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Ausgabe:

1927 Nr. 8

Spalte:

173

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bertholet, Alfred

Titel/Untertitel:

Das Dynamistische im Alten Testament 1927

Rezensent:

Hempel, Johannes

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173

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 8.

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als Anhang in der Art von Ri. 16 f und 19—21 innehatte
und die noch die Septuaginta kennt, ist es aus liturgischen
Gründen entfernt worden. Verfaßt ist es von
einem Zeitgenossen Davids, weil ein späterer den
Stammbaum 4,18ff. bis auf seine Zeit fortgeführt hätte;
weder die Sprache noch der idyllische Charakter verbieten
diesen Ansatz. — Mag man hier und anderwärts
oft anderer Meinung sein, so findet man in Textbehandlung
und Erklärung mancherlei Neues und Gutes, besonders
auch feine Beobachtungen zum Erzählungs-,
stil. — Bei den Literaturausgaben vermisse ich Gress-
manns Bearbeitung der beiden Bücher in den „Schriften
des AT in Auswahl" I 2 und — als Gegenstück zu
Gunkel — den Aufsatz über Ruth von L. Köhler,
Schweiz, theol. Zeitschr. 1920.

Marburg. W.Baumgartner.

Bertholet, Prof. Dr. Alfred: Das Dynamistische im Alten
Testament. Tübingen: J.C.B. Mohr 1926. (44 S.) gr. 8°. =
Sammlung gemeinverständl. Vorträge u. Schriften a. d. Gebiete d.
Theol. u. Rriigionsgesch , 121. Rm. 1.50; Subskr.-Prcis 1.20.

Hatte Bertholet auf dem Berliner Orientalistentag 1923 die
Bedeutung der „dynamistischen" Auffassungsweise („Manaismus"
„Orendismus") für das A.T. nur kurz andeuten können (Beitrag des
A.T. zur allgem. Religionsgesch. S. 4f), so bringt er diesmal) ein
reiches, vor allem aus Frazer entnommenes, Material dafür bei,
wie auch im A.T. der Mensch, seine Glieder, Kleider, Werkzeuge,
aber auch die Tiere u. viele Dinge als „machtgeladen" gelten. Diese
Kraft ist übertragbar, und es gibt einen Parallelismus der Kräfte,
dem zufolge Gleiches Gleiches, Ahnliches Ahnliches erzeugt. Diese
ganze „präreligiöse" Vorstellungswelt ist nicht spezifisch israelitisch
; für die Religion des A.T. gilt vielmehr: „Sie hat trotz aller
Ablehnung des Zaubermäßigen, das ihm entsprang, das Dynamistische
nach Möglichkeit in sich aufgenommen, und das gerade ist das
Eigenartige, wie stark dynamistisch ihr Gottesglaube durchsetzt ist"
(S. 42). Von diesem Assimilationsprozeß, der sich vor allem in der
Geschichte der Geistvorstellung zeigt, hörte man gerne mehr. Die
Vorstellungen vom Könige [vgl. Bloch, Publ. de la Fac. des Lettr.
XIX, Straßb. 1924], Priester und Propheten würden ihre eigenartige
Färbung gerade aus der Tatsache heraus gewonnen haben, daß bei
ihnen die unpersönliche Macht als Besitz des göttlichen Geistes,
in der Salbung vermittelt, begegnet; vgl. meine soeben erschienene
Schrift Gott und Mensch im A.T. S. 201ff. Als wertvolles Gegenstück
zu der vorliegenden Schrift muß Bertholets Vortrag „Das
Wesen der Magie", [Nachr. der Ges. d. Wissensch, zu Göttingen
1926,7, Geschäftl. Mitteil. S. 1 ff.] gelten, die der Verf. „als zum
Zwecke der Selbsthilfe in Praxis umgesetzte dynamistische Auffassungsweise
" definiert. Ist dies.' Begriffsbestimmung richtig, so ist
damit die Wurzel des Gegensatzes der israel. Religion gegen die
Magie aufgedeckt: die Aufsaugung der „Macht" durch Jahve, die
„theokratische" Auffassung, wie Berth. sie S. 43 festlegt.

Greifswald. Johannes H e m p e 1.

Roberts, Robert, B.A., Ph. D.: The social laws of the Qorän

Considered, and compared with'those of the Hebrew and other
ancient codes. London: Williams and Norgate 1925. (X, 126 S.)
gr. 8°. sh. 10/6—.

Dieses Buch ist die englische Ausgabe einer Leipziger Dissertation
: Das Familien-, Sklaven- und Erbrecht im Qorän (Leipziger
semitistische Studien, II, 6, Leipzig 1908), jedoch um vier Abschnitte
erweitert: über Wohltätigkeit, Mord und Diebstahl, Handel und
Speisegesetze. Der Verf. will ein Bild von der gesetzgeberischen
Tätigkeit des Propheten geben. Anstatt sich aber auf den Qor'än zu
beschränken, zieht er häufig auch das viel spätere Fiqh heran, bringt
Parallelen aus dem assyrischen, jüdischen und römischen Recht und
neigt sehr dazu, über die einzelnen Bestimmungen Werturteile zu
fällen. Das Problem des qor'änischen oder besser des frühislamischen
Rechts ist aber m. E. nur unter Heranziehung der vor- und frühislamischen
Dichter zu lösen, vor allem hinsichtlich der Frage, inwieweit
Muhammed Neues geschaffen und Altüberkommenes übernommen
und umgestaltet hat. Die Arbeiten von Goldziher und
Snouck Hurgronje scheint Verf. nicht zu kennen, ebenso hat er die
2. Auflage von Nöldeke's Geschichte des Qor'än und manche andere
einschlägige Schrift nicht benutzt. Man legt das Buch unbefriedigt
aus der Hand; wesentlich Neues, bringt es nicht.

Bonn. W. Heffening.

Mi eklem, prof. Nathaniel: Prophecy and Eschatology.

London: G. Allen & Unwin 1926. (248 S.) 8°. sh. 7/6—.

Verfasser, ein Schüler von Buchanan Gray, gibt
hier einen bemerkenswerten Beitrag, der, wie ich hoffe,

nicht ohne Einfluß auf den Gang unserer Wissen-
j schaff bleiben wird. In einem Rückblick über die bisherige
Forschung auf diesem Gebiet sagt er, früher
seien die Propheten zu rationalistisch als Prediger des
: ethischen Monotheimus und als weise Führer ihres
Volkes in internationalen Angelegenheiten aufgefaßt worden
; darnach habe man sie supranaturalistisch als die
Herolde des Tages Jahwes verstanden; statt einem ethi-
I sehen Supranaturalismus habe man ihnen aber einen
phantastischen Supranaturalismus zugeschrieben u. ihre
Verwandtschaft mit den falschen' Propheten übertrei-
i bend betont. Zweierlei Ursachen haben dabei verhäng-
| nisvoll mitgewirkt. Um die Propheten zu verstehen,
' sei man zu sehr vom Primitiven ausgegangen u. habe
sie mit primitiven Erscheinungen verglichen; es ergebe
aber ein ungenügendes Bild der großen Prophetie, wenn
man die rohen Formen barbarischer Völker, etwa ek-
; statische u. orgiastische Riten in Syrien oder die Erscheinungen
des Schamanismus beiziehe, man bekomme
' ein richtigeres Urteil über die prophetische Inspiration,
wenn man sie mit den Erfahrungen der großen Dichter
i u. Künstler vergleiche. Die andere Gefahr habe die an
sich wertvolle religionsgeschichtliche Vcrglekhung des
A. T.s mit den großen orientalischen Religionen der Um-
' weit gebracht; unter dem Haufen der Parallelen seien
| die Propheten verdunkelt worden, statt daß die Eigenart
1 des A. T.s geltend gemacht worden wäre.

Das Angeführte findet seine Bestätigung nach M.
j vor allem bei der Frage der prophetischen Ekstase u.

der Heilseschatologie. Während die heutige alttestament-
i liehe Wissenschaft in namhaften Vertretern von Stade
i über Duhm u. Gunkel zu Hölscher das Ekstatische
u. Halluzinatorische in den großen Propheten heraushebt,
setzt sich M. dem entschieden entgegen. Mit Recht rügt
er, daß der Ausdruck „Ekstase" bei allen diesen Verhandlungen
nicht fest abgegrenzt u. in viel zu weitem Sinn
gebraucht worden sei. Er untersucht die Propheten der
Reihe nach u. behauptet, daß man zwar bei ihnen von
vereinzelten halluzinatorischen Elementen reden könne
(etwa in Am. 9,1; Jes. 6; Jer. 1,9; Ez. 1 u. ä.), daß
aber der Prophet im Grund das Gegenteil vom Eksta-
tiker sei. Gedichte wie Jer. 4,19 ff seien nicht ekstatisch
, sondern stammen aus der starken dichterischen
Einbildungskraft u. zeugen von der künstlerischen Gabe
der Propheten, unmittelbar Bevorstehendes zu vergegenwärtigen
. Während bei den Ekstatikern sich Bewußtsein
u. Empfindung auflösen, beweisen die Propheten gerade
umgekehrt lebhafteste Empfindung, stärkste Eigenempfindung
gegenüber dem fremden Zwang u. völlig klares
Denken; bei der Ekstase sei der Empfänger passiv,
sehe, höre u. spreche automatisch, beim Propheten dagegen
sei höchste Aktivität, lebendigste Auseinandersetzung
mit dem, was sich ihm aufdrängt. — Ich stimme
hier weithin mit dem Vf. überein u. habe auch selbst
Ähnliches im Gegensatz zur herrschenden Meinung
stets vertreten. Ich bedaure nur, daß M. auf Stellen, wie
Jes. 8,11; 28,10 u. Jer. 20,7—9 nicht näher eingegangen
ist, u. finde, daß ihn die Polemik — begreiflicherweise —
bisweilen zu sehr ins rationalistische Lager getrieben
hat. Die Aussagen von Hos. 9,7 u. Jer. 29,26 lassen
sich doch nicht so leicht auflösen. Aber es erscheint
mir höchst zeitgemäß u. dringend notwendig, daß gegen-
I über der herrschenden Ansicht diese Auffassung von
| der gesunden u. klaren Art des Prophetismus sich durchringt
, daß man im Propheten wieder mehr den gewaltigen
Denker u. künstlerischen Former statt den hingesunkenen
Ekstatiker sieht. Es muß mit allem Nachdruck
betont werden, daß das prophetische Wort nicht
nur nichts Glossolalisch.es an sich hat (Jes. 28,10
ist nicht glossalisch zu verstehen, sondern ironisiert den
Propheten als Schulmeister), sondern daß es in direktem
Gegensatz zur Glossolalie steht; auch das prophetische
Kurzwort ist kein ekstatischer Schrei, sondern hat seine
vollendete Form u. seine volle physische Verständlichkeit
.