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Ausgabe:

1928 Nr. 8

Spalte:

188-189

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schian, Martin (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Handbuch für das kirchliche Amt. 1. - 7. Lfg 1928

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 8.

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erkannt und offen hervorgehoben. Um der Mannigfaltigkeit
willen bekennt er selbst, eine ganz äußerliche
Anordnung gewählt zu haben. Niemand wird dieses
„Museum der Weltanschauungen und Religionen" durchwandern
, ohne durch die ungeheure Fülle der Erscheinungen
bewegt zu sein und ohne dem Führer für seine
Leitung, für Darstellung und Stellungnahme mannigfach
und warm zu danken. Der einzelnen Erscheinung konnte
nur ein sehr knapper Raum zugemessen werden; Nietzsche
8 S., Spengler reichlich 6, dem idealistischen Monismus
4*/, S., dem Okkultismus 61 , S. Auf diesem
Raum findet sich Schilderung, oft auch Andeutung von
Kritik. N. neigt nicht zu systematischer Oedankengruppierung
; das zeigt auch dies Buch, indem es die einzelne
Anschauung meist mit wenigen Strichen charakterisiert
und einige wesentliche Anmerkungen hinzufügt. Aber
die Pinselstriche, die das Bild ausmachen, sind sicher
geführt. Natürlich bleibt mancher Wunsch nach näherem
Eingehen unerfüllt; hier und da kann man eine
andere Verteilung der Lichter wünschen; zuweilen erhebt
sich auch die Frage, ob nicht eine andere Auffassung
mehr Recht hätte. Die Anthroposophie Steiners,
die ganz in den Zusammenhang des indischen Geisteslebens
hineingestellt ist, hätte mancher gewiß gern mehr
für sich beschrieben gesehen. Ich für mein Teil bekenne
, daß mir der Abschnitt über das Christentum im
Verhältnis zu den anderen am meisten Einwendungen
erweckt hat. Hier hat N. sich das Ziel zu hoch gesteckt.
Unter dem Stichwort „Evangelisches Christentum" widmet
er Troeltsch, Harnack, Heim, Barth und Gogarten,
der Gemeinschaftsbewegung, den Ernsten Bibelforschern
, Bezzel und der hochkirchlichen Bewegung je
einige Seiten oder auch nur eine Seite. Beim Katholizismus
schließt er sich an Heiler an, fügt aber außer einiger
Kritik noch Adam, Wittig, W. Michel, Przvwara
hinzu. So konnte kein volles, klares Bild entstehen.
N. hat das natürlich ebenso bemerkt; er hat auch gewiß
nur ein paar Schlaglichter auf die jüngste Gegenwart
werfen wollen. Aber ich glaube doch, daß diese
Streifzüge in die evangelische und katholische Theologie,
weil sie gar zu kurz sein mußten, besser ganz fortgeblieben
wären; bei Beschränkung auf die sonstigen Weltanschauungen
und Ersatzreligionen hätte diesen etwas
mehr Platz geschenkt werden können; und ein wirkliches
Bild des heutigen Protestantismus oder Katholizismus
kann man sich aus jenen Abschnitten doch nicht machen.
Auch die Internationalen Bi elforscher hätten, wenn doch
Adventisten, Darbysten usw. nicht behandelt werden
konnten, beiseite bleiben können. Für jene Weltanschauungen
und Ersatzreligionen aber bietet das Buch,
was keins der bisher geschriebenen bot: eine sehr gut
lesbare, das Wichtigste heraushebende, die Einzelerscheinungen
in große Zusammenhänge einfügende, auch
das eigene Urteil anregende und anleitende, überaus
reichhaltige Übersicht. Viele brauchen eine solche; sie
werden dem Verf. aufrichtig Dank wissen.
Breslau.____M. Seh i a n.

Reinhard, Walter: Ober das Verhältnis von Sittlichkeit und
Religion bei Kant unter besonderer Berücksichtigung d. Opus
postumum U. d. Vorlesung über Ethik. Bern: P. Haupt 1927. (46 S.)
4°. RM 1.60.

Die besondere Berücksichtigung des Opus postumum führt über
die Postulatentheorie Kants hinaus zu der These von einem im kategorischen
Charakter der sittlichen Gebote enthaltenen unmittelbaren
Hinweis auf Gott, wobei es sich trotz der Form der kantischen
Ausführungen und seiner Rede von dem hierin liegenden „praktischen
Beweis vom Dasein Gottes" tatsächlich um eine „Lehre vom Sicher-
weisen Gottes" im kategorischen Imperativ handle (27), freilich ohne
daß Kant „sich über den Charakter seiner Leistung und den Sinnseiner
Behauptungen" „immer klar gewesen ist" (28). Also Kants eigentliche
Meinung gegen dessen Nichtloskommen von einer ihm geläufigen
Art der Gedankenführung. Das Resultat wäre überzeugender,
wenn noch um einiges deutlicher aus den Zusammenhängen des
kaniischen Denkens gezeigt wäre, was ihn daran hinderte, hier die
letzten Konsecpicnzen zu ziehen. Wie sich die neue Position allmählich
anbahnte, wird an Stellen aus der „Vorlesung über Ethik" und
der „Kritik der Urteilskraft", vornehmlich aus der „Metaphysik der

Sitten" zu zeigen versucht, wo Kant das Widerspruchsvolle in den
Begriffen der Selhstverpflichtung und Selbstverurteilung durch Rückgang
auf einen göttlichen Gesetzgeber und Richter „grundsätzlich
überwinde" (21). Der Verf. charakterisiert diese Position Kants durch
die Bezeichnung als „These vom religiösen Charakter des sittlichen
Bewußtseins". Sein Einwand ist derselbe, den er in der Auseinandersetzung
mit der Postulatentheorie auch erhebt: was Kant ausführt
, „tritt erst dort in Kraft, wo das Dasein Gottes bereits gesichert
ist"; und zwar in einem „besonderen religiösen Erkenntnisakt"
(28). Er stellt dem die phänomenologische These gegenüber: „Das
sittliche Bewußtsein hat nicht selbst religiösen Charakter, aber es
hat Affinität zum" von ihm wohl zu unterscheidenden „religiösen
Bewußtsein" (29). Ob damit die Frage wirklich erledigt ist, zumal
der Verf. den Gedanken von einer Erweisung Gottes im sittlichen Bewußtsein
keineswegs abzuweisen scheint? — Die vorhergehende Auseinandersetzung
mit der Postulatenlehre läßt es bei der Bemerkung
bewenden, daß bei Kant nicht deutlich werde, ob dieselbe als ein
Versuch gemeint sei, das Dasein Gottes zu begründen, oder mehr
als eine Lehre darüber, wie wir tatsächlich zum Glauben an Oott
kommen. Aber gerade diese Undeutlichkeit ist doch für Kant charakteristisch
und hätte darum der Auseinandersetzung die Wege
weisen sollen.

Mit Hilfe von Kants „Vorlesung über Ethik" wird in Ablehnung
der Mißdeutung von Wendungen in der „Kritik der praktischen Vernunft
" als skotistisch von phänomenologischer Seite der Nachweis
zu führen versucht, wie Kant vielmehr dort grade in Übereinstimmung
mit der Ethik der Phänomenologen die Autonomie der sittlichen
Prinzipien im Sinne der materialen Wertethik intendiere.

Abschließend wird die Behauptung abgelehnt, daß Kant Religion
mit Sittlichkeit einfach gleichgestellt habe. Es handelt sich
bei ihm vielmehr nur um eine „Überbetonung" der aktiven Seite der
Religion auf Kosten der kontemplativen im Zusammenhang mit einer
Gleichsetzung nicht der Religion schlechthin, sondern lediglich der
Gottesverehrung mit der Sittlichkeit.

Herrnhut i. Sa. Th. Steinmann.

S ch 1 a 11 er, Pfarrer Wilhelm : Der Pfarrer als Theologe. Leipzig:
Dörffling cV. Franke 1927. (104 ?.) 8°. RM 4.50.

Schi, fordert, daß der Pfarrer Theologe sei, d. h.
nicht nur einmal Theologie studiert habe und diesem
Studium mit einer gelehrten Liebhaberei oder nach zufälligen
Anregungen irgend eine Fortsetzung gebe, sondern
theologische Arbeit als einen Teil seiner Amtsarbeit
betreibe. Der Dienst am göttlichen Wort verlangt beständige
Erforschung und Aneignung dieses Wortes d. h.
Schriftstudium (nach den Grundsprachen!). Solches
Schriftstudium ist die theologische Aufgabe des
Pfarrers. Neben ihm (21—47) bespricht Schi, die Dog-
matik (47 56), Ethik (einschließlich der Psychologie
56—71), Geschichte (biblische Geschichte und Kirchengeschichte
71—79), Innere und Äußere Mission (79 bis
90), Apologetik, Homiletik, Katechetik (90—97). Grundsätzliches
zu Beginn (7—21) und Persönliches zum
Schluß (97—140) rahmen das Ganze ein. Unter den
theologischen Aufgaben des Pfarrers wird vermißt eine
Begründung dessen, daß die Bibel das Wort Gottes ist,
und eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Kri-
sis im Geistes- und Völkerleben. Das Hauptproblem
steckt im Verhältnis der akademischen und der pasto-
ralen Theologie. Schi, sieht hier in der Hauptsache einen
Gegensatz. Selbstverständlich besteht hier ein Unterschied
und bei der Entwicklung, die nun einmal seit
langem erfolgt ist, auch weithin ein Gegensatz. Die
Autgabe, die akademische Theologie in ihrer Entwicklung
zu verfolgen, hat der Pfarrer auch nur, sofern in
ihr die geistige Gesamtentwicklung zur Verarbeitung
kommt und sofern sie sein Schriftstudium unmittelbar
bereichert. Aber Schi, unterschätzt die Bedeutung der
Arbeitsgemeinschaft, auch der mit sehr anders gearteten
Theologen. Indessen daß er den Pfarrern die Theologie
und besonders das Bibelstudium so wichtig macht, ja
ins Gewissen schiebt, kann man nur dankbar begrüßen.
Rostock. Friedrich Büchsei.

Handbuch für das kirchliche Amt. In Vcrbindg. in. zahlr. Mitarb.

u. m. Unterstützg. v. Walther Buntzel hrsg. v. Martin Schi an.
Lfg. 1 -7. Leipzig: J. C Hinrichs 1927 n. 1928. (II, 448 S. u. e.
Tab.) gr. 8°. je RM3.20; Subskr.-Pr. 2.60.

Wenn zugleich mit der neuen Auflage von R. G. G.
ein Handbuch für das kirchliche Amt zu erscheinen be-