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Ausgabe:

1928 Nr. 8

Spalte:

180-181

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

d‘Aquin, Thomas

Titel/Untertitel:

De Ente et Essentia 1928

Rezensent:

Betzendörfer, Walter

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179

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 8.

180

C. ist hart an der Grenze, den reinen Formalismus aufzugeben
, und der Religion mehr als den Sinn der Verbildlichung
, nämlich eine eigene kategoriale Schicht zuzugestehen
. Freilich sind solche Ansätze immer nur
angedeutet, aber sie zeigen nicht bloß das persönliche
Ringen dieses Mannes, sie zeigen auch mehr als die
religiöse Quelle seines Denkens, sie führen zu einer
entscheidenden Problemstellung: wie soll das autonome
Denken seine religiöse „Quelle" denken und wie kann
es vor ihr seine Autonomie denken? An C. läßt sich das
Problem scharf erkennen, und es wird deutlich, daß die
religiöse Wendung der späteren Natorp kein Abfall
war.1 Die Ansätze C.s weisen freilich nicht in die Richtung
der Mystik, sondern tasten nach einer religiösen
Deutung der Freiheit. Wichtig sind in dieser Hinsicht
besonders auch Cohens tiefgehende Bemerkungen
über die Idee der Einzigkeit Gottes im Gegensatz zur
Einheit. „Gott und Welt können nicht eine Einheit bilden
; denn Gott ist einzig" (1,91). Nur sofern Gott
nicht das eine Sein, sondern „das einzige Sein" ist,
entgehen wir nach C. dem Nihilismus von Gott und
Welt.

In den Erörterungen zur jüdischen Reiigionsphilosophie spielt
eine erhebliche Rolle der Begriff der „Idealisierung" der Geschichte.
C, verstellt darunter die Heraushebung des Ideengehalts. Der Mcssia-
nismus erscheint als die unvcrsieglichc Quelle des ethischen Idealismus
(I, 105ff.); der Fremdlings-Beisall des A. T. s bringt den Begriff
des Menschen zur Entdeckung (111,57); nicht mit der Idee des Guten
, sondern in der Sündenerkenntnis wird „der Einzelne" entdeckt
(III, 78). Gerade eine Bemerkung wie die letzte macht deutlich, daß
Cohen von keinem antiquarischen Interesse geleitet ist, sondern von
dem bewußten Willen aus dem geschichtlichen Boden den Ideengehalt
selbst zu erschürfen. Daß dieser Wille zugleich von tiefer Pietät gegen
die eigene Tradition gespeist ist, zeigt sich Schritt für Schritt, ob C.
tun talmudische Sprüche sich bemüht oder die Spekulation des Maimo-
nides genial durchleuchtet, wenn er in dem abtrünnigen „Phanthcisten"
Spinoza die ethische Quelle erspürt oder wenn er umgekehrt den
Kampf gegen den Spinozismus zum Leitfaden einer geistvollen Würdigung
Heines macht.

Abschließend sei nur noch über C.s Stellungnahme gegen den
Zionismus berichtet. C. lehnt scharf die zionistische Identifikation
zwischen Religion, Nationalität und Staat ab. Die jüdische Nationalität
ist ihm die natürliche Basis, die der Fortpflanzung der jüdischen
Religion dient. Insofern wird die Nationalität als „sittliche Naturtatsache
" bestimmt. Der Staat aber ist identisch mit der Nation, er
schafft sie, indem er sich mit ihr gleichsetzt, kann aber verschiedene
Nationalitäten umspannen. So führt der Idealismus C. zur Anerkennung
von Nation und Nationalität als Bedingungen der Sittlichkeit.
So ist es klar, daß C. die Treue gegen die eigene Nationalität eben
als Treue gegen die eigene Religion versteht.

In einer umfangreichen biographischen Einleitung entrollt Rosenzweig
gerade diese Seite von C.'s Wesen und Wirken und erschließt
mit Olück die konkrete Lebendigkeit, aus der die kühlen Abstraktionen
des Denkers erwuchsen. So treten die vorliegenden Bände in den
Dienst eines Gesamtverständnisses des Marburger Philosophen, besonders
aber findet seine Religionsphilosophic hier wertvolle und aufschlußreiche
Ergänzung.

Marburg. Th. Siegfried.

1) In kleinerer Dimension zeigt sich hier eine Entwicklung, die
im allergewaltigsten Maßstab loci Fichte sich vollzog und mit durchdringender
Klarheit von E. Hirsch herausgestellt ist (Die idealistische
Philosophie und das Ghristcntum, 1925). Es handelt sich um den religiösen
Ursprung und die religiöse Vollendung der Philosophie der
Freiheit.

Michel, Dr. Karl: Das Opus Tripartitum des Humbertus de
Romanis, O. P. Ein Beitrag z. Gesch. d. Kreuzzugsidee u. d. kirchl.

Unionsbewegungen. 2., umgearb. Aufl. Graz: Verlagsbuchhandlung
„Styria" 1926. (VIII, 88 S.) gr. 8°. RM 3.40.

Das „Opus Tripartitum", eine Reformschrift des
ehemaligen Dominikanergenerals Humbertus de Romanis
(geb. ca. 1194 in Romans, Dauphine) wird hier
nach Entstehung und Inhalt untersucht. K. Michel macht
es wahrscheinlich, daß Humbert diesen Traktat (im Auftrag
Gregors X.) als Reformvorschlag für die Vorarbeiten
des Lyoner Konzils von 1274 vor dessen Einberufung
verfaßte.

Die drei Teile der Denkschrift Humberts behandeln
die drei Fragen, mit denen sich das Konzil befaßte:

Kreuzzug, Union mit den Griechen und innere Reform
der Kirche. — Was den ersten Punkt betrifft, so stellt
H. grundsätzlich die Berechtigung und die Notwendigkeit
des Kreuzzugs fest und setzt sich für die Ausrottung
der Sarazenen ein: „Es ist gar nicht gegen die
Lehre Christi und der Apostel, wenn die Sarazenen von
den Christen getötet werden, Sie sind ja Unkraut, das
zwar nicht ausgerissen werden darf, wenn es mit Korn
| gemischt ist, aber wohl, wenn es ganz allein dasteht,
j wie es mit den Sarazenen der Fall ist" (S. 45). Humbert
bespricht auch, was man vor dem Konzil für den
| Kreuzzug tun könne.

| Im 2. Teil schreibt H. zuerst grundsätzlich über die
Einheit der Kirche und den Primat des römischen Bischofs
als des Nachfolgers Petri, der alle Christen in
den Himmel zu führen habe, bespricht darauf die Ursachen
des Schismas, begründet die Notwendigkeit der
Einigung mit den Griechen und macht Vorschläge für
die Durchführung der Union. Humbert sucht nachzuweisen
, daß die Griechen die Schismatiker sind, betont
aber auch, daß die Lateiner ihrerseits ebenfalls Schuld
an der Spaltung der Kirche trügen.

Der 3. Teil weist auf die Mißstände im Innern der
Kirche hin und bringt Reformvorschläge. — Bezüglich
der Papstwahlen gibt H. Mittel und Wege an, wie die
langen Sedisvakanzen zu beseitigen seien. Er beanstandet
die allzuhohe Zähl der Feiertage, die nicht sowohl
die Frömmigkeit als vielmehr die Sünde fördere.
Im Gottesdienst wünscht er, daß die Lektionen gekürzt

I würden. Was das Leben der geistlichen Würdenträger
betrifft, so tadelt er die Eitelkeit und mangelhafte Bildung
der Prälaten, das unwürdige Leben und die Ignoranz
der Pfarrgeistlichkeit, die Vernachlässigung der
Residenzpflicht und dergleichen mehr. Bezüglich des
Mönchtums wendet er sich gegen die erzwungenen Versprechen
jugendlicher Personen, einem bestimmten Orden
beizutreten (S. 78). Mit sehr scharfen Worten rügt
er das Treiben der Almosensammler.

Die Reformvorschläge Humberts hatten auf dem
Konzil von 1274 nur teilweise Erfolg. Dagegen wurde
der geforderte Kreuzzug beschlossen, und auch die Union
mit den Griechen kam zustande.

Das Ziel, das K. Michel sich in dieser Arbeit steckte,
hat er erreicht; er hat mit seiner Schrift einen wertvollen
Beitrag geliefert zur Geschichte des Lyoner Konzils
von 1274.

Rinderfeld bei Merjrentheini (Wurtt.) Walter Betzen dörfer.

d'Aquin, Thomas: De Ente et Essentia. Texte etabli d'apres
les manuscrits parisiens, Introduction, Notes et Emdes historiqites par
M.-D. Roland-Gosselin. Kain (Bei?.): l.e Saulchoir 1926.
(XXX, 219 S.) gr. S". 25 Fr.

Das Buch enthält eine philologische Ausgabe der
bekannten Jugendarbeit des Aquinaten über „Sein und
Wesenheit" mit Varianten- und Zitatenapparat. In diesem
Werkchen, das schon als ein „Kabinettstück seines
metaphysischen Könnens" bezeichnet wurde, lehrt Thomas
im Gegensatz zu den meisten Theologen seiner
Zeit das Dasein rein stoffloser Formen, die durch sich
selbst individualisiert würden (Engel und Menschenseelen
).

Die gegnerische Lehre, derzufolge auch die geistigen
Substanzen außer Gott eine (spirituelle) Materie haben
müssen, führt Thomas hier auf den Juden 1 bn Gehirn
1 (Avencebrol) zurück (cap. IV).

Dem Vorwurf, seine Lehre werde dem Unterschied
zwischen Gott und den kreatürlichen Geistern nicht gerecht
, begegnet Thomas durch die Feststellung, daß in
Gott als dem actus purus Sein und Wesenheit identisch
sei (cap. V), während man bei den geschöpflichen
Geistern die Existenz von der Essenz zu unterscheiden
habe. Bei Gott allein gehört die Existenz zum Wesen:
die Geschöpfe dagegen existieren nicht notwendig, sondern
empfangen ihre Existenz von Gott.

In dieser Unterscheidung von Essenz und Existenz