durchgeführt; es wird vielmehr das Material in
sehr übersichtlicher Form und in reicher Fülle vor dem
Leser ausgebreitet. Auch wer wie ich über die literarischen
Verhältnisse der Evangelien anderer Meinung ist
als der Verfasser, wird diesen Abschnitt mit seinen
statistischen Sammlungen nicht ohne Gewinn lesen und
nicht ohne Nutzen immer wieder nachschlagen. Allerdings
sind die einzelnen Kapitel nicht gleichwertig. Den
größten Umfang nimmt das erste ein, das der Sprache
des N.T.s im allgemeinen gewidmet ist. Hier findet man
die richtige und weittragende Erkenntnis ausgesprochen,
„daß es dem Erzähler heiliger Schriften nicht erlaubt
war, seine Sprachform nach Gutdünken zu wählen,
sondern daß ihm diese durch literarischen und kultischen
Brauch vorgeschrieben war". Dieser Satz gehört
in die nächste Nachbarschaft des Semitismenkapitels;
denn erst von jener Erkenntnis aus läßt sich die Frage
beantworten, ob die Evangelisten so schrieben, wie sie
schrieben, weil sie nicht anders zu sprechen gewohnt
waren, oder ob sie sich einen besondern Stil für einen
besondern Stoff schufen; das sprachliche Problem der
beiden Lukasschriften ist ebenso wie das der Apokalypse
nicht ohne Berücksichtigung dieser Frage zu
lösen. Und erst wenn diese Beziehungen klar gestellt
sind, wird man über die Verfasserfragen reden dürfen.
Auch sonst fragt man sich, warum L. diese wichtigen
Untersuchungen nicht an den Anfang seines Buches gestellt
hat. Die Beobachtungen, die er über Lukas als
Sprachreiniger vorträgt, verdienen vor der Erörterung
der Autorfrage gehört zu werden. Sie sind übrigens etwas
zu sehr am Attischen orientiert, um in jedem Fall
ein Bild von der sprachlichen Höhenlage der Evangelien
zu geben; es wäre m. E. fruchtbarer, zwischen niederer
und höherer Koine als zwischen Attizismus und Anti-
attizismus zu scheiden. Der Vergleich mit hellenistischen
Autoren aus der „großen" Literatur hätte ein viel klareres
Bild gegeben; denn Lukas selbst wird vielleicht
bloß nach der Güte des Ausdrucks, nicht aber nach
seiner attischen Korrektheit gefragt haben, und als
Gradmesser der Güte kann ihm die höhere Koine seiner
Zeit gedient haben, wie wir sie aus den Schriftstellern
kennen. Aus dem Buch von Cadbury The Style and
Literary Method of Luke, dessen Erwähnung ich unter

i den Literaturangaben bei L. vermisse, hätte Material für
solch einen Vergleich entnommen werden können. Aber

[ auch was L. bietet, ist lehrreich und dankenswert.

Ich registriere, ohne im ein/einen die Probleme zu diskutieren,

! noch folgende Beispiele aus dem von L. gebotenen Material. Eine
Liste der Suhstantiva auf u« mit einer Statistik über deren Verbreitung
in den Evangelien ist für die Bestimmung des Sprachcharakters

I nicht unwesentlich. Die Methode der literarischen Benutzung des
einen Evangeliums durch den Verfasser des anderen erhellt aus dem
Abschnitt über den sprachlichen Differenzieriingstrieb; es zeigt sich,
wie oft die Synoptiker an Stelle eines ihnen gar nicht ungeläufigen

I Ausdrucks in der Vorlage einen anderen wählen, offenbar um nicht
einfach abzuschreiben. Besonders aufschlußreich scheint mir weiter
der Nachweis, daß an verschiedenen Stellen die Darstellungsweise der
LXX nachgebildet ist. Aber gerade hier tritt hervor, was man auch

I sonst in L.s Buch beobachten kann: dem Verf. fehlt die Gabe oder
die Neigung, das Ergebnis statistischer Nachweisungen über den Stil
zu literargeschichtlichen Thesen auszuhauen. Das zeigt sich vor
allem an der Charakteristik des Markus: L. stellt, durchaus richtig,
fest, daß Markus einerseits lebhafte Schilderung, andererseits eine

| gewisse Einförmigkeit (ich würde lieber sagen: stilistische Tvpisierung)
zeige; aber der Gedanke, daß hier verschiedene und zu verschiedenen
Zwecken gebildete Erzählungsstile der urchristlichen Gemeinden zutage
treten, wird nicht erwogen. Ebenso wird festgestellt, daß Lukas gern
attisch schreibt (ich würde sagen: höhere Koine), aber es wird ihm
auch die Neigung zur Nachahmung alttestamentlicher Muster bescheinigt
. Auch hier wäre aber die Frage, wieviel Redaktion, wieviel
Komposition sei, mindestens zu stellen. Aber gerade aus diesem
Zugeständnis der Antinomien im Sprachcharakter der Evangelisten erkennt
der Leser, daß hier der Tatbestand mit großer Treue und
Pünktlichkeit dargestellt ist.

Den neueren Bemühungen, diesen Tatbestand geschichtlich
, d. h. in diesem Falle formgeschichtlich zu
verstehen, versagt sich der Verf. Seine Darstellung gewinnt
so für die Vertreter dieser Betrachtungsweise ihre

I besondere Bedeutung, denn er kann als völlig unverdächtiger
Zeuge für die zu erklärenden Erscheinungen

I gelten. Er selbst verspricht sich offenbar nichts von
einer über die Statistik hinausgehenden literaturgeschichtlichen
Behandlung der Evangelien. Man vermißt
eigentlich ein Vorwort, das seine Auffassung der Methodenfrage
dem Leser übermitteln würde. Man würde
dann wohl auch erfahren, wen sich der Verf. als Leser

i dieses Buches denkt. Sein eigentlicher Zweck ist mir
nicht völlig klar geworden. War es auf eine Förderung
der Forschung abgesehen, so hätte manches Bekannte,
was in dein Buch steht, ungesagt bleiben können; sollte
aber ein Lernbuch für Studierende herauskommen, das
wirklich von diesen gekauft wird, so wäre Umfang und
Preis des Buches wohl erheblich einzuschränken ge-

I wesen. Immerhin darf die Tatsache, daß ein so umfang-

I riches Buch dieser Art hat zum Druck gebracht werden
können, als ein erfreuliches Zeichen der Zeit gebucht

! werden.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Taylor, Vincent, Ph. D., D.D.: The first draft of St. Luke's
Gospel. With a preface by E. G. Selwyn. London: S. P. C. K.
(1027). (40 S.) gr. 8». — „Theology" Reprints, Nr. 1. 1 sh.

Ich habe an dieser Stelle (1026, 73ff.; 1027, 146ff.) über die
Versuche von B. H.Streeter und von Vincent Taylor berichtet, dem
Verständnis der Komposition des Lukasevangeliums durch eine neue
Quellcnhypothese näher zu kommen. Es handelt sich dabei um einen
I Entwurf des Evangelisten selbst, den er gefertigt haben soll, ohne
j das Markusevangelium zu kennen. Die Rekonstruktion, die natürlich
I nicht beansprucht den Text wörtlich zu geben, wird so durchgeführt,
daß die Stücke des sogenannten Sondergutes und gewisse Stücke aus
Q auf ihren Zusammenhang geprüft werden. Es stellt sich nach der
Meinung des Verf.s heraus, daß 3,1—4,30; 5,1—11; 6,12-8,3;
9,51-18,14; 10,1—28; 19,37—44; 19,47—48; und die Leidensund
Ostergeschichte (mit gewissen Auslassungen) ein Ganzes bilden,
das da war, ehe die Stücke aus Markus hinzutraten. Jene primären Stücke
sind im vorliegenden Heft nach dem englischen Text der Revised
| Version abgedruckt.

Ich habe bereits bei der Anzeige von Taylors größerem Werk
ausgeführt, was mir entscheidend gegen die ganze Hypothese zu
j sprechen scheint. Aber wenn ich damals gesagt habe, daß ich die
I Hypothese doch für ein Experiment halte, das einmal gemacht werden
mußte, so muß ich im selben Sinn auch dieses Heft begrüßen,
i Heidelberg. Martin Dibelius.